Watzmann - Überschreitung


Publiziert von gero Pro , 11. Februar 2009 um 16:56.

Region: Welt » Deutschland » Alpen » Berchtesgadener Alpen
Tour Datum:20 Oktober 2001
Klettern Schwierigkeit: II (UIAA-Skala)
Klettersteig Schwierigkeit: WS
Wegpunkte:
Geo-Tags: D 
Zeitbedarf: 2 Tage
Aufstieg: 2470 m
Abstieg: 2470 m
Strecke:Wimbachbrücke - Watzmannhaus - Hocheck (2657m) - Mittelspitze (2713m) - Südspitze (2712m) und zurück
Kartennummer:Bayerisches Landesvermessungsamt - Nationalpark Berchtesgaden - UK25-1

Es ist ja kaum zu glauben: hier gibt es noch keinen Bericht der Watzmann-Überschreitung! Das will ich sofort ändern ..... es war eine meine schönsten Bergtouren.

Es versprach, ein schönes Herbstwochenende zu werden. Ich wollte es nutzen, um endlich einmal die Überschreitung des Watzmann zu versuchen. Der gewählte Zeitpunkt war insofern recht günstig, als vielleicht jetzt kurz vor Saisonende nicht mehr ganz so viel Menschenmassen an diesem großartigen Grat herumturnen würden wie im Hochsommer! Ich sollte mich nicht getäuscht haben .....

Ich ging die Überschreitung als 2-Tages-Tour. Startpunkt war die Wimbachbrücke (634m), von wo aus ich erst einmal 1300Hm bis auf das Watzmannhaus zurückzulegen hatte. Der Weg führt über die Stuben-Alm (1200m) und den Mitterkaser (1410m) in knapp 4 Std. hinauf - zunächst durch Wald, der sich am Mitterkaser zusehends lichtet und schöne Blicke auf die umgebenden Berchtesgadener Bergstöcke freigibt: speziell das kecke Horn des Untersberges und der mächtige Hohe Göll fallen auf. Dazwischen zu dieser Jahreszeit immer wieder zauberhafte Herbstfarben: wieder einmal ein Tag, gemacht zum Träumen!

Die Schilder sprachen eine deutliche Sprache: Watzmannhaus (1930 m) bereits geschlossen! Umso überraschter war ich, als es doch noch geöffnet war und ich eine frische Maß serviert bekam. Es war das letzte Wochenende, an dem die Unterkunft noch wenigstens Ausschank anbot - danach wurde das Haus für die kommende Winterpause geschlossen.

Nach einer einstündigen Rast ging ich weiter: den gut markierten, teilweise mit Fixseil versehenen, aber leichten Bergsteig durch die Watzmanngrube aufwärts bis zum Hocheck. Immer großartiger wird die Aussicht, nebenan steht inzwischen der Hochkalter, und hinter dem Hagengebirge erhebt sich im Osten das Dachsteinmassiv. Auch in das Watzmannkar kann man schön hinuntersehen, mit dem Kleinen Watzmann (Watzmannfrau) darüber.

Weitere 2 Stunden brauchte ich für die 700 Hm bis auf das Hocheck (2651m), wie der nördlichste und niedrigste der 3 Watzmanngipfel ja auch heißt. Inzwischen war es Nachmittag geworden, und ich mußte mich entscheiden: wieder hinunter - oder heroben bleiben und in der spartanisch eingerichteten, hölzernen Notunterkunft biwakieren. Auf dem Hocheck stand damals noch die uralte Biwakschachtel, die meines Wissens inzwischen durch ein neues, moderneres Hüttlein ersetzt worden ist. Mir fiel die Entscheidung nicht schwer: Wetter überragend gut, weit und breit nicht das kleinste Wölkchen zu sehen, warm - und ich keinem Abenteuer abgeneigt. So blieb ich oben und gedachte, am nächsten Tag die Überschreitung über die Mittel- zur Südspitze anzugehen.

Es war ein göttlicher Abend. Die untergehende Sonne verzauberte die Berge in ein farbenprächtiges Paradies, im Tal wich der Tag der Dämmerung, die Lichter gingen an, der tiefblaue Königssee weit drunten wurde zusehends grau. Schließlich zog die Nacht herauf mit ihren Tausenden von Sternen - ein Königreich für einen Hobbyastronomen wie mich!

