Täschhorn 4491m


Publiziert von mde , 14. Juli 2009 um 15:06.

Region: Welt » Schweiz » Wallis » Oberwallis
Tour Datum:11 Juli 2009
Hochtouren Schwierigkeit: ZS
Klettern Schwierigkeit: III (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-VS 
Aufstieg: 2000 m
Abstieg: 3200 m
Unterkunftmöglichkeiten:Täschhütte
Kartennummer:1328

Das Täschhorn ist mit 4491m der achthöchste Schweizer Berg. Da alle Touren lange, hochalpine Unternehmungen sind und es keinen einfachen Weg auf diesen Gipfel gibt, wird es aber nur relativ selten bestiegen. So kommt es, dass wir an einem Julitag bei besten Bedingungen den Gipfel für uns alleine haben und eine landschaftlich eindrückliche und klettertechnisch interessante Überschreitung via Mischabelgrat und Kinflanke geniessen können.


Prolog

Nach einigem Warten tut sich für Peter und mich endlich ein kleines Fenster mit günstigen Bedingungen für eine Hochtour im Sommer 2009 auf. Wegen suboptimalen, oder zumindest zweifelhaften Verhältnissen muss unser lange gehegter Plan A aber in der Schublade bleiben, und kurzfristiges Umdisponieren ist gefragt. Nach etwas Recherche identifizieren wir die Überschreitung des Täschhorns mit Aufstieg über den SE-Grat („Mischabelgrat“) und Abstieg über die NW-Flanke („Kinflanke“) als auch ganz famosen Plan B.

 

Der am häufigsten benutzte Ausgangspunkt für diese Überschreitung ist das Biwak am Mischabeljoch auf stattlichen 3847m. So ganz ohne Akklimatisierung kann eine Nacht in dieser Höhe aber zur schmerzvollen Kopfweh-Tortur werden, die den Erfolg der ganzen Tour in Frage stellt. Deshalb bevorzugten wir die Täschhütte als Quartier. Dies beschert einem zwar rund 1250 zusätzliche Aufstiegs-Höhenmeter, die man mit etwas Konditions-Reserven aber sicher viel weniger als die Höhenkrankheit zu scheuen braucht.

 
Anreise

Die Anreise in die Täschhütte gestaltet sich dank schneller Zugverbindungen problemlos. Da die ersten 800hm des Hüttenwegs zu Fuss am Sonnenhang in unmittelbarer Nähe einer asphaltierten Strasse zurückgelegt werden müssen, nehmen wir die sich bietende Gelegenheit wahr und lassen uns per Kleinbus auf die Täschalp chauffieren. Es gibt diverse Anbieter für diese Service, der Minimalpreis für eine Bergfahrt beträgt 40 CHF, ab 4 Personen bezahlt man dann 10 CHF pro Person. Andere Alpinisten anzusprechen und sich für die Fahrt zusammenzutun kann sich also finanziell auszahlen.

 

Der Hüttenaufstieg von der Täschalp umfasst dann bloss noch 500hm und ist in einer knappen Stunde rasch erledigt. Die Hütte selbst wurde kürzlich mit einem Anbau versehen und bietet nun sehr grosszügige Platzverhältnisse, bequeme Schlafräume, sogar mehrere Duschen und nicht zuletzt einen mit grossen Fenstern ausgestatteten Aufenthaltsraum, der eine wunderbare Sicht aufs Weisshorn bietet. Da es „erst“ Freitag ist, ist die Hütte mit etwa 25 Personen nur schwach frequentiert. Die Aufstehzeit wurde uns selbst überlassen, das Frühstück am Vorabend bereitgestellt.

 
Hütte - Weingartengletscher

So beginnt unser Tourentag nach leidlichem Schlaf um 2.20 Uhr, um 3.00 Uhr brechen wir schliesslich auf. Der Himmel ist klar und vom abnehmenden Mond hell erleuchtet, so dass wir problemlos dem gut angelegten Pfad ins Tälli zum Übergang bei P.3139 folgen können. Der 80hm umfassende Abstieg Richtung Weingartensee ist noch zurückhaltend markiert, danach steigen wir weglos, in unschwierigem Gelände, P.3219 links liegen lassend, gegen den Felsriegel von P.3418 auf.

