Auf- und Abfahrt am Lauteraarhorn, 4042m


Publiziert von danski , 9. Mai 2016 um 20:55.

Region: Welt » Schweiz » Bern » Jungfraugebiet
Tour Datum: 7 Mai 2016
Hochtouren Schwierigkeit: ZS-
Klettern Schwierigkeit: III (UIAA-Skala)
Ski Schwierigkeit: SS
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-BE   CH-VS 
Zeitbedarf: 8:15
Aufstieg: 1350 m
Abstieg: 1350 m

Richtig, schon wieder ein Erlebnisbericht mit dem Lauteraarhorn als Hauptprotagonisten! Unzweifelhaft habe ich mich auf einigen Bildern von Lulubusi wiedererkannt, was nur bedeuten kann, dass wir genau zur gleichen Zeit am Lauteraarhorn unterwegs waren. Ich erlaube mir trotzdem hier meine Sicht der Dinge darzulegen. Eines vorweg, es war schlicht und einfach grandios!

Das Lauteraarhorn geisterte immer mal wieder durch unsere tourenplanenden Hirnregionen, doch der weite Zustieg wirkte jeweils eher abschreckend. Dass der Weg zum Aarbiwak bereits einen hohen Erlebniswert haben könnte, dämmerte uns erst kürzlich. Aus der Not, sprich überbuchten Hütten im Jungfraugebiet, entstand der Plan, via Lauteraarhütte den Ausgangspunkt zur Besteigung des gleichnamigen Horns zu erreichen. Damit ist es ganz nebenbei möglich, die immer etwas surreal wirkende Touristenwelt am Jungfraujoch zu meiden und dazu erst noch Zeit und Kosten zu sparen.

Der Zustieg

Vom Räterichsboden, 1703m starten wir am Auffahrtsdonnerstag um 07:00 zur Durchquerung des Bächlitals. Die Rucksäcke lasten schwerer als üblich auf unseren Schultern. Essen für 4 Tage sowie technisches Material machen den Unterschied. Aussergewöhnlich lang erscheint uns die Wegstrecke bis zu den Leitern der Obri Bächlilicken, 3074m. Ein unangenehmer und böiger Wind ist auf dem Bächligletscher unser ständiger Begleiter. Wir müssen die Spur teilweise neu legen, da sie seit den letzten Begehern schon wieder zugeweht ist. Unproblematisch dank Leitern und Ketten präsentiert sich der Übergang ins Gauligebiet. Der Wind tobt, während die Sonne mit voller Kraft vom Himmel brennt, was geniale Stimmungen produziert. Anschliessend fahren wir durch schönen Pulver bis ca. 2750m ab. Das Hiendertelltijoch, 3093m erfordert einen Gegenanstieg von über 300HM. Eine Dreiergruppe hat vor uns bereits eine angenehme Spur durch den teilweise recht tiefen Schnee gelegt. Die letzten 20-30HM auf das Joch müssen zu Fuss überwunden werden. Ein Fixseil dient als Unterstützung. Auf der Südseite überwinden wir die ca. 15m hohe, stark geneigte und wenig strukturierte Platte abseilend. Eine willkommene Abwechslung. Wir cruisen nun über die aufgeweichten SE-Hänge unter dem Hienderstock unserem Tagesziel entgegen. Ein letztes Mal ziehen wir die Felle auf und erreichen nach rund 8 Stunden Reise durch eine traumhafte Wintergebirgslandschaft die ebenso traumhaft gelegene Lauteraarhütte, 2393m. Wir sind nicht die einzigen, doch es hat genau so viele Betten wie Gäste, nämlich 13. Leider lädt der immer noch recht starke Südwind nicht zum Aufenthalt vor der Hütte. Drinnen ist es dafür umso gemütlicher. Eine Hütte mit Patina und Charme, von denen es leider immer weniger gibt. Am Folgetag, dem Freitag, schlafen wir aus. Das Couloir gleich hinter der Hütte wurde früher am Morgen bereits befahren und so tun wir es auch. Es ist zwar kein Spass, aber wir ersparen uns damit einen nicht unwesentlichen Umweg. Dumm nur, dass die nördliche Seitenmoräne natürlich schneefrei ist. Die eine Hälfte unserer crew eiert mehr schlecht als recht die Moräne hinunter, während Tom und ich zum Hüttenweg hinüberqueren und ich Bekanntschaft mit den wohl längsten Leitern meines Lebens mache. Immerhin erreichen wir den Unteraargletscher objektiv sicher und die Reise durch die Eiszeit kann beginnen. Auf dem Finsteraargletscher stellt sich definitiv ein Gefühl von eigener Bedeutungslosigkeit ein. Die Berge, allen voran natürlich das gewaltige Finsteraarhorn, sind einfach zu beeindruckend. Kurz spielen wir mit dem Gedanken, die Grunerhorn NW-Flanke zu durchsteigen, doch irgendwie sind wir doch nicht so in Stimmung, nicht zuletzt um Kräfte für den kommenden Tag zu sparen. Spannend bleibt es trotzdem, denn das Südcouloir des Lauteraarhorns bekamen wir bis jetzt nicht zu Gesicht. Und dann endlich können sich unsere Augen daran festhalten. Huh, sieht steil und exponiert aus, aber gleichzeitig präsentiert es sich auch verlockend weiss. Der anschliessende SE-Grat lässt auf interessante Kletterei schliessen. Mit viel Zuversicht erreichen wir das Aarbiwak, 2733m. Es sind schon einige Gäste vor uns eingetroffen und es sollten noch mehrere folgen. Unter dem Strich geht die Rechnung auf und jeder erhält ein Bett zugesprochen. Trotz Vollbelegung arrangieren wir uns gegenseitig, doch eine gewisse Spannung ist nicht zu verleugnen. Mein Schlaf ist unruhig, denn im Kopf dreht sich bereits alles um die kommende Besteigung des Lauteraarhorns.

