Traversée Corne Aubert-Les Pucelles-Dent de Savigny


Publiziert von lorenzo , 9. Oktober 2009 um 23:04.

Region: Welt » Schweiz » Freiburg
Tour Datum: 7 Oktober 2009
Wandern Schwierigkeit: T6+ - schwieriges Alpinwandern
Hochtouren Schwierigkeit: S
Klettern Schwierigkeit: 5c (Französische Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-FR   CH-VD   Gastlosenkette   CH-BE 
Zeitbedarf: 10:00
Aufstieg: 1375 m
Abstieg: 1375 m
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Von der Abzweigung Pra Jean zwischen Charmey und Im Fang nach Haut du Mont
Zufahrt zum Ankunftspunkt:dito
Unterkunftmöglichkeiten:Grubenberghütte SAC
Kartennummer:LK 1245; M. Brandt, Guide des Préalpes Fribourgeoises, CAS 1991

Les Gast! Schon seit Jahren war ich nicht mehr dort gewesen. Noch einmal die Wärme, die prächtigen Farben und den wunderbar rauhen, von Wasserrillen durchzogenen kompakten Kalk in den herbstlichen Préalpes geniessen, bevor mit den ersten Schneeflocken in den abgründigen Felszinnen hoch über dem Stillwasserwald und dem Foret de Lapé  tiefe und unergründliche Winterruhe einkehren wird. Bei einer ersten NE-SW-Traversierung der Pucelles vor 10 Jahren waren diese mit Ausnahme der Diehl-Kante nur rudimentär mit verrosteten Normalhaken und einigen eingemauerten Abseilringen ausgestattet gewesen. Wie sah es wohl jetzt aus? Hatte die verbohrte Hilti-Fraktion - wie mittlerweile leider fast überall in den schönsten Kalk-, Gneis- und Granitgebieten der Alpen - auch hier die letzten Quadratmeter schönsten Fels' in Beschlag genommen und mit Bolz "verpäffzgert"? Allein die Vorstellung, diesen über Jahrmillionen gewachsenen kostbaren Fels sinnlos zu durchlöchern, bloss um den "Mord am Unmöglichen" zu vollziehen, zerreist einem Herz und Trommelfell. Und das eigentliche Bohrgeräusch fühlt noch stärker auf den Zahn als der Zahnbohrer...Durch einen informativen Bericht von nadirazur war ich für die diesmal geplante SW-NE-Traversierung zumindest vorgewarnt. Immerhin ging ich dann vor Ort mit einem älteren Mitglied einer vor mir kletternden 3er-Seilschaft aus dem Gstaad,  der die Diehl-Kante an der Jumelle von früheren Begehungen vor ihrer Nachrüstung 2003 wie seinen Hosensack kannte, darin einig, dass schwere Schuhe klar bequemer sind als Kletterfinken, und punkto Absicherung mit Bohrhaken weniger mehr gewesen wäre: "Eso gieng's emel o!" Und zum meinem Glück nahm die Bohrhakendichte im weiteren Verlauf der Traversierung bis auf einige Abseilstellen sprunghaft ab: ça plane pour moi...

Von Haut du Mont (1365m) auf einem weiss-rot markierten Bergweg über Fessu zum Pass Pertet à Bovets (ca. 1800m), T2. Rechts vom SW-Pfeiler über die steile Grasflanke hinauf unter den felsigen Gipfelaufbau und von NW in kurzer Kletterei (II) auf das Corne Aubert (2038m), T5. Abstieg über den brüchigen NE-Grat und weiter dem Grat entlang z.T. ausgesetzt (eine Kante und eine Stufe je III) zu Les Pucelles, L, ca. 2h 15min.

Ueber die SW-Kante auf kompaktem und griffigem Kalk in 5. SL (4b-5c, Bh) ,auf die Jumelle (3ème Pucelle, 2088m), S. Einfacher Abstieg über den grasdurchsetzten NE-Grat in die Scharte, L.

Auf dem schmalen Grat an den Fuss einer ca. 12m hohen "mur", die auf den ersten Metern nur "des petites prises" bietet. Weiter über den grasdurchsetzten kompakten SW-Rücken an den Fuss einer Stufe, die SE von Stand an Block  aus durch eine ca. 5m hohe, von rechts nach links hinaufführende überhängende Rissverschneidung (1 H, 1 zusätzlicher Kk) überwunden wird. Weiter einfach auf die Pointe à l'Echelle (2ème Pucelle, Gipfelkreuz, 2090m, ), ZS. Abstieg: 3x20-25m abseilen an eingerichteten, z.T. alten Ständen, in die nächste Scharte, ZS.

