Val Bavona: Rundtour Alpe di Nassa – Alpe Solögna


Publiziert von Seeger Pro , 8. August 2009 um 23:12.

Region: Welt » Schweiz » Tessin » Locarnese
Tour Datum: 7 August 2009
Wandern Schwierigkeit: T4 - Alpinwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-TI   Gruppo Pizzo Solögna 
Zeitbedarf: 8:00
Aufstieg: 1550 m
Abstieg: 1550 m
Strecke:Foroglio - Alpe di Nassa - Alpe di Solögna - Rosed - Foroglio
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Ö.V: Mit FART von Locarno nach Bignasco, Postauto nach Foroglio (Sommerbetrieb, wenige Verbindungen) Auto: Locarno-Ponte Brolla-Cevio-Bignasco-nach der Brücke scharf nach links Richtung Val Bavona- zum Parkplatz von Foroglio, gebührenfrei
Zufahrt zum Ankunftspunkt:item
Unterkunftmöglichkeiten:Einkehr: Restaurant La Froda in Foroglio und Restaurant Grotto di Baloi in Fontana Hotel: Albergo Posta, Cavergno und Albergo Turisti, Bignasco
Kartennummer:1271 Basodino

Zwei Seitentäler des Val Bavona - sozusagen Schwestern – und unterschiedlicher könnten sie nicht sein: Val Nassa eng, steil und armselig, Val Solögna weit ausladend und mit saftigen Wiesen. So wähle ich den Aufstieg über die Nassa und den Abstieg über die Solögna. Bei der Kirche in Foroglio zweigt ein Weg Richtung NW gegen eine Rippe in den Wald ab. Ziemlich steil führt er in vielen Kehren entlang dem komplett bewaldeten Kegel der Gegend Semicorte auf die oberen Häuser, 1119m, hinauf. Die Häuser sind und werden liebevoll renoviert. Sogar mit Steindächern neu eingedeckt!
Rechts oberhalb Semicorte geht’s etwas weniger steil zum Bach, über diesen hinüber zur Gegend „Al Scrann“.
Mir kommen die Aufzeichnungen von Plinio Martini in den Sinn: „An einem Ort, genannt Al Scrann, ist es ausserordentlich gefährlich.Ich erinnere mich noch gut,dass, als mich mein Vater geborgen in der Gerla hinauftrug, es mir schien, in der Leere zu hängen: ich war vielleicht vier Jahre alt . Ich habe noch den Lärm seiner genagelten Zoccoli, welche schwer auf die Felsen aufschlugen, in den Ohren.“ Zuerst eine kurze Angewöhnungs-Partie im Wald, dann über zweihundert Höhenmeter ein atemberaubender und clever angelegter Weg über Steintreppen, eingemeisselte Tritte und mit Drahtseil gesicherten Couloirs. Eine junge Birke bietet sich an einem heiklen Ort als willkommene „Steighilfe“. An einer Stelle ist die Treppenanlage so exponiert, dass sie quasi in der Luft hängt (T4). Alles in Allem eine luftige Angelegeheit über dem Ri di Nassa, welcher zur Linken von Wasserfall zu Wasserfall wild zu Tale stürzt. Die Fondazione di Bavona plant nach neuesten Mitteilungen die Renovation dieses in ihrem Kataster aufgeführten traditionellen Alpwegs.
 