Der grosse Tag

Mit dem Weckergepiepse um 03:00 nimmt die Gedankenspirale in meinem Kopf endlich ein Ende. Das Aufstehen fällt leicht, das herunterwürgen von möglichst viel Porridge dafür umso schwerer. Um 04:00 starten wir in die dunkle, sternenklare Nacht. Der Blick haftet am Stirnlampenkegel, während wir zügig über den Strahlegggletscher schreiten. Entgegen der Beschreibung im Führer fellen wir bis zum unteren Ende des Südcouloirs ca. 3020m, um dieses in dessen Falllinie emporzusteigen. Die Felle werden wir ab jetzt nicht mehr brauchen, dafür Steigeisen. Für die kommenden 900HM werden wir im bootpack-Modus arbeiten. Leider ist der Schnee nicht immer tragend und doch gewinnen wir überraschend schnell Höhe, was gut fürs allgemeinen Wohlbefinden ist. Auf rund 3340m stossen wir auf die zwei vor uns gestarteten Teams. Unsere direkte Variante war also mindestens gleich schnell. Auf dieser Höhe gönnt sich das Südcouloir eine letzte Pause, bevor es sich auf recht homogenen 45° einpendelt. Mittlerweile schickt die Sonne direkte Energie zum Finsteraarhorn und lässt dieses erstrahlen. Grosses Kino! Noch motivierter nehmen wir die 2. Hälfte des Couloirs in Angriff. Am Vortag war bereits ein Team am Berg erfolgreich und hat neben einer recht beachtlichen Lawine auch eine Spur hinterlassen, die aber erst im oberen Viertel benutzbar ist. Wahlweise kann man nun auf Frontzacken gehen oder die glühenden Waden in der angenehmen Trittspur wieder abkühlen lassen. Nach genau 4 Stunden, also um 08:00 haben wir das Südcouloir im Sattel westlich vom P. 3918m durchstiegen. Ein hervorragendes Gefühl, um diese Zeit bereits auf dieser Höhe zu sein und den doch recht beeindruckenden Tiefblick zu geniessen. Wir gönnen uns eine ausgedehnte Pause um die nötigen Energien für die anschliessende Kletterei zum Gipfel zu tanken. So viele schlafraubende Gedanken habe ich in der vorangehenden Nacht an diesen Moment verschwendet, jetzt kann es losgehen! Keine Nervosität dafür pure Freude am Klettern an diesem herrlichen Berg erfasst mich. Bei der derzeitigen Schneelage kann der erste "Gendarm" übrigens südlich umgangen werden. Der erste Aufschwung ist wohl etwa eine III in festem, wunderbar strukturiertem Gneis. Immer wieder können Schlingen placiert und das Seil zum sichern um Zacken gelegt werden. Wie ich gemäss Lulubusis Berichterstattung zweifellos bestätigen kann, ist er genau vor uns geklettert. Kurz vor dem letzten Aufschwung zum Gipfel geht es balancierend über ein beinahe waagrechtes, ziemlich exponiertes Gratstück. Dann ist nach 6 Stunden das Maximum an diesem Berg erreicht! Wieder einmal so ein klassischer Hühnerhaut-Moment... Wir gratulieren uns gegenseitig und dabei drücke ich auch unwissend Lulubusis Hand. Von Süden schiebt sich eine eindrückliche Wolkenwalze über die tieferliegenden Pässe und Gipfel. Nur der Strahlegggletscher wird von den Wolkenmassen nicht geflutet. Ein eindrückliches Schauspiel, das dem ganzen noch etwas mehr "Schärfe" verleiht. Wir warten und geniessen auf dem Gipfel eine ganze Weile das Treiben. Erst als alle aufsteigenden Seilschaften den Gipfel erreicht haben, beginnen wir konzentriert den Abstieg. Dieser gelingt erstaunlich mühelos. Die Abfahrt bereitet mir keine Sorgen, obwohl der Schnee etwas tückisch sein könnte und Stürzen natürlich absolut nicht drin liegt. Etwas erleichtert sind wir aber schon, als jemand vor uns den Schnee testet und in souverän sicherer Manier das obere Ausstiegscouloir klärt. Das fühlt sich wieder mal richtig gut an! Jeder turn muss präzise ausgeführt werden, denn die Schneeoberfläche ist ziemlich hart. Einige rutschen deswegen den oberen Teil ab oder haben die Skis weiter unten parkiert. Nach der Engstelle öffnet sich das Couloir, an dessen Rändern der Schnee bereits recht feucht und schwer geworden ist, was mir weniger sympathisch als der Hartschnee ist. Bald hüllen uns Nebelwolken ein, was den Auffirnprozess zum Erliegen bringt. Dann werde ich auch noch von einem einzelnen Ski überholt, doch es gelingt mir, diesen zu fassen. Der Besitzer war darüber sehr sehr erleichtert, wie ich im Nachhinein erfahren habe. Verständlich! Meine crew hat sich im aufziehenden Nebel aus den Augen verloren. Ich halte mich an den linken Rand der Abfahrt, wo ich bereits beim Aufstieg ein ausgeprägtes Couloir erspäht habe. Dieses geniesse ich nun ganz für mich alleine und gänzlich ohne Lawinenschnee. An dessen Ende versammeln wir uns wieder und verlassen das Südcouloir. Endlich kommen wir in den Genuss von Sulz mit dem Gütesiegel "al dente", was der höchsten Auszeichnung gleichkommt. Jauchzend und überwältigt gleiten wir über den Strahlegggletscher. Der kurze Gegenaufstieg zur Hütte ist nicht der Rede wert. Dann erreichen nach über 8 Stunden als erste das Aarbiwak. Beseelt von Glückgefühlen geniessen wir unbeschwerte Stunden an diesem eindrücklichen Ort. Wir müssen heute glücklicherweise den Heimweg nicht mehr antreten und dürfen noch einmal eine weitaus entspanntere Nacht im Biwak verbringen.

