Vättnerchopf (2618 m) - Chli Zanaihorn (2764 m): Spannende und genussvolle Gratüberschreitung


Publiziert von marmotta , 20. September 2009 um 13:36.

Region: Welt » Schweiz » St.Gallen
Tour Datum:18 September 2009
Wandern Schwierigkeit: T5+ - anspruchsvolles Alpinwandern
Klettern Schwierigkeit: II (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-SG 
Zeitbedarf: 7:00
Aufstieg: 2000 m
Abstieg: 2000 m
Strecke:Vättis - Älpli - Vättnerchopf - P.2665 - Furggla - Chli Zanaihorn - Furggla - Alp Säss Tersol - Gigerwald - Vättis
Zufahrt zum Ausgangspunkt:cff logo Vättis, Post
Zufahrt zum Ankunftspunkt:cff logo Vättis, Post, sonntags verkehren auch wenige Kurse ab cff logo Gigerwald, Restaurant,
Kartennummer:LK 1175 Vättis (1:25.000)

Aussichts- und genussreiche Gratwanderung in einer wilden und einsamen Gegend, deren Gipfel geprägt sind  von zerhackten Graten und Türmen mit schiefrigen Platten aus brüchigem Sardona-Flysch. Mit Ausnahme des Pizols (2844 m) werden die abgelegenen Berge hoch über dem Calfeisen- und Taminatal, wenn überhaupt, fast nur von Einheimischen begangen.

Am Ende meiner Ferienwoche mit ziemlich durchzogenem Wetter sollte es doch noch klappen mit einem herrlich sonnigen und warmen Herbsttag. Zeitweise blies zwar ein kräftiger Föhnwind, dieser störte aber kaum und sorgte lediglich dafür, dass es nicht zu heiss wurde (bei für diese Jahreszeit doch beachtlichen 25 °C im Churer Rheintal!).

Von Vättis gibt es verschiedene Möglichkeiten zur Furggla (2574 m) zu gelangen, einem alten Übergang, über den die Alp Tersol bis 1951, vor Erstellung des Zugangs von Gigerwald aus, bestossen wurde. Entweder man steigt über das Gelbbergtäli zum Drachenloch (2427 m) auf und quert dann auf Wegspuren zu den "Böden" unterhalb des Vättnerchopfs (2618 m) und gelangt über diesen auf den zum Zanaihorn nach Nordwesten ziehenden Grat oder man wählt den steilen Alpweg zum Älpli Ladils (1890 m) und folgt dann entweder dem Weg über Unterdavos, den Radeintobel überquerend, zur Alp Rindersäss (1902 m), um dort auf den alten Verbindungsweg Calvina-Tersol über die Furggla zu stossen. Ich entschied mich für eine Mischung aus den beiden genannten Varianten und stieg zunächst über den (rot-weiss markierten) Alpweg bis fast zum Älpli auf, um mich auf ca. 1850 m nach Nordwesten zu wenden und über die recht steile, grasige Südostflanke des Vättnerchopfs zu den "Platten" aufzusteigen. Von dort über steiles Gras und Schrofen zum obersten Teil des Ostgrats (dem auch ab dem Älpli komplett gefolgt werden kann) und über diesen -einem felsigen und exponierten Abschnitt südseitig ausweichend- in wenigen Minuten, zuletzt in ganz leichter Schrofenkraxelei auf den Gipfel des Vättnerchopfs mit schönem Gipfelkreuz und Gipfelbuch (T4+). Offenbar wird dieser schöne Aussichtsberg hoch über dem Taminatal nicht allzu häufig bestiegen - das Gipfelbuch von 1996 ist gerade einmal zur Hälfte voll.

Vom Gipfel des Vättnerchopfs folgte ich dem Kamm nach Nordwesten zu einer Kuppe (P. 2665) oberhalb einer riesigen schiefrigen Schutthalde. Vom Kamm in herrlicher und aussichtsreicher Gratwanderung über P. 2634 und P. 2647 zur Furggla (2574 m), einige felsige Stufen können in leichter Kletterei überwunden werden, ansonsten bietet der Grat bis hierhin keinerlei Schwierigkeiten (T4). 

An der Furggla deponierte ich am riesigen Steinmann in der Scharte meinen Rucksack und machte mich -nun um einige Kilo leichter (3 l Getränke mussten schon mit, oder?)- auf den Weg zum Chli Zanaihorn, das ich bereits vom Vättnerchopf als markante, oben zugespitzte Pyramide erspäht und als weiteres Gipfelziel für diesen Tag auserkoren hatte. Der nach Norden ziehende Grat ist in einem ersten Abschnitt scharf geschnitten und zerhackt, mehrere Gratzacken müssen über- oder umklettert werden (T5), wobei eine sehr exponierte Passage (T5+) ziemlich zu Beginn des Grats besondere Aufmerksamkeit verlangt, ist die Gratschneide dort doch nur 40-50 cm breit und auf beide Seiten hin senkrecht abfallend. Zumindest auf dem Hinweg (wo die Passage absteigend bewältigt werden muss) begab ich mich in die "Reiterstellung" (nein, das ist nichts Unanständiges), meine Tourenhosen überlebten glücklicherweise den Angriff der messerscharfen Schieferplatten... :-)