Durch einen leichten Kamin auf Grasbänder, über diese SE des Grats unter den Gipfelaufbau, und durch einen 15m hohen Kamin (IV+, Stand mit 2 Bh, 1 H, 2 zusätzliche Friends) auf den Vanil de la Gobette (1ère Pucelle, 2109m), ZS, 5h 30min. Abstieg: rechts haltend über den NE-Grat bis unter eine ca. 12m hohe Stufe und rechts von dieser durch eine Rinne hinunter, bis auf steilen Gras- und Felsschrofen sehr ausgesetzt (T6+) zurück auf den fast horizontalen NE-Grat-Ausläufer hinaufgestiegen werden kann. Diesem entlang und abkletternd zu einem Tännchen, und an diesem ca. 20m abseilen. Ueber eine weitere Stufe (III) in den Sattel, T6 (alternativ kann NW des NE-Grats grösstenteils auf Grasbändern abgestiegen werden, T6).

SE am Doigt de Savigny vorbei zur Porte de Savigny (2017m) und auf dem eingezeichneten Pfad bis zum Beginn des SW-Grats. Dessen erster Aufschwung wird in steilem Gras-Kombi-Gelände NE umgangen (II-III, T6+), dann über den SW-Grat auf griffigem kompaktem Kalk (Stellen III-IV, z.T. umgehbar) auf den Dent de Savigny (2252.2m), WS, ca. 7h. Abstieg: in einfacher Blockkletterei (I-II) ca. 250m über den ENE-Grat, nach E 2x25m abseilen, über gemischte Schrofen wieder abklettern und nochmals 2x25m bis an den Fuss der SE-Flanke abseilen, Bh-Stände, WS.

Durch einen 1,5-2m hohen und ca. 20m langen Tunnel auf die NW-Seite queren, NE ausholend auf abschüssigen Schrofen und steilem Gras hinunter und auf Pfadspuren (gelbe Markierungen, Steinmänner) der Savigny-NW-Flanke entlang auf den Pfad zur Porte de Savigny und hinunter nach Le Pralet (1807m), T6. Auf dem weiss-rot markierten Bergweg über Les Revers (1511m) und La Féguelena (1420m) zurück, T2, ca. 10h.

Material: übliche Kletterausrüstung mit 50m Einfachseil, 6-8 Express, einigen Schlingen, 3 mittleren Friends, Kk-Sortiment und Pickelhammer.

Merci beaucoup à nadirazur pour les infos et Lugges pour le super foto!

Tourengänger: lorenzo

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Kommentare (6)


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Henrik hat gesagt: Deine Eingangsbemerkungen lesen
Gesendet am 11. Oktober 2009 um 10:23
sich wie ein Essay - hervorragend beobachtet, kritisch im Grundsatz und schliesslich in der Umsetzung dieser - stilsicher, toll!

Aber auch die Bilder griffig scharf.

Cordialement

Henrik

lorenzo hat gesagt: ...nicht vor dem Abend...
Gesendet am 11. Oktober 2009 um 12:10
Merci Henrik! Eigentlich habe ich mit Kritik gerechnet, aber die kommt ja villeicht noch...

Salutations

lorenzo

Alpin_Rise Pro hat gesagt: Übersicherheit
Gesendet am 12. Oktober 2009 um 13:50
Rassige Einleitung, dergleichen die Tour!
Deine kritischen Anregungen zur "to bolt or not to bolt" Debatte scheinen in der Wander-Community zu verhallen...

