Tiefenstock 3515m


Publiziert von Bombo , 28. Mai 2010 um 02:09.

Region: Welt » Schweiz » Uri
Tour Datum:22 Mai 2010
Hochtouren Schwierigkeit: ZS
Klettern Schwierigkeit: II (UIAA-Skala)
Ski Schwierigkeit: WS+
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-UR   CH-VS 
Zeitbedarf: 7:00
Aufstieg: 1405 m
Abstieg: 1405 m
Strecke:Tiefenbach - Älpetli - Tiefengletscher - Tiefensattel - Tiefenstock - gl. Weg zurück
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Realp - Hotel Tiefenbach - aktuell kostenlose Parkplätze entlang der Passstrasse bis zur Sperr-Schranke (wird bald geöffnet)
Unterkunftmöglichkeiten:Hotel Tiefenbach oder Albert-Heim-Hütte
Kartennummer:LK 1:50'000, Bl 255 S "Sustenpass"

Season Ending und 1 offene Rechnung geschlossen - Tiefenstock 3515m


Ich dachte eigentlich, dass ich mit den Skitouren im Berner Oberland die diesjährige Skisaison beendet hatte, doch irgendwie war da doch noch eine Pendenz offen... Am 10. Januar 2009 scheiterten wir im Trio infolge fehlenden Fixseilen sowie zuwenig Schnee beim Wandeinstieg am Tiefenstock - und genau diese Palmarès-Lücke sollte diese Saison noch geschlossen werden. Mit alpinpower konnte ich auf einen erfahrenen Hochtourer zählen, sodass der Gipfel dieses Mal "ohne besondere Schwierigkeiten" (so die Führerliteratur bzw. die neue Literatur spricht von "Knacknuss") erreicht werden kann - ganz so einfach war es dann aber doch nicht - im Gegenteil...

Start um 04.15 Uhr beim Hotel Tiefenbach 2106m und via Älpetli 2298m östlich am Chräiennest vorbei und so auf den an dieser Stelle spaltenfreien Tiefengletscher. Hier durften wir eine traumhafte Morgendämmerung erleben und waren Zeuge, wie der dortige "Platzhirsch" - der Galenstock 3586m - sich regelrecht in einen Feuerball verwandelte. Das sind die Momente, wo man in sekundenschnelle vergisst, dass man zu einer Zeit sein warmes Bett zu Hause verlassen hat, wo andere noch die letzte Runde an der Theke bestellen...

Man kommt nun an die steilere Gletscherrampe, welche sich südlich des Gletschhorn sehr breit nach Norden zieht - je nach Verhältnissen können hier die Harscheisen gute Dienste tun. Vorsicht: in der rechten Aufstiegshälfte lauern die Spalten - diese sind gegenwärtig mehrheitlich gut eingeschneit, doch kann man an der Struktur erkennen, dass an einzelnen Stellen die Schneeauflage immer dünner wird. Ebenso hat es auch bereits eine breitere offene Spalte - diese ist jedoch gut ersichtlich und kann problemlos umgangen werden.

Hat man die Steilstufe hinter sich, so folgt eine längere Latscherei zum Wandfuss unterhalb des Nördl. Tiefensattels - zum Glück sorgen die umliegenden Umrisse - sei das der Galenstock, das impossante Gletschhorn oder der Verbindungsgrat von diesem zum Tiefenstock - dafür, dass einem das Gesicht bei der mehr oder weniger eintönigen Schrittfolge nicht einschläft... Kurz vor dem Wandfuss nimmt die Neigung nochmals rasant zu und gerade bei vereisten oder bruchharschigen Bedinungen macht es durchaus Sinn, das Skidepot ein wenig unterhalb des Wandfusses zu errichten. Ueberhaupt empfehle ich, das Skidepot nicht gleich am Wandfuss anzusetzen - einerseits lauert dort ein Bergschrund, welcher aktuell jedoch kein Problem darstellt, und andererseits kommt relativ viel Material vom Nördl. Tiefensattel runter, sobald die ersten Sonnenstrahlen ihre Kraft dort entfalten. Sind bereits Personen im Auf- oder Abstieg, ist es sowieso tabu, das Skidepot am Wandfuss zu errichten - je weiter unten man dieses macht, desto sicherer steht man - vorallem nach dem Abstieg vom Tiefenstock, wenn das ganze Kletter-Material zusammengeräumt werden muss und noch eine kulinarische Pause eingeschaltet werden will.