Epilog

Nach 3 Tagen in dieser Hochgebirgswelt freuen wir uns wieder auf etwas mehr Komfort und gewissen Annehmlichkeiten unserer Zivilisation. Doch diese müssen erst verdient werden, denn der Rückweg ist auch kein Zuckerschlecken. Anfänglich wollten wir über das Grunerhorn zum Oberaarsee, doch das Wetter spielt am Sonntag nicht mehr mit und so "begnügen" wir uns mit der Abfahrt über den Unteraargletscher und dem Wiederaufstieg zum Grimsel via Oberaarstausee und Husegghütte. Wind und Schnee sind dabei unsere Begleiter. Nach 4.5 Stunden sind wir bereits beim Ausgangspunkt und düsen schnurstracks zu Bier und "Schnipo" in frühlingshafter Atmosphäre. Selten hats so gut geschmeckt!!!

Ich bin sehr glücklich, das einsame Lauteraarhorn in mein Gipfel-Palmarès aufnehmen zu können. Es hat alles vorzüglich geklappt. Ein grosses Dankeschön an die beste crew, bestehend aus Patrick, Markus und Tom, die man sich bei so einem Abenteuer wünschen kann!

Noch ein Hinweis an Nachahmer: Selbst wenn die Hütten nicht bewartet sind, meldet euch beim Hüttenwart an und erkundigt euch, ob noch freie Betten vorhanden sind. Beste Infos findet man auch im Bericht von Lulubusi hier http://www.hikr.org/tour/post107183.html





Tourengänger: danski


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Kommentare (5)


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Bombo hat gesagt:
Gesendet am 10. Mai 2016 um 09:10
Gratuliere Euch, ganz sehr grosses fantastisches Breitwandkino!

Lulubusi hat gesagt:
Gesendet am 10. Mai 2016 um 10:50
gleicher Tag und gleiche Zeit! ;-)

danski hat gesagt: RE:
Gesendet am 11. Mai 2016 um 18:13
Die hikr-Welt ist mal wieder klein. War dann doch nicht so eng am Gipfel, wie du am Vortag noch befürchtet hast. Aber mit rund 20 Besteigungen an diesem Tag hätte ich auch nie gerechnet...

xaendi hat gesagt:
Gesendet am 11. Mai 2016 um 12:52
Gratuliere! Bestimmt ein tolles Erlebnis!

danski hat gesagt: RE:
Gesendet am 11. Mai 2016 um 18:12
Hey Xaendi!

Merci, hattest aber auch ein ziemlich cooles Biwak-Erlebins! Die Bilder sind jedenfalls grandios.


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