Zuerst angenehm steigend, später sehr steil zu Corte di Fondo, 1590m. Davor plätschert ein Brunnen. Wunderbares Wasser als Kompensation für den grossen Wasserverlust. (Warum die schönen Tage immer so heiss sein müssen?). Der Stall steht immer als Zufluchtsort in Notfällen offen, ist jedoch schmutzig.
Ich bin doch sehr erstaunt, plötzlich einen mittels Trimmer auf knappe zwei Meter Breite heraus gemähten Weg zu finden, welcher auf der ehemaligen Weide entlang einem Tälchen direkt auf den Corte di Cima, 2021m, führt. Den Corte di Mezzo, 1755m, zu dem ebenfalls ein gemähter Weg abzweigt, habe ich rechts liegen gelassen. Langsam öffnen sich die oberen Täler: Die Forcella zur Linken nach Auèn, die Valetta zur Bocchetta di Valetta zu den Crosa-Seen (sehr zu empfehlen!) und die kleine Anhöhe mit der winzigen Alphütte des Corte di Cima. Direkt daneben das riesige Blockfeld, welches sich vom Val Valetta herunterzieht. Welch bescheidene Alp - welch grandiose Aussicht ins Val Bavona und zu den schroffen Taleinschnitten vis-à-vis! Ein Kontrast, welcher mich immer wieder beschäftigt. Diese Art Freiheit musste und muss immer wieder hart erkämpft werden.
Mittagsrast am bequemen Tisch mit Bänken vor der Cascina, deren eine Dachhälfte mit einer Plastikfolie vor eindringendem Wasser geschützt ist. Mittagshitze. Zum Glück befindet sich 20 m unterhalb der Hütte Richtung ENE im Tälchen eine immer Wasser führende Quelle von fantastischer Qualität.
Schon von Weitem sieht man den mit einem Wegweiser versehenen Übergang, etwa 2110m, auf dem Grat, welcher sich vom Pizzo Piènsgai, 1568m, gegen Osten hinunterzieht. Dazwischen liegt das oben genannte Blockfeld. Wird rechtsherum umgangen, dann horizontal gequert  Richtung einer jungen Lärche mit gebogenem Stämmchen. Von dort entlang eines Grasbuckels auf einem nicht immer eindeutigen, jedoch leichten Weg auf den Übergang hinauf. Wow: Ein weiter Talkessel, dominiert vom Pizzo Piènsgai und Pizzo Solögna und Madone, breitet sich aus. Rechts unten das Haupttal. Am Horizont das Massiv des Basodino. Jenseits des Tales die Kette vom Pizzo Castello – Pizzo Foioi – Pizzo Rosso – Pizzo d’Oglie und deren mystische, tiefeingeschittene V-Täler: Foioi und Oglie.
Kurzer, „gächer“ Abstieg von etwa fünfzig Metern, dann etwas weniger steil und später horizontal gegen die verschiedenen Geröllhalden, welche man abenteuerlich (jetzt weiss ich, woher der Name Pfadfinder kommt) durchkämpft. Schliesslich erscheint eine schöne Wegspur zu den Hütten von Pianaccio, 2021m. Da ist Leben. Die Hütten werden unterhalten. Das Wasser für den Brunnen wurde unlängst einige hundert Meter entfernt gefasst. Vater und Sohn verbringen einige Tage zusammen. Fischen „geht man“ zum Antabia-See (nur 2 Std.) oder Lago di Crosa (nur 3 Std.). Zur Abwechslung auch ein Sudoku / Kreuzworträtsel oder Bauen. Das Holz liegt schon bereit. Eingespieltes Team. Kaffee und Sirup. Herzlichen Dank!
Plinio Martini hat hier etwas Besonderes erlebt, welches ich grob übersetzt habe:
Es war im Jahr 1921. Gegen Mitte August – ich war dazumal neun Jahre alt -  hatte eine Überschwemmung in einer einzigen Nacht sämtliche Brücken im Val Bavona wie Halme weggefegt; ausser zwei: die von Sonlerto -  genannt „Della Presa“ - und die von Fontana - „Del Chiall“. Wir waren auf Pienasc  (Pianaccio), es strömte den ganzen Tag, und gegen abend wollten wir nach Corte Grande gehen, welcher ein etwas sicherer Ort ist. Aber mitten durch den Corte del Pienasc, normalerweise ein wasserloser Ort, floss ein Wildbach so gross wie ein Fluss, und es war unmöglich ihn zu überqueren,sei es für Mensch oder Tier. Wir mussten die Nacht dort verbringen; eine Nacht, welche ich nicht mehr vergessen werde. In allen Hütten, mit Ausnahme einer, drang das Wasser durch die Mauern und verliess sie durch die Türe, dreissig bis vierzig Centimeter hoch, sodass die Melkschemel, die Schuhe,das Brennholz herumschwammen. Man versammelte sich in der trockensten Hütte, wo wir irgendwie Feuer entfachen konnten, und dennoch war man durchnässt, weil das Wasser durch Dach und Mauern eindrang; wir waren sechs Personen, und die ganze Nacht hagelte und donnerte es ohne Unterlass; vom Madone prasselten andauern Steine nieder. Wir verbrachten die ganze Nacht wach – betend – mit ziemlicher Sicherheit, den nächsten Tagesanbruch nicht mehr zu erleben. Dann, Gott sei Dank, erwachte der Morgen, und auch das Wetter beruhigt sich. Die Siedlung war bedeckt von Schlamm: die armen Tiere schienen wie versteinert, dann, nach und nach, liessen die Stürme nach und gegen Abend, mit uns das Allerwichtigste mitgenommen, gelang es uns Corte grande zu erreichen – Gott dankend,dass er uns das Leben gerettet hat.
Mir geht es einiges besser: Bei schönstem Sonnenschein schlendere ich durch die saftigen Wiesen. Auch in Corte Grande, 1869m, sind alle noch stehenden Häuser sanft renoviert worden. Sonnenschirm, Grill – alles für das Ferienvergnügen. Die Wiesenflächen sind gepflegt. Immense Arbeit. Auch hier ist der Weg durchwegs herausgeputzt - unglaublich. Angenehm hinunter zum Wald mit den uralten Weisstannen. Methusalems, wie ich sie schon selten gesehen habe. Man schreitet dank den Tannennadeln wie auf einem Teppich weich abgefedert gegen Corte Nuovo hinunter. Hier ist Plinio Martini geboren. Alle Hütten wunderbar instand gestellt. Nur die (Not-) Brücke über den Ri di Croazöö ist beinahe unpassierbar. Jeder zuständig – niemand verantwortlich.
Der Versuchung, von den allersüssesten Heidelbeeren zu naschen, kann ich nicht widerstehen. Aber was ist schon Zeit? Wieder in angenehmen Kehren schwebe ich quasi zum Fluss hinunter, wo ich Ende Mai wegen Hochwassers nicht passieren konnte. Heute problemlos über die Stützmauer und den aufgesetzten Steinklötzen. Dieser doch sehr wichtige Übergang soll saniert werden, heisst es. Eine Brücke wäre die beste Lösung. Etwas weiter unten. Welche Partei wird gewinnen? Wartens wir ab.
Leicht absteigend nach Costa. Kurzes Buongiorno, come vai? Auf dem Sporn unterhalb der Hütte ist der schönste Flecken des ganzen Val Bavona: Rundherum alle „Alten Bekannten“: Sevinera – Foioi – Oglie – Magnasca – Mater – Calneggia mit Cazzana, Orsalietta, Orsalia – Tiefblick bis nach Cavergno und der Kirche von Bignasca……Du siehst, ich komme nicht mehr aus dem Schwärmen raus!
Über die famosen Treppenanlagen, welche ich schon einige Male begangen habe und immer wieder von Neuem fasziniert bin, geht’s vorerst hinunter nach Roseto und anschliessend entlang dem rauschenden Fluss nach Foroglio zurück.
Das Gewitter zieht erst spät im Abend auf.
Mit Blitz und Donner.
Ich denke an Vater und Sohn in Pianaccio. Ob sich das Wasser in Grenzen hält?