Nun folgt der Aufstieg zum Nördl. Tiefensattel 3334m, an welchem wir im 2009 wie eingangs beschrieben scheiterten. Man hat die Wahl zwischen zwei Einstiegen: Durch die linke Rinne, welche mit einem Fixseil versehen ist oder durch die rechte Rinne, welche mit 2 kurzen Fixseilen, Bohrhaken und Muniring ausgestattet ist. Von unten betrachtet lädt die linke Rinne eher ein, dort den Einstieg zu machen. Ich selbst kenn die "Regel" dort nicht, aber ich vermute - aufgrund der Platzierung der Sicherungsstangen - dass es durchaus Sinn macht, wenn Personen im Aufstieg links aufsteigen und Leute im Abstieg sich rechts halten (von unten gesehen). Wir hatten nun die Situation, dass einerseits nichts gespurt war, dann sehr viel Schnee in der Flanke lag und deshalb eben auch kein einziger Bohrhaken oder Muniring ersichtlich war.

So stiegen wir anfänglich noch am kurzen Seil praktisch in direkter Linie durch die steile Schneeflanke, wo wir aber bald einmal merkten, dass wir uns ziemlich beeilen müssen, denn von perfektem Trittschnee konnte trotz vernünftiger Tageszeit bereits keine Rede mehr sein. Am langen Seil traversierten wir dann unter den ersten markanteren Felsen in ein paar heiklen Tritten nach rechts, bevor wir dann wieder in gerader Linie in kombiniertem Gelände aufstiegen. Während alpinpower einen sauberen, jedoch nicht ungefährlichen Vorstieg hinlegte, sicherte ich ihn bei den letzten Felsen so gut es ging mittels Pickel-Verankerung. Diese mühselige Spurarbeit kostete sehr viel Energie, brach er doch immer wieder sehr tief ein und schon bald versperrte auch die markante Wechte den Übergang auf den Nördl. Tiefensattel. Ich hatte bereits mein gesamtes Seil ausgegeben, während er oben sich einen Zugang frei buddelte - zum Glück hatte ich meinen Helm auf, denn auch wenn's nur "lockeren" Schnee ist - die herunterfallenden Massen schlagen also ein wie die Schläge auf den Helm beim Tequilla-Trink-Ritual (mit der Ausnahme, dass es dort nur 1 Schlag gibt und als Belohung was süffiges, während hier es im sekundentakt gleich mehrmals poltert und man dabei fast am verdursten ist...)

Dank der guten Spur konnte ich im Schnellzugstempo nur noch hochsteigen, der Uebergang auf den Nördl. Tiefensattel 3334m ging mit ein bisschen Zug ebenfalls ganz flott und so übernahm ich von dort an wieder die Spurarbeit und auch wenn das Gelände sich sehr einfach und wenig steil präsentiert - das ständige knietiefe Einbrechen zerrt dannn gewaltig an den sonst schon strapazierten Energiereserven. In himalayaähnlichem Aufstiegstempo erreichten wir kurz nach 10.00 Uhr den Gipfel des Tiefenstock 3515m (wir beendeten unseren Aufstieg 1 Meter unterhalb des höchsten Punktes, da eine trügerische Wechte sich der Gratkante entlang zog und wir keine unnötigen Risiken eingehen wollten - zudem konnten wir auch von diesem Punkt dank unserer Körpergrösse das Panorama vollständig geniessen). Die Aussicht ist schlichtweg umwerfend - egal in welche Richtung man schaut  - überall erheben sich Felsmonumente, welche schon in vielen Hikr-Berichten Geschichte geschrieben haben. Seien das die promintenen Walliser und Berner Riesen, die Mächtigen der Urner Alpen - angeführt vom Dammastock dem höchsten Urner -  oder dann der schon fast magnetisch anziehende Galenstock - ganz egal, man kann sich kaum satt sehen. Doch dann tickt unausweichlich wieder die Uhr, die kräftige Frühjahrssonne hinterlässt schon gewaltig ihre Spuren und wir wissen, der Abstieg dürfte ebenso eine Knacknuss (so die Begriffsdefinition in der neuen Skitouren-Literatur) werden wie der Aufstieg.

