Dallenwil – Brisen – Oberbauenstock - Seelisberg


Publiziert von Tobi , 21. Juli 2010 um 22:15.

Region: Welt » Schweiz » Nidwalden
Tour Datum:19 Juli 2010
Wandern Schwierigkeit: T5 - anspruchsvolles Alpinwandern
Klettern Schwierigkeit: I (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: Bauen - Brisen - Bürgenstock   CH-NW   CH-UR 
Zeitbedarf: 11:30
Aufstieg: 3500 m
Abstieg: 3200 m
Zufahrt zum Ausgangspunkt:cff logo Niederrickenbach Station
Zufahrt zum Ankunftspunkt:cff logo Seelisberg, Geissweg

Prognostiziert wurde ein sonniger Tag, keine Wölkchen sollte den Himmel von morgens bis abends trüben. Ein solch schöner arbeitsfreier Tag muss für eine ausgiebige Wanderung genutzt werden. So nahm ich eine schon seit einiger Zeit geplante lange Grattour im Herzen der Zentralschweiz in Angriff.

Punkt 07:41 hält der Zug an der Haltestelle Niederrickenbach (496m) und entlässt eine kleine Schar Wanderer in den jungen Tag. Die meisten steuern die Talstation der Seilbahn nach Niederrickenbach an, ich marschiere zielstrebig an dieser vorbei und steche in den Wald hinein. Die Betonstrasse zur Wandflue hoch kann ich bei der ersten Kehre verlassen und in der Folge ein paar mal über den steilen Bergweg abkürzen. Im Wald ist es noch ziemlich düster. Die mit Morgentau beladene bodennahe Vegetation testet meine Bergschuhe intensiv und kühlt die Waden.

Auf der Höhe "Bortlers Wandflue" verlasse ich den Wald und steige weiterhin steil über nasses Gras der Underist Hütti (1130m) entgegen. Von hier muss der Weg zur Mittlist Hütte (1329m) etwas gesucht werden, Markierungen sind nur spärlich vorhanden. Das selbe gilt für den folgenden Aufstieg zum Oberist Hütti (1534m), zumindest bis man die frisch gebaute Kiesstrasse erreicht. Auf dieser schreite ich nun trockenen Schuhes bis zur dieser Alp.

Zügig geht es weiter hoch, schliesslich wollen noch einige Höhenmeter überwunden werden. Via Wasserboden (Pt 1582) erreiche ich die Alp Gigi (1774m). Dort zeigt der Wegweiser ein paar Grad in die falsche Richtung und leitet mich quer über die Weide hoch zum Giri (1923m). Wenige Minuten später ist die Bergstation der Haldigratbahn (1935m) mit dem Restaurant erreicht, in welchem ich in ebenso kurzer Zeit die Halbliterflasche Rivella leer trinke.

Der Haldigrat leitet mich nun zielgerichtet hinauf zum Gipfel. Hier herrscht wieder grösserer Verkehr als beim bisherigen Aufstieg. Ich überhole etliche Wanderer, von denen die meisten wohl mit der Bahn abgekürzt haben. Fast exakt drei Stunden nachdem ich aus dem Zug gestiegen bin, stehe ich auf dem Brisen (2404.1m).

Ich geniesse kurz die Aussicht und mache mich gleich wieder an den Abstieg. Natürlich lasse ich mir den Abstecher zum Hoh Brisen (2413m) nicht entgehen. Während der Brisen über einen T2-Wanderweg erreicht werden kann, selektiert dieser luftige T5-Grat das Wandervolk drastisch. Jedenfalls kann ich den Gipfel für mich alleine geniessen, einzig ein paar Gemsen und unzählige summende Insekten leisten mir angenehme Gesellschaft. Hier gönne ich mir endlich eine etwas längere Pause und bestaune das Panorama: die Berner 4000er-Prominenz, die Fernsicht bis zum Alpstein und natürlich auch der nun folgende lange Grat bis zum Oberbauenstock. Die Vorfreude auf diesen ist gross und ich breche bald wieder auf.

