Basòdino 3272m


Publiziert von Bombo , 5. Februar 2011 um 01:35.

Region: Welt » Schweiz » Tessin » Bellinzonese
Tour Datum: 3 Februar 2011
Hochtouren Schwierigkeit: WS
Ski Schwierigkeit: WS+
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-TI   I   Gruppo Basodino   Gruppo Pizzo Castello   Gruppo Cristallina   Gruppo Pizzo San Giacomo   Gruppo Grieshorn 
Zeitbedarf: 9:15
Aufstieg: 1800 m
Abstieg: 2200 m
Strecke:Capanna Basodino - Basòdino - Kastellücke - San Giacomo - All'Acqua - Ossasco
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Zur Capanna Basodino CAS 1856m kommt man im Winter nur mit den Skis bzw. Schneeschuhen - die Seilbahn fährt erst ab Juni 2011 wieder.
Zufahrt zum Ankunftspunkt:Airolo - richtung Nufenenpass - Ossasco (kostenlose Parkplätze nach dem letzten Haus, Info-Tafel über Cap. Cristallina & Cap. Basodino, Beginn der Aufstiegsspur)
Unterkunftmöglichkeiten:Capanna Basodino CAS 1856m
Kartennummer:LK 1:50'000, Bl 265 S "Nufenenpass"

Tag 2: Basòdino 3272m - die unendliche (Tor?)Tour


So wie das Finsteraarhorn sticht bei Gipfel-Aussichten und -panoramen auch immer wieder die grandiose weisse Gletscherfläche des Basòdino-Gletschers hervor. Irgendwie hat dieser Berg mit dem vorgelagerten Weiss etwas anziehendes, ja gar etwas zauberhaftes. Die Frage stellt sich zu Recht: Will man wirklich den Gipfel des Basòdino 3272m besteigen oder würde man nicht einfach nur gerne mitten in diese mysthische Schnee-und-Eis-Landschaft treten und dort seine einsamen Spuren hinterlassen? Die Antwort hab ich für mich wie folgt definiert: Steht man auf anderen Gipfel und schaut zum Basòdino rüber, sieht man sich wohl eher auf dem Gletscher seine Aufstiegsspuren ziehen, steht man dann aber plötzlich selber auf dem Gletscher, so gibt's nur eines: den Gipfel, und zwar ganz zuoberst beim Gipfelkreuz!

Nach einer endlos langen Nacht, mit diversen Aufsteh-und-den-Heizstrahler-laufenlassen-Unterbrüchen, (Lichterlöschen 19.30 Uhr, Wecker 08.00 Uhr!) verliess ich die Capanne Basòdino 1856m um 08.40 Uhr und stieg durch den offenen Zubringertunnel zur Seilbahnstation Robièi 1891m auf. Von dort steil dem Bachlauf entlang hoch zur Alpe Randinascia 2156m, wo ich orientierungsmässig ziemlich ins Grübeln geriet. Vermutlich stieg ich ein wenig zu früh nach Südwesten - auf jeden Fall ging's bei mir eine kurze steile Rampe hoch, wo ich mich dann auf einem breiteren, jedoch unebenen Rücken wiederfand. Ständig mit der Karte in der Hand, unsicher ob ich die richtigen Entscheidungen getroffen habe, spürend, wie mir der Zeitkredit langsam davonläuft, folgte ich meinem Bauchgefühl und lief mehr oder weniger den Rücken entlang in südwestliche Richtung. Und tatsächlich, einige Schreckminuten bzw. gefühlte -stunden später traf ich auf alte, zugewehte Spuren und diese führten später auch zum Wegweiser bei P. 2228.

Hier erneute Unsicherheit - gemäss Karte und Wegweiser müsste man nun rechts von den Felsen ansteigen, die alten Spuren wie auch mein eigenes Gefühl wiesen jedoch eher nach links, wo eine steile Rampe, bei unsicheren Bedingungen garantiert lawinengefährdet, hoch zum Gletscher führt. Die Steilheit legt sich schon bald zurück und mit ein wenig Weitsicht sieht man auch schon die ersten Steinmänner den Weg weisen - tatsächlich, man hätte also beim Wegweiser doch rechts am Felsen vorbei ansteigen können.

