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Von Verbier nach Arolla Skitour 1972


Published by FJung , 8 May 2017, 16h28.

Region: World » Switzerland » Valais » Oberwallis
Date of the hike:30 March 1972
Ski grading: D
Waypoints:
Geo-Tags: CH-VS 
Time: 3 days
Route:Verbier - Arolla Haute Route
Access to start point:Martigny - Verbier
Access to end point:Sion - Val d'Hérens - Les Haudères - Arolla
Accommodation:Cab. Mont Fort, Cab. de Prafleuri, Cab. des Dix, Cab. des Vignettes
Maps:283 T Arolla 1:50.000

Nun kann ich von der längsten zusammenhängenden Skitour bis zu diesem Datum berichten. Es war auch zugleich mein Abschied von der Schweiz, denn aus verschiedenen  Gründen ging es wieder zurück nach Deutschland.

1. Tag Cab. Mont-Fort - Rosablanche - Cab. Mont Fort
Mit Claude war das Ziel Rosablanche ausgemacht.
Wir kannten die Gegend, das Wetter war gut, nichts konnte uns aufhalten. Wieder führte uns die Luftseilbahn von Verbier, das nicht viel Schnee aufweisen konnte, nach Les Attelas, Nicht nur auf der Piste war der Schnee hart, auch der Hang, den wir queren mußten, um die Cab. Mont Fort zu erreichen, verlangte Standfestigkeit und und wurde doch im kalten Wind warm.
Die Hütte ließen wir rechts liegen, um keine Zeit zu verlieren. Genau 1 1/4 Stunden nach dem Start erreichten wri den Col de la Chaux. Auf den Fellen fuhren wir den Hang zum kleinen See hinab, ich fiel wegen meiner elastischen Bindung zweimal auf die Nase und nahm mir vor, bei der nächsten Abfahrt, und sei sie noch so kurz, die Felle abzunehmen.
Auch diesmal brannte erbarmungslos die Sonne auf uns, trotzdem konnte ich meinen schwachen Anstieg vor einem Jahr nur mit einer Formkrise erklären. Oder lag es an den neuen Steigfellen, die ich nun erst zum zweitenmal benötigte?
Das Gehen fiel uns nicht schwer, nach genau 3 3/4 Stunden waren wir kurz unter der Gipfel der Rosablanche. Natürlich wollten wir auch auf den Gipfel, der wenige Meter über uns war. Auf den Felsen lag nur wenig Schnee, ich ging auf das schmale Schneeband, das auf der nördlichen Seite des kleinen Grates war und das ich auch schon im letzten Jahr beging. Der Schnee war zentimeterdick, ich konnte keine Tritte machen und mußte wieder ohne Handschuhe klettern. Als meine Finger das kalte Eis berührten, erschrak ich mich doch. So kalt hatte ich es mir nicht vorgestellt.
Die drei Meter bis auf den Gipfel waren, abgesehen vielleicht von der Kletterübungen  am Salève, mein schlimmstes Kletterstück. Kalt, kalt, kalt, trotz des blauen Himmels über uns und der Sonne, die das Gesicht wohlig wärmte. Auf dem Gipfel rieb ich meine Hände gegeneinander, so kalt hatte ich noch nie gehabt. Jetzt verstand ich, daß man an Erfrierungen sterben kann, wie die vier Franzosen einige Tage vorher im Schneesturm bei der Hollandiahütte, nur 150 m von der schützenden Hütte entfernt. Meine Hände steckte ich unter den Pullover, endlich kam wieder Gefühl und Wärme in die Finger. Nun konnte ich endlich die herrliche Aussicht genießen! Wi schauten hinüber zum Mt. Rogneux, zum Grand Combin, auf die Montblancgruppe, die sich wieder einmal ohne Wolken zeigte, auf den Gl. de Pafleuri, die Séracs des Gl. des Ecoulaies, der mir vor einem Jahr nicht so eindrucksvoll erschien, aber damals kam ich ja halbtot auf dem Gipfel an, auf Le Parrain, den Mont Blanc de Cheilon und die Pigne d'Arolla, den Galenstock in weiter Ferne und das Matterhorn. Claude saß schon an den Felsen unter mir, als ich immer noch die Aussicht auf mich einwirken ließ. Die letzten Tage in der Schweiz, wollte noch alles in mir aufnehmen, diese unvergeßlichen Stunden, wollte alles genießen, nicht nur erleben.
