Von Luzern auf den höchsten Luzerner


Publiziert von Tobi , 2. September 2013 um 08:41.

Region: Welt » Schweiz » Luzern
Tour Datum:22 August 2013
Wandern Schwierigkeit: T5 - anspruchsvolles Alpinwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: Brienzergrat   CH-BE   CH-LU   CH-OW 
Zeitbedarf: 17:30
Aufstieg: 2200 m
Abstieg: 350 m
Strecke:65.5km
Zufahrt zum Ausgangspunkt:cff logo Emmenbrücke
Zufahrt zum Ankunftspunkt:cff logo Brienzer Rothorn LSBR

Beim Anblick des riesigen, aufgehenden August-Vollmondes am Vorabend wurde mir klar, dass nun die Zeit für ein lange gehegtes Projekt definitiv gekommen war: Das Brienzer Rothorn als höchsten Luzerner Gipfel von der Haustüre aus besteigen. Die Vollmondnacht würde dabei den langen Anmarsch entlang der Kleinen Emme etwas interessanter gestalten.
 
Um halb Zehn marschiere ich von zu Hause los. Am Rotsee entlang und über den Sedel erreiche ich nach 50 Minuten den eigentlichen Ausgangspunkt meiner Wanderung: Den Reusszopf (435m), wo sich die Kleine Emme in die Reuss ergiesst.
 
Mein Weg führt mich nun immer der Kleinen Emme folgend dem Emmenuferweg entlang. Auf dem Areal der Swiss Steel wird noch fleissig gearbeitet. Hier herrscht wohl nie Ruhe, diese kehrt erst nach Littau (456m) ein. In Malters (492m) schlägt die Kirche mit dem höchsten katholischen Kirchturm der Schweiz gerade Mitternacht. Der Duft von frischer Backware steigt mir in die Nase, wahrscheinlich von der Bäckerei Hug. Generell nehme ich auf dem weiteren Weg sehr viele Düfte intensiv wahr. Vielleicht schärft die vom Mond nur monochrom ausgeleuchtete Umgebung die anderen Sinne?
 
Vor Werthenstein (585m) versuche ich auf einem Stein im Fluss balancierend das Kloster für ein Foto ins beste Licht zu rücken. Nach der gedeckten Holzbrücke folge ich statt dem Wanderweg der Hauptstrasse. Der Verkehr hält sich um diese Uhrzeit in Grenzen, nur vereinzelte Lieferwagen fahren vorbei. Am Bahnhof in Wolhusen (565m) wird gerade der Selecta-Automat nachgefüllt. Ich marschiere weiter der Strasse entlang, die Abstecher des Wanderweges erspare ich mir.
 
Erst bei der Brücke bei Burgmatt stosse ich wieder auf den Wanderweg. Ab hier werden sowohl der Fluss wie auch der Wanderweg spannender. Beide sind nun nicht mehr künstlich begradigt und schlängeln sich durch die Landschaft. Im Wald muss die Stirnlampe des Öfteren angeknipst werden. Und so leuchtet mir hin und wieder ein reflektierendes Augenpaar entgegen. Ein Leuchten der anderen Art, nämlich das eines blauen Gebäudes verrät, dass Entlebuch (684m) nicht mehr weit weg ist.
 
Nach Entlebuch liegt die Hälfte der heutigen Strecke hinter mir. Doch dieser Prozentsatz verkommt bei einer solch langen Tour zu einer nichtssagenden Zahl. Ich wandere im hier und jetzt. Die zurückliegenden Abschnitte sind nur noch Erinnerungen. Ich kann sie nicht als Referenz für bevorstehende Anstrengungen abrufen.
 
Auf dem Weg nach Schüpfheim (714m) beginnt es zu tagen, eine erlebnisreiche Nacht geht zu ende. Doch dies hat auch seine Vorteile: die Bäckereien öffnen ihre Türen und ich komme in den Genuss eines Kaffees mit Brötchen.
 
