Große Zinne - Comici


Publiziert von Stefan_F , 21. November 2023 um 18:09.

Region: Welt » Italien » Trentino-Südtirol
Klettern Schwierigkeit: VII (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: I 
Zeitbedarf: 8:00
Aufstieg: 750 m
Abstieg: 750 m
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Mautstraße zum Rifugio Auronzo
Unterkunftmöglichkeiten:Rifugio Auronzo oder Lavaredo - besser als Tagestour mit entsprechend frühem Start

So, liebe Freunde des gepflegten Bergsports,
heute werden Träume wahr, Wetten eingelößt, Grenzen ausgelotet und noch viel mehr genossen! Heute geht es nicht spazieren, also los:


Dieses Jahr ließen mich die Dolomiten nicht los. Im Frühsommer machte ich hier mit der Familie zwei Wochen Urlaub, aber das Wetter war nicht gut und der Schnee lag noch reichlich. So wühlte ich mich nur auf den Cristallino d´Ampezzo und kletterte mit Simon die Gelbe Kante an der kleinen Zinne. Es fühlte sich nicht so an als wäre ich hier fertig und so fuhr ich im Spätsommer noch einmal dort hin um die Comici an der großen Zinne zu klettern.
Vor vielen Touren mache ich mir sehr viele Gedanken, hege Zweifel, habe Angst kurz bevor es losgeht und denke über jedes Detail zig mal nach. Hier war das irgendwie nicht so. Die Gelbe Kante lief wie am Schnürchen und Simon ist einfach ein genialer Partner. Auch im Sandstein konnte ich viele für mich schwere Routen klettern. Für die Geschichte wäre es natürlich dramaturgisch besser, wenn ich von Angst durchzogen wäre, nächtelang nicht schlafen konnte und vor Aufregung nicht wüsste ob die Kletterschuhe an die Hände oder Füße gehören. Ich freute mich auf die Tour und war innerlich erstaunlich ruhig. Die Umstände haben einfach alle gepasst und ich vertraute darauf, dass die Tour nicht so schlimm sein könnte, wenn sie von Tausenden gemacht wird.