Nach langem Schauen bezog ich mein Nachtquartier: Daunenschlafsack auf Holzbank ..... sei's drum! Wie immer schlief ich auch hier bestens und wachte erst morgens, kurz vor der Dämmerung wieder auf. Im Morgenrot funkelte bis zuletzt die Venus über dem Dachstein, und dann wurde es Tag. Zeit zum Aufbruch.

Kurz vor 7 Uhr verließ ich meine romantische Behausung und machte mich an den Übergang zur unmittelbar gegenüberstehenden Mittelspitze. Es geht gleich mit Fixseil los, teilweise etwas ausgesetzt. Auch hier darf ich der Vollständigkeit halber anführen, daß für die Watzmann-Überschreitung absolute Trittsicherheit und Schwindelfreiheit, allgemein bergsteigerische Erfahrung in hochalpinem Gelände unbedingt erforderlich sind. Die technischen Schwierigkeiten sind zwar nirgends hoch, doch sollte man immer in Erinnerung behalten, daß man als Durchschnittsalpinist nur wegen des an allen wesentlichen Stellen vorhandenen Drahtseils weiterkommt!

In einer knappen Stunde war ich drüben auf der Mittelspitze, mit 2713m dem höchsten der 3 Watzmanngipfel. Von hier aus kann man nun auch hinüberschauen in die hohen Tauern - Großglockner und Großvenediger stehen unmittelbar gegenüber. Und man erkennt natürlich auch den Weiterweg: der teilweise exponierte Grat führt in knapp 2 Stunden in stetem Auf und Ab weiter zum Südgipfel (2712m), der also grad ein Meter niedriger ist.

Gottseidank ist der Übergang nicht so schwer, wie er aussieht! Die Schlüsselstelle kommt sowieso gleich nach dem Mittelgipfel: an einem Fixseil steigt man am Rand einer Platte, die mit unangenehm kleinen Geröllpartikeln bedeckt ist, einige Meter hinunter - und dort endet dann das Fixseil unvermutet. Man muß nun tatsächlich 20m horizontal in zwar leichtem, gutgriffigem Zweiergelände, aber doch erheblich exponiert hinüberklettern zu einem Gratpunkt, wo das Fixseil weitergeht. Hat man sich dies getraut, dann ist der Rest vergleichsweise harmlos (ich gebe zu: die Überwindung des inneren Schweinehundes, diese paar ungesicherten Meter zu klettern, fällt schwer - hier darf man nicht ausrutschen, sonst ist's vorbei).

Man steigt dann, nun immer bestens gesichert, dem Fixseil hinterher. Bald endet es, nun geht es vorübergehend ein Stück in die Westflanke hinunter und dann ein langes Band leicht ansteigend wieder aufwärts. Dieser Teil ist durchwegs Gehgelände. Schließlich erklimmt man, wieder teilweise an Fixseilen, die Südspitze - und hat damit die eigentlich Überschreitung hinter sich gebracht.

Wie Ihr meinen Fotos entnehmen könnt, habe ich damals wirklich einen wunderbaren Tag erwischt. Von der Südspitze hat die Mittelspitze, von der man eben herüberkam, wirklich ein enorm eindrucksvolles Erscheinungsbild! Und erst die Aussicht von diesem Dach der Berchtesgadener - phänomenal!

Von der Watzmann-Südspitze steigen die meisten Alpinisten südseitig hinunter zur Wimbachgrieshütte - und haben dann noch den 9km langen Rückmarsch durch das Wimbachtal hinaus zur Wimbachbrücke, zum Ausgangspunkt, zurückzulegen. Ich kann da nicht mitreden - denn ich bin den Watzmanngrat zur Mittelspitze auch wieder zurückgegangen ..... weil's ein gar so schöner Tag war, dort oben, hoch über dem Berchtesgadener Land !

