Tschengsler Hochwand (3375m) - über den langen Westgrat


Publiziert von AIi , 13. Oktober 2015 um 17:18.

Region: Welt » Italien » Trentino-Südtirol
Tour Datum: 9 September 2015
Wandern Schwierigkeit: T4 - Alpinwandern
Klettern Schwierigkeit: I (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: I 
Zeitbedarf: 8:00
Aufstieg: 1600 m
Abstieg: 1600 m

Einsame und aussichtsreiche Bergtouren mittlerer Schwierigkeit vom Ort Sulden in Südtirol zu finden, ist gar nicht so einfach wie man meinen könnte: Im Süden und Westen des Hochgebirgsdorfs reiht sich zwar ein alpines Schwergewicht, von Cima Cevedale bis Ortler, ans andere, für Hochtourenunerfahrene, dessen Mitgeher keine Zeit haben, jedoch nicht machbar.
Beim Blick auf die Berge im Osten von Sulden wird es dann schon etwas interessanter, zumindest um Aussicht muss man sich mit bei den bis zu 3500m hohen Gipfeln hoch über dem Etschtal und neben König Ortler keine Sorgen machen. Wer allerdings Gletscher und Karawanen schwäbischer Bergsteiger meiden möchte, muss bei den Touroptionen wieder Abstriche machen.
Gerade recht kommt da der sehr interessante Bericht von Nik Brückner (Anbei: Danke, für den guten Tourenvorschlag!) zum Westgrat der Tschengsler Hochwand (3375m) - eine aussichtsreiche und einsame Gratwanderung soll es dort geben, weder allzu schwer (T4 I), noch allzu lang (1600hm, 8h).
Durch eine nicht ganz geringe Schneeauflage oberhalb von 3000m und die gewöhnungsbedürftige Höhenluft wurde es dann allerdings doch eine für mich relativ stattliche Aktion...


Los gehts gemütlich gegen 10 Uhr in der Kehre der Hauptstraße im Ort Sulden. Von hier muss erstmal entweder an einer ruhigen Straße oder einem parallel verlaufendem Wanderweg talauswärst Richtung Gasthof "Waldruhe" gewandert werden. Bald biegt dann die Straße zum Talgrund ab und es geht weiter auf einem Fahrweg, vorbei am Gasthaus Waldruhe bis auf gut 1900m ein Wanderweg zur Stieralm abzweigt. Dieser führt einen dann zügig, vorbei an idyllischen Bächen, hinauf zur in einem ruhigen Hochtal gelegenen Stieralm.

Als nächstes gilt es möglichst konditionsschonend den Grat im Norden der Alm zu erreichen. Dazu folgte ich einer deutlichen Wegspur, welche mich leicht ansteigend und komfortabel zum Grat auf ca. 2300m brachte. Am Grat angekommen, geht es über diesen immer auf leichten Wegspuren zügig bergauf bis zum Stiereck (2839m). 

Hier stößt von Norden her ein Wanderweg auf den Kamm, dieser ist zwar sporadisch markiert, als Pfad jedoch nur selten auszumachen. Der weitere Gratverlauf zum Pederfick wird dann immer felsiger, die einzelnen Markierungen weisen jedoch trotz zunehmender Schneeauflage  ordentlich den Weg durch das Blockgelände.
Bald erblickt man auch schon das große Kreuz des Pederfick, der Gipfelaufbau hinter einer Rinne am Grat wir am leichtesten von Osten her gewonnen.

Der Tiefblick von hier übers Etschtal zum Reschensee ist schon ansehnlich, aufgrund von kaltem Wind und Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt mache ich mich aber bald wieder auf: Der Weiterweg zum Tagesziel Tschengsler Hochwand ist noch lang, ein ausgedehnter Blockgrat liegt vor einem. 
Also stets am Grat oder rechts daneben (südlich) ausweichen, bei etwas Schneeauflage kommt die Nordseite sowieso nicht in Frage. Das Steigen im Blockgelände der Südflanke ist relativ ermüdend, da man stets auf der Hut sein muss keinen der losen Blöcke auf die eigenen zwei Beine zu stoßen.
Nach etlichen Graterhebungen gelangt man an den eigentlichen und letzten Aufschwung zur Tschengsler Hochwand, besonders schwierig wird's hier nicht (T4 I), nur die Steilheit des Blockgeländes rechts (südlich) des Grates nimmt zu. Im oberen Teil steht auf einem Vorsprung ein gut sichtbarer, großer Steinmann - ein kleines Stück nach ihm sollte man wieder zum Grat aufsteigen und diesem dann ohne Schwierigkeiten zum Gipfel folgen. 
Anmerkung: Kurz vor dem Gipfel (>3200m) ist in den Randzeiten (Juli oder September) oft noch/schon Schnee anzutreffen. Da das Gestein dort oft aus schrägen Platten besteht empfehle ich in diesen Monaten auf jeden Fall Steigeisen mitzunehmen, ich hatte welche dabei, brauchte sie aber grade so noch nicht (bei 15cm Pappschnee)