Ob wir über den Col de Louvie oder Col de Momie aufstiegen, weiß ich nicht mehr, wohl eher über den Col de Momie.
Claude hatte versprochen, am Abend wieder in Montreux zu sein. Die Cab. de Prafleuri lag nur eine halbe Stunde unter uns, von dort hätten wir morgen über den Pas de Chèvres mit Leichtigkeit Arolla erreicht. Bei diesen Schneebedingungen wollte ich noch hier bleiben, vielleicht fand ich noch jemand für die "Kleine Haute Route".
Es war schon spät, genau 14 Uhr, als wir unsere Sachen wieder in den Rucksack packten und abfuhren. Wie war der Schnee noch herrlich, selbst jetzt am Nachmittag! Eine Welt lag zwischen dieser Abfahrt und jender von Les Diablerets am Ende des Gletschers, der Schnee war pulvrig. So flogen wir fast schwerelos und den unberührten Schnee. 
Wieder ging es zum Cleusonsee, dann gingen wir wieder über die Staumauer zum Skilift. Auf eiser Seite war noch genug Schnee für die Skifahrer, 40 Minuten mußten wir warten, bis wir in die Höhe gebracht wurden.
Bei Les Attelas gaben wir uns die Hand. Claude fuhr zurück nach Montreux, ich wollte noch mindestens eine Nacht in der Hütte verbringen.
Mein großer Wunsch war, jemanden zu finden, um weiter, Richtung Arolla zu gehen. In der Hütte fragten mich drei Jungen und ein Mädchen, was ich hier alleine mache. Auf meine kleine Notlüge (ist inzwischen wohl verjährt), daß mein Kollege, der mit mir die Haute Route machen wollte, nach Hause zurückgerufen wurde, boten sie mir an, daß ich mit ihnen bis Zermatt gehen könne. Ich sagte, daß das nicht so einfach sei, weil mein Kollege den Hauptteil des Proviants mit nach Hause nahm, damit ich damit nicht meine Last hatte, aber sie sagten, sie hätten sicher genug zu essen, auch noch für mich. 

2. Tag Cab. Mont Fort - Rosablanche - Cab. des Dix
Also einigten wir uns schnell. Um halb sechs Uhr brachen wir auf.
Wir waren die erste Gruppe. Weil ich die Route schon kannte, bekam ich die Aufgabe, an der Spitze zu gehen. Der Schnee war noch viel zu hart, ich verlor bald mein erstes Harscheisen, das ich aber trotz der Dunkelheit gleich wiederfand. Die ersten Meter am Hang unterhalb der Monts de Cion waren für uns alle sehr unangenehm. Es war wieder bitterkalt,Wolken zogen übe den Himmel und versprachen kein schönes Wetter. 
Das Mädchen hatte einige Konditionsschwierigkeiten, wir Jungens fühlten uns wohl. Meine Glieder waren von der gestrigen Tour noch gut geschmiert. Trotzdem kamen wir am Col de la Chaux erst nach 1 3/4 Stunden an. Eine Gruppe aus Genf mit zwei Bergführern erreichte uns kurze Zeit später.
Für unser Unternehmen war das Wetter jetzt ideal, es war nicht zu heiß, der Wind war weg, und ohne Schwierigkeiten kamen wir bei dem Col de Momin an. Die Gruppe aus Genf war vor dem Col südlich abgebogen, sie wollten die Rosablanche umgehen über den Col de la Rionae (jetzt nicht auf der Karte gefunden, damals wohl den Bergrücken La Rionde gemeint) und den Col de Sovereu. Mir war bis dahin dieser Weg nicht bekannt, und durch den Höhenverlust sah ich da auch keinen Vorteil, zumal so ein herrlicher Gipfel verpaßt wurde.
