Jungfrau - via Inneren Rottalgrat


Publiziert von Leander , 28. April 2014 um 16:11.

Region: Welt » Schweiz » Bern » Jungfraugebiet
Tour Datum:27 Juli 2013
Wandern Schwierigkeit: T4 - Alpinwandern
Hochtouren Schwierigkeit: S
Klettern Schwierigkeit: III (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-BE   CH-VS 
Zeitbedarf: 2 Tage
Aufstieg: 3243 m

Die meisten Touren verlaufen anders als man sie sich vorgestellt hat. Dass sie auf einem komplett anderen Berg enden, ist eher selten, doch durchaus nicht unrealistisch. Ein solcher Fall tritt zum Beispiel dann ein, wenn die vereinbarte Tour noch am Morgen abgesagt wird und man sich genötigt fühlt einen Ersatz zu finden. So wurde aus der Ostgratbesteigung des Sustenhorns, die Rottalgratbesteigung der Jungfrau, kein schlechter Tausch möchte man meinen, gehört doch die Jungfrau zu den Schweizer Prestigebergen schlechthin, zumal, wenn sie über einen der schwierigen und langen Zustiege aus dem Talgrund bestiegen wird.

Ob der Tausch nun gut oder schlecht sein würde, sollte sich erst am Gipfel herausstellen, doch dorthin war es ein langer Weg. Ein Weg der in brütender Hitze in Stechelberg begann. Die Wetterdienste hatten das heisseste Wochenende des Jahres angekündigt und entsprechend unbarmherzig brannte die Nachmittagssonne über dem hinteren Lauterbrunnental. Schon nach wenigen Metern zweigte der Hüttenpfad vom Hauptwanderweg ab und führte durch dichtes Gebüsch und niedrige Bäume in Spitzkehren hinauf.. Nachdem ich aus dem Wald getreten war, konnte ich zum ersten Mal in die Westflanke der Jungfrau blicken. Weiter ging es über saftige Almweiden an den Fuss der Bärenflue, eine breite Felsbastion, die ihren Namen von den riesigen Blöcken haben muss, die auf ihrem Rücken liegen und vom Tal aus gesehen die Umrisse von Bären haben.
Der Weg nutzte eine Schwachstelle der Felswand aus und führte durch ein steiles, mit Stahlseilen gesichertes Couloir hinauf auf den Rücken der Flue, nun ging es wieder auf schmalen Pfaden bis an den Rand der Rottalgletschermoräne, hinter der sich die beeindruckende Nordwand der Äbniflue in den Himmel türmte. Jetzt war es nicht mehr weit und auf dem Rücken der Seitenmoräne ging es entlang des wild zerklüfteten und ständig rumorenden Rottalgletschers. Nach einer Biegung öffnete sich der Blick auf die an der Südflanke des Inneren Rottalgrates liegende Hütte, umrahmt von den Abstürzen der Jungfrau und des vergletscherten Rottalhorns.
Ich erreichte die Hütte kurz nach 20 Uhr, nach etwas mehr als vier Stunden Aufstieg. Kurze Zeit später trafen auch meine beiden Bergkameraden die eine Stunde später gestartet waren. Wir mussten uns noch eine Weile gedulden bis die Hüttenwartin mit den übrigen Gästen abkassiert hatte, ehe wir das späte Hüttenmahl in Empfang nehmen durften. Hungrig machten wir uns über Tomatensalat und Rösti mit Spiegelei her, während die letzten Sonnenstrahlen Berge und Wolken in feierliches Abendrot tauchten.
Nach einer kurzen und unruhigen Nacht klingelte der Wecker bereits um 2:45 Uhr. Auch die anderen Seilschaften hatten angefangen sich für den Tag zu rüsten und nach einem schnellen Frühstück mit Tee und Marmeladenbrot waren wir um 3:35 Uhr abmarschbereit.
Als wir aus der Hütte traten, schien der Mond von einem sternenklaren Himmel. Es war nicht kalt und wir brauchten unsere Jacken nicht anzuziehen. Der Weg ging von der Hütte geradewegs auf den Grat. Wir brauchten nur den kleinen, steinernen Marienkäfern folgen, die entlang des Aufstiegs als Wegfindungshilfe angebracht waren. Nach einem kurzen, zu erkletternden Steilaufschwung ging es über den breiten Gratrücken weiter, immer steiler werdend, bis wir nach etwa 45 Minuten nach links in die linke Flanke des Grates wichen. Zunächst ging es horizontal auf schmalen Bändern in die Flanke, aber schon bald über mit Schutt beladene, teils nasse Platten aufwärts. In diesem Gelände wäre ein Fehltritt unverzeihlich gewesen und man musste jeden Tritt und Griff doppelt auf Tragfähigkeit prüfen. Voll konzentriert im Lichte der Stirnlampe, die Schwärze des Abgrundes im Rücken und den blauenden Morgenhimmel weit oben hinter der Gratschneide näherte ich mich Klettermeter um Klettermeter dem Ende der heiklen Flanke. Endlich erreichte ich die beiden vorausgekletterten Kameraden, die bereits das Seil ausgepackt hatten und dabei waren den weiteren Aufstieg zu inspizieren. Hinter einem schmalen Firngrat und einem eisigen Firnfeld lag der erste mit Fixseilen gesicherte Steilaufschwung, in dem sich bereits die vor uns gestarteten Seilschaften befanden.