 

Beim Literaturstudium sind die dortigen Schwierigkeiten etwas unklar beschrieben und auch die beste Route ist auf dem Papier nicht so offensichtlich, wie sie in der Praxis dann ist: auf Schneefeldern steigen wir ostwärts bis auf etwa 3400m auf, queren dann, immer noch auf Schnee auf einer Art Terrasse zurück nach Westen. Dann direkt ca. 60m hoch über einige leichte Felsen mit maximal einer ganz kurzen 2er-Stelle, und schon sind wir auf dem Weingartengletscher bei P.3418 (5.00 Uhr).

 

Hier montieren wir die Steigeisen und seilen uns an, langsam beginnt es auch zu tagen. Wir kreuzen hier auch zwei sich auf dem Abstieg befindende Bergsteiger, von denen einer im Mischabeljochbiwak von akuter Höhenkrankheit befallen wurde. Die Begehung des Weingartengletschers gestaltet sich problemlos, die (teilweise grossen) Spalten sind noch gut gedeckt und die Brücken halten.

 
Couloir zur SW-Rippe

Auf etwa 3600m sichten wir das uns von einem englischen Sologänger empfohlene, noch fast durchgehend verschneite Couloir, welches auf die SW-Rippe führt. Letztere wiederum kann man benützen, um den Mischabelgrat bei P.4175 zu erreichen. Bei guten Verhältnissen ist diese Route schneller und kürzer als ein Aufstieg ins Mischabeljoch und über den ganzen Grat.

Da die Tour sowieso noch lang werden wird, steuern wir das Couloir an, welches auf etwa 3650m ansetzt. Es ist zwischen 45 und 50 Grad steil und aktuell noch fast durchgehend mit gutem Firnschnee gefüllt. In der Mitte muss eine etwa 10m lange Kletterstelle im 2. Grad gemeistert werden. Wichtig: das Couloir vermittelt den deutlich kürzesten Aufstieg von der Täschhütte auf die SW-Rippe und damit auch aufs Täschhorn. Es ist allerdings nur früh in der Saison begehbar, solange es mit Schnee gefüllt ist, denn die Felsen rundherum sind brüchig und unangenehm.

 
SW-Rippe zum Mischabelgrat

Auf etwa 3750m erreichen wir den Firnkessel am Fuss der Täschhorn Südwand (6.15 Uhr). Nur wenige Meter weiter oben setzt die zuerst felsige SW-Rippe an. Gleich zu Beginn muss für 2 kurze Seillängen richtig geklettert werden. Die geneigten und plattigen Felsen sind zum Glück von griffigen Rissen durchzogen und so im 3. Schwierigkeitsgrad zu haben. Da weiter oben schon bald Schneehänge warten, behalten wir die Steigeisen dafür an.

 

Hat man sich einmal auf der Rippe etabliert, so nehmen die Schwierigkeiten massiv ab. Über Blockwerk gewinnt man etwa 100hm im 1. Schwierigkeitsgrad, bevor sich die Felsen in der Schneeflanke verlieren. Die Firnbedingungen sind optimal, und so gewinnen wir trotz erneut 45-50 Grad Neigung schnell und problemlos an Höhe. Den Mischabelgrat erreichen wir schliesslich kurz vor P.4175 (7.15 Uhr).

 
Mischabelgrat und Gipfelaufschwung

Der Grat lässt einem nun schon den Atem anhalten. Er sieht sehr lang aus, der Gipfel ist noch weit entfernt. Meist besteht er aus Schnee, mit nur kurzen felsigen Intermezzi, und ist ziemlich scharf geschnitten. Die Begehung dieses Grates ist ein Hochgenuss! Man folgt ihm immer nahe seiner Schneide, mit nur kurzen und offensichtlichen Abweichungen nach links und rechts. Vor allem dann wenn man sich über der Südwand bewegt, ist die Exposition sehr, sehr eindrücklich. Auf grössere Schwierigkeiten treffen wir jedoch nirgends, jedoch soll hier auch erwähnt sein, dass es auch so gut wie keine Sicherungsmöglichkeiten gibt.