Danach wird der Grat etwas leichter, zwei weitere Kletterstellen (I-II) über Gratzacken könnten wohl auch in den steilen Schutthalden der Westflanke, teilweise auf Wildwechseln umgangen werden - ich hielt mich praktisch immer an die Gratkante, die nach Osten fast senkrecht abbricht. Am eigentlichen Gipfelaufbau des Chli Zanaihorns ändert sich dann der Charakter des Geländes: der Grat weitet sich und man steigt über schuttbedeckte Platten steil zum Gipfelsteinmann empor. Mich würde mal interessieren, wann zum letzten Mal ein Mensch seinen Fuss auf diesen Gipfel gesetzt hat: alpinistisch unbedeutend, mühsamer Zustieg, brüchiges Gestein, und die Aussicht wird zumindest nach Norden vom knapp 60 m höheren Zanaihorn verstellt - Gründe, aus denen dieser Berg wohl nur ausgesprochenen Liebhabern vorbehalten bleibt. Ich konnte jedenfalls keinerlei (menschliche) Begehungsspuren ausmachen, dafür zahlreiche Wildspuren, wohl ausnahmslos von Steinböcken, die sich auch während meines Aufenthalts auf dem Chli Zanaihorn in der gegenüberliegenden steilen Südlflanke des Zanaihorns lautstark bemerkbar machten, lösten sie dort doch heftigen Steinschlag aus. Die dumpfen Aufschläge herunterkrachender Steine lösen bei mir jedesmal einen Schauer aus, der mir durch Mark und Bein fährt, verbindet man diese Geräusche im Gebirge doch reflexartig immer mit akuter Lebensgefahr...

Angesichts der vorgerückten Zeit verzichetete ich auf Erkundungen dahingehend, ob ein direkter Übergang zum Zanaihorn möglich sei. Laut SAC-Führer ist eine Überschreitung vom Zanaihorn zum Chli Zanaihorn über den Südgrat des Zanaihorns bzw. den Nordgrat des Chli Zanaihorns nur in der umgekehrten Richtung zu empfehlen (R. 283, WS). Der senkrechte Abbruch des Chli Zanaihorns soll zwar einigermassen gestuft sein, aufgrund des brüchigen Felses aber im Abstieg nicht anzuraten, da zu heikel (Fels II-III, Absicherungsmöglichkeiten?). Und auf einen kompletten Abstieg in der schuttigen und steilen Westflanke des Chli Zanaihorns (BG/T6) und Wiederaufstieg über die Südwestflanke des Zanaihorns verspürte ich wenig Lust, zumal ja mein Rucksack noch in der Scharte der Furggla auf mich waretete.

Der Abstieg vom Chli Zanaihorn erfolgte ohne Schwierigkeiten auf der Aufstiegsroute dem Grat entlang, lediglich am Gipfel selbst geriet ich kurzzeitig etwas ins Schwitzen, als ich mich der Kante enlang an riesigen Schieferplatten entlanghangelte, die Füsse auf den glatten Platten auf Reibung gestemmt. Was, wenn eine der wie Karton dünnen Platten unter dem Zug meiner Hände herausbricht? So faszinierend dieses Gestein ist, so unzuverlässig ist es eben leider auch - zum Glück ging alles gut!

Von der Furggla stieg ich auf dem zusehends verfallenden Weg zu den Weideflächen des Oberbodens ab, dort verlieren sich die Wegspuren und ich geriet etwas zu weit nach Norden, wo der Abstieg ins Tersoltal zwar ebenfalls möglich, aber steiler ist (Vorsicht vor einigen Feslabbrüchen!). Schneller Abstieg vom Tersoltal auf dem blau-weiss markierten Alpweg nach Gigerwald, begleitet von vielen Murmeltieren, die diesen warmen Tag offenbar ebenso genossen wie ich.

In Gigerwald war es bereits kurz nach 16.00 Uhr, ich hatte also noch knapp 40 min, um in Vättis das anvisierte Postauto zu erwischen! Zuerst in zügigem Gehtempo, später -auf dem zwar schönen, aber zeitraubenden "Alten Walserweg"- im Laufschritt und zuletzt im Renntempo über steile Wiesen springend, kam ich zwar rechtzeitig, aber völlig verschwitzt und fertig in Vättis an der Post (die ja bekanntlich von der Schliessung bedroht ist) an. Vielleicht hätte ich doch ein Postauto später einplanen sollen...

Tour in völliger Einsamkeit, auf der gesamten Route keine Menschenseele getroffen.
  
  

Tourengänger: marmotta

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