Haut de Cry (2969.2m): Versant S


Publiziert von lorenzo , 15. Juni 2008 um 12:14.

Region: Welt » Schweiz » Waadt » Waadtländer Alpen
Tour Datum:14 Juni 2008
Wandern Schwierigkeit: T6 - schwieriges Alpinwandern
Hochtouren Schwierigkeit: WS
Klettern Schwierigkeit: II (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-VS 
Zeitbedarf: 9:00
Aufstieg: 2345 m
Abstieg: 2465 m
Zufahrt zum Ausgangspunkt:cff logo Chamoson
Zufahrt zum Ankunftspunkt:cff logo Ballavaud
Kartennummer:LK1305/1306. Maurice Brandt, Guide des Alpes et Préalpes vaudoises, Edition CAS 1985 (vergriffen, Restexemplare ev. noch unter www.pizbube.ch)

Bei einer Fahrt von Martigny Richtung Sion wird der Blick plötzlich von einem riesigen Bergmassiv gefangen, das sich nördlich über dem Rhônetal um 2500m erhebt: dem Haut de Cry mit seiner gewaltigen, rund 1700m hohen Südflanke. „Il ne suffit pas d’être alpiniste...“, „...seul le véritable montagnard réussira la course projetée“, schreibt Maurice Brandt in seinem Einleitungstext zum „versant S“ des Haut de Cry auf S. 507 seines Führers. Wer eine Durchsteigung dieser Flanke ernsthaft in Betracht zieht, liest besser nicht weiter...

Nach Diskussionen mit Zaza, der mich ursprünglich auf die S-Flanke aufmerksam gemacht hatte und sich Route 965 zum Ziel gesetzt hat, entschied ich mich für Route 966 mit Start in Chamoson und Abstieg über die NE-Flanke hinunter nach Ardon. Wegen Baurbeiten zwischen Ardon und Chamoson bis Dezember 2008 wird Letzteres mit umgeleitetem Postauto bis dann frühestens um 8.08 erreicht.

Route: Vom Friedhof zuerst auf der Strasse, dann auf einem Weg durch die Rebberge nach Neimia und auf einer Fahrstrasse bis zum Bach Le Tsene. Der eingezeichnete Pfad E des Bachs verläuft sich rasch in undurchdringlichem Unterholz, auch der Aufstieg entlang dem Bachlauf – wie bei M. Brandt beschrieben – scheint wenig vielversprechend zu sein. Besser quert man den Bach und folgt dem Weg bis ca. P. 1062 und steigt dann auf der Krete Richtung NNW, bis man auf den Pfad trifft, der über Bacha zu P. 1403 führt. Von hier durch sperrigen Wald ruppig nach NW zu einer Rampe, die den Zugang zum Steilwald von Luis W von Creux de Morin ermöglicht. Diesen durchmisst man ansteigend nach WNW z.T. entlang Wildwechsel (Steinböcke) und einige Gräben querend (z.T. heikel) und gelangt so in einen grösseren Graben, der parallel zur Hauptschlucht hinaufführt und zuoberst die Querung nach NW in diese ermöglicht (Steinschlag durch Steinböcke). Dem Bach entlang und über eine kurze Stufe (II) unter den Wasserfall La Gure. Nach W auf einem grasigen Schrofenband sehr ausgesetzt auf die von Tita di Larzes (2034) heraufziehende Krete und über diese nach NE hinauf und zurück zum Bachgraben über dem Wasserfall (2 gelbe Pfeile), den man aufsteigend nach E quert. Nun flacher (z.Z. grösstenteils harter Altschnee) durch das sichelförmige Tälchen von Sécheralle zum Sattel S von P. 2600 und weiter nach NW über abschüssige u. z.T. schiefrige Schuttbänder zu einem weiteren Sattel in dem vom E-Grat zwischen der Pointe Médiane und dem Hauptgipfel nach S hinunterziehenden Grat. U.a. wegen durch Nebel bedingt schlechter Sicht verzichtete ich auf den Aufstieg entlang der Hauptroute durch das Couloir W davon und stieg gemäss Variante 966b auf Schuttbändern und Altschneeresten über Les Tsarmettes (Steinschlag durch Schneeschmelze) zum W-Grat und über diesen (I-II, brüchig) auf den Hauptgipfel, 6-8h. Der letzte Eintrag im Gipfelbuch stammt von Zaza, der am 9.3.2008 mit Schneeschuhen von Ardon aufgestiegen war.
 
