Piz Palü (3900m), Normalweg ab Diavolezza


Publiziert von Chrichen Pro , 11. September 2017 um 13:14.

Region: Welt » Schweiz » Graubünden » Berninagebiet
Tour Datum:26 August 2017
Wandern Schwierigkeit: T4 - Alpinwandern
Hochtouren Schwierigkeit: WS
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-GR   Palü-Gruppe   Bernina-Gruppe 
Zeitbedarf: 2 Tage
Aufstieg: 1630 m
Abstieg: 1630 m
Strecke:ca. 18.5 km
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Mit dem PW auf der Berninapasstrasse bis zur Talstation Diavolezza / Luftseilbahn bis Divaolezza
Zufahrt zum Ankunftspunkt:(gleicher Weg umgekehrt)

Der formschöne Piz Palü fasziniert mich schon seit langer Zeit, und ich wollte ihn unbedingt einmal "in Echt" sehen. Das ich ihn dabei grad besteigen würde, hätte ich mir vor 3-4 Jahren nicht ausmalen können. Dank der gemeinsamen Tour mit Silvia und Stevo47 wurde dieser Traum nun aber Wirklichkeit.

Dabei waren wir zunächst etwas unschlüssig über das Tourenziel für das Wochenende. Viele Hütten waren bereits ausgebucht, und wir hatten zunächst das Rheinwaldhorn in Augenschein genommen. Wie ich aber den Palü ins Rennen werfe, geht plötzlich alles schnell. Silvia ist begeistert, und sogleich reserviert Stevo47 für uns ein 4er-Zimmer im Berghaus Divaolezza. Damit steht der Tour nichts mehr im Wege. Die Wetterprognose sah nach einigen Wankern schussendlich recht gut aus und hielt was sie versprach.


Tag 1: Reko und Piz Trovat
(ca. 5.5 km / 380m Aufstieg / 380m Abstieg / 3h15m)


Berghaus Diavolezza - Fuorcla Trovat - Fuorcla d'Arlas (T4)
Nach langer Anreise fahren wir am frühen Nachmittag nur zu dritt in der riesigen Seilbahnkabine zur Diavolezza hoch. Ein kräftiger Regenguss trübt die Stimmung nur kurz, denn oben angekommen wird das Wetter allmählich immer besser. Wir beziehen unser Zimmer und essen etwas kleines oder grosses draussen auf der Terrasse. Das Berghaus Diavolezza kann von der Infrastruktur durch die Bahn profitieren, und dementsprechend geht es einen Tick luxuriöser zu und her als auf klassischen Berghütten. Dies dennoch zu ansprechenden Preisen. Einige Sachen lassen wir im Zimmer zurück, danach machen wir uns auf zu einer kleinen Reko, zwecks vereinfachter Wegsuche im frühmorgendlichen Dunkel.

Wir folgen der Pistenstrasse bis zum P.3002, und danach in der Flanke dem wbw-Wanderweg bis zum P.3006. Am Fusse vom Piz Trovat verlassen wir den wbw-Wandeweg, der zum Gipfel führt. Stattdessen folgen einer im Blockschutt undeutlichen Spur weiter in Richtung Süden. Steinmänner helfen. Bald schon wird der Weg deutlicher. Von einem Sättelchen aus wird die Piz Trovat Ostflanke auf sandigem Pfad absteigend traversiert. Diesen Abschnitt empfinden wir als etwas heikel, da rutschig (ca. T4). Über Blockschutt wird nun die Fuorcla Trovat erreicht. Ab hier kann man über eine Schuttflanke direkt zum Gletscher absteigen. Wegspuren und Steinmänner sind vorhanden. Scheinbar wird dies meistens so gemacht. Uns erscheint dieser Abstieg recht unangenehm. Deshalb folgen wir in einfachem Gelände über Schutt und Blockstein der Moräne weiter bis zur Fuorcla d'Arlas. Der Moräne entlang sind zahlreiche Biwakplätze eingerichtet. Die genaue Wegwahl ist frei, hie und da gibt es Wegspuren und Steinmänner. Bei der Fuorcla d'Arlas lässt sich der Gletscher sehr einfach erreichen. Wir gehen noch ein Stück über den ausgeaperten flachen Gletscher bis wir aus der Nähe die Spur ausmachen können, wo der eigentliche Aufstieg beginnt. Steigeisen sind für diesen Ausflug nicht nötig.

