Cristallina-Pian del Crest-Bosco/Gurin-Alzasca: 5 Tage von Hütte zu Hütte


Publiziert von tschiin76 , 6. Oktober 2009 um 12:56.

Region: Welt » Schweiz » Tessin » Locarnese
Tour Datum:29 August 2009
Wandern Schwierigkeit: T4+ - Alpinwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-TI   I   Gruppo Pizzo Solögna   Gruppo Pizzo Cramalina   Gruppo Cristallina   Gruppo Pizzo Biela   Gruppo Pizzo Quadro   Gruppo Basodino   Gruppo Pizzo Castello   Gruppo Pizzo San Giacomo 
Zeitbedarf: 5 Tage

Unsere alljährliche Wanderwoche hat uns dieses Mal in den Süden der Schweiz geführt. In 5 Tagen wollten wir von Hütte zu Hütte durch das schroffe und doch  wunderschöne Nordtessin streifen.
Es hat sich mal wieder mehr als gelohnt! Und es warten noch zahlreiche weitere Varianten!


Tag 1
Ossasco 1313 - Bassa di Folcra 2562 - Capanna Cristallina 2575

Mit dem Postauto reisten wir aus allen Himmelsrichtungen an und trafen uns um 10:30 in Ossasco, einem kleinen Dorf im Val Bedretto. Nach dem obligaten Startfoto gings gleich los und das nicht zu flach.
Durch wundenschönen Lärchenwald kamen wir schnell höher und erreichten schon bald Stabiello Grande (1819m), die erste Alp. Ein wunderbarer Ausblick über das ganze Bedretto tut sich auf.
Erst mal zmörgele!
Dann der weitere Aufstieg via Folcra di Mezzo (1921m) ins Val Cassinello. Ich wollte diese Variante gehen, da mir der Normalweg durch das Val Torta schon bekannt ist. Ab Folcra die Mezzo ist der Weg nicht mehr markiert, aber sehr gut zu sehen und auch bei schlechterem Wetter gut zu finden. Ob es sich lohnt, ich weiss nicht. Der Weg ist ok, aber nicht herausragend, bei den Seen auf 2131m gibts ein paar hübsche Flecken. Oben läuft man an den alten Pfeilern der Hochspannungsleitung vorbei, die nun weiter oben am Hang und wohl lawinensicherer verläuft.
Nach ein paar Kehren erreichten wir die Bassa di Folcra (2562m), wieder tut sich ein schöner Blick auf Richtung Osten und ins Val Torta. Gut sichtbar sind auch die Fundamente der alten Cap. Cristallina, die zweimal durch Lawinen zuerstört wurde, ehe sie weiter oben in heutiger Form neu gebaut worden ist.
Wir mussten erst nochmals knapp 130hm runter und wieder rauf, bis wir unser Nachtlager erreichten.
Die Hütte präsentierte sich in wunderschönem Abendlicht und wir genossen noch die letzten Sonnenstrahlen auf der Terrasse.
Vor dem Nachtessen dann Aufregung und diverse Kameras wurden gezückt: Besuch vom Hüttenfuchs. Frech stahl er ein Brot aus dem Komposthaufen und trug dieses während einiger Zeit von der einen Ecke in die andere. Später dann wagte er (oder sie) sich sogar auf die Terrasse, wo noch ein paar Resten bereit lagen!
Das Znacht: Voressen und Polenta. Die Crew: trotz Hochbetrieb sehr freundlich und aufgestellt.

Tag 2
Capanna Cristallina 2575 - Robiei 1891 - S.Carlo 960 - Rif. Pian del Crest/Piano delle Creste 2108

