Monte Camicia (2564m)


Publiziert von gero Pro , 14. September 2009 um 13:10.

Region: Welt » Italien » Abruzzen
Tour Datum: 2 September 2009
Hochtouren Schwierigkeit: WS
Klettern Schwierigkeit: II (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: I 
Zeitbedarf: 8:00
Aufstieg: 1160 m
Abstieg: 1160 m
Strecke:Campo Imperatore - Vado die Ferruccio - Westgrat - M.Camicia - südostseitiger Normalweg
Kartennummer:Kompass 669 (Gran Sasso d'Italia, Aquila, 1:50000); Edizioni Il Lupo No.3 (Gran Sasso d'Italia 1:25000)

Als dritte Tour unseres Abruzzen-Urlaubes möchte ich Euch den Monte Camicia vorstellen -so, wie wir (Petra und ich) ihn erstiegen haben, der Höhepunkt unserer dortigen bergsteigerischen Aktivitäten. Dies wußten wir allerdings noch nicht, als wir kurz nach 6 Uhr starteten. Und, ich muß es zu meiner Schande gestehen: die Tour wurde auch deswegen besonders schön, weil wir uns anfangs verlaufen haben - einen anderen Weg gegangen sind, als eigentlich geplant war (ich hatte die tolle 25.000er-Lupo-Karte noch nicht). Und der erwies sich dann eben als ganz besonders beeindruckend .... die Abruzzen sind immer wieder für Überraschungen gut!

Wir starteten kurz nach 6 Uhr an einer kleinen Kehre der Straße (Kote 1577m der Lupo-Karte), die auf der Hochfläche des Campo Imperatore ostwärts in grober Richtung Castel del Monte führt. Eigentlich wollten wir zum Rif. Fonte Vetica fahren und von dort auf dem Normalweg den Camicia ersteigen - aber wir hielten einige Kehren zu früh an und folgen einem der vielen Kies- und Sandbetten, die nördlich in die Bergkette hineinführen. Außerdem waren hier durchaus Spuren von Bergstiefeln zu erkennen (und auch von Geländewagenreifen) - also sollte es allzu falsch nicht sein.

Nach einiger Zeit sahen wir weiter hinten am unteren Berghang eine Hütte stehen, von rechts mündete zudem eine Kiespiste ein, die dorthin führt. Seltsam - die Hütte machte aus der Ferne einen recht einsamen Eindruck, aber vielleicht war das Rif. Vetica ja unbewartet oder inzwischen aufgegeben. Als wir dann näher kamen, zeigte sich aber, daß die "Hütte" eine Ansammlung von Ruinen war - vor langer Zeit waren hier wohl mal recht stattliche Gebäude aus Natursteinen aufgebaut worden, aber inzwischen verfallen. Kriegsrelikte? Keine Ahnung ... einen Weiterweg gab es auch nicht, also was jetzt tun?

Kurz vor den Ruinen zweigt ein Steig ab, der sogar durch einige verblaßte Markierungen gekennzeichnet ist. Na gut, dann würden wir halt diesem Steig folgen, so weit es ginge. Der Steig wurde sogar immer besser, die Markierungen deutlicher - und das Gelände immer großartiger! Und als auf einem Stein dann plötzlich "Vado di Ferruccio" stand und ich nochmals auf die Kompass-Karte sah (die diese Situation nur recht ungenau darstellt), erkannte ich, wo wir uns befanden: die Ruinen waren das ehemalige Bergwerk Miniera di Lignite (1764m) gewesen, und wir wanderten derzeit zwischen dem Monte Prena und dem Monte Camicia in ein stilles Seitental hinauf zum Sattel Vado die Ferruccio.