So traf ich mich mit Simon kurz nach 4 in Misurina und in finsterer Nacht waren wir schnell an der Auronzohütte. Allzu viel Gepäck braucht man für die Tour nicht und so eilten wir über den Paternsattel zum Einstieg. Früh dran sein ist hier die halbe Miete. Der Plan ging auf und wir standen knapp als erste Seilschaft bereit zum Einstieg da. Die ersten beiden Seillängen fassten wir zu einer zusammen. Der Fels fühlte sich freundlich an - für mich eine sehr wichtige Sache. An der ersten VIIer-Stelle gilt es an kleinen Löchern und Leisten nach links oben in weniger abdrängendes Gelände zu kommen. Viele Seilschaften scheitern schon hier und das musste vermieden werden. So seilten wir auch die Rucksäcke an um sie später zum Sand zu ziehen. Ohne Last auf dem Buckel klettert es sich dann doch ganz gut zum nächsten Stand. Jetzt über jede Seillänge zu philosophieren bringt wenig. Ich will eher auf meine Gedanken und Erinnerungen eingehen. Die Route ist für mich ein Meilenstein - etwas Bedeutendes im Bergsteigerleben. Vielleicht geht es euch auch so oder ihr wollte sie bald einmal klettern.
Im Vorfeld machte ich mir ein paar Gedanken um die Schlüsselstellen und dachte dazwischen wird es ja mit VI leichter, das wird schon gut gehen. Ja, auf der heimischen Couch... In der Wand gibt es zwar mal weniger schwere Abschnitte, aber es ist schon sehr oft kräftig, abdrängend, hängend und man kommt mit den gewohnten filigranen, balancelastigen Klettertechniken nicht weit. Ich empfand es eher als kräftiges stemmen, ziehen, hangeln an Schuppen die mich gefühlt als letzten Kletterer gewähren lassen bevor sie zu Tale stürzen. Brüchig war es aber dennoch nie. Ist ja alles viel zu abgeklettert. Allgemein klettert man eher im sehr steilen Gewänd und schwingt sich dann wieder auf einen Sims oder eine Platte und meistert so den riesige Überhang der ersten 10 Seillängen. Kraftraubend ist es, manchmal will es kein Ende nehmen und ich habe laut und leise geflucht, gezerrt, gestemmt, mich auf den nächsten Tritt gewuchtet. Elegant ist es nicht allzu oft, aber es gibt diese Stellen und da geht schon das Herz auf. Das Gefühl es doch zu können, nicht ganz fehl am Platze zu sein, ist schon toll. Freut euch nur nicht zu früh! Bevor sich die Wand neigt, kommen noch zwei Vller-Stellen und ich war schon etwas angezählt.Hier wird noch mal richtig was abverlangt. Zwar ist es ganz gut gesichert, aber hier darf man noch mal Löcher und Leisten ziehen und das pumpt dann die Arme endgültig auf! Selten habe ich mich über eine Pause am Stand und etwas Wasser mehr gefreut. Für mich ist die Schlüsselstelle ganz klar hier oben und nicht der 7er in SL3.
Im Folgenden ändert sich der Charakter der Comici vollkommen. Erfreulicherweise wird es deutlich leichter, aber es werden auch die Sicherungsabstände wesentlich größer. Feucht soll es hier oben immer mal sein. Bei uns war es nicht feucht sondern klatschnass. Es gibt durchaus Stände, die ähnlichkeiten mit einer eiskalten Dusche haben. Auch darf man jetzt eben in diesen nassen Spalten fein Rissklettern. Wäre es nicht alles rund, glatt und nass wäre es ein Hochgenuss. So tut es gut leichter und damit schneller klettern zu können, mal gemütlich zu stehen und in der liegenden Wand mit vielen Querungen etwas Abwechslung zu haben. So kommt man bald an den "25m-Quergang". Sowas kenne ich aus dem heimischen Sandstein recht gut und machte mir keine Sorgen. Auch der IV. Grad sollte ja nicht schrecken. Irgendwie machte mich die Kombination aus verbrieft leichter Kletterei (also unterschätzter Kletterei), Exposition, Sicherung von der Seite und langsam abfallender Anspannung völlig fertig. Mustte das jetzt wirklich nochmal so aufreibend sein? Im Folgenden kommen aber endlich die erhofften Genusslängen zum Ringband. Schöne Kletterei bis V an griffigem, liegendem Fels sind noch mal richtig fein. Das Ringband ist kein Problem mehr und dann geht´s in die Sonne und via Normalweg zum Gipfel. 
Dort brauchte ich schon etwas Zeit für mich um zu realisieren was wir gerade geklettert sind und wie schön das Leben sein kann. Ich habe dann immer das gefühl gerade in diesem Moment gar nicht genug genießen zu können. Sogar ein Gipfelschnapsl gibt es ... selten war es so verdient.

Der Abstieg via Normalweg ist nicht weiter schwer. Man kann viel abseilen und hat dafür mehrere Varianten. Wer den Weg nicht kennt, sollte hier schon ein Topo dabei haben. Ganz offensichtlich ist es nicht. Ab und an gilt es zu queren oder in eine Scharte zu klettern an deren Rückseite sich Abseiler verstecken. Wenn man das blind suchen muss kann es sehr lange dauern. Irgendwann ist dann aber auch der Wandfuß erreicht und schnell auch das Auto. Welche Fragen uns andere Kletterer oder Wanderer stellten, verschweige ich erstmal - das glaubt ihr mir eh nicht. ;)

Vorsicht! Nach so einer Tour verdunstet der erste 1/2l Bier irgendwo zwischen Glas und Rachen.

Ich hoffe ich konnte euch ein Stück mit durch die Wand nehmen. Schauen wir mal was die nächsten Touren sein werden...

Tourengänger: Stefan_F


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Kommentare (2)


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Westfale hat gesagt:
Gesendet am 22. November 2023 um 19:14
Großes Kino. Mein Respekt. Klar, dass das Bier danach besonders schmeckt ;-)
Danke für die eindrucksvollen Fotos!

Stefan_F hat gesagt:
Gesendet am 26. November 2023 um 14:04
Sehr gern geschehen, lieber Westfale!


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