Fuorcla d'Arlas - Fuorcla Trovat - Piz Trovat - Berghaus Diavolezza (T4)
Auf gleichem Weg gehen wir über den hier fast spaltenfreien Gletscher zurück zur Fuorcla d'Arlas und weiter zur Fuorcla Trovat. Die Querung unter dem Piz Trovat ist im Aufstieg etwas angenehmer. Während Silvia eine kleine Pause einlegt, besteigen Stevo47 und ich noch den Piz Trovat. Die ca. 130 Höhenmeter Aufstieg zu diesem Aussichtspunkt lohnen sich durchaus. Danach geht es wieder zurück zum Berggasthaus, wo bald ein fürstliches Abendessen wartet.

Von der Diavolezza zum Einstieg auf den Gletscher werden akkumuliert ca. 150 Höhenmeter gemacht, da es einige Gegensteigungen gibt. Der Weg bis zur Fuorcla Trovat ist auch auf der Karte eingezeichnet.


Tag 2: Piz Palü
(ca. 13 km / 1250m Aufstieg / 1250m Abstieg / 9h)


Berghaus Diavolezza - Fuorcla d'Arlas - Sattel beim P.3729 (T4, WS)
Morgens kurz nach 3 Uhr klingelt (endlich) der Wecker. Vielleicht war es die Vorfreude, vielleicht die Nervosität, vielleicht auch die Höhe. Jedenfalls haben wir alle trotz ruhigem Zimmer schlecht geschlafen. Eine halbe Stunde später gibt es ein Frühstück vom Buffet, das nichts zu wünschen übrig lässt. Mit etwas Verspätung laufen wir um 04:10 mit Stirnlampe los. Dank vorgängiger Reko finden wir den Weg bis zur Fuorcla d'Arlas problemlos. Auf dem Gletscher ziehen wir dieses Mal die Steigeisen an. Ca dort, wo wir am Vortag kehrt gemacht haben, seilen wir an. Nach einem etwas mühsamen Abschnitt über Schutt erreichen wir die Aufstiegsspur. Einige Seilschaften sind bereits vor uns, einige folgen. Laut dortiger Auskunft wollen heute ca. 60 Personen von der Diavolezza aus auf den Piz Palü.

Auf guter Spur geht es mittlerweile im Halbdunkel an einigen Spalten vorbei dem Eisbruch auf ca. 3100m Höhe entgegen. An einer kurzen Blankeisstelle wurden sogar Tritte geschlagen. Einige kleine Spalten werden überquert. Zu Beginn haben wir noch etwas Mühe inmitten der anderen Seilschaften unseren Rhythmus zu finden, allmählich geht es jedoch besser. Der Eisbruch ist schlichtweg spektakulär. An einer Stelle führt die Spur inmitten gigantischer Eisblöcke durch ein kleines Tälchen. Später wird eine breite Spalte über eine dünne Schneebrücke überquert. Nochmals ein Stück später muss eine sehr tiefe Spalte mit einem kurzen Sprung überwunden werden. Die folgende etwas steilere Stufe wird geschickt im Zickzack an Spalten vorbei überwunden. Nach Erreichen des kleinen Gletscherplateaus gibt es schliesslich bis zum Sattel nur noch wenige sichtbare Spalten, und die Wegwahl wird relativ frei. Wir folgen aber im Aufstieg stets der gut angelegten Spur. Während der Zustieg und der Gletscherbruch etwas Zeit in Anspruch genommen haben, geht es nun effizient in die Höhe. Der Sattel wird über einen Mini-Bergschrund und ein kurzes Steilstück erreicht.