Gegen 8 marschierten wir los, vorbei am noch teilweise gefrorenen Lago Sfundau. Begrüsst wurden wir vom Basódino, in allen Farben erstrahlend.
Der Weg ist rot-weiss markiert und problemlos zu begehen, so ein richtier Hüttenweg eben. Nach dem See gehts dann ca. 450m eher steil runter, ehe man zum Lago Bianco kommt.
Da wir etwas Zeit verloren hatten, beschlossen wir, es gemütlich und eine Bahn später zu nehmen.
Auf der geteerten Strasse kamen wir unerwarteterweise schnell vorwärts und so blieb uns noch Zeit für einen Kaffee im Restaurant bei der Bahn.
Um etwas unsere Knie zu schonen verzichteten wir auf die 1000hm runter nach S. Carlo, ich kann also nicht sagen, ob wir einen schönen Weg verpasst haben.
Die Sicht aus der Gondel war aber auch nicht so übel. Eindrücklich das Val Bavona, undurchdringliches Grün und steile Felswände.
Unten bei der Talstation warteten zwei Zuzüger und es verabschiedete sich ein Gruppenmitglied. Aber natürlich erst, nachdem wir das hiesige Grotto ausprobiert hatten (den  Namen weiss ich nicht mehr, ist aber gleich ausgangs Dorf vor der Strassenbrücke, sehr zu empfehlen.)
Und dann konnten wir auch gleich unser Zmittag wieder verbrennen, denn nun gings einfach nur noch bergauf und das im Zickzack ins Val d'Antabia. So gewinnt man wenigstens schnell Höhe. Und es ist ein wunderschöner Weg.
Zum Glück ist der Weg durchgehend  unter Bäumen, so war wenigstens die Hitze erträglich. Via Olmo (1145m) und Corte Grande (1914m) erreicht man in ca. 4 - 4h30 das Rif. Piano delle Creste/Pian del Crest (2108m). Auf ca. 1700m führt der Weg an einem Bach vorbei, den man sich nicht entgehen lassen sollte, wenn man gerne mal eine Erfrischung geniesst zwischendurch: auf warmen Steinplatten kann man die Seele baumeln lassen, im eher warmen Wasser die Füsse bädelen und den Kopf in eines der kleinen Bassins halten und abkühlen. Wir verbrachten mehr als eine Stunde dort, das Rif. konnte warten.
Dort angekommen und sehr freundlich begrüsst, reichte die Zeit noch für ein sehr erfrischendes Bad im unteren Laghetto d'Antabia und dann gabs zum zweiten Mal Voressen und Polenta.
Die Hütte wird jede Woche von  anderen Vereinsmitgliedern bewartet, dementsprechend motiviert sind diese. Wir fühlten uns sehr gut aufgehoben, fleissig übte ich meine neu erworbenen Italienischkenntnisse.
Dann grosses Beraten über die nächste Etappe. Diese würde lang und anstrengend werden. Ich konnte mich nur noch vage an  den Wegverlauf erinnern (ich war vor 6 Jahren schon mal mit dem SAC hier), wusste aber, dass uns ziemlich verblocktes Gelände erwartete.
Wir beschlossen, dass alle den Versuch wagen würden.

Tag 3
Rif. Piano delle Creste 2108 - Boccchetta della Crosa 2480 - Passo 2411 und Pizzo Cazzòla 2756 - Bocchetta Formazzöö 2664  - Capanna Grossalp 1907

6:45, ca. 1h früher als ursprünglich geplant, machten wir uns auf den Weg. Dann das erste Blockfeld. Wir kamen gut voran, die Sonne war schon bald unsere Begleitung.
Der Weg ist gut markiert, durchgehend blau-weiss. Kurz unter der Bocchetta muss man etwas die Hände zu Hilfe nehmen, es ist etwas brösmelig, man sollte entweder ganz nah beieinander gehen oder warten, bis die Vorderen auf der Höhe sind. Mehr als einmal trat jemand einen Stein los.
Dann gehts ein paar Meter runter, bevor man wieder auf ca. 2450m hochsteigt. Nun folgt der Weg ungefähr dieser Höhe bis zum Passo Cazzòla.
Wir machten schnell Terrain gut, hatten uns rasch an die Blocklauferei gewöhnt. Und der Rundblick ist aussergewöhnlich, der Kessel, in dem man sich bewegt grossräumig, weiter unten sieht man die ganze Zeit die Laghi della Crosa.
Noch hatten wir Sonne, die ersten Nebelfetzen hingen aber schon an den benachbarten Bergen.
Am Pass angekommen konnten wir eine Gruppe Steinböcke beobachten, welche auf der gegenüberliegenden Seite in der Sonne lagen. Vor 6 Jahren hatten wir an dieser Stelle schon eine grosse Gruppe gesehen und auch nah fotografieren können. Sie waren also immer noch da...
Bis dahin war der Weg noch gut zu machen gewesen. Nun gings über italienisches Gebiet, bis zum Übergang unter dem Pizzo Cazzòla. Es folgte eine anstrengende, aber lässige Kraxelei über riesige Blöcke, ich fühlte mich super, da dies eines von meinen bevorzugten Terrrains ist.
Oben dann war Zmittag angesagt, allerdings im Nebel. Der war mit unglaublichem Tempo aufgezogen und umspielte schon die ganze schweizerische Seite. Italien hingegen zeigte sich noch von der sonnigen Seite.
2 der Gruppe kletterten noch die letzten paar Meter zum Pizzo Cazzóla.
Die folgende Etappe bestritten wir im Nebel, der Weg ist aber sehr gut markiert, so dass wir immer auf Kurs blieben. Weiterhin verblocktes Gelände.
Zeitweise hat man das Gefühl, in einem alten Hohlweg unterwegs zu sein, ich glaube aber, dass es ein natürlicher Einschnitt ist.
Nach ca. 1h trifft man auf den rot-weiss markierten Wanderweg, welcher von den Laghi di Forrmazzöö heraufführt.  Die Schwierigkeit des Geländes bleibt aber gleich, ich konnte keinen Unterschied zum gerade zurückgelegten blau-weiss markierten Weg erkennen.  Das  Gelände bleibt verblock, die Blöcke werden sogar wieder grösser, je näher man der Bocchetta  Formazzöö kommt. Oben dann wieder Schneefelder, welche das Weiterkommen etwas erleichterten.
In kaltem Wind erreichten wir schliesslich die Bocchetta, die Zvieripause fiel dementsprechend kurz aus. Leider verhinderte der Nebel den Tiefblick nach Bosco/Gurin, wer diesen anschauen will, kann dies beim Bericht www.hikr.org/tour/post17135.html von Seeger tun (29.09.09). Er hat auch den folgenden Abschnitt gut beschrieben, allerdings in umgekehrter Richtung.
Zwischen einer riesigen Schafherde (mind. jedes 4. Schaf humpelnd) und weiter unten an Kühen vorbei erreichten wir schliesslich nach 9.5h (Pausen mit  eingerechnet) die Cap. Grossalp.
Dort gabs ein feines Znacht und eine gemütliche Abendrunde am Chemineefeuer.


