Chaiserstock - Rinderwahn (6c)


Publiziert von mde , 2. September 2009 um 22:58.

Region: Welt » Schweiz » Schwyz
Tour Datum:30 August 2009
Wandern Schwierigkeit: T3 - anspruchsvolles Bergwandern
Klettern Schwierigkeit: 6c (Französische Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-SZ   CH-UR 
Aufstieg: 800 m
Abstieg: 800 m
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Sisikon - Riemenstalden - Chäppeliberg
Kartennummer:LK 1172 Muotathal

Gefragt war eine lohnende, alpine Sportklettertour, mit Babybauch-tauglichem, einigermassen bequemem Zustieg und nicht überbordenden Schwierigkeiten. Weiter sollte ein Gipfelerlebnis inklusive sein, und auch eine lohnende, leidlich abgesicherte Parallelroute mit Schwierigkeiten grob im 6a-Bereich soll für unsere Freunde Basti & Manu präsent sein. Tja, da kommt auch mde ein wenig ins Grübeln und konsultiert seinen dicken Topo-Ordner...

Unter anderen erfüllt der im Jahr 2000 von Sämi Speck und Martin Ruggli erstbegangene "Rinderwahn" (6c) am Chaiserstock alle erforderlichen Parameter, und ja, diese Route wollte ich schon lange einmal klettern. An den Chaiserstock habe ich sowieso gute Erinnerungen: die "Verschlossene" (5c, 15.6.1994) und der "Kaminpfeiler" (6a, 14.7.1994) waren unter meinen ersten steilen Wandrouten in diesem Stil. Später beging ich dann im Winter in Verbindung mit einer Skitour "s'chli Träumli" (6b, 30.12.1998) und die traumhafte "Via Fantastika" (6a+, 18.2.2007).

Nun also wieder einmal im Sommer: bei der Bahn gibt es morgens um 9 Uhr etwas Wartezeit, allzu schlimm ist es aber nicht, und mit den Platzkarten ist die Sache auch gut organisiert, so dass es ohne Drängelei und Aufregung vor sich geht. Den Zustieg erledigt man auf bequemem Wanderweg via Liderner Plänggeli bis unter die Westwand, wo zuletzt noch die grobblockige Schutthalde erstiegen werden muss (total 90 Minuten, T3).

Der Einstieg in den Rinderwahn befindet sich ziemlich genau am tiefsten Punkt des entsprechenden Wandsektors, ca. 50m links des Kaminpfeilers. Hat man die golden verzinkten Fixé-Plättli einmal ausgemacht, so geben auch die mit roter Farbe aufgesprayten Initialen "R.W." zusätzliche Sicherheit. Um ca. 12.30 Uhr, viel früher scheint die Sonne nicht in die Wand, steigen wir schliesslich ein.

SL 1, 35m, 6a: Ziemlich herb und mässig gesichert (hier kann man auch einkratern...) geht es los über ein kleines Dächli, nachdem der zweite BH dann endlich eingehängt ist, geht es in schöner und gut abgesicherter Kletterei weiter. Vom letzten BH zum erst zuletzt sichtbaren Stand ziemlich weiter Runout, es geht immer gerade hoch.

SL 2, 15m, 4b: Kurze und einfache Überführungs-SL in schönem Fels. Wer den Seilzug nicht scheut, kann sie wohl mit der nächsten SL zusammenhängen.
 
SL 3, 30m, 5c: Steile und sehr griffige Seillänge in tollem Fels. Ein längerer Hakenabstand kann mit einem bombensicheren Camalot 0.5-Placement entschärft werden, eine etwas schwierigere Stelle folgt unmittelbar danach.

SL 4, 25m, 5c: Technischer Beginn in sehr schönem Fels, gefolgt von einer interessanten Piazschuppe. Dort kann mit einem Camalot 2 die Absicherung aufgebessert werden.

SL 5, 20m, 6b: Ziemlich einfacher Quergang zu Beginn (falls beide Seile eingehängt sind, so sollte der Nachsteiger hier besser nicht stürzen, für den Folgenden angenehmer/sicherer ist es, wenn ein Seil frei zum Stand führt), dann steile, tricky Wandkletterei mit hervorragenden Moves!

