Tüet uff d’ Jungfrou zuhalte... wärred dem mir z’Mittag ässe!


Publiziert von Henrik , 9. Dezember 2012 um 11:50.

Region: Welt » Schweiz » Bern » Jungfraugebiet
Tour Datum:23 November 2012
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-BE 
Strecke:Mitfahrt auf einem Nauen - Kiestransport auf dem Thunersee
Zufahrt zum Ausgangspunkt:ÖV
Zufahrt zum Ankunftspunkt:ÖV
Kartennummer:Als Gast auf einem Ledischiff

... bei einem der vielen Streifzüge (im Substantiv Streifzug ist unverborgen der ZUG eingeschlossen) bin ich am Neuenburgersee aufmerksam geworden auf ein Ledischiff. Dabei ist der Entschluss gereift, sich dieser Transportart mal zu widmen, vielleicht gäbe es ja auch eine Möglichkeit irgendwo mitzufahren. Dank dem WWW ist die Annäherung und Kontaktaufnahme „schneller“ als die Geschwindigkeit eben dieser Lastkähne, die majestätisch auf den grossen Gewässern der Schweiz ausser im Winter ihre „Spuren“, sprich das Kielwasser hinter sich lassen.
 
... einst waren auch in der CH die Seen Verkehrswege für Handel und Transport – Seen, Flussläufe und Kanäle. Der Siegeszug des Autos und damit des Lastwagens sind so allgegenwärtig, dass vergessen geht, dass heute noch umweltschonender Transport insbesondere von Kies in der Schweiz stattfindet – der Bund hält sich inkonsequenterweise da heraus!
 
... schon nach wenigen Tagen Recherchen erreichte mich dieses Mail:
 
Guten Tag Herr Silberstein                    Mittwoch, 7. November 2012
 
Besten Dank für Ihr Interesse.
 
Unten habe ich Ihnen die Seite des Lastschiff- und Baggerschiff Verbandes aufgeführt. Dort bekommen Sie viele Informationen.
 
Möchten Sie mit unserem Schiff einmal mitfahren, ist dies problemlos möglich. Stationiert sind wir in Gunten
Rufen Sie ungeniert an.
 
Ich hoffe, Ihnen mit diesen Angaben gedient zu haben und grüsse sie freundlich
 
Karin Rupp/Rupp Gunten AG

 
... Arbeitsbeginn auf dem Thunersee ist halb sieben in der Frühe. Somit begab ich mich mit Bahn/Bus am Vorabend nach Gunten, bezog ein Hotelzimmer einen Steinwurf entfernt von der Firma Rupp. Da ich am Spätnachmittag dort eintraf, reichte die Zeit gerade noch vor Büroschluss, mich bei Herrn Rupp zu melden. Von seinem Schreibtisch aus haben er und seine Mitarbeiter eine beneidenswerte Sicht – täglich die Berner Giganten EMJ sowie die Blüemlialp und ihre Vorgipfel vor Augen! Statt dem Gebell eines Hofhundes empfing mich auf dem Vorplatz bzw. am Ankerplatz des Lastschiffes „Siegfried“ das Geschnatter zweier schneeweisser Hausgänse – deren Wachsamkeit ist nicht zu unterschätzen.
 
... im Restlicht der Dämmerung erkundete ich die Uferzone und das Dorfzentrum Guntens. Wenig spektakulär die bauliche Umgebung, umso mehr begeisterte mich das Licht und die atmende Vergänglichkeit. Im Restaurant zur Mühle bestellte ich eine Pizza, die eher einem Flammenkuchen ähnelte ..., der etwas Pepp fehlte.
 
... noch zur nächtlichen Stunde stieg ich anderntags kurz nach sechs Uhr hinunter zur Anlegestelle, vorbei am alten Schiffsmotor, der in einer Seitengasse auf Paletten ruht – auch Partygäste finden hin und wieder den Weg zur Firma Rupp – das Schiff und eine Buvette können gemietet werden!

... heute sind zwei Kapitäne an Bord zusammen mit dem Gast aus Basel: die Lastschiffführer Johann von Gunten und sein Chef Bernhard Rupp. Das „Entern“ eines Schiffes kann zu einem Akrobatikakt werden – dabei ziehe ich mir eine lange Schürfwunde am linken Unterschenkel zu ... eben eine Landratte! Die beiden Lastschiffführer führen auch gleich das Mittagessen (fürsorglich zusammengestellt) mit, denn ein Landgang ist nicht vorgesehen, ausser der Entladung im SBB-Terminal in Thun. Schlag halb sieben legt die „Siegfried“ ab, nur ein leises Glucksen ist zu hören. Im Motorraum vibrieren 215 PS, im Range Rover sind es 173.
 