Tag 4
Cap. Grossalp 1907 - Bosco/Gurin 1503 - Da l'òvi ad dint 779 (mit dem Postauto) - Alpe Orsalii 1701 - Bocchetta di Cansgéi 2036  - Lago d'Alzasca 1855 - Cap. d'Alzasca 1734

Gegen 8 machten wir uns gemütlich an den Abstieg nach Bosco/Gurin. Wir peilten den 11 Uhr Bus an, wollten uns noch etwas das einzige deutschsprachige Dorf des Tessins anschauen. Auf der Skipiste gehts bergab, bei Naatscha kauften wir direkt ab Hof Geissenkäse und die Erzeuger verfolgten (oder begleiteten, wie mans nimmt... :-) ) uns danach noch fast bis ins Dorf. Der Käser hatte nichts dagegen, die würden schon wieder zurückkommen.
Bosco/Gurin: im oberen Dorfteil schön zu Wohnhäusern ausgebaute Ställe, um die Kirche herum gut gepflegte Häuser. Ich glaube 2 bis 3 Restaurants, 1 Hotel, 1 Bäckerei, 1 Volg, ein paar geschichtsträchtige Bauten und Infotafeln zur Kultur. Scheint ein intressanter Fleck gewesen zu sein.
Nach Kaffee und Ovi stiegen wir ins Postauto, in Da l'òvi ad dint wieder raus. Diese Haltestelle ist im Nirgendwo, nur für den Aufstieg zur Cap. d'Alzasca gemacht. Der Buschaffeur erklärt, dass Da l'òvi  "Im Schatten" bedeutet. Wahrlich treffend. 
Dann wieder ein nicht enden wollender Hammeraufstieg, zig Kehren im Wald und plötzlich steht man in offenem Gelände bei der Alpe Orsalii. Da hat man gerade 900hm hinter sich gebracht. Die Alp wie so viele verlassen, ein Gebäude scheint aber dann und wann noch bewohnt, es ist abgeschlossen und das Dach intakt. Ein wunderschöner Blick zurück nach Bosco tut sich auf. Und dann wirds paradiesisch: noch ein paar Höhenmeter und man wandert durch eine zauberhafte Alp, klein aber fein, zwischen Lärchen, Heidelbeeren und Alpenrosen hindurch, fehlt nur noch ein lauschiger Bach.
Hier könnte man eine Weile bleiben. Dann folgt ein in den Fels gehauener Weg mit Blick zurück in den Kessel "Coda del Pizzo" und auf die Alpe Orsalii. Bei Nässe dürfte dieser Abschnitt etwas heikel sein. Der Weg führt weiter dem Hang nach bis auf ein Krete und dann nochmals, vorbei an einer Jägerhütte, einen Kilometer bis zur Bocchetta di Cansgéi. Bei der Jagdhütte trafen wir auf 3 Jäger, die uns erzählten, dass sie noch nicht wirklich erfolgreich gewesen seien, aber die Jagd hätte ja gerade erst begonnen.
Dieser Abschnitt kam mir sehr lang vor, da es mich zum Lago d'Alzasca zog.
Von der Bocchetta di Cansgéi kürzten wir etwas ab und gelangten von NW her zum See. Beim Abstieg kam es mir vor, als wären wir in menschenleerer Wildnis unterwegs, die Landschaft erinnerte mich wieder an Kanada. 
Ganz nach dem Motto "Draussen zuhause" sprangen wir in den See und genossen die wärmenden Nachmittagssonnenstrahlen, bevor wir zur Capanna d'Alzasca abstiegen. So ganz nebenbei mussten wir noch unsere Handtücher vor gefrässigen Schafen verteidigen und uns von neugierigen Fischen die Zehen anknabbern lassen. Aber alles halb so wild.
In der Hütte dann das verdiente Panache, ein absolutes Hammerznacht (Brennesselsuppe - selber gesammelt -,Schmorbraten mit div. Gemüse, Salat - von der Alp Rüsca di cima, 400m weiter unten - mit Tomaten und Zitronen und zum Dessert eine Heidelbeerwähe - Beeren selber von Hand gesammelt und die Eier wieder von der Alp). Der Hüttenwart: Georg aus München, topmotiviert. So gut habe ich noch in keiner Hütte gegessen! Mit von der Partie eine Gruppe von Jägern, die ihre mitgebrachte Wildschweinkeule draussen auf dem Feuer brieten. Es war ganz schön was los an diesem Abend..
 
