Le Caux Pain


Publiziert von Henrik Pro , 28. Oktober 2010 um 13:38.

Region: Welt » Schweiz » Waadt » Waadtländer Alpen
Tour Datum:27 Oktober 2010
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-VD 
Strecke:Basel - Montbovon - Caux
Zufahrt zum Ausgangspunkt:ÖV
Zufahrt zum Ankunftspunkt:ÖV

  
 .... meist sind fünf Minuten aufs Taxi zu warten, der der heute morgen mich um 05.40 abholte, schien Stalldrang zu haben, was sich auch bestätigte – ich war für heute sein letzter Kunde! Ich fragte ihn, ob er diese Nacht lange Standzeiten gehabt hätte... seine lakonische Antwort, der Zeitungsstoss sei erheblich gemindert worden. Das kam mir bekannt vor.
 
 .... im COOP Pronto auf der Passarelle im Basler Bahnhof, wo ich nicht nur auf dem Arbeitsweg noch Häppchen zu kaufen pflege, wunderte ich mich (nicht ein Freitag) über die fehlenden Schlangen vor der Kasse... die junge Frau dahinter schmunzelte erleichtert darüber, denn bei Warteschlangen sei immer ein wenig Unmut und Unhöflichkeit zu spüren – ich  wünschte ihr einen guten Tag: sie strahlte.
 
 .... im Ruheabteil des Doppelstöckers war jeder Fensterplatz belegt, und ausser hüstelnden und rotzaufziehenden Geräuschen war bis Bern kaum etwas  zu vernehmen. NZZ-Leser scheinen Zeitungen anders zu blättern als die die das Sekundenblatt auf ihren Knie haben liegen. Das Baselbiet lag noch im Dunklen, Olten auch.
 
 .... der IC raste durch das erwachende Mittelland, noch waren nur Schemen auszumachen, doch der Morgen versprach im Osten dezidierte Klarheit. Die einzelnen Glanzlichter am Firmament verabschiedeten sich. Kurz vor Kirchberg liefern sich Bahn und Strasse scheinbare Rennen, Staulichter beenden dieses Spiel.
 
 .... kurz nach der Grauholzröhre kündigt sich Bern manifest an, und u. a. anderem ist die rote Werbetafel linker Hand nicht zu übersehen: FRESSNAPF steht da weiss auf rot! Der IC fährt auf Gleis 4 ein, gegenüber schleicht der IR heran und ich finde im vordern Zugsteil Beinfreiheit und Ruhe. Zwischen Bern und Fribourg, besonders aber danach setzt sich das Alpenvorland richtiggehend in Szene, das Licht besticht und die Sattheit der Farben nimmt mich in Bann, lavaglühende Wolkenpracht, kleine Schäfchen an der Leine sozusagen: das Meer hätte Mühe jetzt zu konkurrenzieren!
 
 .... in Romont entdecke ich alu-gebürsteten Abfallbehälter auf den Perrons, ein Déja-vu. Etwas später lese ich „Kowalski“ – mein Vanishing Point heute Caux! Es ist kalt draussen, eine Digitalanzeige flackert mit –2°, nicht nur an den Waldrändern ist Raureif zu sehen. Palézieux: die Doppeltraktion aus den Jahren 1972 und ´73 ist gut belegt, Schüler und Berufsleute, die, so zeigt sich später, nach Bulle unterwegs sind. Die Fensterscheiben sind angelaufen... und es „müffelte es bitzeli“!  In Châtel-St-Denis ist Richtungswechsel. Platz hat es nur ganz wenig mehr, sieben Minuten später rumpelt der Zug weiter nach Bulle. Die Landschaft erhält den ersten Goldglanz des Tages und die Raureifflecken werden weniger. Die Autobahn wird zweimal gekreuzt, auf umliegenden Höfen dampfen die Misthaufen, rechter Hand wie ein Buckelwal erhebt sich der Le Niremont. In Semsales schnattern gut hörbar Gänse vom Bahnhofsareal... Am Bahnhof in La Verrerie stauen sich die Autos, da hier sich die Züge kreuzen und dazu die Strasse blockieren...  kein Gehupe!