Zurück beim Sattel folge ich dem Bergweg zum Steinalper Jochli (2157m). Vom Hoh Brisen ist mir das folgende formschöne "Grat-Trapez" aufgefallen, das von hier bis zum Beginn des Glattegrat reicht. Diesem Gratabschnitt kann ich nicht widerstehen und steige in der Südflanke hoch zu Pt 2222. Auf der Kantonsgrenze Nidwalden-Uri geht es rüber zu Pt 2216 und dann steil runter zur Schuenegg.

Über den Glattgrat - der seinem Namen gerecht wird - erreiche ich den Risetenstock (2290m). Hier will ich eigentlich meinen Mittagsrast einlegen, aber in der Zwischenzeit sind Wolken aufgezogen. Ich versuche dem Nebel zu entfliehen und steige hinab ins Hinterjochli (2105m). Hier setze ich mich an einem windstillen Plätzchen zur Mittagspause nieder.

Nach etwa einer halben Stunde bin ich gestärkt für den Weiterweg. Auf dem Abstieg vom Risetenstock konnte ich in einem kurzen nebelfreien Moment noch einen Blick auf den Sporn hoch zu Pt 2209 erhaschen. Vom Sattel aus sieht dieser Direktaufstieg zwar nicht mehr so einladend aus, doch der Höhenverlust auf dem Wanderweg reizt mich noch weniger. Also kraxle ich zielstrebig immer der Kantonsgrenze entlang hoch. Die vereinzelten Felsbänder können einfach erkletter werden (I). Hinter einem markanten Felszacken in der Westflanke führt eine steile Rinne durch das untere hohe Felsband. In diesem kommt etwas T6-Feeling auf und die Kletterei erreicht fast den II-Grad. Anschliessend kann über ein breites aber steiles Grasband rechts zu Pt 2209 hochgewandert werden. Nun alles der Grenze entlang bis zum Wanderweg und auf diesem zum höchsten Punkt des Schwalmis (2246m).

Erst auf diesem "Gipfel" fällt mir auf, dass dies eine wanderwegtechnische Sackgasse ist. Ich lasse mich davon nicht beirren und folge den Wegspuren weiter zu Pt 2171. Der folgende weglose Abstieg über die steile Grasflanke (T5) zum Vorderjochli (2002m) gerät im Nebel zu einem Blindflug, doch die Falllinie und der Felsabbruch auf der linken Seite geben eindeutig die Richtung vor. Die durch den Nebel dringenden Stimmen eines bei Pt 2002 rastenden Wanderpaares lotsen mich definitiv wieder zurück auf den Wanderweg.

Es folgt der schönste, da ausgesetzteste, Teil meiner langen Gratwanderung. Einzelne Passagen können durchaus mit einem T4 bewertet werden. Der auf der Nordseite aufsteigende Nebel sorgt für eine einmalige Atmosphäre. Zudem würden meine 3.5l Wasserreserven wohl schon längst aufgebraucht sein, wenn hier oben die Sonne mit voller Wucht auf mich brennen würde. Die zeitweise aus Nebellöcher auftauchenden, sonnenbeschienen Schneeberge haben etwas Surreales an sich und rufen wieder in Erinnerung, dass heute eigentlich ein sonniger Tag ist. Via Jochlistock (2070m) erreiche ich das wegen seiner hellen Aluminiumhülle plötzlich aus dem Nebel auftauchende Gipfelkreuz des Gandispitz (1996m).

Beim Abstieg zum Lückli mache ich Bekanntschaft mit einem gewissenhaften Herdenschutzhund. Schon von weitem hat er mich entdeckt und rennt zielstrebig los. Er wartet nun etwa fünfzig Meter vor mir auf dem Bergweg. Als ich näher komme, bellt er mich an und macht unmissverständlich klar, dass ich schnell passieren soll. Die Situation ist ein wenig Angst einflössend, aber das Bellen klingt weder aggressiv, noch knurrt mich der Hund an. Ich fühle mich nur leicht bedrängt, der Schafbeschützer hält immer einen kleinen Abstand zu mir. Seine Begleitung dauert nicht lange. Als er sich sicher ist, dass ich den Weg in die richtige Richtung fortsetze, kehrt er zu seiner Herde zurück.

