Nach Frasnedo und auf den Tracciolino


Publiziert von ABoehlen Pro , 21. Oktober 2007 um 09:24.

Region: Welt » Italien » Lombardei
Tour Datum: 5 Oktober 2007
Wandern Schwierigkeit: T2 - Bergwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: I 
Zeitbedarf: 9:00
Aufstieg: 1100 m
Abstieg: 1100 m
Strecke:Verceia - Vico - Càsten - Frasnedo - Càsten - San Giorgio - Campo - Verceia
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Mit der FS von cff logo Chiavenna oder cff logo Còlico nach cff logo Verceia
Unterkunftmöglichkeiten:Ostello Trattoria Bar "Al Sert" (sehr empfehlenswert) oder das Hotel Saligari ***
Kartennummer:LK277 Roveredo oder Carta d'Italia 1:25'000 Foglio 18 IV SO Verceia

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Eine der Besonderheiten in der Verceia-Gegend, die mich von Anfang an faszinierte, ist die unerhört steile Standseilbahn des Elektrizitätswerkes in Campo, zumal sie auf keiner mir bekannten Karte verzeichnet ist. Deren Bergstation hingegen schon; es ist das Haus beim Pt. 911, wo ein Hangweg aus der Valle dei Ratti hinführt. Am letzten Wandertag musste das natürlich noch erforscht werden.

Wieder starten wir direkt vom Al Sert (215 m) und folgen einem Strässchen bergwärts. Zwar gäbe es einen Saumpfad, der direkt nach Motta (468 m) hochführt, aber wir entscheiden uns für das wenig befahrene Strässchen, das mehr Aussicht bietet und zudem durch das reizvoll gelegene Hangdörfchen Vico (385 m) führt. Unweit von Motta stossen wir wieder auf den markierten Saumpfad, dem wir anschliessend in die Kastanienwälder hinauf folgen. Dabei passieren wir erst die Örtlichkeit Piazzo (600 m) und weiter oben einen grosszügig eingerichteten Rastplatz der "Gruppo Alpini di Verceia". So ein hübscher Ort lädt natürlich zu einer Pause ein, ehe wir das letzte Stück bis zur Kreuzung mit dem Tracciolino in Angriff nehmen.

Bald folgt so die grosse Überraschung: Der Tracciolino ist kein Weg, wie auf den Karten verzeichnet, sondern eine Bahntrasse. Sie stellt die Verbindung zwischen der Bergstation der Standseilbahn und dem auf keiner Karte verzeichneten Stausee in der Valle dei Ratti dar, und verläuft dabei stets auf gleichbleibender Höhe von 910 m.

Aber eigentlich ist es noch zu früh, um über diese Strecke den Rückweg anzutreten, und so folgen wir dem Saumpfad ins prachtvolle Valle dei Ratti hinauf. Die Siedlung Càsten (975 m) passierend, gewinnen wir weiter an Höhe, bis über unseren Köpfen die Häuser von Frasnedo auftauchen. Dies ist wie Foppaccia eine recht ausgedehnte Siedlung, wo durchaus reges Leben herrscht. Vorbei an der Bergstation der Materialseilbahn erreichen wir die Kirche (1287 m), wo die Mittagspause fällig wird.

Frasnedo wäre ein günstiger Ausgangspunkt für weiterführende Touren in die Valle dei Ratti, beispielsweise zur Capanna Volta, knapp 1000 Meter höher zu Füssen der Cima del Calvo (2967 m) gelegen. Aber leider fehlt uns dazu die Zeit, und so treten wir den Rückweg an, bis zum Tracciolino auf gleicher Strecke. Dann folgen wir den Gleisen. Und bereits nach kurzer Zeit erreichen wir einen Bahnhof, wo sich auch die Zwischenstation der Materialseilbahn Verceia - Frasnedo befindet. Und schon folgt die nächste Überraschung: Dieser Bahnhof, mitten im bewaldeten Steilhang, ist tatsächlich bewohnt! Dies gibt Gelegenheit zu einem interessanten Gespräch. Mich wundert nämlich, dass die Trasse zwar teilweise mit Wanderwegmarkierungen versehen ist, gleichzeitig aber überall "Vietato Accesso" Schilder für Verwirrung sorgen. Aber es sei kein Problem, der Strecke zu folgen, ausser vom Abstieg nach Campo werden wir gewarnt. Dieser sei schlecht, aber es gäbe eine Verbindung hinüber nach San Giorgio, die die Karte (natürlich !) nicht zeigt. Also los!

Die Strecke ist überwältigend! 700 Meter über dem Abgrund geniesst man ein grandioses Panorama. Ausserdem ziehen Kunstbauten, wie Brücken und Gallerien die Aufmerksamkeit auf sich. Schliesslich erreichen wir die Weiche, wo die Strecke nach San Giorgio in einem Tunnel verschwindet. Aber ehe wir uns auf dieses Abenteuer einlassen, wollen wir erst noch die Standseilbahn sehen. Wir haben Glück, bald nach unserer Ankunft rollt ein Wagen die unglaublich steile Strecke hinauf!

Nun aber zurück zum Tunnel. Die Sache ist ganz einfach: Man drücke auf den Knopf am Eingang und der Tunnel werde beleuchtet, verriet uns der Bewohner des Bahnhofes. Als wir kommen, brennt das Licht schon. Umso besser, rein ins Vergnügen! Aber nach kurzer Zeit stehen wir im Finstern - die programmierte Zeit für das Ding ist abgelaufen. Also durch die Dunkelheit zurückstolpern, den Knopf drücken und mit einem rasanten Tempo durch das Loch! Das ist nicht ganz trivial, denn die paar wenigen Birnen spenden nur ein äusserst bescheidenes Licht. Aber es geht, und wir gelangen heil auf die andere Seite, in die felsige Wildnis des Val de Munt (ohne Namen auf der Karte). Beim Weitergehen durch diese unglaublich raue Welt wächst mit jedem Schritt der Respekt vor denjenigen Menschen, die dieses Werk einst erbaut haben. Denn der Weg - nun ohne Schienen - verläuft weiterhin komfortabel auf gleichbleibender Höhe durch Tunnel und Gallerien und mündet schliesslich in diejenige Strecke, auf dem wir am Dienstag von San Giorgio her kamen. Der Kreis schliesst sich.

Der Rückweg ist nun vorgezeichnet. Durch San Giorgio (748 m) hindurch und auf dem steilen Saumweg hinunter nach Campo (203 m). Dort nochmals einen Blick der Standseilbahn entlang nach oben geworfen und dem See entlang geht es heimzu.

Diese letzte Tour der Ferien hat einmal mehr gezeigt, dass in Italien jenseits der Informationen der topografischen Karten noch Welten liegen. Ich freue mich auf weitere Abenteuer in diesem Gebiet!

Tourengänger: ABoehlen

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