Tschingelhörner (3495 m/3562 m) via SW-Grat


Publiziert von alpinos , 16. September 2010 um 23:04.

Region: Welt » Schweiz » Bern » Jungfraugebiet
Tour Datum:12 September 2010
Wandern Schwierigkeit: T4 - Alpinwandern
Hochtouren Schwierigkeit: WS+
Klettern Schwierigkeit: III (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-BE   CH-VS 
Zeitbedarf: 10:00
Aufstieg: 700 m
Abstieg: 1900 m
Strecke:Mutthornhütte - Senke auf W-Grat zw. P. 3205 u. 3214 - Chlys Tschingelhorn - Tschingelhorn - Uisterstal - Fafleralp
Zufahrt zum Ankunftspunkt:Postauto ab Parkplatz Fafleralp nach Goppenstein, hier Anschluss an SBB.

"Tschingel all the way..."
[zweiter Teil des Hochtourenwochenendes im BO]

Bei sternklarem Himmel und recht angenehmen Temperaturen starteten wir um 5:45 Uhr von der Mutthornhütte (2901) in diesen herrlichen Spätsommertag. Zunächst folgten wir bei anbrechender Dämmerung der gut erkennbaren Spur über den Kanderfirn hinüber zum Petersgrat. Auf Höhe der flachen Senke zwischen P. 3205 und P. 3214 verließen wir die Spur, schwenkten nach Osten ab und hielten direkt auf den W-Grat der Tschingelhörner zu. Nachdem wir zwei riesige Spalten umgangen hatten gelangten wir zum Bergschrund, der durch viel Schnee und eine alte Lawine verschüttet war. Über idealen, etwa 40°-steilen Firn stiegen wir die wenigen Meter zur Senke auf den SW-Grat hinauf (etwa 1 h Gehzeit).

Hier erwartete uns bereits eine atemberaubende Aussicht: die Sonne ging gerade auf, und die Berge wurden in wunderbares Licht getaucht. Majestätisch thornte das Bietschhorn auf dem gegenüberliegenden Bergkamm; im Süden erhob sich mächtig das Weisshorn und weiter westlich das Mont-Blanc-Massiv. Was für ein Morgen! Voller Begeisterung machten wir uns an die Überschreitung des Grates hinauf zum Chlys Tschingelhorn.

Der erste Teil des SW-Grates verläuft "horizontal", d.h. man gewinnt netto nicht viel an Höhe; die vielen Türm und Erhebungen lassen aber keine Langeweile aufkommen. Anfangs machten wir den Fehler, bei einem Turm zu weit in die Südflanke auszuweichen und mussten etwas mühsam durch Schotter wieder auf den Grat queren. Besser ist es, sich immer direkt oben auf dem Grat zu halten. Hier ist der Fels griffig und größtenteils nicht brüchig. Die wenigen hohen Türme können gut knapp südlich (rechts im Aufstieg) umgangen werden. Und so tschingelten dann wir den Grat entlang: mal gings hoch über ein paar Zacken, mal über einen kleinen Turm, dann diesen wieder runter, ein andermal rechts drumrum, ein Stück durch eine kleine Senke und wieder hinauf auf den nächsten Turm..."tschingel all the way..."

Bevor der Grat schließlich anstieg, mussten wir am Seil in eine tief eingeschnittene Scharte absteigen. Von nun an ging's stetig bergan. Teilweise muss man nun in Schutt und Felsblöcken aufsteigen. So früh am Morgen war allerdings das meiste lose Gestein noch festgefroren, was den Aufstieg natürlich wesentlich erleichterte. Am Fuß des letzten ausgeprägten Turms kletterten wir über durchfurchte Platten hinauf und umgingen dann den Turm rechts herum. Nun konnten wir endlich den Gipfel des Chlys Tschingelhorns erblicken. Noch einmal stiegen wir steil in eine kleine Scharte ab und erklommen schließlich über Blöcke und großen Schotter das Chlys Tschingelhorn (3495 m; ca. 3 h Gehzeit).

Nun stand uns die eigentliche Herausforderung der Tour bevor - der steile Abstieg in die Scharte zwischen Chlys Tschingelhorn und Tschingelhorn. Die Schwierigkeit lag weniger in der Kletterschwierigkeit, sondern vielmehr in der lokalen Routenfindung und dem Schnee und Eis auf den Felsen. Nach wenigen Meter Richtung Norden kletterten wir am Seil über die erste Felsstufe ab. Nun seilten wir leicht links in die erste Scharte ab (ca. 25 m, einige Reepschnüre vorhanden). Den nächsten großen Turm wollten wir jetzt in der Nordflanke auf einem kleinen Band umgehen. Leichter gesagt als getan; hier lag Schnee und Eis auf den Felsen. Mit eiskalten Fingern wurden ein paar Schlingen und Friends zur Sicherung gelegt. Nur nicht auf den fast senkrecht unter uns liegenden Gletscher denken...