Mit 3375m löst die Tschengsler Hochwand nun den Hohen Riffler im Verwall als meinen höchsten Berg ab, richtige Freude will ob der eisigen Temperaturen und der Anstrengung  wegen der fehlenden Akklimatisation und des Schnees allerdings nicht aufkommen. Besonders auffällig war jedoch die geistige Umnachtung durch die Höhenluft: Satte 5 Minuten brauchte ich um den Mechanismus des Gipfelbuchkastens zu durchschauen (Zu meiner Verteidigung: Dieser war auch wirklich unnötig kompliziert konstruiert ;)

Der Abstieg führt über den Normalweg mit einigen drahtseilversicherten Stellen über den Südgrat der Tschengsler Hochwand hinunter in eine Gratscharte und anschließend etwas rutschig über einen schmalen Pfad eine breite Schuttrinne nach Osten ins Zaytal hinab. (Gut markiert) 
Im Tal leitet einen dann ein guter Wanderweg durch Blockgelände hinüber zur Düsseldorfer Hütte. Wer in der Dorfmitte von Sulden rauskommen möchte, der sollte von hier entlang des Talbaches  über einen guten Wanderweg absteigen, da ich zum oberen Ortsende gelangen musste, nahm ich die Route über die Kanzel.

Ausrüstung:
Steigeisen (Bei unsicherer Schneelage auf 3300m)

Schwierigkeiten:
Sulden - Stieralm: T2 
Stieralm - Stiereck: T3 weglos, nur Pfadspuren
Stiereck - Pederfick: T3 markiert, unangenehmes Blockgelände
Übergang Tschengsler Hochwand: bis T4 I beim Ausweichen in Südflanke
Abstieg über Normalweg: Stellen I (evtl. Drahtseil), bis T4 da oft rutschige Rinne
Düsseldorfer Hütte - Sulden: T2 Über Kanzel

Fazit:
Sicherlich eine der individuellsten Unternehmungen mittlerer Schwierigkeit um Sulden, ich kann diese Bergtour den meisten Erfahrenen nur empfehlen.
Ich persönlich scheine aber einfach kein Fan von Höhenlagen werden zu wollen: Oft kalt, oft Schnee, karge Stein- und Eiswüste und große Distanzen mag ich einfach nicht so gern.

Tourengänger: AIi


Galerie


Slideshow In einem neuen Fenster öffnen · Im gleichen Fenster öffnen


Kommentare (3)


Kommentar hinzufügen

georgb Pro hat gesagt:
Gesendet am 13. Oktober 2015 um 18:25
Respekt AliAigner, dafür, dass du große Distanzen nicht magst!!! Und noch mehr Respekt, dass du dir anzügliche Bemerkungen zu diversen Bergnamen verkneifst! Kann es sein, dass du erst 16 bist? Glaub ich nicht ;-)
Grüße Georg

AIi hat gesagt: RE:
Gesendet am 14. Oktober 2015 um 17:26
Danke dir für so viel Respekt auf einmal!
Statt großen Distanzen mag ich halt lieber technische Schwierigkeiten, jedem das seine eben. Anzügliche Bergnamen? - Da muss man doch grad als Jugendlicher besonders vorsichtig sein, nicht dass man noch in ein Klischee passt...
Und 16 Jahre alt bin ich auch noch - eine Rarität in einer Internetcommunity die auch "Facebook für alte Leute" genannt werden könnte...;)

Gruß zurück
Ali

Nik Brückner hat gesagt:
Gesendet am 4. Mai 2016 um 10:11
Hi Ali!

Grat-ulation zu dieser schönen, einsamen Tour. Was bei Dir die Temperaturen, die Kargheit und der Schnee sind, ist bei mir das Blockwerk: Ich mag's nicht besonders, und deshalb werde ich dieses Jahr wohl wieder "im grünen Bereich", d. h. unter 3000 bleiben. Obwohl mein Cousin schon zum Cev' gerufen hat....

Herzlichen Gruß,

Nik


Kommentar hinzufügen»