Tourengänger: Seeger

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Kommentare (3)


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raytek hat gesagt:
Gesendet am 9. August 2009 um 23:24
Und wieder ein toller "Roman mit Bildern" vom Andreas. Das Val Bavona überrascht immer wieder mit seinen unzähligen "abenteuerlichen" Seitentälern. Wenn man nur mehr Urlaub im Jahr hätte und nicht so weit weg wohnen würde...Aber Andreas` Tourenberichte machen Lust auf mehr...Ich freu mich schon auf Anfang September, wenn ich mit Freunden im Tessin unterwegs bin...

MicheleK hat gesagt: Grazie !
Gesendet am 10. August 2009 um 00:22
Ciao Andreas

wie immer eine geniale Beschreibung - gespickt mit dem Hintergrund von Plinio Martini - die Geschichte wird zur Realitaet !

Tanti saluti.
Michele

Henrik hat gesagt: Mich wundert immer wieder,
Gesendet am 10. August 2009 um 08:53
auch wenn ich nicht so ausgesetzte Stellen wie du aufsuche, dass überraschenderweise vieles wieder wirklich liebevoll hergerichtet wird...so können wir hoffen, dass das Vermächtnis (u.a) eines Plinio Martini erhalten bleibt und die Menschen, wenn auch nur kurze Zeit im Tal verbleiben.

Besonders gefallen hat mir dein Bezug zu eben Plinio Martini...solcherlei Hintergründe lassen auch besser verstehen wie etwas entstanden ist oder wie es eben deswegen so aussieht.

Ciao

silbervogel


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