Erleichtert erreichten wir die nächste Senke und wärmten uns in der Sonne etwas auf. Wenige Schritte nach links konnten wir zwischen den beiden nächsten Türmen hindurch absteigen und kletterten auf die nächste Felsstufe - was ein Fehler war, denn nun mussten wir zeitaufwendig wieder in die große Scharte vor dem Tschingelhorn abseilen. Besser wäre gewesen, nachdem man zwischen den beiden Türmen hindurch geklettern ist, links herum in die Flanke auszuweichen und zur Scharte hinüber zu queren. Das sahen wir aber erst, als wir fast unten waren...

Über viel loses Zeugs erreichten wir das Firnfeld und stiegen über dieses und die letzten Felsen hinauf auf den Gipfel des Tschingelhorns (3562 m; 13 Uhr; ca. 6 h Gehzeit). Oh was für eine Erleichterung! Vom Chyls Tschingelhorn hatten wir sage und schreibe drei Stunden gebraucht und waren ordentlich durchgetschingelt worden! Aber wir waren glücklich und genossen die großartige Aussicht auf die umliegenden Gipfel. Dafür hat sich die Anstrengung auf jeden Fall gelohnt!

Nach einer kleinen Gipfelrast machten wir uns an den Abstieg durch das steile Firncouloir zwischen Chlys Tschingelhorn und Tschingelhorn. Der Firn war trotz der fortgeschrittenen Stunde noch gut zu begehen und ohne Zwischenfälle erreichten wir den Bergschrund (Anmerkung: das Couloir ist stark steinschlaggefährdet, das Chlys Tschingelhorn wirft immer wieder kleine und ziemlich große Felsbrocken herab). Die Überquerung des Bergschrunds war dann nochmal eine Herausforderung: auf einer schmalen Firnbrücke gelangten wir auf den Gletscher.

Recht zügig stiegen wir in Richtung P. 2975 über den Gletscher ab. Zahlreiche Steinmännchen wiesen nun den Weg ins Tal. Zunächst ging's über große Blöcke, schließlich ziemlich steil durch Schotter die Seitenmoräne hinab ins Uisters Tals. Mittlerweile hatten sich mächtige Quellwolken aufgetürmt. Etwas ermüdet erreichten wir schließlich den Parkplatz Fafleralp. Das Lauterbrunner Breithorn war schon in dunkle Wolken gehüllt und es begann zu tröpfeln. Als wir auf dem Heimfahrt durch Kandersteg fuhren, goss es hier bereits in Strömen und wir freuten uns umso mehr über die gelungene Tour.



Anmerkung zur Route
Auf dem ganzen SW-Grat gibt es keine Markierungen und nur abundzu ein kleines Steinmännchen. Die Wegfindung ist größtenteils unkompliziert und sollte bei guten Verhältnissen kein Problem darstellen. Auf dem Grat gibt es keinerlei Bohrhaken. Wir stiegen ohne Seil den SW-Grat hinauf; es sind nur einige schwierigere Kletterstellen zu überwinden (II.-III. Grad). Es empfielt sich allerdings, ausreichend Sicherungsmaterial für den Abstieg vom Chlys Tschingelhorn in die Scharte mitzubringen. Wir hatten ein 50 m-Seil, Bandschlingen und einige Friends und Klemmkeile verschiedener Größen dabei. Beim Abstieg vom Chlys Tschingelhorn würden wir empfehlen, nach der Abseilstelle immer in der Nordflanke zu bleiben. Ist zwar steil und ausgesetzt, aber der Grat ist hier deutlich schwieriger und zeitraubender.

Tourengänger: alpinos

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Geodaten
 3481.gpx Tschingelhörner

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Kommentare (2)


Kommentar hinzufügen

MaeNi hat gesagt:
Gesendet am 17. September 2010 um 09:01
Gratulation zu dieser Tour und natürlich auch zu den Bildern!

Die Gegend werden wir uns merken!

LG
M&N

Sputnik Pro hat gesagt:
Gesendet am 17. September 2010 um 12:35
Gratulation zur tschingligen Überschreitung! Als ich im Winter auf dem Grossen Tschingelhorn war dachte ich mir schon dass der "kleine Bruder" ein brüchiger Geselle ist.

Gruss, Sputnik


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