Der Grand Désert, die große (Stein)Wüste zu Füßen der Rosablanche, wurde immer steiler, das Mädchen bieb mit ihrem Freund immer weiter zurück. Ich machte mir schon Gedanken, wie sie wohl diese Etappe zu Ende stehen würde, denn der Weg bis zur Cabane des Dix war noch lang. Kurz unter dem Gipfel sahen wir über dem Col de Cleuson  (westlich von der Rosablanche) 15 Skifahrer den Hang hinunterfahren, genau in unsere Richtung kommend. Es waren die Genfer, die ihr Vorhaben aufgegeben hatten und, beim Col de la Rinde angekommen, über einen kleinen Berg steigen mußten, um den Grand Désert zu erreichen. Wie mir der Führer später sagte, hatten die Teilnehmer Angst, den Steilhang am Paß hinterzufahren und wollten doch lieber über die Rosablanche gehen. Alle Skifahrer waren SAC-Mitglieder ...
Fast zusammen mit dem Mädchen kamen sie auf der Rosablanche langsam an, sie taten mir leid.
Sicher würde es noch Verzögerungen geben wegen dem Mädchen, deshalb riet ich nach einer halben Stunde zum Aufbruch. Wir schleppten die Skier den kurzen, aber ungefährlichen Südgrat der Rosablanche hinab, dann setzten wir uns auf den Hosenboden und rutschen ein schmales Couloir hinab, um auf dem Glac. de Mourti zu landen. 
Zu den beiden Spuren, die ich schon am Vortage sah, waren noch keine neuen hinzugekommen, wir konnten beginnen, dem Schnee unsere Zeichen aufzusetzen. Dabei zeigte sich, daß das Mädchen fast nicht Ski fahren konnte. Sie war erst einige Monate auf den Brettern. Ich wollte nicht wissen, ob sie unbedingt mit auf die Haute Route wollte, oder ob sie dazu überredet wurde. Beides war doch zu leichtsinnig.
Obwohl der Schnee zunächst noch gut trug, kamen wir nur langsam vorwärts.
Weiter unten waren Schwünge nicht mehr möglich, ich war überrascht, wie der Schnee sich von den Nordhängen unterschied. Endlich waren wir bei den Felsen des Ecoulaies (Rochers du Bouc?), um nun in Richtung der Alpage La Barma weiterzufahren. 
Viel Höhe wollten wir nicht verlieren, sonst müßten wir später wieder mehr steigen, bei diesen Schneeverhältnissen war es kein Vergnügen. Der Col des Roux, 2804 m hoch, der als Übergang von der neuen Cabane de Prafleuri zur Cab. des Dix benutzt wird, war schon ausgeapert, ein trostloses Bild für ein Gebirge zwischen 2000 und 3000 m Höhe Ende März!
Auch der Stausee war unschön anzusehen. Der Wasserstand war sehr gesunken, an den Ufern war das Eis zerbrochen und lag in Schollen über dem gefrorenen Wasser, nur die Aig. Rouges d'Arolla über dem See gab der Landschaft etwas Erhabenes, Majestätisches. Oft schaute ich hinüber zur Pointe de Vouasson, der Crête de Coq (Hahnenkamm), dem zerhackten Gipfelkamm der Aig. Rouges.
Endlich erreichten wir das Ende des Sees, wir machten eine Pause, wieder einmal. Die Spur zog sich gerade an den steilen Hängen des Pas du Chat empor, eine kurze Felsbarriere schien Schwierigkeiten zu machen. An uns vorbei zog die Gruppe aus Genf. 