Abstieg: kurz entlang dem E-Grat, dann auf Pfadspuren in die NE-Flanke und auf Geröll zu den grossen Altschneefeldern, auf denen bequem abgerutscht werden kann (aktuell noch fast bis ca. 2000m). Dann auf dem markierten Bergweg über Itre de Bouis, Chalet d’Einzon, L’Airette und zuletzt wieder durch Rebberge hinunter nach Ardon-Ballavaud, 3-4h, insgesamt 9-12h.
 
Die Route wurde gemäss alter Klassifikation mit RE (randonneur expérimenté) bzw. BG (Berggänger) bewertet, was in diesem Fall mindestens T6+ entsprechen dürfte (inoffizielle Bewertungsempfehlung). Nur bei sicherem Wetter einsteigen, da ein Rückzug an sich problematisch und bei Gewittern wegen Sturzbächen sogar unmöglich sein dürfte. Insgesamt anspruchsvolle und sehr heikle Tour.

Material: altes Eisgerät für rutschige Gesteinspassagen (Lehm, Schutt, Schiefer), steiles Gras und Altschneefelder; für Seilschaft Reepschnur, 1-2 Express und 2-3 Kk und Friends ev. hilfreich.

Tourengänger: lorenzo

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Kommentare (12)


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Alpin_Rise Pro hat gesagt: Impressionante!
Gesendet am 15. Juni 2008 um 22:39
Salut Lorenzo,
eine grossartigeTour. Du vergleichst BG mit T6+, gibts diese Bewertung offiziell? Wird nicht alles "wilde" in den T6 Pool geworfen?

Gratulation und Gruss
Alpin_Rise

lorenzo hat gesagt: RE:Impressionante!
Gesendet am 15. Juni 2008 um 23:50
Hallo Alpin_Rise

Danke, wäre sicher auch etwas für Dich!

Ich war mir fast sicher, mal irgendwo gelesen zu haben, dass BG T6+ entspricht, kann die entsprechende Stelle in meinen Unterlagen aber gerade nicht finden. Gemäss SAC-Tourenkommission umfasst BG T6 und oberes T5. Ich kann mich also gut getäuscht haben, so dass mein Vorschlag vermutlich nicht offiziell ist. Einige alte BG-Routen gerade von M. Brandt - wie auch diese hier - sind aber deutlich anspruchsvoller, als das, was man sich heutzutage von T6 her gewohnt ist. Andererseits trifft Deine Feststellung vom "wilden T6-Pool" sicher auch zu, was früher ja auch mit dem VI. Grad der Fall war.

Wenn ich die Stelle doch noch finde, melde ich mich.

Herzliche Grüsse

Lorenzo


Alpin_Rise Pro hat gesagt: La Suisse ouest
Gesendet am 16. Juni 2008 um 13:52
Salut Lorenzo,

ein T6+ wär für einige Touren bestimmt sinvoll. Vielleicht wird ja die Skala eines Tages auch gegen oben offen, wenn das selbe geschieht wie beim VI+?
Im Westen gäbs jede Menge zu entdecken, war dieses Wochenende um den Breccaschlund unterwegs. Leider wars für die schwierigeren Sachen noch zu nass. Doch die Grate im Fribourgerland faszinieren. Wenn ich mal mehr im Westen wohne, wirds bestimmt zu meinen Favoritenregionen. Im Osten gibts auch einige Leckerbissen, Gamsberg Goldloch wär bestimmt nach Deinem Geschmack! Oder der berüchtigte Mürtschenstock...

Liebe Grüsse
Alpin_Rise

lorenzo hat gesagt: RE:La Suisse ouest
Gesendet am 16. Juni 2008 um 16:52
Hallo Alpin_Rise

eigentlich nähert man sich mit T6+ ja bereits WS+ oder ZS-, aber z.T. sind diese Wilderer-, Wildheuer- Schmuggler und Strahlerrouten bzw. Wildwechsel ja auch fast nicht mehr klassifzierbar (zum Glück villeicht).

Die Préalpes sind wirklich ein Eldorado für steile und schwierige Touren, die manchen Hochtouren in nichts nachstehen.

Ja, der Mürtschenstock! Und den Gamsberg habe ich auf der Karte doch noch gefunden. In der Zentral- und Ostenschweiz würden mich auch sonst noch einige Routen interessieren, ich habe kürzlich den Glarner Führer durchgeblättert...