Nach Schüpfheim heisst die Kleine Emme plötzlich Waldemme. Ihre Reise durch die Lammschlucht bleibt mir leider verborgen, da der Wanderweg hoch über dieser Schlucht angelegt ist. Erst im letzten Teil stösst er wieder zum Fluss zurück. Nach über neun Stunden Marschzeit erblicke ich nun auch in weiter Ferne zum ersten Mal das Ziel des heutigen Tages. In Flühli (883m) decke ich mich beim Poscht-Beck mit feinen Backwaren ein.
 
Nach Hirseggbrügg steigt der Wanderweg steil an und führt zwar weit vom Wasser weg, aber dafür über ein malerisches Hochmoor. Nach dem Sörebärgli geht es wieder zurück zum Bach. Etwas mehr als zwölf Stunden nach dem Start treffe ich in Sörenberg (1162m) ein. Im Dorfladen kaufe ich nochmals Proviant ein. Statt nun Richtung Gipfel zu streben, folge ich weiter der Waldemme. Mit dem Erreichen des Emmensprung (1460m) ist das erste Ziel meines langen Marsches erreicht: der Kleinen Emmen in ihrer ganzen Länge vom Ende bis zur Quelle zu folgen.
 
Der auf der Karte eingezeichnete Weg vom Emmensprung zur Stäfelitagweid (1636m) ist in der Viehweide nicht zu erkennen. Aber ein Weidezaun weist den Einstieg in den Wald. Bei der Alphütte begrüssen mich neugierige Schafe. Vereinzelt rennen sie direkt auf mich zu und wollen mich beschnuppern. Ich hoffe, dass diese Tiere gegenüber dem Wolf ein etwas schüchternes Verhalten zeigen… Die unzähligen Pfadspuren verlaufen sich immer wieder im Gelände, die Tiere haben offensichtlich nicht das gleiche Ziel wie ich. Der Schlussaufstieg zum Nesslenstock (1839m) ist ziemlich herausfordernd (T5). Ein starker Kontrast zu den bisherigen über 60 Kilometer.
 
Nach dem ersten Gipfel des heutigen Tages steige ich wieder zurück in den südlichen Sattel. Ursprünglich habe ich geplant, von hier die Rinne nach Westen abzusteigen und über den Brätterstock, Schongütsch das eigentliche Ziel zu besteigen. Doch vom Nesslenstock habe ich Spuren entdeckt, welche die Hänge des Brätter queren und in den Rotebode führen. Mit dieser Variante würde ich fast keine Höhenmeter verschenken, also nehme ich diese in Angriff.
 
Beim folgenden Aufstieg lasse ich mich durch Wildspuren zu einer direkten Linie am Grat verleiten. Dies artet zu einem heiklen Grasboulder auf die erste Graterhebung aus. Absolut nicht empfehlenswert, dieser Hügel sollte östlich umgangen werden. Auf etwa 2000m beginne ich mit der Querung durch die Flanken des Brätter. Die Spuren sind weitaus undeutlicher, als ich sie vom Nesslenstock wahrgenommen habe. Doch komme ich darauf gut vorwärts und wähne den Rotebode schon in Reichweite. Doch dann taucht plötzlich ein unüberwindbarer Felsabbruch auf. Dieser Graben zieht sich durch die ganze Flanke und weist keine richtige Schwachstelle auf, die von Nicht-Paarhufern geknackt werden könnte. So muss ich mein Vorhaben der Querung abbrechen und nach oben steigen.
 
Etwa 200 Meter südwestliche von Pt 2129 erreiche ich den Grat. Diesem folge ich nun weiter, alles der Kantonsgrenze entlang. Eine spannende und vor allem einsame Variante, um auf das Brienzer Rothorn (2349.7m) zu gelangen. Und so stehe ich 16.5 Stunden nach dem Abmarsch von zu Hause auf dem höchsten Luzerner Gipfel. Ein sehr emotionaler Moment.
 
Ich geniesse diesen Augenblick und vor allem die tolle Aussicht. Gemütlich spaziere ich noch zum Schongütsch (2320m) hinüber. Anschliessende mache ich mich auf den Heimweg. Allerdings nicht mehr zu Fuss, sondern mit Seilbahn, Postauto und Bahn.
 
