Verzweiflungstat


Publiziert von marmotta , 29. Januar 2012 um 21:59.

Region: Welt » Schweiz » St.Gallen
Tour Datum:29 Januar 2012
Ski Schwierigkeit: L
Wegpunkte:
Geo-Tags: Churfirsten   CH-SG 
Zeitbedarf: 6:00
Aufstieg: 1700 m
Abstieg: 1700 m
Strecke:Alt St. Johann - Hummersboden - Rossweid - Engiboden - Thurtalerstofel - Selamatt - Zinggen - Iltios - Stöfeli - Chäserrugg - Hinterrugg - Chäserrugg - Iltios - Burenwald - Unterwasser
Zufahrt zum Ausgangspunkt:cff logo Alt St. Johann, Post
Zufahrt zum Ankunftspunkt:cff logo Unterwasser, Post

Der Chäserrugg (2262 m) ist alles andere als ein Skitourengipfel. Zwar weist er einen wunderschön sanft geneigten Rücken auf, der geradezu prädestiniert ist für das Alpine Skifahren, doch ist dieser im Winter fest in Pistenskifahrer´s Hand bzw. Fuss. Zahlreiche Lift- und Seilbahnanlagen verschandeln zudem die Landschaft. Wie gestört oder verzweifelt muss man also sein, um eine Skitour auf den Chäserrugg durchzuführen? Na ja, das Ganze war natürlich so niemals geplant, doch gewisse Umstände "zwangen" mich schlussendlich dazu - und immerhin sprang am Ende doch noch ein völlig unberührter und einsamer Churfirstengipfel heraus…
 
Die vorabendlichen Wetterprognosen von SF Meteo waren sehr undefiniert. "Im Norden und an den Voralpen mehrheitlich grau und trüb, einzig auf den Berggipfeln Sonne." Wie hoch diese Berggipfel sein müssen, um aus der Wolkendecke herauszugucken, wurde nicht verraten. Oder ich hab´s überhört…
 
Mein Tourenpartner wollte eine leichte Skitour unternehmen und schlug u.a. den Selun vor. Ich konterte mit dem Frümseltal, da ich befürchtete, dass auf dem Selun mal wieder Platzkarten ausgegeben werden.
 
Als Ausgangsort wählten wir die Postautohaltestelle cff logo Alt St. Johann, Post, was sich als eher suboptimal herausgestellt hat, muss man sich doch bis zum obersten Gehöft auf dem Hummersboden (1035 m) irgendwie an der schwarz geräumten Fahrstrasse vorbeimogeln. In dieser Hinsicht besser, aber auch steiler wäre die Route ab cff logo Alt St. Johann, Horb. Am Hummersboden treffen beide Routen zusammen, von dort folgten wir einer -teilweise unsinnig steil angelegten- Spur durch den Wald der Rossweid auf den Alpboden von Engi (1470 m). Hatte das Auge im Aufstieg durch den Wald im dichten Nebel noch die Bäume als Kontrastpunkte, herrschte nun auf dem Engiboden ein vollständiges White-out! Boden und Himmel konnten nicht mehr voneinander unterschieden werden, man war völlig orientierungslos. Zwar kreuzten wir bald einmal die von der Alp Sellamatt herkommende Langlaufloipe, wo man sich anhand der roten Stangen orientieren konnte. Doch im freien Gelände blieb nichts anderes übrig als angestrengt den vorhandenen Spuren Richtung Brisi zu folgen. Der Blick nach oben machte ebenfalls wenig Hoffnung, dass sich an dieser Situation bald etwas ändern würde. Nach einigem Hin und Her brachen wir die Übung auf einer Höhe von knapp 1600 m ab und fuhren auf der Langlaufloipe zur Sellamatt. Selbst wenn man weiter oben irgendwann durch die dichte Wolken- und Hochnebeldecke stossen würde, so traute ich mir die anschliessende Abfahrt im teilweise völligen Blindflug im freien Gelände nicht zu.
 
Doch was mit dem angebrochenen Tag anfangen? Um unsere (überschüssige) Energie noch irgendwie loszuwerden und vielleicht doch noch aus der Zwischenwelt zu entkommen, trafen wir an der Alp Selamatt in unserer Verzweiflung den Entscheid, den Skipisten entlang auf den Chäserrugg zu steigen. Als wir dann auch noch hörten, dass oben die Sonne scheine und eine glasklare Aussicht über dem Nebelmeer lockte, gab es trotz anfänglicher Bedenken ("wie gestört ist das denn, eine Skipiste bei laufendem Betrieb hochzulaufen?") kein Halten mehr. Immerhin würde ja auch die Abfahrt durch die Orientierungsstangen und die vorgegebene Piste bei diesen Verhältnissen um ein Vielfaches leichter sein.
 