Genauso war's dann eben auch - unser mitgeführtes 30m Seil war mindestens 10m und mehr zu kurz, um von den sehr nützlichen Sicherungstangen von Punkt zu Punkt abseilen zu können. Bei der obersten Sicherungsstange auf dem Nördl. Tiefensattel wählten wir unseren Abstieg, nützten einige natürliche Fixierungspunkte, bauten so unsere Stände und dank einigen nützlichen Seiltricks von alpinpower kamen wir dann geduldig, aber sicher dem Skidepot immer näher. Im unteren Teil wird das Gelände wieder ein bisschen weniger steil, die Sicherungsmöglichkeiten - ob Stangen oder Felsen - mehren sich und zu guter letzt konnten wir uns dann doch noch an der untersten Stange eine Seillänge vollständig an den Wandfuss oder sogar in die Nähe des Skidepots abseilen.

Jetzt war die Erleichterung auch wirklich spürbar gross - der Abstieg in diesem mittlerweilen sehr weich gewordenen Schnee war schon nicht mehr ganz so risikolos. Links und rechts gab es auch immer wieder Schnee- oder Schuttrutsche - ich glaube dadurch, dass wir im Abstieg versucht haben, jeweils selbst schon viel Material zu lösen, konnten wir folgenschwere Materialrutsche vermeiden.

Skifahrerisch kam jetzt natürlich das Schönste überhaupt - dank der Sonne herrschte nun ein absolut perfekter Firn auf dem Tiefengletscher, welcher die Abfahrt zu einem unvergesslichen Erlebnis machte. Wir fuhren mehr oder weniger unserer Aufstiegsspur entlang hinunter und just in dem Moment, wo wir den Tiefengletscher verlassen haben und richtung Älpetli eindrehten, wurde der Schnee teilweise auch bereits schon "pfluddig" und weiter unten oberhalb der Furkapassstrasse auch Mangelware. Dennoch konnten wir beinahe mit den Skis zum Auto fahren - okay, der Belag hat sicherlich ein paar Spuren abbekommen :-)

Wo wir noch wenige Meter oberhalb der Furkapassstrasse eine kurze Verschnaufspause einlegen, fällt mir eine Person auf, welche mir äusserst bekannt vorkommt. Als ich dann auch das passende Auto dazu gefunden habe, war mir alles klar und die Freudegefühle stiegen ein weiteres Mal am heutigen Tag auf ein Maximum: Da haben doch tatsächlich meine Eltern mich überrascht und schauten schon ein wenig besorgt auf die Uhr, hatten wir uns wegen den schwierigeren Bedingungen doch um mehr als 1 Stunde von unserer "Planzeit" verspätet. Diese Überraschung ist wirklich voll gelungen und ich danke Euch von Herzen dafür!

Die Einkehr im Restaurant Tiefenbach darf an einem solchen Tag keineswegs fehlen - der perfekte Abschluss an einem traumhaften Tag mit einem Gipfel, den man garantiert nicht so schnell vergessen wird.


Tour mit alpinpower - Danke Dir für die tolle Begleitung und den verlässlichen Vorstieg!