Nun gibt's eigentlich nur noch eine Richtung: über den endlos langen Gletscher dem Gipfel entgegen und ich kann nur bestätigen, was ich im Vorfeld darüber gelesen und gehört habe: man sieht das Ziel von der ersten Minuten seit dem Hüttenstart an, verlässt es dann bis zur Gletscherberührung wieder und nimmt es anschliessend wieder in den Fokus - aber so nah der Felskopf scheint, er will und will einfach nicht näher kommen. Da ich schon am Vortag gesundheitlich ein wenig angeschlagen war und mich mit lediglich 2 Tomatensuppen als Abendessen zufrieden gab, lief ich entsprechend total auf den Reserven - der Verstand klagte zu Recht sein Leid, dass dringend etwas gegessen werden müsste, das Gefühl jedoch verhinderte (bis zum Tour-Ende!) jegliche Nahrungsmittel-Aufnahme. Dazu kam ein immer stärker werdender Gegenwind, meist mit aufgewirbeltem Schnee in der Luft - selten hab ich mich so oft gefragt, warum ich mir das antue und immer wieder stellte ich den Gipfelerfolg in Frage. Wichtiger war mir, gesund und munter wieder ins Tal zurückzukehren - doch auch dafür dauerte der Weiterweg noch lange.

Um ca. 12.00 Uhr erreichte ich endlich einen vor dem Wind geschützten Rastplatz wenige Meter unterhalb des Skidepots. Hier erholte ich mich von den Strapazen und liess es mir mit Traubenzucker gutgehen. Ein Gipfelversuch gab ich mir - sollte ich Konditionsprobleme erfahren, würde ich sofort abbrechen und mich auf die Abfahrt via Kastellücke aufmachen. Um 12.25 Uhr also erreichte ich das Skidepot unterhalb des Ostgrates - dieser erschien mir am Schluss doch bequemer als den ebenfals möglichen Nordgrat.

Gemäss Führerliteratur wird der Fussaufstieg mit "L" bewertet - meiner Meinung nach ausnahmsweise zu tief bewertet. Zugegeben, ich musste fast alles neu spuren - nur selten sah ich noch Fussabdrücke von Vorgängern aus vergangenen Tagen - sind gute Tritte und eine klare Aufstiegslinie vorhanden, könnte es mit viel Zugabe ein "L" sein - realistischer erscheint mir ein WS. Mit Pickel und Steigeisen hatte ich zwar nirgendwo Probleme, doch führt der Aufstieg an manchen Orten doch sehr ausgesetzt und steil dem Gipfel entgegen - hier werden mit Sicherheit nochmals ein paar Schweisstropfen vergossen. Exakt um 13.00 Uhr erreichte ich ziemlich erschöpft den Gipfel des Basòdino 3272m - der Himmel war längst nicht mehr so blau wie am Vortrag und die Top-Prognosen vom Wetterdienst wurden schon am Morgen bei Aufbruch von der Realität über den Haufen geworfen. Ich genoss im stillen den Gipfelmoment, liess es bei wenigen Fotos bleiben und machte mich aufgrund der fortgeschrittenen Zeit sofort wieder an den Abstieg zum Skidepot, welcher ebenfalls nochmals Konzentration erforderte.

Um 13.25 Uhr verliess ich bei sehr diffusem Licht - die Unebenheiten oder Senkungen auf dem Gletscher sah man nicht mehr - den Ort des Geschehens, fuhr nordöstlich am Pizzo Cavergno vorbei und stach steil hinunter in die Gletschermulde östlich des Kastelhorn. Hier galt trotz miserablen Sicht (und traumhaftem Pulver!) das Augenmerk auf die offenen Spalten zu richten - es gibt doch noch ein paar wenige, welche sich dem Tourengänger zeigen - und wieviele sind nur schwach überschneit...?