 

Um etwa 9.00 Uhr sind wir am Fuss des Gipfelaufschwungs. Der Grat verliert sich hier, das letzte Stück hat eher Wandcharakter und ist ziemlich unübersichtlich. Erst steigen wir in kombiniertem Gelände hoch, um dann etwa 30m nach rechts in eine Art Rinne zu queren. Diese verfolgen wir über etwa 50m, um sie nach rechts auf eine schwach ausgeprägte Rippe zu verlassen, welche in weiteren 80-100m Distanz zum Gipfel führt. Man trifft auf diesem Abschnitt auf keine wirklich schwierigen Kletterstellen (maximal 2. Grad). Die Felsen sind aber nur mässig, die Exposition gewaltig und die Sache ein bisschen heikel. Sicherungsmöglichkeiten, z.B. an Zacken sind auch rar, evtl. wären einige kleine Friends dienlich. Wir sichern von Standplatz zu Standplatz und sind schliesslich um 10.00 Uhr auf dem Gipfel.

 

Die Rast fällt gemütlich aus. Der NW-Wind bläst zwar mit etwa 30km/h, im Lee der Gipfelwächte ist es aber ruhig und mit der Sonne fast wohlig warm. Einige Quellwolken haben sich wohl bereits gebildet, diese befinden sich aber über Gipfelhöhe, womit wir auch ein nur wenig eingeschränktes Panorama geniessen können. Erstaunlich ist vor allem der „Ameisentrail“, der sich von der Station Mittelallalin zum Allalinhorn zieht!

 
Abstieg über die Kinflanke

Um etwa 11.00 Uhr beginnen wir den Abstieg über die Kinflanke. Man folgt erst etwa 40m recht steil und exponiert dem verschneiten Teufelsgrat. Wo dieser felsig und schwierig zu werden beginnt, verlässt man ihn und steigt über die zu Beginn knapp 50 Grad steile NW-Flanke ab. Das Gelände verflacht sich dann etwas, wobei man acht geben muss, sich auf etwa 4300m deutlich nach links zu halten. Ein steilerer Hang führt dann hinunter zur Crux der Kinflanke: ein Eiswulst muss hier überwunden werden. Nur gerade 10-15m sind dort steil und schwierig, doch das harte/spröde Eis sowie die Tatsache, dass man beim geringsten Fehler über die Täschhorn-Westflanke hinunterfällt machen die Sache trotzdem ernst. Mittels einer ins Eis gebohrten Sanduhr überwinden wir die Stelle dann schliesslich sicher, danach folgen wieder einfache Schneehänge.

 

Um etwa 12.15 Uhr erreichen wir den Schneedom von P.3812, wo wir uns wohl fälschlicherweise für den bequemen Abstieg Richtung NE in den Kessel des Kingletschers entscheiden. Hier ist es sicher besser, am Grat zu bleiben und über einen Steilhang zum Gipfel der Kinfelsen P.3635 abzusteigen.

Abstieg über den Kingletscher

 

Wir befolgen dann den Rat meiner Beschreibung und halten uns ans rechte, nördliche Ufer des Kingletschers (Vorsicht: Steinschlag aus den Begrenzungsfelsen möglich!). Während Zwischenstücke problemlos begehbar sind, haben es drei Steilstufen in sich: die erste lässt sich noch relativ leicht am Gletscherrand abklettern, bei der zweiten sind schon einige etwas gewagtere Manöver über Blankeis und Spaltenbrücken notwendig, bis wir an der dritten Stufe buchstäblich am Abgrund stehen. Auf den ersten Blick scheint es hier keinen Weiterweg zu geben. Doch dann erblicken wir in den Randfelsen ein fixes Seil, welches wir im ziemlich steilen Eis kletternd und Schrauben setzend erreichen.