Sattel beim P.3729 - Piz Palü Ostgipfel - Piz Palü (WS)
Beim Sattel werden wir von einigen heftigen Windböen in Empfang genommen. Silvia und ich machen uns schon etwas Sogen, ob das denn auch gut klappen würde mit dem Gipfelgrat. Wir ziehen uns etwas wärmer an, verkürzen das Seil und gehen sogleich weiter. Die Windböen lassen glücklicherweise rasch nach. Um den Ostgipfel zu erreichen wird zunächst ein ca. 40° steiler Firnhang erklommen. Auch hier ist die Spur herrvorragend. Eine Stelle mit Blankeis hat wiederum einige geschlagene Tritte. Schon jetzt ist der Schnee in dieser Ostflanke leicht aufgeweicht. Die Flanke verjüngt sich schliesslich zu einem schön schmalen Firngrat, der zum Ostgipfel hinauf führt. Die letzten Meter werden über eine gut gespurte Traverse bewältigt. Der Ostgipfel bietet sehr schöne Ausblicke. Da er nicht verwechtet ist, kann man einen eindrücklichen Tiefblick zum Persgletscher geniessen.

Es folgt nun ein einfacher Abstieg auf breitem Gratrücken in den Sattel zwischen Ost- und Hauptgipfel hinab. Hier ist Acht zu geben auf die grossen Wechten auf der Nordseite. Die Spur verläuft etwas nahe an diesen, so dass wir ein wenig mehr Abstand nehmen. Beim Sattel warten wir noch kurz bis eine absteigende Seilschaft vorbei ist. Der Schlussaufstieg zum Hauptgipfel erfolgt wieder über einen schmalen und exponierten Firngrat. Meistens hat es gerade gut Platz für beide Füsse. Die nordseitige Eiswand flösst Respekt ein. Hoch konzentriert und dennoch voller Genuss balancieren wir über den Grat. Auf dem geräumigen Hauptgipfel, den wir kurz vor 9 Uhr erreichen, tummeln sich einige Leute. Wir gehen noch ein Stück weiter über die Firnkuppe, und werden mit einem tollen Ausblick zum Piz Bernina belohnt. Zurück beim Gipfel gibt es endlich eine Stärkung, und wir geniessen den weiten Rundblick über die im schwachen Dunst liegenden Bergkämme. Schon fast klein erscheinen der Piz Kesch, Piz d'Err und co. Bald schon ziehen einige Schleierwolken auf. Der Wind hat sich weitgehend gelegt.

Rückweg auf gleicher Route
Der Rückweg erfolgt auf derselben Route. Der nicht allzu steile Grat lässt sich auch im Abstieg gut begehen. Die Sonne hat bereits gute Arbeit geleistet, und der Schnee ist mittlerweile recht weich. Deshalb heisst es nochmals langsam in kleinen Schritten gehen bei höchster Konzentration. An einer Stelle haben wir Gegenverkehr. Unsere Begeisterung darüber hält sich in Grenzen. Dennoch kommen wir auf engem Raum gut aneinander vorbei. Beim Ostgipfel treffen wir auf ein sympathisches junges Paar, das gerade über den Ostpfeiler aufgestiegen ist. Schon länger haben wir beobachtet, wie sie die ca. 40-45° steile Eiswand unter dem Gipfel hochgestiegen sind.