Wir hatten nun Steigeisen angelegt und uns zu dritt ins Seil gebunden. Entlang des ersten Fixseils ging es über das eisige Firnfeld und durch einen schmalen Kamin. Wir legten alle 5-10 Meter eine Zwischensicherung in den Fels und kletterten am laufenden Seil weiter, bis wir an einen grossen Turm kamen, den wir rechts über einen kurzen Riss erkletterten. Dann kam wieder ein vereistes Firnfeld und endlich auch das zweite Fixseil, das über den steilsten Teil des Grates führte. Um dem hohen Tempo gerecht zu werden, musste ich das dicke Tau zum klettern mitbenutzen. Die letzten Meter führten über schön griffige, weisse Granitplatten und schon standen wir am Fusse des Hochfirns. Wir verkürzten das Seil und stiegen erst steil, dann immer flacher werdend auf. Das Gröbste lag nun hinter uns und ich konnte mich für kurze Zeit erholen.
Doch schon wartete die nächste Gefahr: „Steinschlag“,  tönte es von der Seilschaft vor uns und wir sahen, wie zwei tellergrosse Steine aus dem vor uns liegenden Felsband hinunterschossen. Wir entschieden uns durch ein weiter rechts liegendes Couloir weiterzusteigen, um weiteren Steinschlag aus dem Weg zu gehen. Das Couloir war mit Schnee gefüllt, doch man konnte auch gut auf den unmittelbar nebenan verlaufenden Felsgrat ausweichen. Plötzlich hallte ein Donnern aus der Tiefe des Rottals, schnell kletterten wir auf die Gratschneide und sahen gerade noch wie an der Flanke des Rottalhorns eine Eislawine ins Tal rauschte.
Nun war es fast geschafft, noch einmal einen kurzen Steilaufschwung und schon standen wir auf dem vom Rottalsattel heraufführenden Grat, der nach wenigen letzten Schritten auf 4153 Meter Höhe endete. Wir erreichten den Gipfel 202 Jahre nach den Erstbesteigern um 9:02 Uhr, fünf ein halb Stunden nachdem wir aufgebrochen waren. Die weitreichende Ausicht entlohnte für den anstrengenden Aufstieg und ich war froh auf den Tausch eingegangen zu sein. Es war ein guter Tausch.
Vor uns lag die grösste alpine Gletscherlandschaft Zentraleuropas, der Jungfraufirn, der sich auf dem Konkordiaplatz mit dem Ewig Schneefeld zum Grossen Aletschgletscher vereinigt, die beiden berühmten Brüder der Jungfrau, der Eiger als steiler und spitzer Eckzahn, der Mönch mit laufender Eisnase, dem Nollen und weiter entfernt, sämtliche Hörner des Berner Oberlandes.

Wir genossen die wärmenden Sonnenstrahlen und die mitgebrachte Schokolade stärkte uns für den 600 Meter tiefen Abstieg zum Jungfraujoch, auf dem es noch die Firnflanke zum Rottalsattel abzusteigen und einige heikle Spalten zu überwinden galt. Die Sonne brannte nun mit aller Kraft vom knallblauen Himmel und der Schnee verlor zusehends seine Tragfähigkeit. Dies war auch der Grund warum wir uns wieder beeilen mussten, drohten doch stets zu schwer gewordene Wechten ab- oder weich gewordene Schneebrücken einzubrechen. Also ging es am langen Seil hinunter zum Rottalsattel und von dort leicht über den drei Meter hohen Bergschrund hinunter auf den Jungfraufirn, den wir zügig überquerten. Schon von weitem erblickten wir die Bergstation und bald schon wurden wir vom Gejohle und Gelächter der asiatischen Touristen, die in einem umzäunten Terrain erste Schneekontakte pflegen durften, daran erinnert, dass wir nun in eine der Hochburgen des Schweizer Alpentourismuszirkus eintreten mussten und so auch unfreiwillig zu Protagonisten dutzender Erinnerungsfotos wurden, die die Kamera bestückten Touristen zweifelsohne von uns schossen. Erst im Inneren der weitläufigen Stollen der Bergstation, in dieser musealen und surrealen Welt, entkamen wir den neugierigen Blicken und auf der langen, zweistündigen Zahnradbahnfahrt unter den Gipfeln von Mönch und Eiger hindurch und an der Nordostflanke der Jungfrau entlang konnten wir nochmal diese schöne und spannende Tour Revue passieren lassen.

Tourengänger: Leander


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Kommentare (2)


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Nic hat gesagt:
Gesendet am 28. April 2014 um 16:27
Klasse Tour und toller Bericht! Gratulation! Hast du eventuell noch mehr Fotos der Tour?

VG

Leander hat gesagt: RE:
Gesendet am 28. April 2014 um 17:10
Leider habe ich keine weitere, schöne Bilder. Irgendwie hatte ich kaum Zeit fürs Photographieren...!!


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