Schon lange hatte ich aus dem Rucksack des Mädchens schwere Lebensmittel in den meinen genommen, aber ihr erging es so wie mir vor einem Jahr an der Rosablanche. Ein Kollege hatte dazu noch aufgeriebene Haxen (ich wagte schon gar nicht mehr, meine anzuschauen, nach den Touren von Les Diablerets, des Mont Rogneux und der Rosablanche am Vortage, sondern wechselte abends nur die Pflaster)
Endlich kamen auch wir bei der Felsbarriere an. Die Genfer hatten eine Seil herabhängen lassen. Auch wir befestigten die Skier an den Rucksack und bewältigten so dieses kurze und doch nicht so gefährliche Stück. Der Wortführer der Genfer sagte mir, daß hinter der Biegung gleich die Hütte zu sehen sei. Deshalb beschloß ich, bis dort zu gehen, um das Ziel vor Augen zu haben. Aber ich sah nichts, nur Moränen, Steine, welliges Gelände, einen traurigen Gletscher links unter mir. Auch mein Schwung war nun dahin, mein Elan war gebrochen wegen der vielen Pausen unterwegs, stumpfsinnig setzte ich einen Ski vor den anderen.
Ich hoffte, daß dieser lange Tag bald zu Ende sei.
Am anderen Ufer des Gl. de Cheilon erkannte ich den Pas de Chèvres, aber die Hütte erblickte ich immer noch nicht. Langsam tauchte vor mir ein schwarzer Berg auf, direkt erhob er sich aus dem Gletscher. Konnte das nicht der Tête Noie sein, hinter dem die Hütte stand? Noch ein Schritt, noch einer, danach noch viele andere, bis ich die Hütte endlich rechts über mir sah. Sie war natürlich viel zu hoch, etwa 70 m über dem Gletscher auf einem Felssporn gebaut. Ich fragte mich, warum die wohl so hoch über dem Gletscher angelegt wurde. Sicher nur, um dem Bergsteiger auch noch das letzte Blut aus den Adern zu jagen, aber der Hüttenwirt sagte mir, daß vor 40 Jahren der Gletscher noch bis fast an die Haustür reichte. So haben sich die Zeiten geändert. 
Auch die anderen Kollegen waren angekommen. Bei der Suppe erklärten sie mir, daß sie die Haute Route abbrechen würden. Das war das Vernünftigste für sie, ihre Kondition reichte auf keinen Fall aus, und wenn ich auch geschlaucht wurde während dieser Etappe, so lag das aber doch an den vielen Stops, die immer wieder den Tritt unterbrachen und kein normales Gehen zuließen. 
Einer meiner beiden neuen Kollegen hatte mit einem der Führer von Genf schon Touren gemacht, er frug ihn, ob ich mit ihnen weiter die Tour fortsetzen könne. J.-J., so hieß der Führer, hatte dagegen nichts einzuwenden, und ich dankte den Genfern für den schönen Tag, während sie mir noch Proviant mitgaben, denn sie wollten über den Pas de Chèvres nach Arolla abfahren und die Tour beenden.

3. Tag Cab. des Dix - Pigne d'Arolla - Cab. des Vignettes
Laut einigen Bergbüchern ist die Tagestour von der Cab. des Dix über die Pigne d'Arolla zur Cab. des Vignettes die leichteste der ganzen Haute Route, aber - es kommt auf die Verhältnisse an. Für mich wurde sie zur Bewährungsprobe, und noch heute denke ich mit Schaudern daran, wie ich auf dem Gletscher vom Wind gepeitscht wurde.
"Il fait beau temps", mit diesen Worten weckte uns um 5 Uhr der Hüttenwart. Wir füllten unsere Thermosflaschen, aßen Brot und Käse, füllten unsere Rucksäcke und zogen uns warm an. Draußen war es kalt, das Wetter aber schön. Schon zweimal hatte ich diese Etappe, allerdings in umgekehrter Richtung und im Sommer, gemacht, ich kannte sie also sehr gut, und als es mir zu lange dauerte, bis die Gruppe soweit war, sagte ich, daß ich schon etwas vorginge, um so eine längere Gipfelrast zu machen. Wenn ich nicht vor ihnen in der Vignettes sei, sei auf jeden Fall etwas passiert, aber ich kannte ja den Weg, und man ließ mich ohne Sorgen ziehen.