Wir lassen noch eine Seilschaft vor, dann steigen wir über den nochmals schmalen Grat ab. Als wir erneut auf Gegenverkehr treffen, entscheiden wir uns eine Spur unterhalb vom Grat auszuprobieren, die in wenig steilem Terrain oberhalb der Felsen durchführt. Diese ist anfänglich sehr gut gangbar. Danach müssen wir aber ein Stück im Geröll absteigen und über Eis und aufgeweichten Schnee mit grosszügigen Tritten in die Flanke oberhalb vom Sattel beim P.3729 zurücktraversieren. Vermutlich insgesamt ungefähr gleich schwierig wie die andere Option. Dennoch hätte ich wenig Lust auf den aufgeweichten Steilhang gehabt. Der restliche Abstieg zum Sattel ist nun einfach. Beim Sattel legen wir nochmals eine gemütliche Rast ein. Es ist nun trotz etwas Wind merklich wärmer geworden.

Über den oberen Bereich des Gletschers können wir recht zügig absteigen. Der Schnee ist sehr weich, und wir achten auf gute Seildisziplin. An einigen Stellen wählen wir für den Abstieg eine etwas direktere Linie, die auch mehr Abstand zu den Spalten hält. Die dünne Schneebrücke hält auch dieses Mal gut, dennoch lassen wir an dieser Stelle Vorsicht walten. Der Eisbruch ist bei Tageslicht nochmals sehr schön anzusehen. Bald schon erreichen wir das Ende des Abstiegs und marschieden über den aperen Gletscher zurück zur Moräne bei der Fuorcla d'Arlas. Hier verstauen wir unser Material. Zum vierten Mal innert zwei Tagen laufen wir anschliessend über Blockschutt der Fuorcla Trovat entgegen und queren auf der schmalen sandigen Spur unter dem Piz Trovat hindurch. Langsam haben wir es gesehen :-). Bei der Diavolezza essen wir noch etwas und packen unser Material um, bevor wir die lange Rückreise antreten.


Traumhaft schöne Hochtour auf einen Traumberg! Schon der Normalweg bietet viel Abwechslung und ist von der Landschaft her sehr schön. Highlight sind sicherlich der Eisbruch und die beiden schmalen Firngrate. Wenig erstaunt es, dass man an einem schönen Sonntag nicht alleine an diesem Berg ist. Dennoch haben sich nach einer Weile die Seilschaften gut verteilt, so dass das Verkehrsaufkommen wenig gestört hat. Ohne vorgegebene Spur ist die Wegfindung durch den Eisbruch sicherlich recht anspruchsvoll. Als längere Tour empfiehlt sich natürlich die Überschreitung, die auf Hikr ebenfalls gut dokumentiert ist. Wegen der Wetterprognose und der Länge der Tour haben wir von dieser Variante abgesehen.

Tourengänger: Chrichen, Stevo47

Galerie


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Kommentare (4)


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rkroebl Pro hat gesagt:
Gesendet am 11. September 2017 um 21:26
Mein Kommentar fällt kurz aus, Christian:

Phänomenale Tour, toller Bericht und jede Menge Bijoux bei den Fotos. Ganz toll!

LG, Ray

mbjoern hat gesagt: WOW
Gesendet am 12. September 2017 um 06:55
Gratuliere zum Piz Palü, das sind tolle Fotos. Kommt grad auf meine to do Liste für 2018 !! Danke für den Bericht !! gruss Björn

Felix Pro hat gesagt:
Gesendet am 12. September 2017 um 15:01
Gratulation zu dieser tollen Tour!
ich habe vor x Jahrzehnten die Überschreitung - auch bei tollem Wetter - gemacht, und konnte mich so bestens wieder daran erinnern.

lg Felix

Chrichen Pro hat gesagt:
Gesendet am 14. September 2017 um 07:54
Vielen Dank!! Es war wirklich eine wunderbare Tour! Ich war überrascht, wie viel Abwechslung der Normalweg bietet, trotz Abstieg über dieselbe Route. Die Überschreitung ist sicherlich nochmals ein ganz tolles Erlebnis! Für uns war das noch eine Nummer zu gross, nicht nur wegen dem sich im Verlauf des Tages verschlechternden Wetter.
Viele Grüsse, Christian


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