Tag 5
Cap.d'Alzasca  1734 - Someo 378

Ein weiterer schöner Tag kündigte sich an, das Zmorge war wie das Znacht einfach unübertrefflich, wie in einem Hotel mit Joghurt und frischen Früchten, Müesli....
Der Abstieg über 1350hm durch fast alle tessinerischen Vegetationsstufen, vorbei an verlassenen, aber auch an mit viel Hingabe wieder restaurierten Alpen in den undurchdringlichen Wald des Maggiatals. Wieder über Steintreppen, vorbei an Mäuerchen und über gespflasterte Wege, maches zerfallen aber einiges wieder hergestellt.
Trotz Schatten schwitzten wir enorm, im Tal unten erwarteten uns tropische Verhältnisse.
Der Weg in der Maggiaschwemmebene ist wild und lässt jedem Hundebesitzer das Herz höher schlagen.
Schliesslich gelangten wir zur Hängebrücke, die nach Someo führt. Schon etwas in die Jahre gekommen aber trotzdem noch vertrauenserweckend. Die Jungs mussten natürlich die Brücke in Schwingung versetzen...Alles trocken, erst kurz vor Ende dann sahen wir das kümmerliche Restwasser der Maggia. Kaum zu glauben, dass die Brücke bei Hochwasser vermutlich ziemlich nass steht...
Zum Ausklang unserer 5tägigen Tour statteten wir noch der Maggia einen Besuch ab: bei Ponte Brolla machten wir noch Strand-Picknick, genossen die Sonne und wagten uns ins eiskalte Wasser (hier einbisschen mehr als noch in Someo), bevor wir den Heimweg mit ÖV antraten.

Tourengänger: tschiin76, aivla

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Kommentare (3)


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Floriano hat gesagt: Complimenti!
Gesendet am 6. Oktober 2009 um 15:11
Complimenti a tutti: un giro bellissimo nel cuore del Ticino selvaggio!
Buone escursioni
Floriano

Seeger Pro hat gesagt: Sagenhafte Leistung
Gesendet am 7. Oktober 2009 um 09:35
Ciao Tschiin76
Diese Tour ist einsame Spitze:
- tolle Tages-Etappen
- Unglaubliche Kombination
- Ö.V - tauglich
- Kombination von bewarteten Hütten (Gewicht optimieren)
- Einkaufsmöglichkeiten unterwegs
- Abbruch und Notabstiege vorhanden
- meistens Natel-Empfang
- Viele Badeplätze
Dazu die aussagekräftigen Fotos, der lässige Text.
Rundum "E gfeuti Sach". Gratuliere!
Cari saluti
Andreas

tschiin76 hat gesagt: RE:Sagenhafte Leistung
Gesendet am 7. Oktober 2009 um 10:22
Danke fürs Kompliment!
Habe dir Tour anhand es SAC Führers "Alpinwandern Tessin" sowie der Landeskarten geplant. Einige Etappen habe ich schon gekannt, andere nicht und habe so probiert zu kombinieren. Würde gerne mal mit dem Biwaksack sowas machen...Dann aber halt mit mehr Gepäck...
Da die Gruppe fast jeden Tag etwas anders zusammengesetzt war, war dies wirklich die optimale Lösung. Und Badeplätze dürfen nie fehlen! :-)


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