Herzliche Grüsse

Lorenzo

Zaza hat gesagt: Guide du CAS
Gesendet am 14. Juli 2008 um 07:58
Dem Vernehmen nach ist eine Neuauflage dieses Führers geplant. Das (provisorische!) Erscheinungsdatum ist fürs erste Semester 2009 vorgesehen.

Man darf gespannt sein, ob Sachen dieses Kalibers in den Führer überhaupt noch aufgenommen werden...das kommt wohl schwer auf die Haltung des Autors an. Bleibt zu hoffen, dass er so denkt wie Maurice Brandt! In dem Fall wäre eine neue T6-Bibel zu erwarten.

Gruess, zaza


lorenzo hat gesagt: RE:Guide du CAS
Gesendet am 14. Juli 2008 um 21:34
Woher hast Du denn diese brandneue und hoffentlich "Brandt-neue" Info?

Es wäre wirklich schade, wenn eine abgespeckte Version wie beim Berner Voralpen Führer resultieren würde.

Und wie stehts mit 965?

Grüsse

lorenzo


Zaza hat gesagt: RE:Guide du CAS
Gesendet am 15. Juli 2008 um 12:44
...das war in c2c zu lesen. Es kann aber gut sein, dass es ein ähnliches Ergebnis geben wird wie die Neuauflage des BV-Führers: Autoren wie Maurice Brandt, welche massenhaft Routen im brüchigen und grasigen Gelände selber begehen und beschreiben können, sind wohl sehr schwierig zu finden.

965 habe ich etwas zurückgestellt...da müsste wohl ein Rosenkranz mitgenommen werden (oder ein einheimischer Jäger).

Gruess, zaza

lorenzo hat gesagt: RE:Guide du CAS
Gesendet am 15. Juli 2008 um 14:24
Es kommt wohl wirklich auf den Autor darauf an, warten wir's ab. Abgesehen von der Vergletscherung v.a im Umkreis von Les Diablerets und ev. der Vegetation hat sich ja im Gebiet vermutlich nicht allzu viel verändert, so dass man den alten Führer wie bei den Berner Voralpen weiterverwenden kann.

grüsse

lorenzo

Zaza hat gesagt: RE:Guide du CAS
Gesendet am 4. November 2008 um 12:48
Wie aus zuverlässiger Quelle zu erfahren war, soll sich ein bekannter Sportkletterer um die Neuauflagen der SAC Führer für die Waadtländer und Freiburger Voralpen kümmern. Es zeichnet sich ab, dass happige Alpinwanderrouten (wie diese hier...) entweder rausgeschmissen werden oder dann tel quel aus der alten Auflage übernommen und summarisch neu bewertet werden (nach einem simplen Schlüssel, etwa EB = T3/4 und BG = T5/6).

lorenzo hat gesagt: RE:Guide du CAS
Gesendet am 4. November 2008 um 21:50
Wahrscheinlich gibt es dann einfach eine Zweiteilung in einen Kletter- u. Alpinwanderführer wie bei den Berner Voralpen: des einen Freud, des andern Leid...Da der Zuwachs an neuen Alpinwanderrouten verglichen mit jenem an neuen Kletterrouten wohl vernachlässigbar sein wird, kann man sich daher - so lange Vorrat - also getrost und mit Vorteil an den guten alten Führer von Maestro Brandt halten!

gruss
lorenzo

Zaza hat gesagt: RE:Guide du CAS
Gesendet am 20. Juni 2011 um 12:28
die neue Auflage ist dieser Tage erschienen, Autoren sind Claude und Yves Rémy...ich bin gespannt wie eine Drahtseilbahn!

lorenzo hat gesagt: RE:Guide du CAS
Gesendet am 20. Juni 2011 um 19:25
Ich habe ihn durchgeblättert: neu sind rund 1500 statt wie vorher 900 Routen drin, davon vermutlich v.a. neue Kletterrouten, während bei älteren z.T. steht: "ne se fait plus"...und der historische Teil weggelassen wurde. Auch sind die Umbewertungen z.T. fragwürdig, so z.B. F bei den S-Anstiegen zum Haut de Cry. Etwas unvermittelt und isoliert wirken auch die Skirouten z.B. an der W-Kette des Culan. Dafür gibt's ein paar interessante Portraits wie z.B. jenes von Hansruedi Abbühl. Die schwarzweissen Reproduktionen aus dem alten Führer sind nicht optimal, aber wohl als historische Homage an M. Brandt gedacht. Für meine Zwecke genügt der Alte längstens.

Viel Vergnügen!

Gruss lorenzo







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