Madone / Batnall 2748 m - Abbruch kurz vor dem Gipfel


Publiziert von Ivo66 Pro , 19. August 2011 um 19:33.

Region: Welt » Schweiz » Tessin » Locarnese
Tour Datum:19 August 2011
Wandern Schwierigkeit: T5+ - anspruchsvolles Alpinwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-TI   Gruppo Pizzo Quadro 
Zeitbedarf: 6:00
Aufstieg: 1250 m
Abstieg: 1250 m
Strecke:Bosco/Gurin - Passo Quadrella - Ostflanke - P. 2678 m - Südostgrat
Kartennummer:1:25'000 Bosco / Gurin

Hoch über dem landschaftlich sehr schönen Talkessel des Walserdörfchens Bosco/Gurin trohnt der Madone oder Batnall, ein gerölliger Berg im langen Grat, der in weiten Teilen auch die Landesgrenze zwischen der Schweiz und Italien bildet. Eigentlich hatten wir heute die Gratüberschreitung Kleinhorn - Grosshorn - Pizzo Bombögn geplant, doch als wir am frühen Morgen von Bosco/Gurin Richtung Passo Quadrella aufstiegen und feststellen mussten, wie nass der ganze Untergrund und glitschig die dunklen Steine auf dem Bergwanderweg waren, disponierten wir kurzerhand um, denn der besagte Grat dürfte vielerort grasdurchsetzt sein und die dunklen Felsen schienen ebenfalls vom gestrigen Gewitterregen durchnässt zu sein. Unangenehm, wenn man ab und zu in die Flanken ausweichen muss. Die vielen Wolken und die hohe Luftfeuchtigkeit erweckten ebenfalls kaum den Eindruck, bei der Austrocknung des heiklen Geländes mitzuwirken.

Da stach uns der Madone / Batnall in die Augen mit seinen hellen, freundlichen Geröllflanken, die sich erfahrungsgemäss rasch abtrocknen. Zwar verfügten wir über keinerlei Routenbeschreibungen oder sonstige Informationen zum Gipfel - auch eine Konsultation von hikr.org via i-Phone blieb ohne Erfolg, denn die einzige hier beschriebene Route führte von jenseits des Grats auf den höchsten Punkt. Also galt es, fast wie die früheren Bergpioniere, den bestmöglichen Aufstieg selbst zu suchen; immerhin verfügten wir über die 1:25'000er Landkarte, welche einiges über den entsprechenden Tourencharakter verrät, wenn man etwas Erfahrung damit hat.

Wir beschlossen, P. 2678 m anzusteuern oder uns aber von allfällig vorhandenen Steinmännchen anderswo hin leiten zu lassen. Der Südostgrat, welcher anschliessend zum Gipfel hinaufführt, blieb freilich die grosse Überraschung. 

Vom Passo Quadrella folgten wir noch weiter dem markierten Bergwanderweg dem Gipfelziel entgegen. Am Punkt, wo dieser nach einem kurzen Anstieg wieder abwärts zu führen begann, verliessen wir den Weg und wanderten zunächst durch Rasengelände, durchsetzt mit Steinblöcken dem Gipfelaufbau entgegen. Bald findet man sich bei diesem Aufstieg inmitten zum Teil riesiger Geröllblöcke und entdeckt immer wieder mal ein Steinmännchen. Immer wieder blies der schwache Wind Nebelschwaden hinüber, doch ging dadurch nie die Orientierung verloren, denn das Gelände ist recht übersichtlich und die beste Aufstiegsroute eigentlich offensichtlich: Wir steuerten eine Art Rippe an, welche sich von P. 2687 m die Ostflanke hinunterzieht. Diese erreichten wir etwas westlich von P. 2349 m.

Hier stiegen wir weiter in westlicher Richtung an, einmal durch eine breite, nicht allzu steile Rinne und hatten nun deutlich P. 2678 m vor Augen, welcher mit einem grösseren Steinmann gekrönt ist. Das Gelände ist gut begehbar, wichtig ist, dass man P. 2678 m im oberen Bereich direkt ansteuert und nicht zuerst den Vorgipfel links davon (ebenfalls markant) ansteuert, wie ich dies zunächst tat. Denn der direkte Abstieg in die Scharte zwischen diesen beiden Vorgipfel verläuft über ungemütlich abwärts geschichtete Platten; diesen Abstieg traute ich mir nicht zu.