... zuerst erfolgt eine Leerfahrt, dann eine Ladefahrt nach Thun, leer zurück zum Steinbruch Balmholz, das in der Nähe von Sundlauenen liegt, dann geladen zurück zum Heimathafen, für den Folgetag: da heute ein Freitag, liegt das Transportschiff bereit für den kommenden Montag und fährt dann nach Thun. In Zusammenarbeit mit der Firma Balmholz AG wechseln sich so die „Balmholz“ und die „Siegfried“ ab.
 
... vom Ruderhaus, das gerade ausreichend Platz uns dreien bietet, eröffnet sich eine fantastische Sicht auf die Berner Alpen vor uns, im Rücken die Pyramide des Niesen und die Stockhornkette, im Dunst ist Gwatt (...) und Thun auszumachen. Solche Arbeitsplätze könnte man als „Schoggi-Arbeitsplätze“ betiteln, ihr eine gewisse Romantik anhängen und dabei vergessen, dass es auch an diesem ohne Manpower nicht geht. Es braucht Überwachung der Fliessbänder im Sundlauener Steinbruch, es braucht kritische Blicke zur Tonnage des Steinschotters, der üblicherweise geladen wird und das Ablegen eines geladenen „Frachters“. Zum Vergleich: die Ladung entspricht etwas dem Umfang von 11 Anhänge-lastzügen pro Fahrt – die die Ortschaften räumlich und mit Abgasen belästigen. Vom Bund wird die Branche nicht wahrgenommen!
 
... die Fahrt von Sundlauenen nach Thun dauert etwa eine Stunde – dort wird im SBB-Terminal angelegt und mittels Laufkatze entladen – Schotter und Unterbausand werden von der SBB entgegengenommen und gelangen in die entsprechenden Bereiche. Die öffentlich zugängliche, publikumswirksame Uferzone wird für die Dauer der Arbeit zwischen Laufkatze und dem Lastkahn geschlossen, aus Sicherheits-gründen. Gegen 12 Uhr werden die Leinen losgelassen und das Lastschiff begibt sich zurück zum Steinbruch Balmholz.
 
... jetzt wird im Ruderhaus Mittag gehalten, ich werde aufgefordert das Steuer in die Hand zu nehmen, damit die beiden Kapitäne zu ihrer Mahlzeit kommen: „Tüet uff d’ Jungfrou zuhalte“.... so stehe ich erstmals an einem  hölzernen Steuerrad und leite unter Aufsicht von Bernhard Rupp das Schiff über den Thunersee! „Schoggi-Sicht“ und „Schoggi-Arbeitsplatz“ – was für ein Erlebnis, gewiss nicht alltäglich.
 
... in Balmholz wird erneut Schotter geladen, eine Stunde später legt die „Siegfried“ ab und begibt sich zurück nach Gunten, wo um kurz vor halb vier angelegt wird – schnatternd empfangen von den wachsamen Hausgänsen. In der Rezeption werden wir von Karin Rupp empfangen und nach unserer Befindlichkeit befragt. Wie sich herausstellt, spricht Frau Rupp fliessend Schwedisch, so kommt es, dass ich mich auf Dänisch bedanke und dem Team als Dank für eine aussergewöhnliche Reise eine bebilderte Dokumentation zusammenstellen werde – sie ist bereits unterwegs. 

Tourengänger: Henrik

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Kommentare (4)


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bidi35 hat gesagt: tolles Erlebnis...
Gesendet am 9. Dezember 2012 um 16:55
...gratuliere...u danke fürs SMS...

LG Heinz

Henrik hat gesagt: In eigener Sache!
Gesendet am 9. Dezember 2012 um 17:32
Teile dieses Textes wurden auf einemTablet2 10.1 unterwegs erstellt und zuhause dann editiert. Ich bin also auch noch mobiler geworden!
Ein feines Tool so einPad.

LG

silberveegeli

bidi35 hat gesagt: RE: In eigener Sache!
Gesendet am 9. Dezember 2012 um 18:07
...muss ich wohl auch mal ausprobieren...bin halt rückständig;-))

CarpeDiem hat gesagt:
Gesendet am 10. Dezember 2012 um 21:01
Hei, das ist mal etwas anderes... Excellent!



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