Okay, man muss schon ein dickes Fell haben, um sich sozial derart zu exponieren: Die vielen entgegenkommenden Skifahrer und Snowboarder, die uns durch den dichten Nebel wohl erst im letzten Moment schemenhaft ausmachen konnten, sparten nicht mit Kommentaren. Die einen belächelten, die anderen bemitleideten uns. Etliche verhöhnten und verspotteten uns auch. Da wir meist ausserhalb der Pistenbegrenzung aufstiegen, gefährdeten wir wenigstens Niemanden.
 
Kurz vor Erreichen des obersten Schlepplifts auf fast 1900 m machten uns die entgegenkommenden Leute Hoffnung, dass wir dort durch die Nebeldecke stossen und unter blauem Himmel eine unglaubliche Aussicht auf das Nebelmeer hätten. Das letzte Stück über den sich schier endlos hinaufziehenden Chäserrugg-Rücken war dann allerdings die Höchststrafe. Irgendwann hatten wir es aber dann geschafft und die Bergstation erreicht. Schon im Aufstieg über den Rücken hatten wir die Aussicht auf die benachbarten Churfirsten, die alle ihre Köpfe aus dem Nebelmeer reckten und auf den "Haute Alpstein" genossen - doch die Aussicht von oben entschädigte endgültig für alle Mühen und Leiden!
 
Nachdem wir im hoffnungslos überfüllten Bergrestaurant auf dem Chäserrugg über eine halbe Stunde vergeblich auf die von uns bestellten Speisen und Getränke gewartet hatten, zog es uns wieder nach draussen - und weiter zum völlig einsamen Nachbar des Chäserruggs, dem Hinterrugg. Unglaublich: Wenige Meter entfernt herrscht ein Trubel wie auf dem Jahrmarkt und hier durften wir sogar die ersten Spuren durch den unberührten Schnee zum höchsten Punkt der Churfirsten ziehen. Zusammen mit dem Chäserrugg war dies einst mein erster Churfirstengipfel, den ich als Kind mit meinen Eltern vor vielen Jahren erklommen hatte. Mein Tourenpartner stand zum ersten Mal hier oben - und wer weiss, vielleicht ist er ja sogar der erste brasilianische Skitourengänger auf dem Hinterrugg!? Parabéns!
 
Das riesige Gipfelplateau, das fast nahtlos in den Chäserrugg übergeht, lässt kaum ein richtiges Gipfelgefühl aufkommen. Egal, die Aussicht ist formidabel und mit dem Nebelmeer heute besonders eindrücklich!
 
Die Abfahrt war dann die wohlverdiente Belohnung, wobei ich im unteren Teil aufgrund des stockdichten Nebels kein gutes Gefühl hatte. Zum Glück lauern auf so einer präparierten Piste kaum Gefahren (durch Felsen, Abbrüche, Löcher etc.), so dass sogar diese Nebel-Abfahrt noch etwas Spass machte.  

Tourengänger: marmotta


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Kommentare (5)


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ossi hat gesagt: Da Du...
Gesendet am 30. Januar 2012 um 13:30
verzweifelt warst, muss ich gestört gewesen sein....gratuliere!

marmotta hat gesagt: RE:Da Du...
Gesendet am 30. Januar 2012 um 18:52
An DICH musste ich natürlich unwillkürlich denken. Unsere Touren sind ja ziemlich ähnlich verlaufen...

morphine hat gesagt: Klasse!!!
Gesendet am 30. Januar 2012 um 19:59
Wenn Verzweiflungstaten am Ende zu solch´ prächtigen Winterimpressionen führen, dann mach nur weiter so.

Gruß
morphine

marmotta hat gesagt: RE:Klasse!!!
Gesendet am 31. Januar 2012 um 07:06
Danke! Der Aufstieg unter diesen Umständen brauchte schon eine starke Motivation. Und die hatte ich: die unglaublichen Bilder mit all den Berggipfeln über dem Nebelmeer waren quasi schon in meinem Kopf, bevor ich sie real gesehen habe...

Am Ende war ich dann alles andere als verzweifelt! :-)

G.
marmotta

MunggaLoch hat gesagt: Nebel...
Gesendet am 1. Februar 2012 um 17:36
Ja, wir haben gesehen, dass Du auch ausserhalb des Nebel warst ;-)


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