Hoch über Somvix: Piz Schigels - Piz Avat - Stgeina da Glivers


Publiziert von PStraub , 8. Oktober 2009 um 10:07.

Region: Welt » Schweiz » Graubünden » Surselva
Tour Datum: 7 Oktober 2009
Wandern Schwierigkeit: T5 - anspruchsvolles Alpinwandern
Hochtouren Schwierigkeit: ZS
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-GR   Bifertengruppe 
Zeitbedarf: 8:00
Aufstieg: 1500 m
Abstieg: 1500 m
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Von Rabius mit dem Auto nach Alp Glivers
Unterkunftmöglichkeiten:Hotels in Rabius
Kartennummer:1213 - Trun

Somvix ( Sumvitg) in der Surselva scheint unter 'Hikrn' allenfalls als Zugang zur Plaun la Greina via Tenigerbad bekannt zu sein. Dabei bietet die (riesige) Gemeinde auf der sonnigen Nordseite mit der Alp da Glivers ein ausgedehntes Wandergebiet, das von eindrücklichen Bergen eingerahmt ist.
Diese Berge bilden die südwestliche Ecke des Alpinführers "Glarneralpen", darum fand ich, es sei höchste Zeit, ein paar Routen dort selber abzuchecken.


Die Tour begann auf 1850 m unterhalb Alp Dadens Sut. Man darf mit dem Privatwagen auf zwei Alpstrassen bis weit hinauf fahren, wenn man dafür in einem der Restaurants in Sumvitg oder Rabius eine Tageskarte (Fr. 7.-) löst. An sich ist auch das Gebiet unterhalb mit vielen lohnenden Wanderrouten durchzogen, aber der Anmarsch aus dem Tal wäre für meine geplante Tour einfach zu weit geworden.
Dadens heisst übrigens 'innen', Dado 'aussen', Sut 'unten' und Sura 'oben'. Das deshalb, weil die Stäfel der Alp da Glivers genau so bezeichnet sind. - Die Einheimischen sagen Gipfeln 'Péz', nicht 'Piz'. Das wird in den Landeskarten zunehmend so übernommen.

Piz Schigels (2565 m)
Vom Melkstand der Alp Dadens Sut auf einer markierten Wegspur, das Val Murtès querend, in Richtung der Lawinenverbauungen. Dieser Weg würde zur Alp Crap Ner führen, von wo aus Plaun Schigels und Piz Schigels leicht bestiegen werden können. Ich bin - sobald ich die dichtesten Zwergstrauch-Gebiete hinter mir gelassen hatte - direkt durch die 'Schengels' (Tschingel) aufgestiegen. Das Gebiet ist offen und kann fast überall begangen werden. Dort traf ich einen Strahler, der gerade eine Sprengung vorbereitete. Anscheinend sind in der Gegend Kristalle zu finden. Der höchste Punkt des Piz Schigels ist etwas nördlich des vom Tal aus sichtbaren Steinmannes, die ganze Route zwischen T2 und max. T4.

Piz Avat (2910 m)
Anhand der Karte war ich davon ausgegangen, dass der Grat Piz Schigels - Piz Avat begehbar sein müsste. Das hat sich als zutreffend erwiesen. Einige Grataufschwünge oder -abbrüche werden auf der Val-Russein-Seite einfach umgangen, aber meist bleibt man auf dem breiten Gratrücken.
'Tschenclinas', die eindrückliche und mit gegen 45° recht steile, über 1000 m hohe Flanke ins Val Russein kann wider jedes Erwarten fast überall begangen werden, Auf- oder Abstiege wären also möglich. Auch Richtung Osten gibt es ein paar Ausstiege, der einfachste ist die Fuorcla Crap Ner, von wo aus der Piz Avat auf dem Winterweg - über eine unendlich lange Blockschutthalde - ebenfalls einfach bestiegen werden kann.
Der Aufstieg über den Südgrat ist im Sommer sicher reizvoller. Man bleibt immer auf dem oder leicht links vom Gratrücken, das ist, je nach Routenoptimierung ein T4 .. T5.
Auf dem Gipfel steht ein Gipfelkreuz mit -buch. Dort bestätigt sich, was mir der Hotelier in Rabius gesagt hatte: Dass die Einheimischen den Avat nur im Winter besteigen würden. Im Gipfelbuch gibt es (mit meinem) gerade 3 Einträge für den Sommer 2009. Das ist erstaunlich, denn die Aussicht, vor allem Richtung den sehr nahen Tödi, ist überwältigend.

Péz Glivers Dadens (2931 m)
Vom Avat auf dem Ostgrat hinunter, was bis zur Einmündung der Winterroute sehr leicht geht. Dann beginnen die Grattürme, die eigentlich steil gestellte Granitplatten sind. An sich lassen sich alle überklettern, nur kommt man bei zweien davon auf der andern Seite kaum runter. Wobei man sich hier teilweise schon im ZS-Bereich bewegt: Die Hände an der Kante, die Füsse auch schon mal ohne Stand ..
Meist lassen sich diese Platten im Blockschutt auf der Nordseite umgehen, doch dieser ist sehr "zufällig" geschichtet. Unter dem Strich dürfte der Abstieg auf der Südseite bis an den Fuss der Platten die effizienteste Weise sein, da durchzukommen. 
Der anschliessende Aufstieg zum Gipfel ab der tiefsten Stelle ist wieder geschenkt: Schöne Blockkletterei, so etwa ein WS.