Beim Lückli irritiert mich der Wegweiser ein wenig, da "meiner" als Ziel nur "Isenthal" angibt. Der Weg steigt nun immer mehr ab und im Nebel kann ich den Grat fast nicht mehr erkennen. Als ich gerade weglos wieder zur Krete hochsteigen möchte, entdecke ich doch noch den richtigen Pfad, welcher dem Grat entlang weiterführt. Auf diesem wandere ich weiter, ohne das Ziel vor Augen zu haben, denn dieses versteckt sich in den Wolken. Aber nach dem Abzweigen des Abstieges bei Schwiren, weiss ich, dass es nicht mehr weit ist. Doch so langsam machen sich die bisher erklommenen Höhenmeter und absolvierten Schritte bemerkbar. Das Tempo in diesem Schlussaufstieg ist völlig zusammengebrochen, ich kämpfe mich mühsam nach oben. Auf dem Oberbauenstock (2116.9m) angekommen bin ich enttäuscht und irritiert. Dieser mikrige Steinhaufen soll den Gipfel markieren? Bin ich gar noch nicht oben? Versteckt sich der höchste Punkt etwa noch weiter hinten in den Wolken? Ich setze mich erstmal hin und stärke mich mit einem Riegel. Endlich lichtet sich der Nebel und gibt mir dank freier Sicht auf den Rest des Grates die Gewissheit, es doch geschafft zu haben.

Gestärkt geht es zurück zum Abzweiger bei Schwiren. Steil und wegen des Nebels auch etwa feucht-rutschig geht es die Nordflanke hinunter. Der Weg quert anschliessend unter dieser Wand durch und führt über Pt 1758 runter nach Brächen (1596m). Auf der Fahrstrasse erreiche ich nach einem kurzen Gegenanstieg die Tritthütte (1605m). Hier stärke ich mich mit einem halben Liter Eistee für den letzten Anstieg für heute.

Voller Elan marschiere ich wieder in einem zügigen Tempo auf dem Wanderweg dem Gipfel entgegen. So nieder wie sein Name vermuten lässt, empfinde ich diese Erhebung nicht. Es wollen nochmals 300 Höhenmeter erklommen werden. Dennoch hat sich die abschliessende Besteigung des Niderbauen-Chulm (1923.2m) gelohnt. Hier darf ich nochmals die nebelfreie Aussicht auf die Voralpen und das Mittelland geniessen. Zu meinen Füssen sehe ich auch endlich das Endziel meiner heutigen Tour: das fast 1200 Höhenmeter tiefer gelegene Seelisberg. Eigentlich will ich noch kurz zum vorgelagerten Gipfelkreuz absteigen, doch ein Steinbock liegt dort seelenruhig auf dem Weg. Diesen will ich in seiner Zufriedenheit auf keinen Fall stören.

Um etwa halb sechs Uhr mache ich mich an den Abstieg. Der Bergweg führt in einer steilen Rinne hinunter zur Alp Lauweli. In diesem Couloir entdecke ich plötzlich eine Steingeiss. Sie scheint mich nicht bemerkt zu haben, obwohl ich meine, dass sie meine durchschwitzten Kleider schon lang hätte riechen müssen. Vorsichtig schleiche ich mich auf dem Bergweg näher zu ihr hin. Nach jedem Meter schiesse ich noch ein besseres Foto. Auf einmal dreht sie sich um und blickt mich an. Doch statt die Flucht zu ergreifen, krazt sie sich nur mit den Hörner am Hintern und ässt anschliessend ruhig weiter. Ich bin keine zehn Meter von ihr entfernt, da kommt sogar noch der Rest des Rudels von oben in der Fluh zu ihr heruntergerannt. Zwei Jungtiere und drei ausgewachsene Gemsen stehen nun in nächster nähe und beäugen mich. Die wissen wohl, dass sie in diesem Gelände mir haushoch überlegen sind und sich nicht zu fürchten brauchen.