  
 .... nach Bulle, wo Reinigungskolonnen durch die beiden Triebwagen wuseln, geht die Fahrt weiter nach Montbovon und die umliegenden Dents und Vanils  haben bereits das Winterkleid verpasst bekommen. Ein beissender Wind pfeift durch das Vallée d’Hongrin – ich bin durchaus froh im Holzinterieur der MOB Golden Panoramic Platz nehmen zu dürfen, als einzigster in der 1.-Klasse.... In Les Cases liegt Schnee, Les Avants ist nass, Montreux trocken und meine Kehle durstig: die verbleibende halbe Stunde reicht also für einen Espresso, bevor es schmalspurig und zahnrädrig in die Höhe geht. Das kostet extra, auch für GA-Inhaber. Oder wie es zwei Touristinnen aus den USA erleben müssen: da ihr Eurail diese Passage nicht einschliesst, werden sie kurzerhand aus dem Zug gewiesen! Andere Zugsgäste suchen derweil ihre grossen Einkaufstaschen in dem etwas engen Züglein zu verstauen – mit Kinderwagen eine Herausforderung, die aber unbürokratisch erledigt wird: die Transports Montreux-Vevey Riviera (MVR) als Eigner der Linie Montreux - Les Rochers-de-Naye schieben einen oder mehrere offene Gepäckwagen vor sich her, wo solches unkompliziert verladen wird! Während also die junge Mutter zwei Stationen weiter den Wagen vom Trolley holt, wird der Zweikäsehoch vom Lokführer beaufsichtigt – die Fahrt geht weiter. Eine Hauskatze, die sich auf den Geleisen der Schmalspurbahn niedergelegt hat, sorgt für einen unfreiwilligen Stopp – das Signalhorn bringt nichts, erst auf das hörbare Türgeschiebe trollt sich diese davon.
 
 .... am Bahnhof Glion eröffnet sich eine doch atemberaubende Sicht, zudem erhalten Cracks von Schmalspurbahnen Anschauungsunterricht in Funktion, Bau und Unterhalt, soeben hält ein Bauzug mit viel Geschirr hier an. Ein paar Meter weiter, nach dem Tunnel, die alte Remise mit historischem Flair, die heute noch als Depot funktioniert. Nochmals etwas ausgeholt, ein weiter Bogen und Caux wird erreicht. Auch hier kreuzen sich gerade zwei Züge, ein wenig Vorsicht am Platz, als Stolper-“schienen" können die im Bahnhofsplatz eingelassenen Zahnräder einen durchaus zum Verhängnis werden... Die Fülle der Eindrücke bedarf der Sichtung und so begebe ich mich zuerst mal ins Buffet de la Gare, um meine Zeitungstasche zu deponieren und in Aussicht zu stellen, dass ich gedenke hier zu tafeln. Hernach soll ja der Ausflug illustriert werden – die Berge geben ihr Bestes und das Licht auch. Gigantismus aus der Frühzeit des Tourismus bin ich versucht zu sagen, was übriggeblieben ist und immer noch gebraucht wird: das Palace Hotel ist von Montreux deutlich zu erkennen. Und hier ist die Schmiede derer, denen ich bei der Arbeit bei meinen kulinarischen Ausflügen sehr genau auf die Finger schaue oder auch dann, wenn ich zu weiche Betten und unmögliche Möblierung in Hotelzimmern vorfinde! Erstaunlich ist der Umstand, dass hier ein Paradehotel bzw. Restaurant fehlt, wo solches in 1A-Qualität sofort zu geniessen wäre... Caux wirkt unprätentiös! Es wirkt irgendwie verloren, verstaubt und unaufgeräumt.
 
 .... im Buffet de la Gare setze ich mich an den inzwischen reservierten Tisch – das Mobiliar passt so gar nicht zum Raum, riecht nach Fly oder Suhr... Gäste fehlen auch und so gelange ich zur Annahme, dass hier auch mal eine andere Zeit geherrscht haben muss – jedenfalls kontrastiert mein Eindruck erheblich zu dem der Homepage! Von meinem Tisch aus sehe ich auf das Palace, auf den Parkplatz mit Autos aus Rumänien, Lettland oder Estland (das sind wohl die Schüler der Hotelfachschule) und auch auf vorbeiziehende Züge der MVR.

 
 .... Fressnapf lese ich auf der Rückfahrt von Bern nach Basel. Aber ob ich Caux zu meinem Copain machen würde, ich zweifle!
  

  

 
  

Tourengänger: Henrik


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Kommentare (1)


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bulbiferum hat gesagt:
Gesendet am 28. Oktober 2010 um 14:42
Ich habe während meiner Nachmittagspause gerade eine schöne und erholsame virtuelle Reise in die Westschweiz gemacht.

Liebe Grüsse, Markus


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