Einen vermutlich in meiner energiearmen Situation kapitalen Fehler machte ich bei der Abfahrt zum Anfellplatz für die Kastellücke. Gemäss 50'000er-Karte war nicht genau klar, ob man oberhalb oder unterhalb von dem erscheinenden Felsausläufer anfellen muss - wir sprechen hier von ca. 150hm. Ich war dann wenige Meter zu weit unten, sodass ich mich für den unteren Anfellplatz entschied, also nordöstlich um den Felsen rum auf ca. 2550m. Dann folgte effektiv eine Tortur: der sehr steile Anstieg über die windgepresste Rampe hoch zur Kastellücke - starker Wind blies mir entgegen, eine schlechte Sicht, die Energie bei Null und dann zum ersten Mal auch noch infolge Schneekristallen Klebeverlust meiner Adhäsions-Felle. Viele Fragen über Sinn und Unsinn im Leben gingen mir während diesem Aufstieg durch den Kopf...

Hat man dann die Kastellücke 2714m erreicht, geht es wieder steil zuerst westlich und später nordwestlich hinunter, wo man dann kurz vor Laghi Boden in sicherem Gelände zum 3. Mal anfellen muss. Dank der kürzlichen Tour auf das Marchhorn kannte ich nun das Gebiet, was vorallem psychologisch sehr gut tat. Auf dem gesamten Weg zur Ostflanke des Rupe del Gesso 2434m und weiterer Abfahrt nach San Giacomo 2254m liess ich die Felle an den Skis - bei guten, harten oder vereisten Spuren kann man vermutlich die Felle schon vorher abziehen.

Die anschliessende Abfahrt durch das Val d'Olgia galt nur noch der zeitgewinnenden Höhenvernichtung - etwas anderes hätte die bruchharschige Schneequalität sowieso nicht zugelassen. Um 16.30 Uhr erreichte ich All'Acqua 1614m, wo ich mir den schon am Vortag gewünschten Autostop-Dienst erhoffte. Dass unter der Woche um diese Zeit jedoch niemand in den verlassenen Weiler fährt, versteht sich von selbst... Glücklicherweise hat es jedoch am Strassenrand genügend Schnee, sodass man mit der nötigen Vorsicht auf Steine problemlos bis kurz vor Höhe Bedretto fahren kann. Hier der nächste Fehler: ich liess mich von der Langlaufloipe verführen und folgte dieser auf der rechten Bachseite - kurze felllose Gegenaufstiege inklusive. Plötzlich machte die Loipe dann einen U-Turn, genau dort, wo ich mir eigentlich einen Weiterweg gewünscht hätte - stattdessen folgte nur noch ein Dickicht von Sträuchern und Bäume - mal abgesehen davon, dass ich auf der falschen Bachseite stand und auf der richtigen, der linken, Bachseite immer wieder Autos vorbei fuhren, welche einem sicher nach Ossasco mitgenommen hätten.

Die nächste Übung bestand somit der erfolgreichen Bachüberquerung - kein leichtes Unterfangen bei vereisten Bachsteinen, Abständen von 1 1/2 Metern und mehr sowie reissendem, eiskalten Bachwasser... Ich fand dann nach langem Suchen eine Stelle, wo es nur halbwegs nasse Füsse gab (dafür noch fast ein Ski im reissenden Bachwasser verloren...) und so erreichte ich endlich wieder die Strasse, wo ich im Nachhinein gesehen a) ohne Probleme weiterhin dem Strassenrand hätte folgen können und b) ich doch besser auf der falschen Bachseite geblieben wäre, denn weiter vorne führt die Strasse über eine Brücke, wo dann meine Spur in die Strasse gemündet hätte (man lese die Karte!!). Dass dann 3 vorbeifahrende Ticinos statt angehalten mir nur zugehupt haben, konnte ich nur noch mit einem Schmunzeln abtun - denn bin ich nun schon so weit gekommen, kann ich auch noch die letzten Meter alleine zurücklegen. Ossasco 1313m erreichte ich exakt bei Dämmerungseinbruch kurz vor 18.00 Uhr - selten war ich so glücklich über ein Ortsschild bzw. über den Anblick meines Autos.