Bis zum Gletscher  fuhr ich noch ohne Felle, so hatte ich noch eine kleine Abfahrt, und erst unten auf dem Gletscher, um 6.30 Uhr, in dem Angesicht des Mont Blanc de Cheilon, der wie eine Burg über mir thronte, zog ich die Felle über den Kunststoffbelag der Skier. Mit gleichmäßigen Schritten überquerte ich den Gletscher. Vor mir war eine Spur gezogen, ich hatte J.-J. versprochen, sie nicht zu verlassen. Ohne Übergang kam ich auf den Glacier de Tsena Réfien, der sich von La Serpentine und dem Mont Blanc de Cheilon herabwälzte. Der erste Steilhang wr etwas vereist, wenn meine Felle auf dem schrägen Hang keinen Halt mehr fanden, stieg ich in der Fall-Linie aufwärts. Es kostete nicht mehr Kraft, es war nur schwierig, die Skier aus der Hanglage in die Lotlage zu bringen. 
Rechts und links erhoben sich die ersten Séraks aber der Weg  war gezeichnet, mir konnte nichts passieren. Unter mir sah ich auf dem Gletscher die Genfer. Langsam sah ich die "Mur", die Mauer, immer höher steigen in den Horizont. Sie war das einzige Problem dieser Tour, vielleicht war sie vereist.
Links von der Pigne erblickte ich das Matterhorn, eine Fischwolke an seinem Gipfel behagte mir gar nicht, auch im Westen, im Montblangebiet, türmten sich die Wolken.
Endlich war ich unter der Mur, in großen Kehren sah ich die Spuren von früheren Begehungen im Eis. Die Skier band ich wieder am Sack fest, den Pickel nahm ich in eine Hand, und mit den Füßen prüfte ich die alten, zum teil verwehten Spuren im Eis. Der Schnee ließ sich leicht zur Seite schieben, die Tritte waren gut, der Pickel diente nur zum Gleichgewicht halten, und als ich aus der Wand herausschaute, sah ich unter mir, aber noch in ziemlicher Entfernung, die Genfer Rast machen. Im  ganzen Aufstieg htte ich nur zweimal zur Thermosflasxhe gegriffen: nach dem ersten Steilhang, als mir doch etwas die Puste ausging, und gerade eben, als ich die Skier abmachte. Eine größere Pause hielt ich nicht für nötig. Nur langsam bewältigte ich die Mauer, sie war doch sehr steil und eisig. Oben, auf dem Firnfeld, wehte ein kalter Wind, so daß ich mir über die rote Nylonjacke noch eine Windjacke ziehen wollte. jetzt stellte ich fest, daß sie in der Hütte an einem Haken hing.
Eine Unruhe bemächtigte sich meiner. Die Wolken um das Matterhorn waren größer und bedrohlicher geworden, von Westen her drangen die schwarzen Wolkenmassen, sie versprachen nichts Gutes.
Auf dem Gipfel der Pigne sah ich zwei Punkte sich bewegen. Es waren Skifahrer, die von der anderen, kürzeren Seite den Gipfel bestiegen hatten und die mich bald kreuzen würden. Also stieg ich weiter aufwärts. 150 m unter dem Gipfel fuhren sie an mir vorbei, ohne anzuhalten oder etwas zu sagen, sie waren auch zu weit von mir entfernt. 
Das Wetter verschlechterte sich, der Wind wurde stärker. Immer noch nicht sah ich die Genfer die Mauer überqueren. Waren sie wegen der schlechten Witterung umgekehrt? Für viele Stunden sollte ich es nicht wissen, denn plötzlich senken sich Wolken von oben herab, hüllten mich ein, ich  war allein. Der Weg zurück über die Mur war mir zu gefährlich. Außerdem hätte ich in einigen Metern Entfernung an den Genfern, falls sie weiter hochstiegen, vorbeifahren können, und sie hätten Alarm geschlagen, weil ich nicht in der Vignettes war. Es gab nur eine Möglichkeit für mich: Über den Gipfel zur Cab. des Vignettes. Der Sturm warf mich fast um, aber ich wußte, daß es nicht mehr weit sein konnte bis zum Gipfel, bis zum dOsthand, wo ich auf besseres Wetter hoffte. Vor mir brauste und töste es. Wolken kamen von unten herauf. Aber wo war ich? Schon auf dem Gipfel? Ging es dort hinab nach Arolla, die Nordwand der Pigne? Dann durfte ich dort nicht abfahren, das wäre Selbstmord. Ich mußte also warten, bis ich etwas erkennen konnte.