Material:

- Mindestens 40m Seil, besser 50m
- 2-3 Schlingen
- 2-4 Express (kann ich nicht beurteilen, da wir keine Sicherungshaken vorfanden)
- evtl. 1 oder 2 Friends (wir hatten keine dabei, mind. 1 hätte jedoch etwas genützt)
- Abseilachter bzw. Tuber
- Steigeisen
- Pickel


Zeitangaben:

Start Hotel Tiefenbach: 04.15 Uhr
Tiefenstock: 10.05 Uhr
Abfahrt Skidepot: 11.45 Uhr
Ankunft Hotel Tiefenbach: 12.30 Uhr
Total: 8 1/4h (inkl. Pausen)
Reine Marsch- & Kletterzeit: ca. 7h


Anmerkung Schwierigkeitsgrad: So wie wir den Aufstieg zum Nördl. Tiefensattel angetroffen haben, entspräche die Schwierigkeit ganz klar einem ZS III, da viele gute Tritt- und Griffmöglichkeiten noch eingeschneit waren, mal abgesehen davon, dass natürlich auch die Sicherungspunkte fehlten. Da der Aufstieg im "Normalfall" jedoch leichter ist und dies wahrscheinlich auch häufiger der Fall ist, wähle ich ZS II - verweise jedoch darauf, dass für diese Klassifizierung gute Verhältnisse herrschen müssen (kalt, Trittspuren, Zugang durch die Wechte, Sicherungspunkte).


Und zu guter letzt in eigener Sache: Die "Billig-Arbeits-Handschuhe" aus der Landi mögen vielleicht für trockene Bergabenteuer sehr nützlich sein, kommt jedoch Schnee dazu, so werden diese also innert Minuten zu triefnasen Gewichtselementen... :-) Ich setz in Zukunft wieder auf meine Mammuts...


SLF: "Mässig", Gefahr von Nassschneerutschen im Tagesverlauf ("Erheblich")




Route Nr. 760a (WS+) - Skitouren Zentralschweizer Voralpen und Alpen - Martin Maier
Route Nr. 209a (S-) - Alpine Skitouren Zentralschweiz - Tessin - Willy Auf der Maur
Route Nr. 511 (ZS-) - Die schönsten Skitouren der Schweiz - Scanavino / Gansser / Auf der Maur




Tourengänger: Bombo, Alpinpower

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Kommentare (6)


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Sputnik Pro hat gesagt: Bombastischi Alpintuur ! :-)
Gesendet am 28. Mai 2010 um 07:23
Hej da händer super gmacht, de bricht hät richtig richtig spass gmacht zum läse (bsunders bi däm herbschtwätter wieder dusse). Und wiä gwohnt super Föteli dezuä.

Gruäss, Andi

Linard03 Pro hat gesagt: da kann ich mich ...
Gesendet am 28. Mai 2010 um 19:07
... meinem Vor-Redner nur anschliessen: spannender Bericht und wiederum tolle Fotos!

Gruess, Linard

Bombo hat gesagt:
Gesendet am 28. Mai 2010 um 19:14
Merci :-)

Alpinpower hat gesagt: Bombo und Alpinpower
Gesendet am 28. Mai 2010 um 20:52
Hey Dominik, nochmals herzlichen Dank für deinen super Bericht. Mit dir am Berg hat`s einfach nur Spass gemacht. Wir haben genial harmoniert, werden diesen Sommer noch ein paar grosse Projekte gemeinsam realisieren. Bombo(power) und Alpinpower, eine starke Seilschaft am Berg.

Bombo hat gesagt: RE:Bombo und Alpinpower
Gesendet am 28. Mai 2010 um 21:26
Das hät würkli gfäggt Hans - han jetzt na mega Freud! Auf ein baldiges und heb's guat!


Felix Pro hat gesagt: ich schliess mich Andi an:
Gesendet am 30. Mai 2010 um 17:46
grossartig, für mich zwar zu "hoch",
doch toll, mitzuverfolgen, text- und bildlich!

lg Felix


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