SL 6, 25m, 6c: Erneut ein einfacher Quergang zu Beginn (setzen des Camalot 0.4 und 0.75 für den Nachsteiger empfehlenswert). Dann folgt ein etwas komischer Kung-Fu-Boulder mit Potential für einen unangenehmen Sturz (Füsse ca. auf Hakenhöhe beim Ansetzen zum schwierigsten Zug), der den Weg freimacht zu eindrücklich steiler Ausdauerkletterei an super Henkeln. Die Crux zum Schluss, ein weiter Blockierer an eine nicht offensichtliche Tropflochleiste.

SL 7, 25m, 6b: Sehr schöne, elegante und gut abgesicherte Wandkletterei an Tropflöchern. Offiziell mit 6a+ bewertet, ich fand es eigentlich klar schwieriger. Luftig und ein schöner Abschluss!

Um etwa 16.30 Uhr sind wir am Ausstieg. Das hätte man sicher auch etwas schneller haben können, doch wir können uns über eine perfekte Onsight-Begehung freuen. Zudem haben wir uns uns mit der 9. Begehung gerade noch die letzte Einstellige geschnappt (ätsch... ;-)). Fünf dieser Begehungen fallen allerdings den Erstbegehern selbst zu, so dass die Route in den 9 Jahren ihres Bestehens noch nicht viele Wiederholer gesehen hat - eigentlich sehr schade!

Selbstverständlich steigen wir noch die wenigen Minuten zum Gipfelkreuz auf, wo wir knapp über Quellwolken-Level den sonnigen Sommerabend und wunderbar milde Temperaturen geniessen. Irgendwann blickt dann jemand mal auf die Uhr: 17.10 Uhr, hmm, da pressiert eigentlich schon ziemlich, ziemlich auf die letzte Bahn um 19.00 Uhr.

Abgeseilt wird über "s'chli Träumli", simultan mit zwei Doppelseilen. Etwas Erfahrung wäre jetzt sowohl unten beim Anpendeln der Stände wie auch oben beim Seilabziehen gefragt... Es kommt, wie es kommen muss: mde ist schon weit unten, als ganze 100 Klettermeter weiter oben, um bereits 17.50 Uhr, das Seil klemmt. Also schnüre ich nochmals die Kletterfinken und komme in den Genuss von 2.5 weiteren SL Kletterei...

Die Sache ist recht schnell behoben, dennoch wird es 18.30 Uhr, bis die erste Person den Boden betritt. Sogleich beginnt die Mission "Catch the Bähnli", welche für mich persönlich als nun Letztabseilendem, nach dem Aufnehmen der Seile und dem Verräumen des Materials allerdings erst um 18.50 Uhr losgeht. Das reicht definitiv nur noch, wenn man Usain Bolt's 100m-Zeit extrapoliert... ich versuch's dann mal mit einem 3000m Steeple übers Geröllfeld.

In 30 Minuten bin ich bei der Bergstation Gitschen. Heute schieben die Leute von der Bahn Überstunden, noch zahlreiche Wanderer und Kletterer sind zugegen und warten auf die Talfahrt. Wir ziehen wieder unsere Platzkarten, geniessen den feinen, lokalen Alpkäse und stimmen in den Kletterlatein der restlichen Anwesenden ein. Und ähm ja, Mission "Catch the Bähnli" accomplished!

Kurzfazit und Material: Rinderwahn (Topo) ist eine lohnende alpine Sportkletterei mit schönen Seillängen in prima Fels. Am Ein- und Ausstieg, sowie auf einigen Bändern zwischendrin ist etwas loses Gestein vorhanden. Dies ist nicht weiter störend, erfordert aber dennoch etwas Umsicht. Die Absicherung ist bis auf den Beginn und das Ende der 1. SL als gut bis sehr gut zu bezeichnen. Zusätzliches Sicherungsmaterial kann an einigen Stellen im 5c-Bereich eingesetzt werden, hierzu sind Camalots 0.4-2 vonnöten. Sichere Kletterer kommen auch mit 10 Express am Gurt aus.
 
Update vom 15.10.2009: Der Erstbegeher Sämi Speck hat mir mitgeteilt, dass er die Tour am 4.10.2009 mit einigen zusätzlichen Bohrhaken versehen hat. Weitere Details sind mir nicht bekannt, ausser dass er sie nun als "Plaisir gut" einstuft. Sicher aber dürften die von mir angesprochenen, heikelsten Stellen wohl entschärft worden sein.


Tourengänger: mde

Galerie


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