Stgeina da Glivers (ohne Kote, die Angabe 2983 m beruht auf einem Missverständnis)
Von P. 2931 vorerst auf einem leichten Gratrücken weiter. Dieser wird später zur Fortsetzung des oben beschriebenen: steile Platten mit vertikalen Abbrüchen, und zwar immer auf der "falschen" = der vorgängig nicht einsehbaren Abstiegsseite. Auch hier wieder: Umgehung im Norden möglich, Abstieg im Süden auf rund 2700 m vermutlich schneller. Die Stgeina da Glivers erlaubt Richtung Süden jede Menge Zu- und Abgänge über Schutthalden oder Plattenfluchten. Diese sind, je nach Wahl zwischen T4 bis ZS.

Péz Glivers Dado (2947 m)
Wer vom Grat kommend den tiefsten Punkt erreicht, kann von hier aus weiterklettern. Ich bin "aus dem Tal", dh. vom markanten Kessel her durch die Südflanke wieder aufgestiegen und habe den Grat halbwegs zwischen der Senke und dem mit einem grossen Steinmann markierten Triangulationspunkt P. 2831 erreicht. Von hier am Grat hinauf, wobei Phantasie und Flexibilität nützlich sind. Die einfacheren Tritte wechseln mehrmals zwischen Nord- und Südflanke, aber alles in allem ist es bei WS anzusiedeln. 

Stgeina da Glivers (Fortsetzung)
Stgeina da Glivers heisst der gesamte Grat zwischen Piz Posta Biala und Péz Glivers Dadens. Im Führer steht, der wäre durchgehend begehbar - was sich die Autoren seit 40 Jahren gegenseitig abschreiben. Na ja, ist er auch, wenn man den Aufwand nicht scheut. Doch die (SAC-Führer-)Zeitangabe von 2 - 3 Stunden ist etwa so realistisch, wie 3 Stunden für die Eigernordwand ..
Richtig ist, dass man den Grat begehen kann, die Schwierigkeit bewegt sich um ZS. Wer auf dem Grat bleibt hat mit S zu rechnen. Der teilweise als "Stgeina da Glivers" bezeichnete P. 2983 ist ein Aufschwung im Südwestgrat des Piz Posta Biala. Er ist die Erste der dort beginnenden Plattenfluchten. Die Begehung Richtung Südwest ist insofern einfacher, als diese Platten so stehen, dass das steilste Stück damit jeweils im Aufstieg passiert wird, was die Entscheidung Erklettern oder Umgehen einfacher macht.

Abstieg
Vom Péz Glivers Dado in etwa auf der Aufstiegsroute hinunter zum Kessel auf 2700 m und dann endlos durch Blockschutt - die Gegend heisst nicht umsonst Gonda (= Geröllhalde) - in Richtung der Lag Serein. Diese "lieblichen" Seen sind ein beliebtes Wanderziel. Und schliesslich per Auto nach ..

Sogn Benedetg
Soviel Kultur muss sein: Im Weiler Sogn Benedetg steht eine Kapelle des mittlerweile berühmten Architekten Peter Zumthor (1988). Ihre beiden halbrunden Schalen sollen "Tal und Berge" miteinbeziehen.

Fazit
  1. Die Tour hat gezeigt, wie lange sich blanker Unfug in der Führerliteratur hält, wenn die Routen nicht regelmässig überprüft werden. HIKR-Gänger können mithelfen, die Qualität der Beschreibungen zu verbessern, indem sie nicht immer wieder die gleichen "Routineberge" besteigen und beschreiben.
  2. Geologisch bietet die Gegend dem an Helvetische-Decken-Kalk Gewohnten viel: Die Gratplatten sind aus einem feinkörnigen, praktisch weissen Granit, der gelbbraun anwittert. Daneben gibt es eine im Bruch fast schwarze Granitvariante, die anscheinend die Flechten bevorzugen. Und neben grünen Gneisen ist auch der schmucke blaue Puntegliasgranit zu finden.
  3. Es war insgesamt eine wunderbare Tour in einer eindrücklichen Umgebung. Der Blick hinunter geht in die wilde Welt von Val Russein und Val Gliems, Tödi, Piz Urlaun und die 'Cavistrai' sind zum Greifen nahe, die Aussicht geht bis zu Titlis und Monte Rosa: Die Gegend verdient mehr Beachtung.

Tourengänger: PStraub

Galerie


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Kommentare (2)


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Alpin_Rise Pro hat gesagt: unbekanntes Somvix
Gesendet am 8. Oktober 2009 um 13:29
Absolut, eine wenig beachtete Gegend. Steht auf meiner Pendenzenliste.
Kann mir vorstellen, dass die soeben beschriebene Gegend wie auch die Gipfel um den Piz Scantschala manch lohnende Tour beherbergen. To be explored!
G, Rise
PS: Hast du Fotos?

PStraub hat gesagt: Zwischen Péz Curtin und Péz Ner ..
Gesendet am 9. Oktober 2009 um 08:35
.. muss es ein paar ganz scharfe Routen in extrem griffigem Punteglias-Granit geben.
Also: Aufi get's!

Ich freue mich auf Deine Berichte ..


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