Viel falsch machen konnten wir hier nicht. Das Gelände war gut gangbar, der Steig bestens einsehbar, so daß wir auf alle Fälle bis zur Vado di Ferruccio gelangen konnten. Wie es dort weiterging, das würden wir schon sehen - der Grat, der von dort dort zum Camicia hinaufführt, sah von unten jedenfalls recht zweifelhaft aus. Immer höher führte uns das Steiglein aufwärts in die absolute Einsamkeit (auf der Lupo-Karte trägt es die Nr. 109, vor Ort ist es als Nr. 7 bezeichnet, die Nr. 40 hätte ich auch noch anzubieten, und die Kompass-Karte kennt es überhaupt nicht), und um 9 Uhr hatten wir die Vado di Ferruccio (2233m) schließlich erreicht. Was für ein Aussichtsplätzchen: nordostseitig hinaus ins Flachland Richtung Adria, westseitig zurück zum Campo Imperatore! Wie es auch weitergehen würde: unsere Unternehmung hatte sich schon hier überaus gelohnt. Jedenfalls gab es erst einmal eine Brotzeitpause.

Von der Vado di Ferruccio kann man sowohl den Monte Prena als auch den Monte Camiccia ersteigen - eine Markierung auf einem Stein läßt keinen Zweifel daran, und in beiden Richtungen führen Steige weiter. Wir wollten unser Ziel beibehalten und folgten dem Weglein Richtung Camicia. Es führt südseitig dessen Westgrat aufwärts, und man gerät nun zusehends in hochalpines Gelände: nicht wirklich schwierig, aber etwas exponiert, überschreitet man diverse Schrofen- und Felsköpfe. Man kann zwar den Weiterweg nicht verfehlen - aber an einigen Stellen muß man doch aufpassen, daß man nicht zu sehr in die Abbrüche der Südflanke gerät. Der Gipfelaufbau kommt immer näher, aber 250Hm geht es dort schon noch hinauf - nur wie? Das war für uns dann zusehends die Frage, denn eine Beschreibung hatten wir ja nicht. Würden noch für uns unpassierbare Passagen kommen? Sollten wir lieber umkehren?

Diese Gedanken erzeugten in uns doch eine gewisse Anspannung, mit der wir dann nach Überklettern der ersten Einserstellen vor einer Art Platte standen. Ein dicker roter Punkt darauf ließ keinen Zweifel aufkommen: hier waren wir richtig! Wenigstens etwas ... bevor wir uns auf weitere Abenteuer einließen, wollte ich mal versuchen, ob ich diese Platte eigentlich hinaufkommen und vor allem, wie es danach weitergehen würde. Noch konnten wir notfalls umkehren!

Diese Platte ist die Schlüsselstelle des Westgrates: 5m Zweiergelände, recht gut ersteiglich in festem, nicht allzu steilen Fels. Die Stelle ist auch kaum ausgesetzt, und wir meisterten sie mit großer Genugtuung - die sich weiter festigte, als wir sahen, daß dahinter wahrscheinlich keine weiteren Schwierigkeiten zu erwarten waren. Zunächst Gehgelände, erreichten wir an einer Felswand den letzten Abschnitt des Westgrates. Das Gefels wird - weiterhin hervorragend markiert - durch eine leider sehr brüchige Rinne erklommen. Das Gelände ist dort noch ein letztes Mal anhaltend vom ersten Grad, aber erfreulicherweise nicht heikel, und wir kamen relativ problemlos hinauf bis zum Gipfel des Monte Camicia (2564m). Und erkannten des weiteren, das uns jenseits ein leichter Steig hinunterleiten würde.

Um 11 Uhr standen wir droben - hatten also etwa 5 Stunden für den Aufstieg gebraucht. Inzwischen waren wieder einmal Wolken aufgezogen, die zwar kein Unheil mit sich brachten, aber die Gipfelrast doch wenig gemütlich gestalteten.

Über den Abstieg ist nur wenig Wesentliches zu berichten: wir folgten dem unschwierigen, jedoch teils steilen Normalweg hinunter zum Rifugio Fonte Vetica und hatten dann 5 km Teerstraße zum Ausgangspunkt zurückzulaufen. Aber auch das haben wir geschafft.

Fazit: eine tolle Tour durch sehr eindrucksvolle Abruzzen-Szenerien, die aber absolute Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und das sichere Beherrschen des ersten Grades mit einer kurzen Zweiereinlage bedingt.
Schade, daß die Abruzzen so weit entfernt sind - die eine oder andere lohnende Tour wäre dort noch zu holen!

Tourengänger: gero

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