Fazit: Nach all den Strapazen sowie dem schwierigen Wetter ist es nicht einfach, ein neutrales Urteil zu bilden. Dennoch erlaube ich mir den Aufwand und den Ertrag in Frage zu stellen. Dadurch, dass man erst im letzten Drittel des Gletschers seine Aufstiegsspuren in die wirkliche Gletscherarena zieht - vorher befindet man sich immer wieder in unebenem Gelände - entfällt ein wenig die Hoffnung auf die "ewige Gletschertour". Der Fussaufstieg hingegen entlöhnt einem für den langen Skiaufstieg und die Aussicht auf die umliegenden Gipfel ist dank der Höhe von 3272m grandios. Die Abfahrtsverhältnisse zum Anfellplatz unterhalb der Kastellücke wären perfekt gewesen (mit Ausnahme der Spalten...) - ich konnte sie leider wetterbedingt nur beschränkt ausnützen. Ja, wie in der Führerliteratur erwähnt, ist diese Abfahrt toll, aber nur deswegen den grossen Aufwand mit Übernachtung und Gletscher-Hatsch auf sich zu nehmen, wäre wirklich verfehlt. Eher sollte man die skitechnischen Erwartungen klein halten, dafür aber das Herz und den Geist für eine einsame, abgelegene Gegend öffnen - vielleicht eher eine Skiwanderung als eine klassische Skitour.


Hier nochmals - wie bereits im Bericht zur Cristallina 2912m erwähnt - die Hütteninfos über die Capanna Basòdino:

Die durchgehend offene Hütte ist im Winter meistens nicht bewartet, bei Gruppen evtl. auf Anfrage. Sie ist wie folgt eingerichtet:
  • Aufenthaltsraum: elektrischer Heizstrahler, elektrischer Strom (inkl. Steckdose) und ein Nottelefon (mit welchem man jedoch nur Notruf-Nummer und keine privaten Nummern wählen kann, Orange-Mobile hat kein Empfang!)
  • Küche: elektrische Herdplatten & Backofen, Geschirr, Lavabo ohne fliessendes Wasser (dieses kann in der offenen Toilette aus dem Wasserhahn geholt werden)
  • Toilette / Dusche: 1 Toilette mit ständig fliessendem Wasser offen, restliche Räume inkl. Dusche geschlossen
  • Schlafraum: 2 Räume offen, Duvets und Kissen. Sehr kalt, da direkt unter dem Dach, evtl. vorher Heizstrahler in den Raum stellen)


Start Capanna Basòdino 1856m: 08.40 Uhr
Skidepot Basòdino: 12.25 Uhr
Gipfel Basòdino 3272m: 13.00 Uhr
Skidepot Basòdino: 13.25 Uhr
Laghi Boden 2340m: 14.55 Uhr
All'Acqua 1614m: 16.30 Uhr
Ossasco 1313m: 17.55 Uhr (hätte man mind. 45min schneller machen können, siehe mein Fehler)


Hier der Bericht vom Vortag auf die Cristallina 2912m mit dem Hüttenzustieg zur Capanna Basòdino.


SLF: "Mässig"


Tour im Alleingang.




Route Nr. 401, 454b - SAC Alpine Skitouren Zentralschweiz - Tessin - Willy Auf der Maur
Route Nr. 67, 437a, 437b (via Kastellücke) - SAC Die schönsten Skitouren der CH



Tourengänger: Bombo

Galerie


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Kommentare (3)


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Felix Pro hat gesagt: sehr ausführlich ...
Gesendet am 5. Februar 2011 um 09:29
lieber Dominik, hast du diesen Bericht von deiner (Tor)-Tour gemacht - da kann man mitfühlen ...

Weiterhin hoffentlich beste Bergerlebnisse!

lg Felix

alpstein Pro hat gesagt: Von A bis Z
Gesendet am 5. Februar 2011 um 10:00
ein weiterer toller und spannender Bericht dieser 2-Tagestour.

Grüße
Hanspeter

Bombo hat gesagt:
Gesendet am 5. Februar 2011 um 23:38
Merci für Eui Rückmeldige, irgendwie glingt's mer eifach nanig, diä choge Bricht chürzer z'halte :-) Chunt scho na :-)

Gruess


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