In der Zwischenzeit schnallte ich die Felle ab. Sie flatterten im Wind und dröhnten mir in den Ohren, so zerrte der Wind an ihnen. Mit klammen Fingern öffnete ich den Rucksack und steckte die Felle, so hartgefroren, wie sie waren, hinein. Ein kurzer Schluck aus der Thermosflasche wärmte mich etwas auf. Unter mir bewegte sich etwas Schwarzes: Bergdohlen, die bei einer Proviantschachtel schauten, ob dort etwas Eßbares für sie sei. Dann erkannte ich einige Spuren in der milchigen Dämmerung. Dort mußte ich also hinab. Einige Meter stieg ich den Hang hinab, hier war ich windgeschützter. Mit dem Schraubenzieher versuchte ich, die Bindung zu befestigen. Bei dem ersten Ski ging es gut, aber nach  etwa 5 Minuten vergeblichen Mühens beim anderen wußte ich, wie meine Abfahrt aussehen würde: ein seitliches Abrutschen an der Aufstiegsspur, um sie nie aus den Augen zu verlieren. Diese Bindung, die mir schon an dem Ausflug zu den Trois Cols Schwierigkeiten machte, war nur gut bei schönem Wetter, jetzt versagte sie vollkommen. Ärgerlich steckte ich den Schraubenzieher wieder weg.
Die Wolken hatten sich wieder zugezogen, ich sah nichts mehr. In Spitzkehren rutschte ich hinab, bis der Gletscher flacher wurde. Aus dem Schnee ragte eine Konservendose. Links davon erkannte ich die tiefe Aufstiegsspur. Daran mußte ich mich halten. Der Wind jagte den Schnee über eisbedeckte Hänge, verwehte die Spuren, schmerzte in meinem Gesicht, nahm mir den Atem. Einige Male legte ich mich in den Schnee, um der Gewalt des Sturmes nicht mit der ganzen Größe ausgeliefert zu sein, und holte Atem. Ich mußte hinunter, hier konnte ich nicht bleiben. Der Sturm war zu gewaltig, und wenn ich auch jetzt die Kälte nicht spürte, so würde ich sie später, wenn meine Kraft erschöpft war, um so mehr spüren, bis ich nichts mehr merken würde.
Wo war die Anstiegsspur, an die ich mich halten mußte. War ich an einer Spitzkehre vorbeigerutscht? Neben mir sah ich eine Spur, Freude kehrte bei mir ein. Meine Zerschlagenheit war aber sogleich um so stärker: Es war meine eigene Spur. Ich mußte mich wieder sammeln, um nicht die Nerven zu verlieren. Direkt unter mir waren riesige Eisabbrüche, das wußte ich, ich mußte mich weiter rechts halten. Endlich kam ich wieder auf die Spur. Ich erkannte sie an dem weißen Schnee, der auf sie geweht wurde, während die Umgebung grau und kalt ausschaute.
Manchmal sah ich durch ein Loch in den Wolken etwas tiefer. Unter mir war der Gletscherbruch, auch rechts standen Séraks in den Himmel, dazwischen waren Spalten, die ich ebenfalls an ihrer weißen, trügerischen Schneeschicht erkannte, die auf sie lagerte. Dazwischen führte der Abstiegsweg, da mußte ich hinab. Unter mir blinkte der Glac. d'Otemna. Wenn ich ihn erreichte, dann war ich gerettet. Dort gab es keine Spalten, dort war es sicher nicht mehr so windig, dort wäre ich in Sicherheit. Aber der Weg dahin war weit.
