Von den Churfirsten zu den Kurfürsten - Mainz


Publiziert von PStraub , 23. April 2018 um 12:00.

Region: Welt » Deutschland » Südwestliche Mittelgebirge
Tour Datum:19 April 2018
Wandern Schwierigkeit: T1 - Wandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: D 

Ab und zu taucht die Frage auf, warum nur sieben Gipfel zu den Churfirsten gehören und nicht die ganze Gruppe zwischen Leistchamm und Hinderrugg oder gar Gauschla. Der Grund ist einfach: Lange wurde angenommen, der Begriff "Churfirsten" komme von "Kurfürsten" - darum durften es nicht mehr als sieben sein.

Die Kurfürsten (Kur: von küren = wählen) waren zwischen dem Beginn des 13. Jahrhunderts und dem Ende des Reiches 1806 als Wahlgremium zuständig für die Wahl des Kaisers. Zudem oblagen ihnen die "Reichserzämter". Sie waren damit die mit Abstand mächtigsten Würdenträger neben dem Kaiser.  
Auch innerhalb des Gremiums gab es eine fixe Rangordnung: Erst die Erzbischöfe von Mainz, Trier und Köln, dann der König von Böhmen, der Pfalzgraf bei Rhein, der Herzog von Sachsen und der Markgraf von Brandenburg. Bei Stimmgleichheit hatte Mainz den Stichentscheid.

Wer also Mainz und Trier besucht, macht den Nummern eins und zwei im damaligen Machtgefüge die Aufwartung.

Von Hessens Landeshauptstadt Wiesbaden nach Mainz, der Landeshauptstadt von Rheinland-Pfalz, ist es nicht weit: die beiden Städte liegen sich am Rhein gleich gegenüber. Wie die Mannheimer über Ludwigshafen, spotten hier die Mainzer, das beste an Wiesbaden sei die Brücke über den Rhein ..

Mainz hatte in der Antike eine typische Siedlungsgeschichte: erst ein Legionslager, dann Provinzhauptstadt. Spätestens ab der Mitte des 4. Jahrhunderts hatte die christliche Gemeinde einen Bischofs, Mainz gehört somit zu den Städten, die seit der Antike immer Bischofssitz waren.

Mainz gehörte schon seit Chlodwigs Zeiten zum merowingischen und dann karolingischen Reich, wo den Bischöfen die zivile Verwaltung der Städte oblag. Bis ins Hochmittelalter wurde der Einfluss der Reichskirche noch stärker, die Fürstbischöfe waren die zuverlässigste Machtbasis der Kaiser: Bischofs- und gar Erzbischofssitze wie Mainz waren Zentren von Macht und Reichtum und konnten beträchtliche Ländereien als weltliche Herrschaft an sich ziehen. So prangte das kurmainzische Rad an weit entfernten Herrschaften wie zum Beispiel im Eichsfeld oder in Erfurt. Heute findet man es nur noch ganz bescheiden auf dem Wappen von Rheinland-Pfalz.


Die wichtigsten Sehenswürdigkeiten von Mainz können leicht zu Fuss erreicht werden.
Wir haben unsere Erkundigungen am Kästrich begonnen, wo gleich hinter dem Hotel die Reste eines römischen Stadttores freigelegt worden sind. Richtung Stadt folgt die Überbauung Kupferbergterrasse (Privatgelände!), von wo aus man die gleiche, prächtige Aussicht auf die Altstadt hat wie das davor stehende Reiterstandbild des Heiligen Martin.
Wer dem Kästrich nach rechts folgt, kommt zum Gautor und zur St. Stephanskirche mit den Chagall-Fenstern und etwas weiter zur Zitadelle mit alten Militäranlagen und weniger alten Verwaltungsgebäuden.
Oder man geht die Treppe hinunter und kommt bald zum Schillerplatz mit Gasthäusern und dem Fastnachtsbrunnen.

Das wichtigste Baudenkmal ist ohne Zweifel der Dom, neben Worms und Speyer einer der rheinischen Kaiserdome.
Der für das Hochmittelalter riesige Bau diente ursprünglich nur als Machtdemonstration. Errichten liess ihn Erzbischof Willigis, als Erzkanzler der zweitmächtigste Mann des ottonischen Reiches. Das war erstaunlich, da er weder adliger noch reicher Abstammung war. Sein Bau brannte allerdings am Tag der Einweihung ab und wurde erst etwa 40 Jahre später neu aufgebaut.

In Räumen aus dem 11. Jhd. ist der Mainzer Domschatz ausgestellt. Das linksrheinische Gebiet wurde zwar immer wieder von den Franzosen unter fadenscheinigen Gründen mit Krieg überzogen und ausgeplündert, doch einige kostbare Stücke sind erhalten geblieben.

Die wichtigste kulturelle Leistung eines Mainzers ist der Buchdruck. Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg, hatte um 1450 sein Verfahren, aus gegossenen Lettern ganze Seiten zusammenzusetzen und diese zu drucken, soweit verfeinert, dass er nicht nur einzelne Blätter, sondern ganze Bücher drucken konnte.

Wir können uns kaum mehr vorstellen, welch revolutionäre Entwicklung diese Erfindung auslöste. Plötzlich waren Texte in grosser Zahl und preisgünstig für alle verfügbar. Plötzlich machte es Sinn, lesen zu können - weil es erschwinglichen und interessanten Lesestoff gab. Plötzlich konnten Ideen schnell verbreitet und konnte Wissen für eine breite Leserschaft aufbereitet werden.
Der kulturelle Vorsprung des Abendlandes beruht zu einem beträchtlichen Teil auf diesen Grundlagen - nicht umsonst gilt der Buchdruck als wichtigste Erfindung der Neuzeit.

Im Gutenberg-Museum ist ein riesige Fülle an Gegenständen rund um das Drucken zusammengetragen worden. Ganze Etagen voller Druckerpressen und -maschinen, andere mit Handschriften und frühen Druckerzeugnissen - die Menge der ausgestellten Stücke ist erschlagend.
Persönlich ziehe ich ein Ausstellungskonzept vor, das weniger die Masse als die Tiefe sucht.  Doch anscheinend gehört das Museum ins Schulreisen-Pflichtprogramm, und für solche Besucher passt es wohl bestens.

Das Kurfürstliches Schloss ist eine recht bescheidene Residenz für ein derart bedeutendes und reiches Fürstentum. Mit ein Grund dafür ist, dass die Beziehungen zwischen den Bürgern der Stadt und den Fürstbischöfen keineswegs immer spannungsfrei waren. Sodass diese oft andere Residenzen vorzogen.

Mainz wurde, anders als Wiesbaden und Trier, im Krieg massiv bombardiert. Dabei wurde auch das Kurfürstliche Schloss zerstört, der heutige Bau ist eine rekonstruierte Hülle. Hier findet die Fernseh-Fastnachtssitzung "Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht" statt - ein Hochamt organisierter Fröhlichkeit.

Mainz ist ein wunderschönes Ziel für einen historisch interessierten Stadtwanderer.


City-Trip zu geistlichen und weltlichen Fürsten:
Wiesbaden (Hessen-Nassau)
Mainz (geistliches Kurfürstentum)
Trier (geistliches Kurfürstentum / UNESCO-Weltkulturerbe)

Tourengänger: PStraub


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