Tourengänger: gero

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Kommentare (7)


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calanda hat gesagt: Der Berg ruft
Gesendet am 11. Februar 2009 um 22:47
Dieser Bericht freut mich. Seit Jahren ruft der Watzmann . . . mir bleiben die Gedanken.

gero Pro hat gesagt: RE:Der Berg ruft
Gesendet am 12. Februar 2009 um 10:04
Hallo Calanda,

Deinem Akronym entnehme ich, daß Du aus der Gegend von Chur kommst (auf den beiden Calandas war ich am 24.10.2008, s. hier:
http://www.bergtour.ch/gipfelbuch/detail/id/31918
bzw. hier:
http://www.bergtour.ch/gipfelbuch/detail/id/31919)

Da wäre der Watzmann für Dich schon ganz schön weit weg! Dabei hast Du doch so tolle, sicher mindestens gleichwertige Berge fast vor der Haustüre: die Glarner, das Berner Oberland, nicht zu vergessen mein Lieblingsgebirge, das Wallis...

Sei es, wie's mag: freut mich, daß Dir mein Bericht gefällt! War auch ein ultimatives Erlebnis für mich, die grenzenlose Weite, Stille + Einsamkeit dort oben.

Falls Du aber doch mal den Watzmann angehen solltest, dann wünsch ich Dir schon jetzt ein ähnlich schönes Bergabenteuer.

Berg Heil, unbekannterweise Dein Bergkamerad Georg

Alpin_Rise Pro hat gesagt: Calanda
Gesendet am 12. Februar 2009 um 10:16
Salut Gero und Calanda

Der Übergang vom Haldensteiner auf den Felsberger Calanda ist mit etwas leichter Kletterei problemlos möglich und hat etwas weniger Höhemeter und mehr Aussicht als der Abstieg zur Hütte und wieder hinauf.

Würd mich freuen, einen Calanda-Bericht von dir hier zu lesen - umso mehr, als ich damals keine Kamera dabei hatte.

Gruss
Alpin_Rise


BergFreak1 hat gesagt:
Gesendet am 28. März 2011 um 12:03
Super Bilder !!! Der Watzmann ist einer der schönsten Berge Deutschlands.

schönen gruss

BergFreak1

morphine hat gesagt: Hallo gero,
Gesendet am 2. April 2011 um 11:07
super Bericht und klasse Bilder Deiner Watzmann-Grattour.
Genau in dem Stil will ich den Watzmann auch mal angehen. Als 2 Tagestour, damit auch noch genug Zeit zum Genießen bleibt.
Wusste gar nicht, dass es auf dem Hocheck diese kleine Holzhütte gibt. Bei dem Traum-Herbstwetter genau die Richtige Entscheidung dort zu übernachten und am nächsten Tag weiterzugehen.
Besonders gut gefallen mir die Bilder mit der faszinierenden Lichtstimmung abends auf dem Hocheck.
Kurz: Eine perfekte Tour auf den Watzmann.

Gruß
morphine

gero Pro hat gesagt: Hallo morphine,
Gesendet am 2. April 2011 um 11:17
danke, daß dir mein Bericht gefällt - ja, das war damals eine Supertour. Ja, auf dem Hocheck gibt es diese Biwakschachtel - aber meines Wissens wurde sie vor noch nicht allzu langer Zeit durch eine neue Schachtel ersetzt.

Wenn man dort biwakiert, dann hat man den großen Vorteil, 2 Std vor der Masse Mensch, die vom Watzmannhaus heraufkommt, dranzusein - und die Überschreitung ALLEIN und nicht im Pulk anzugehen, mit Warterei an den Schlüsselstellen. Und außerdem wird man mit absoluter Einsamkeit und großartigem Sonnenuntergang belohnt - dafür, meine ich, kann man schon mal ne Nacht auf einer harten Holzpritsche verbringen.

Gruß vom Georg aus Mittelfranken

OutdoorPro hat gesagt: Super Bericht!
Gesendet am 29. März 2012 um 15:30
Vielen Dank für den tollen Bericht, ich habe den Watzmann auch schon 2 Mal bestiegen. Ein Bekannter hat letztes Jahr eine geführte Tour mitgemacht, für alle die sich nicht alleine an die Sache trauen oder gerne einen Bergführer dabei haben, sicher eine gute Sache. Hier ist z.B. mal eine geführte Tour (über Google gefunden): http://www.guiders.de/tour/337

Vg,
Benny


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