Nun, ich kenne besagte Routen nicht, bin aber in den Gastlosen schon übersicherte Routen wie den Gasterix gegangen. Die "Salut les Copains" an der Ruth ist nicht gerade übersichert, owohl sich Mann/Frau des 8. Grades über die zahlreicheren BH in den 6a und 6b Längen aufregen könnte....
Zu Zeiten der ersten Plaisir-Führern meinen Kletterkindergarten unbeschadet durchlebt, bin ich mir gut abgesicherte Routen gewöhnt - was aber nicht heisst, dass ich Bolts überall befürworte. "Früher" musste man sich die "gut" gesicherten Routen erst mal suchen, heute verhält sichs eher umgekehrt.
In alpinen Klassikern des vierten und fünften Grades sähe ich v.A. im Granit gerne mehr Durchdachtes weniger verbohrtes (ex. Cavardiras Südgrat, Zervreila NO, Brämplisplanggenstock Süd, Salbit Süd... wo neben formidablen Rissen gebohrt wurde und die Friends/Keile getrost zu Hause gelassen werden können). Während andere Touren im 6. und 7. Grad (Schafbergwand, Gonzen, Reibungsklettereien im Furka oder Tessin) für mich ohne BH alle 3 bis 5m nicht kletterbar wären...
Ebenso kann man sich über die BH im Chäsi Dach aufregen, seines Zeichens ein Meilenstein. Doch auch dort gibts links und rechts vom gebohrten Horizont noch Neuland!

Schlussendlich ists eine Frage der persönlichen Eichung und Fähigkeiten. So befürworte ich an den Ständen mindestens einen soliden Fixpunkt (Bomber), muss er auch gebohrt werden. Ebenso sind solide Abseilstellen in ab und zu begangenen Routen kein Luxus.

Was heisst "sinnlos durchlöchern"? ErstbegeherInnen tragen die ethische Verantwortung für ihr Werk und sind in ihren Entscheidungen frei; sanierungswütige Hiltiträger müssen sich erst Gedanken machen, wer vor ihnen war (Kontakt zu den Erstbegehern!) und was nach ihnen kommt... die Bohrhakenflut?

Zum Glück gibts immer noch alte Klassiker z.B. im Alpstein oder an den hohen Bergen (Schali etc.), die keine oder sehr wenige BH haben. Dort lebt das Unmögliche munter weiter.

Gruess, Rise

lorenzo hat gesagt: RE:Übersicherheit
Gesendet am 13. Oktober 2009 um 00:01
Hallo Rise

ich denke auch, dass wir u.a. wegen der hiesigen Plaisir- und Sportkletterkultur mittlerweile zu stark an Bh gewöhnt sind, und Entwöhnung fällt gewöhnlich schwerer als Gewöhnung.

Andererseits gibt es Kletterkreise und -gebiete (z.B. in Deutschland, England oder den USA), die den Gebrauch von Bh ablehnen und eine flexible Sicherungskultur bis in höchste Schwierigkeitsgrade pflegen, von der auch wir lernen könnten, und wie es "keep wild" ja auch anstrebt. Voraussetzung dazu wären allerdings ein Umdenken und ein entsprechender Lernprozess.

Deiner Empfehlung "mehr Durchdachtes und weniger verbohrtes" kann punkto der von Dir erwähnten Routen, die ich auch kenne (z.B. Salbit), nur zustimmen.

Am meisten befriedigend finde ich es, sich mit flexiblem Material zu sichern. Etwas weniger befriedigend, wenn ich Normalhaken benutzen muss. Unbefriedigend finde ich, wenn ich auf Bohrhaken im 3-5m-Abstand angewiesen bin oder sogar A0-Züge machen muss, weil das für mich heisst, dass ich den Schwierigkeiten nicht gewachsen bin. Andererseits kann man nur auf zu schweren Routen dazu lernen und weiter kommen.

Kurzum:
1. wo flexibel oder mit Normalhaken gesichert werden kann, sollte nicht gebohrt werden („keep-wild“-Standard)
2. alte Routen sollten mit den Mitteln der Erstbegeher und - soweit möglich - nur nach Rücksprache mit ihnen saniert werden
3. auf den Einsatz von Bohrhaken sollte soweit als möglich verzichtet werden. Ausnahmen sind ev. Stände und Abseilstellen vielbegangener Routen und ggf. Zwischensicherungen bei heiklen bzw. unfallträchtigen Stellen (z.B. bei Vereisung).

Und die alten verlassenen Klassiker ohne Bh gibts ja zum Glück noch allenorten, nicht zuletzt auch solche, die so brüchig sind, dass man den Bohrer gar nicht ansetzen kann..