Nach dieser langen Fotopause steige ich weiter ab und erreiche die Leiter in der Felshöhle, von welcher ich auch schon auf hikr.org gelesen habe. Nach der Alp Lauweli (1524m) wird der Weg flacher und gemütlicher. Bei der Alp Weid (1288m) könnten die letzten Höhenmeter mit der Bahn abgekürzt werden. Doch darauf verzichte ich und statte dem auf der Karte eingezeichneten Bergrestaurant einen Besuch ab. Die Bezeichnung Restaurant ist etwas zu hoch gegriffen, doch der Selbstbedienungskühlschrank mit Kasseli und der Korb mit Süssgebäck befriedigen meine Bedürfnisse vollkommen.

So gestärkt sind auch die letzten rund 500 Höhenmeter hinunter zum Seeli (738m) schnell abgebaut. Eigentlich wollte ich mich hier mit meiner Freundin in der Seebadi treffen, um noch gemütlich im erfrischenden Nass schwimmen zu gehen. Doch leider schliesst die Badi dafür schon viel zu früh. Und die ungewaschenen Füsse nach so einer Tour in den See zu tauchen, das will ich den Fischen nicht antuen. So ziehe ich schnell am lockenden Wasser vorbei und bewältige noch den letzten Gegenanstieg hoch zum Parkplatz bei Pt 793, wo mich meine Freundin bereits erwartet.


Fazit: Ein von morgens früh bis abends spät optimal genutzter Wandertag.Ich habe jeden Meter der Tour genossen, auch wenn die Aussicht durch den Nebel, der für eine spezielle Atmospäre sorgte, getrübt war. Diese Gratwanderung kann ich jedem trittsicheren Bergwanderer empfehlen. Die Tour kann nach Belieben mit den Bergbahnen abgekürzt werden oder in mehreren Etappen in Angriff genommen werden.


Tourengänger: Tobi


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Kommentare (4)


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Pfaelzer hat gesagt: Super-Tour...
Gesendet am 22. Juli 2010 um 10:40
...und toller Tourenbericht!
Das animiert zum Nachmachen.
Vielen Dank.

Gruss,
Wolfgang

Tobi hat gesagt: RE:Super-Tour...
Gesendet am 22. Juli 2010 um 19:46
Vielen Dank für das Lob!
Ich wünsche dir schon mal viel Spass und vor allem Erfolg bei dieser langen Grattour! Diese ist immerhin fast so lange und intensiv wie der Brienzergrat Deluxe, wie ich beim nachträglich Erstellen des Profils erstaunt feststellte.

Gruss Tobi

2bd hat gesagt: inspiriert
Gesendet am 25. Oktober 2011 um 14:32
danke tobi (unbekannterweise), der Bericht von deinem Marathon hat uns auf der tour nicht nur begleitet, sondern auch inspiriert!
unter anderem:
der hoh brisen - so was von ausgesetzt; wunderbar!
der schwalmis über den sporn: DIE alternative!
schade hast du den zingel verpasst. nach dem Gipfel kurz T6, dann T5 und T4 bis runter auf den grat zum oberbauen.
der abstieg vom oberbauen durch die N-flanke voll pickelhartem Schnee (wir aber ohne Pickel!) -> grenzwertig. immerhin haben wir bewiesen, dass man den abstieg auch «wild» machen kann (T6).
der direkte weg über die wiesen zum niederbauen enttäuschend mühsam (feuchte kuhtritte); aber, wie sich erwies, auch nicht mieser, als der Wanderweg -> also, trotzdem direkt hoch gehen!
die rinne Richtung seeli war mit Schnee gefüllt; mit dem leben spielen wollten wir dann doch nicht.
also runter nach beckenried und mit dem schiff nach Luzern. daher TIPP: fahr mal mit dem schiff von Luzern nach beckenried. da kannst du dein werk schön langsam in voller breite geniessen!
herzlich Bernhard, alias 2bd

Tobi hat gesagt: RE:inspiriert
Gesendet am 7. November 2011 um 10:27
Schön zu lesen, dass mein Bericht für Inspiration gesorgt hat. Bin in letzter Zeit öfters mit dem Schiff unterwegs gewesen und habe dabei in der Tat mit besten Erinnerungen auf den Grat geschielt...

Danke&Gruss Tobi


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