 
Fazit: Ein lang gehegter Wunsch konnte ich mir erfüllen. Dazu noch eine Nacht in ihrer ganzen Länge vom Eindunkeln bis zur Morgendämmerung erleben. Für manche ist diese der reinste Horror, alleine in der Nacht unterwegs zu sein. Ich hingegen geniesse diese einsamen Momente, alleine mit mir und meinen Gedanken.
Zwar wurmt mich der verpasste Brätterstock als höchster reiner Luzerner Gipfel ein wenig. Doch diesen werde ich sicher noch nachholen, wenngleich ich dann wahrscheinlich nicht mehr in Luzern loslaufe…

Tourengänger: Tobi


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Kommentare (9)


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ABoehlen Pro hat gesagt:
Gesendet am 2. September 2013 um 08:51
Hallo Tobi

Herzliche Gratulation zu dieser grossartigen Tour! Vor allem gefällt mir dieser Satz
> Ich hingegen geniesse diese einsamen Momente, alleine mit mir und meinen Gedanken.
So geht es mir jeweils auch, obwohl ich meist "nur" durch die Nacht von mir zu Hause nach Thun oder Wimmis wandere. Aber gerade das Erleben des Tagesanbruchs an einem sonnigen Tag ist schon was ganz besonderes.

Beste Grüsse
Adrian

Tobi hat gesagt: RE:
Gesendet am 4. September 2013 um 09:55
Hallo Adrian

Vielen Dank für deine Gratulation.
Anfänglich konnte ich mich mit einem Tagesanbruch im "Flachland" nicht so anfreunden, irgendwie wäre mir ein Sonnenaufgang in den Bergen sympathischer gewesen. Aber im Nachhinein betrachtet, war es doch ein tolles Erlebnis. Da habe ich absolut nichts verpasst, sondern etwas Wunderschönes erlebt...

Gruss Tobi

Alpenorni Pro hat gesagt:
Gesendet am 2. September 2013 um 09:03
Gratuliere zu dieser Hammertour !
Sehr schön geschrieben auch.
Ist ja schon praktisch, wenn Bäckereien auf dem Weg liegen :-)
Aber 65,5 Kilometer, puh, alle Achtung, Du spielst halt in der Champions League! Ich will demnächst mal meinen bisherigen Bestwert knacken, der liegt bei gerade mal 42,4 km...
Gruß aus dem Norden
Martin

Tobi hat gesagt: RE:
Gesendet am 4. September 2013 um 09:58
Sali Martin

Danke für deine Gratulation.
Dann wünsche ich dir schon mal viel Glück bei deinem Vorhaben! Glaube mir, das meiste spielt sich im Kopf ab. Und da helfen natürlich ein paar Bäckereien am Wegesrand...

Gruss Tobi

Kopfsalat Pro hat gesagt:
Gesendet am 2. September 2013 um 10:12
wieder mal ein monster-tour!!! herzliche gratulation.

Tobi hat gesagt: RE:
Gesendet am 4. September 2013 um 09:59
Danke für deine Gratulation.
Der Emmenuferweg wäre sicher auch etwas für dich. Ich konnte auch den einen oder anderen Wasservogel entdecken.

Gruss Tobi

Kopfsalat Pro hat gesagt: RE:
Gesendet am 4. September 2013 um 10:05
> Der Emmenuferweg wäre sicher auch etwas für dich

werde ich mir merken, vielleicht könnte ich ja mal eine hikr-vogel-exkursion in diesem gebiet machen.

auch der rest wäre eventuell etwas für mich ;-) ... einzig die strecke von basel bis emmenbrücke wäre etwas lang ...

a propos vögel, die frühen morgenstunden sind generell die besten, um vögel zu beobachten.

gruss
dani

Felix Pro hat gesagt:
Gesendet am 2. September 2013 um 13:24
unglaublich, beinahe - Gratulation!

Tobi hat gesagt: RE:
Gesendet am 4. September 2013 um 10:01
Danke für deine Gratulation.

Wünsche dir weiterhin tolle Touren, Gruss Tobi


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