Gruss

lorenzo

mde hat gesagt: To bolt or not to be...
Gesendet am 13. Oktober 2009 um 14:49
Habe mir lange überlegt, ob ich hierzu auch Stellung nehmen soll. Doch irgendwie, sorry Lorenzo, waren mir die Zeilen derart polemisch geschrieben, mit noch ein bisschen Reinhold Messner angereichert, dass ich mir kaum vorstellen konnte, dass ein schlauer Diskurs zustande kommt. Nun versuch ich's aber doch...

Vielleicht rasch zu meinem Hintergrund: die von Dir begangene Route kenne ich nicht, ich bin an den Gastlosen nur die Sportkletterrouten "Fete des Peres", "Salut les Copains" und "Elsa" geklettert. Meine klettertechnischen Wurzeln reichen soweit zurück, dass ich noch fast ausschliesslich in schlecht abgesicherten Routen das Metier am Fels gelernt habe. Ich habe in den USA, in Grossbritannien, in Australien und anderswo ausgiebig "clean climbing" betrieben, gerade diese Sommer war ich wieder 2 Wochen im Elbsandstein unterwegs.

Es gibt für mich selber auch Beispiele, wo Routen, die ich schon im alten Zustand ohne Sorgen begangen habe, nachher mit Bohrhaken ausgerüstet wurden. Ich habe z.B. fast alle Routen am Brüggler noch vor der Sanierung, bzw. bevor überhaupt Bohrhaken angebracht wurden, geklettert. Und ja, es ging damals auch "safe", daher kann man sich fragen, ob die Bohrhaken auch wirklich nötig sind.

Ich teile die Meinung, dass sehr genau überlegt sein sollte, was jetzt wo und wie saniert wird. Einfach flächendeckend Bohrhaken anzubringen ist sicher nicht der richtige Stil. Ob insbesondere Voralpengrate, d.h. klassisches Abenteuergelände mit Bohrhaken ausgerüstet sein müssen? Es betrifft mich persönlich nicht so, da ich kaum in solchen Touren unterwegs bin. Entscheidet das also unter euch, und überlasst den alpinen Sportkletterern ebenfalls selbst die Entscheidung, wie sie ihre Routen absichern.

Im Hochgebirge stellen sich im Prinzip ähnliche Fragen. Bei allen von mir diesen Sommer begangenen 4000er-Touren wurde der Charakter durch Bohrhaken nachhaltig verändert. Das Schreckhorn ist durch die Bohrhaken zum Plaisir-4000er geworden, der Weisshorn-Nordgrat liesse sich mit einigen Klemmgeräten ebenso gut absichern und bei "unserer" Täschhorn-Tour wurde gerade diesen Sommer mit dem Kinfelsen-Klettersteig der alpinistische Anspruch massiv gesenkt.

Soweit haben wir also ziemlich viel Übereinstimmung, doch hier beginnen sich unsere Meinungen wohl zu trennen: für mich ist es am befriedigendsten, eine möglichst schwierige Sportkletterroute in alpiner Umgebung, in kompaktem Fels, in sportlich einwandfreiem Stil (sprich: onsight) zu durchsteigen. In dieser Art an der Sturzgrenze zu klettern erfordert regelmässige Sicherungspunkte.

Dem Einsatz von Normalhaken stehe ich eher kritisch gegenüber, sie sollten in Neutouren heute nicht mehr verwendet werden. Sind sie fix, so sind sie genauso fixes Material wie Bohrhaken. Werden sie immer wieder ein- und ausgenagelt, so schädigen sie die Felsstruktur stark. Es gibt in den USA ganze Touren, die heute nur clean geklettert werden können, da man die durch frühere Begehungen entstandenen Hakenlöcher in den Rissen nutzt. Und logischerweise geben die Hakenlöcher auch ganz passable Griffe her, aber es sind halt eben Kunstgriffe, bzw. die Freikletterschwierigkeit hat sich dadurch massiv gesenkt. Und zuletzt sind Normalhaken als fixe Sicherung einfach unzureichend sicher, bzw. nur sicher, wenn man sie selbst geschlagen hat, doch dann hat man das Problem mit der Felsschädigung.

Anzufügen ist auch noch, dass die Felsstruktur in der CH sich für das Clean Climbing vielerorts nur mässig eignet. Im hier häufig vorherrschenden Hochgebirgskalk wird weltweit nicht viel flexibel abgesichert. Strukturierten Sandstein wie in Australien oder dem Elbsandstein gibt es in der CH einfach nicht und unglücklicherweise ist selbst im Urgestein die Klüftung in manchen Gebieten so unpassend, dass Clean Climbing nur eingeschränkt möglich ist, oder dann sind die Risse bewachsen.