Hinter mir polterte es. Für einen Moment hatte ich nicht aufgepaßt. Mit meinen Skienden stand ich genau über einer Spalte. Der Schnee wurde härter, darunter vermutete ich eine Disschicht, und endlich sah ich ovale, eisige, weiße Spuren im dunklen Eis. Das waren zugewehte Spuren von Stufen, ich konnte weiter hinabgleiten. Auf keinen Fall durfte ich hier die Skier abschnallen, denn auf den Skier war ich wegen der längeren Auflagefläche viel sicherer als zu Fuß. Endlich sah ich  richtiges Eis unter meinen Skiern. Einem normalen Skifahrer ist das ein Greuel, aber ich wußte, daß der Aufstieg über ein einziges Eisfeld führte, ich war also richtig, obwohl über mir eine  Eiswand hing und links von mir Spalten waren. Noch etwas tiefer, ich sah die ersten Steine. Eine Last fiel von meinen Schultern. Der Wind war auch nicht mehr so stark. Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn. Noch einige Meter, und ich war auf dem Glac. d'Otemna. Obwohl ich immer noch keine fünf Meter weit sah, wußte ich, daß mir nichts mehr passieren konnte. Den Weg zur Hütte kannte ich, ich schnallte die Felle wieder unter die Skier. Noch immer spürte ich die Anspannung der letzten Stunden in den Knochen.
Aus den Wolken traten drei oder vier Skifahrer heraus. Mit dem ersten, einem jungen Burschen und einem etwas mehr als 30-kg-Sack, traf ich mich, und zusammen gingen wir im Schneetreiben zur Hütte, die an der Felswand angeklebt schien.  Es war 13.50 Uhr, 6 Stunden und 20 Minuten nach meinem Aufbruch am Morgen.
Ich hoffte, die Genfer hatten vor der Mur die Tour abgebrochen. Auch der Hüttenwart fragte mich sofort, wo die Gruppe sei, weil sie sich angemeldet hatte. Ich wußte es nicht. Er wollte bis 16 Uhr warten, ehe er mit Richtfunk Verbindung mit der Cab. des Dix aufnehmen wollte. 
Meine Strümpfe hängte ich über den Ofen. Die Hütte war nur schwach belegt, so daß ich mich in eine ruhige Ecke setzte. Nun saß ich beim schützenden Ofen. Der Gardien brachte mir eine Suppe. Meine körperlichen Reserven waren noch nicht erschöpft, aber psychisch war ich fast am Ende.
Fünf Minuten vor 16 Uhr kam der erste Genfer durch die Tür, es war der Wortführer. Mit dem Zeigefinger zeigte er auf mich und sagte: "Du, du hast noch Glück gehabt mit dem Wetter, aber wir wußten manchmal trotz Höhenmesser und Kompaß nicht, wo wir waren!!!" Ich dachte mir meinen Teil. Anders J.-J., der mir auf die Schultern klopfte und sagte: "Ich bin froh, daß du hier bist." (Die Gruppe muß es wirklich noch schlimmer als mich erwischt haben, sind wir doch fast gleichzeitig von der Cab. des Dix aufgebrochen und sie kamen fast 2 Stunden nach mir in der Cab. des Vignettes an.)
Der Abend wurde noch sehr gesellig. Ein Genfer hatte einen riesigen Bart, aus dem zwei immer noch riesige Eiszapfen sprießten. Er spielte Mundharmonika, nur langsam tropfte das Eis ab. 
Müde fielen wir in die Betten. Auch am Morgen, dem Ostersonntag, schneite es ununterbrochen. Aber der Abstieg mußte vorgenommen werden, wir zogen uns warm an und stiegen auf die Skier. Eine Weiterführung der Haute Route war unmöglich wegen den momentanen Witterungsverhältnissen, Dienstag mußten wir wieder arbeiten, und so fuhren wir hinab nach Arolla. 
Dieses war für lange Zeit meine letzte Tour in den Bergen.







Hike partners: FJung


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