 

Das Seil ist nur um einen Block geschlungen, scheint aber zuverlässig und erlaubt uns, eine 30m hohe, steile Felsstufe abseilend zu überwinden. Es folgt noch etwas „Gschnafel“ in den brüchigen Felsen, eine Randkluft mit Schneebrücke, doch dann stehen wir wieder auf dem nun problemlosen Gletscher, dem wir bis zu seinem Ende auf ca. 3000m folgen (14.00 Uhr).

 

Wichtig: unsere Route dem nördlichen Rand des Kingletschers entlang ist zwar möglich, ich würde sie jetzt aber nicht gerade als empfehlenswert bezeichnen. Gemäss Aussagen des Wirts der Kinhütte soll folgender Weg viel besser geeignet sein: etwa beim „e“ von „Kinfelsen“, ca. 3630m quert man den Gletscher Richtung NW zum Nordufer bei der Höhenkurve 3500m. Man folgt dem nördlichen Rand bis vor die letzte Steilstufe auf ca. 3320m und quert dann zurück an den südlichen Gletscherrand, wo sich die Stufe einfach überwinden lässt. Auf etwa 3200m quert man den Gletscher zum dritten Mal, zu seinem Nordrand hin.

 
Vom Gletscher zur Kinhütte und hinunter ins Tal

Wir gönnen uns eine ausgedehnte Pause, zudem ist es auch Zeit, Kletter- und Gletscherausrüstung zu versorgen und wieder auf Sommerbekleidung umzustellen. Als wir wieder aufbrechen, gönne ich mir prompt eine kleine Krise. Die hier herrschende Hitze setzt mir zu, unendlicher Durst quält mich plötzlich und die Kinhütte scheint noch meilenweit entfernt… Objektiv betrachtet führt vom Gletscherende aber ein recht guter und mit zahlreichen Steinmännern markierter Pfad über Moränengeröll hinunter zur Kinhütte, wo wir um 15.30 Uhr eintreffen und unser Flüssigkeitsdefizit beheben können.

 

Um 16.30 Uhr brechen wir nach einem Zvieri auf mit dem Ziel, den Zug um 18.33 Uhr in Randa zu nehmen. Eine verpasste Abzweigung später setzt sich dann 850hm über der Station die Erkenntnis durch, dass die Verbindung um 17.56 Uhr viel besser wäre und noch knapp 50 Minuten verbleiben, um diese zu erreichen. So geht die Tour mit einem rassigen Bergabmarsch zu Ende, beständig unser Marschtempo extrapolierend erreichen wir zwei Mathematiker das Perron exakt 2 Minuten vor Abfahrt und steigen, zufrieden über den äusserst gelungenen Tag, in den Zug!


Tourengänger: mde

Galerie


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Kommentare (3)


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Sputnik Pro hat gesagt: Super Bericht !
Gesendet am 14. Juli 2009 um 16:45
Erst einmal Gratulation zum Täschhorn. Der ausführliche gut geschriebene Bericht und die Fotos machen gerade Lust auf eine Wiederholung.

Ich hoffe dass es mit dem Wetter und der Zeit (der Sommer ist viel zu kurz!) noch dieses Jahr klappt.

Viele Grüsse und weiterhin schöne Touren!

Sputnik

mde hat gesagt: RE:Super Bericht !
Gesendet am 14. Juli 2009 um 22:45
Salut Sputnik,

Ich wünsche Dir für den nächsten Versuch am Täschhorn viel Erfolg! Deine präzise Beschreibung habe ich natürlich vorgängig gelesen. Im Nachhinein wünsche ich mir, ich wäre Deinen Angaben bzgl. dem Kingletscher gefolgt, anstatt der zweiten Beschreibung, die das Nordufer empfohlen hat.

Wünsche Dir einen guten Sommer und beste Grüsse,

Marcel

andre68 hat gesagt: Brilliant trip report!!!!
Gesendet am 15. Juli 2009 um 10:08
Amazing tour! great pictures over the exposed ridge! cheers. André


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