Dennoch, dass man auch in neu erschlossenen Sportkletterrouten auch dort nicht bohrt, wo auf der schönsten bzw. logischen Linie zuverlässig mit eigenen Mitteln abgesichert werden kann, finde ich richtig. Hingegen, bei einer Neutour im Gemüse rumzuklettern nur um einen Bohrhaken zu vermeiden und flexibel absichern zu können: in meinen Augen schade und sinnlos!

Anzufügen bleibt vielleicht noch, dass für mich die Begehung einer cleanen Route keinen höheren Stellenwert hat, bzw. kein schöneres Erlebnis ist als jene einer Bohrhakenroute. Ich will schliesslich klettern, während Clean Climbing, je mehr man ans persönliche oder von der Felsstruktur gegebene Limit kommt, vor allem eine Bastelei bzw. Fummelei ist. Ich spreche da aus (eher leidvoll empfundener) Erfahrung.

Ich bin ja auch als Erschliesser tätig und handhabe es so: Normalhaken setze ich keine ein, flexible Sicherungsmittel wie oben beschrieben dort, wo auf der gewünschten bzw. schönsten bzw. logischen Linie gut möglich. Ansonsten stecken Bohrhaken, welche von unten in freier Kletterei angebracht werden. Die Abstände sollen der Schwierigkeit angepasst sein, die Bohrhaken werden jedoch vorausschauend und durchdacht gesetzt. Trotz der Bohrhaken darf es weiterhin möglich sein, die Tour *nicht* hochzukommen, wenn das Kletterkönnen nicht genügt. Sprich, es soll trotz guter Absicherung weiterhin ein Unterschied zwischen Vor- und Nachstieg bleiben, gefährliches Sturzpotential wird jedoch elimiert.

Unter diesem Credo kann ich zu jedem bisher von mir gesetzten Bohrhaken stehen, und ich habe bisher auch noch keine Beschwerden über zuviele Haken in einer meiner Touren erhalten. Sanierungen sind ein ganz eigenes Thema: in bereits bestehenden Routen habe ich noch nie einen Haken angebracht und plane, dies auch in Zukunft so zu halten.

lorenzo hat gesagt: RE:To bolt or not to be...
Gesendet am 15. Oktober 2009 um 23:28
Hallo Marcel

besten Dank für Deine differenzierten und für mich lehrreichen Ausführungen.

Ich war übrigens von Eurer Route „Hannimoon“ und Deiner professionelle Dokumentation beeindruckt. Gestört hat mich aber, wie bereits geschrieben, v.a. der Bohrer im - davon abgesehen ebenfalls sehr unterhaltsamen – Videoclip, so dass ich mich gefragt habe, ob ihr bei eurem hohen Kletterniveau die Route nicht flexibel hättet absichern können? Einige Risse waren auf Deinen Fotos immerhin sichtbar, aber mir ist klar, dass es vor Ort jeweils anders aussieht. Und die übrigen Gegenargumente hast Du ja mit Deinem Kommentar geliefert.

In Bereichen, wo „Sichern, um nicht zu stürzen“ praktiziert wird, also bei den von Dir erwähnten Voralpengraten, Hochtouren, „klassischem Abenteuergelände“ und der Sanierung klassischer Routen (die Sanierung von Bohrhakenrouten wäre dann nochmals ein anderes Thema) stimmen wir wohl wirklich überein, und scheint die Anwendung der von mir skizzierten (aber nicht erfundenen, da in der öffentlichen Diskussion längstens diskutierten) drei Punkte sinnvoll, wenn auch in Plaisirkreisen nicht unumstritten, zu sein. Es leuchtet ein, dass die Felsstruktur dafür geeignet sein muss, und die Schwierigkeiten sich dabei in den unteren und mittleren Graden (villeicht bis V-VI) bewegen.

Ebenso teile ich Deine Bedenken wegen der Schädigung der Felsstruktur durch das schlagen von Normalhaken: erstens hat es von mir aus gesehen auch nichts mit „clean“ zu tun, wenn Hakenlöcher zur Fortbewegung oder flexiblen Sicherung benutzt werden, und zweitens ist dann punkto Schädigungspotential gegenüber Bohrhaken nichts gewonnen.