Auf P. 2678 m angelangt, hatten wir dann den Gipfel deutlich vor Augen; es schien sich nur noch um einen Katzensprung über den allerdings zum Teil sehr luftigen Grat zu handeln. Einen direkten Durchschlupf zum Grat fanden wir vom Vorgipfel keinen; man hätte, etwas links haltend über Bänder und durch einen fast senkrechten Kamin (wohl eine III) absteigen müssen, im ohnehin etwas ausgesetzten Gelände. Der Grat selbst bricht nach dem Vorgipfel zu weit ab, also entschieden wir uns, wieder die wenigen Schritte in die Scharte zwischen den beiden Vorgipfeln abzusteigen und dort in die Südwestflanke auszuweichen. Wir stiegen zunächst über ein sehr schmales felsiges Band (T5) und später über felsdurchsetzte Rasenrampen (eine Stelle II) etwa 20 m in die Flanke ab und querten dort entlang der Felsen aufsteigend zum Südostgrat. Diesen erreichten wir, als wir uns durch eine Felsverschneidung hindurch über ein ganz schmales und sehr ausgesetztes Rasenband im sonst senkrechten Fels hindurcharbeiteten. Die erste Stelle im Grat ist dann äusserst luftig und verlangt einiges an Turnerei (T5+), ist aber dank guter Felsqualität gut zu überklettern. Die Stelle hatte ich bereits hinter mir.

Und genau in diesem Moment setzte recht starker Wind ein und noch schlimmer: Es begann leicht zu regnen. Lange mussten wir nicht überlegen um 1+1 zusammenzuzählen: Wenn wir jetzt weitergehen, werden wir den Gipfel wohl erreichen, müssen aber wie immer bedenken, dass auf dem Gipfel erst Halbzeit ist und der schmale Grat dann bei Nässe zu begehen wäre - bei dem mit einigen Flechten bewachsenen, sonst guten Gestein wohl eine glitschige Angelegenheit. Und vom anschliessenden Ausweichen in die abschüssige Grasflanke gar nicht zu reden. Ein kurzer Blickkontakt zu Lena mit den Worten: "Sch....., es beginnt zu schiffen..." genügte und wir verstanden uns. Die Entscheidfindung dauerte genau eine Sekunde und zügig, aber hochkonzentriert traten wir den Rückzug an, gut 200 m Luftlinie vom Gipfel entfernt.

Schliesslich erreichten wir sicher unser Rucksackdepot zwischen den beiden Vorgipfeln und stiegen rasch die Geröllhänge hinunter. Bereits auf dem Weg zum Passo Quadrella hörten wir die ersten Donnergeräusche, sie kamen wohl vom Val Verzasca her, wo sich die Gewitterwolken aufgebaut hatten.

Nachdem der Regen, der uns auf dem Grat überrascht hatte, sofort wieder abgeklungen war und wir bereits im sicheren Wanderweggelände noch kurz abgeduscht wurden, wurde der Himmel über der Gegend von Bosco/Gurin immer blauer. Kaum zu glauben, wie rasch ein Wetterumsturz in den Bergen erfolgen kann, aber auch wie - fast noch rasanter - wieder schönes Wetter wird; für uns in diesem Fall aber zu spät.

Schade, den Batnall werden wir bestimmt ein anderes Mal wieder in Angriff nehmen, die Gegend um Bosco/Gurin scheint einiges zu bieten haben und nur schon das Dorf selbst, ist ein Besuch wert: Blitzblank herausgeputzt präsentiert es sich in einer Art Mischung zwischen Tessiner und Walliser Bergdorf - eine ursprüngliche Walsersiedlung eben.

Manchmal muss man in den Bergen eben auch verzichten können, auch wenn eine Umkehr 200 m vor dem Gipfel nach einem 4stündigen Aufstieg erfolgen muss: Die Sicherheit muss immer vorgehen.

Schwierigkeiten:

Bis zu P. 2678 m T3
Gratüberschreitung T5+ (Wenn in der Fortsetzung des Grates nicht noch weitere Überraschungen lauern)

Routenbeschreibung:

(siehe Text)

Tourengänger: Ivo66, Lena


Galerie


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Kommentare (2)


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Henrik Pro hat gesagt: ...genau!
Gesendet am 19. August 2011 um 20:26
..jetzt habt ihr die Region auch schätzen gelernt...wo ich doch rel. oft zu Besuch bin... Im Herbst wirklich goldig...

Weiterhin schmale Pfade und Bänder...

Ciao

silberquäki

Ivo66 Pro hat gesagt: RE:...genau!
Gesendet am 19. August 2011 um 23:03
Hallo Henrik

Ein wunderschönes Dorf in einer wunderbaren Gegend! Und den Batnall packen wir bei stabilen (Herbst?)-Wetterverhältnissen nochmals an. Wir kommen zurück.

Beste Grüsse

Ivo und Lena


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