Natürlich sind gebohrte Routen benutzerfreundlicher als die „Fummelei“ mit Schlingen, Cams und Keilen, umso mehr, wenn man alleine unterwegs ist und wenig Zeit zur Verfügung hat. Mit genügend Uebung und Routin, d.h. zunehmend geschärfter Wahrnehmung und zielsicheren Bewegungen, lässt sich aber der Zeitaufwand Placements minimieren.

Eigentliches alpines Sportklettern in vorwiegend mit Bohrhaken ausgerüsteten Routen kenne ich nur von einigen wenigen Routen im Nachstieg und ausnahmsweise mal im Vorstieg, kann mich dazu also nicht so kompetent äussern wie Du, v.a. wenn es um Details wie z.B. das Verhältnis von Hakenabständen und Schwierigkeitsgrad geht. Einige grundsätzliche Ueberlegungen erlaube ich mir aber als Laie trotzdem, andere sind im Link zum NZZ-Artikel formuliert.

Sportklettern findet, wie Du bereits erwähnt hast, an der Sturzgrenze statt, d.h. (in Umkehrung der obigen Formulierung) man „sichert, um zu stürzen“. D.h. es handelt sich um ein völlig anderes Kletterkonzept mit ganz anderen Spielregeln. Es ist klar, dass dabei die Sicherungspunkte zu 100% zuverlässig sein müssen. Ebenso klar ist, dass in kompaktem Fels, wo Zacken, Schuppen Löcher, Risse Sanduhren usw. fehlen, eine solche Qualität nur mittels Bohrhaken erreicht werden kann. Es ist zwar Ehrensache, Routen von unten zu eröffnen, dies geschieht bei höheren Schwierigkeitsgraden aber jeweils mit Technomaterial wie z.B. Cliffs u. Skyhooks. „Zuerst bohren, dann punkten“, heisst die Devise. Die eigentliche Sportkletterethik bzw. das was sonst im Sport als Fairplay bezeichnet wird, beginnt somit eigentlich erst, wenn die Route gebrauchsfertig mit Bohrhaken eingerichtet ist und es darum geht, sie rotpunkt oder sogar onsight zu klettern, was dann nicht selten ein beachtliches, monate- bis jahrelanges, z.T. routenspezifisches Training erfordert.

Dagegen wäre grundsätzlich nichts einzuwenden, wen es sich statt um Fels um künstliche Kletterwände handeln würde. Beim Fels stellt sich aber die Frage, wie viel Respekt man diesem entgegenbringt bzw. wie viel man diesem zumuten will. Oder anders gefragt: wie viel „Kultur“ verträgt die Natur? Auch wenn die Zerstörung von Fels durch Bohrhaken verglichen mit jener durch die gesamte alpine Infrastruktur wie z.B. Strassen, Tunnel, Staumauern, Druckstollen, Bergbahnen, SAC-Hütten, Hüttenweg usw. vordergründig kaum ins Gewicht fällt, sollte man sich über den Umgang mit der Ressource Fels – wie mit allen anderen natürlichen Ressourcen – Gedanken machen und sich darüber Rechenschaft ablegen. D.h. man sollte die Verzichtsethik des Sportkletterns (Verzicht auf künstliche Fortbewegungsmittel) auf dessen Grundlagen, nämlich die Absicherung und den Fels selbst ausdehnen. Das würde z.B bedeuten, auf Routen in steilem oder überhängendem kompaktem Fels, der sich nicht mittels seiner eigenen Strukturen absichern lässt, zu verzichten, statt sie mit Bohrhaken zu erzwingen. Wer weiss, ob nicht spätere Generationen dort ohne Bohrhaken hinaufklettern, wie ja auch bereits heute Diretissimas aus den 50er- und 60er Jahren, die damals als nicht frei kletterbar galten, frei geklettert werden?

Die Verwendung von Bohrhaken kann auch deshalb als unsportlich betrachtet werden, weil damit die Grenzen von dem, was individuell und allgemein aktuell möglich ist, künstlich hinausgeschoben werden, indem die Kletterfähigkeit zu einem grossen Teil mental bedingt ist (z.B. Gleichgewicht, Angsttoleranz), und Bohrhaken mentale Unterstützung bieten, gewissermassen so wie Tranquilizer. Man könnte sie deshalb als leistungssteigernde Substanz bezeichnen und versucht sein, sie mit Doping oder der im NZZ-Artikel erwähnten „englischen Luft“ zu vergleichen, mit der heutzutage Massen von Leuten Achttausender besteigen, die dazu sonst nicht in der Lage wären.

Seit dem Aufkommen der Plaisir- und Sportkletterbewegung in der Schweiz Ende 70er Jahre wurden in den Schweizer Alpen zahlreiche Sediment- und Urgesteingebiete z.T. flächendeckend eingebohrt: eine Route neben der andern, sich sogar manchmal überschneidend bis zur Unübersichtlichkeit. Ueber ein neu erschlossenes Gebiet wurde jedes Mal in den „Alpen“ oder einschlägigen Klettermagazinen wie „Klettern“, „Bergsteigen“ oder „Alpin“ berichtet, bevor es in die jeweils neueste Auflage der Plaisir- oder Extremführer aufgenommen wurde. Heute ist es nicht anders. Ein solches Gebiet ist dann für kurze oder längere Zeit in Mode, um bald wieder der Vergessenheit anheim zu fallen, weil es schon wieder durch ein anderes abgelöst wird. Wer geht heute noch ins Eldorado oder nach Ueschenen? Die gebohrten Routen an der Handegg mussten wegen Lockerung der Bolts durch Elektrolyse schon nach relativ kurzer Zeit wieder saniert werden. Andere rosten vor sich hin und Hakenfriedhöfe sind schliesslich noch der einzige Ueberrest solchen gedankenlosen Felskonsums.

Die Felsen sind – neben den durch die Klimaerwärmung bedingt leider schwindenden Gletscher und Firnregionen - eines der wenigen unvernutzten und intakten Refugien, die wir in den Alpen noch haben. Sie sind gewissermassen ein Sanctuarium, dem man mit Ehrfucht begegnen sollte. Im Himalaya sind etliche Berggipfel wie z.B. der Kailash oder der Machapuchare heilig, gelten als Sitz der Götter und dürfen nicht betreten werden, was auch von westlichen Bergsteigern respektiert wird. So scheint es auch bei uns nicht zuviel verlangt, den Fels und seine Geheimnisse zu respektieren, seine Strukturen zu lesen, und sich auf ihn einzulassen, statt ihn mit Bohrhaken zu vergewaltigen, zu stigmatisieren und damit letztlich zu schänden.

Wie absurd der Gebrauch von Bohrhaken sein kann, soll abschliessend noch ein bedenkliches Beispiel aus dem Bereich Eisfallklettern verdeutlichen. Es ist unglaublich, wie weit es SpezialistInnen in dieser Disziplin gebracht haben, bei der die Faszination bisher ja u.a. darin bestand, wegen dem sich verändernden Aggregatszustand des Wassers keine bleibenden Spuren zu hinterlassen. Nun werden aber bei Eisfällen und noch mehr bei Mixedrouten, die vermutlich das Non-plus-ultra dessen darstellen, was klettermässig überhaupt denkbar und möglich ist, neben den üblichen Eisschrauben zunehmend auch Bohrhaken eingesetzt. Die Polemik um die kürzliche Erstbegehung von „Fosslimonster“ in Norwegen kann man im Internet nachlesen. Noch fragwürdiger fand ich aber die etwas weiter zurückliegende „Erstbegehung“ des Staubbachfalls in Lauterbrunnen: erstens stellt sie meines Erachtens ein Sakrileg dieses einmaligen Wasserfalls dar, zweitens ist der Begehungsstil mehr als zweifelhaft, indem für den obersten Abschnitt von oben Bohrhaken gesetzt wurden, was mit dem Einbrechen einer Warmfront begründet und gerechtfertigt wurde.

Was bleibt einem da viel anderes übrig, als all die gewöhnlichen Touristen zu bewundern, die z.T. von weit her nach Lauterbrunnen reisen, nur um den Staubbach zu sehen und einfach über seine Erhabenheit zu staunen?

Und den „Erstbegehern“ würde man gerne nahezulegen, es ihnen gleich zu tun, Goethes „Gesang der Geister über den Wassern“ zu lesen und über den Kreislauf der Natur und unsere Vergänglichkeit zu sinnieren.

Gruss

lorenzo


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