Ausangate-Trek


Publiziert von mannvetter , 10. August 2018 um 23:26.

Region: Welt » Peru
Tour Datum:14 Juli 2018
Wandern Schwierigkeit: T3+ - anspruchsvolles Bergwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: PE 
Zeitbedarf: 4 Tage

Der Tourist zerstört das, was er sucht, indem er es findet.
Ich habe kein ganz gutes Gefühl, vom Ausangate-Trek zu schreiben, und damit für ihn zu werben. Er ist sicher einer der noch nicht so häufig begangenen Treks, boomt aber dennoch, vor allem die Variante, die wir gegangen sind, nämlich nicht die komplette Umrundung des Nevado Ausangate, des sehr wuchtigen und wunderschönen Sechstausenders der Cordillera Vilcanota, sondern nur die halbe mit anschließender Querung zum berühmten Rainbow Mountain. Insbesondere letzterer wird gerade zu Tode vermarktet. Seit kurzem ist eine zweite Anfahrtsstraße von Cusco aus eröffnet, so dass die Eintagestour von zwei Anfahrtsstraßen aus mit Touristen überschwemmt wird. Auch wenn wir den Vorteil hatten, durch den nahen Zelt-Übernachtungsplatz früher da gewesen zu sein als die Massen - wir waren letztlich auch nur Touristen, vielleicht besser akklimatisiert als so manch andere, aber auch zwei trampelnde Beine mit Fotoapparat.
Trotz aller Skrupel: der Trek war wunderschön! Neben den bekannteren und deutlich häufiger begangenen  Santa-Cruz-Trek in der Cordillera Blanca und dem Inca Trail war es der einsamste. Hochweiden in goldenen Tönen mit Lamaherden vor dem weißen Eisriesen - zum Heulen schön. Eine Laguna schöner und türkiser als die nächste. Phantastische Szeneriewechsel auf den drei Pässen und an den letzten beiden Tagen rotes Gestein und letztlich der Rainbow Mountain wie auf dem Mars. Bei schönem Wetter sind die Tage durchaus warm trotz der Höhe, aber die Nächste in jedem Fall bitterkalt. Drei Zeltplätze auf 4400m, 4600m und 4800m, das geht nur mit Genuss bei ausreichender Akklimatisation und guten Schlafsäcken mit ordentlicher Reserve unter null Grad.
Man kann die Runde sicher auch ungeführt gehen, muss dann allerdings An- und Rückfahrt organisieren und ausreichend Lebensmittel mit sich führen. Wir haben uns für die Luxusvariante entschieden - der gleiche lokale Anbieter wie für den Inca Trail, da haben wir eine "private tour" zum Preis einer Gruppentour bekommen. Das heißt, wir waren alleine mit einem Guide, einem Koch und seiner Frau sowie einem Ariero mit seinen drei Mulis.
Auch hier wieder: ein mulmiges Gefühl, wenn man den Logistikaufwand bedenkt, den man da verursacht. Sicher - es sind gute Arbeitsplätze, fair bezahlt. Aber doch ein fast ungehöriger Luxus (da fehlte nur die Sänfte, mit der man getragen wird, nun ja, ich übertreibe). Jedenfalls waren die Mahlzeiten sehr üppig und aufwändig, wenn man eher trockenes Brot mit Käse auf Touren gewohnt ist wie ich.
Hier nun keine ausführliche Wegebeschreibung. Wer den Trek alleine gehen will, findet im Netz genügend gps-Tracks und kann auch auf Google Earth die Route verfolgen.

1. Tag
Es geht um 4 Uhr los in Cusco, üblicherweise wir man im Hotel abgeholt. Glücklich, wer noch im Auto schlafen kann, aber der Ausangate heischt Aufmerksamkeit. Wir haben zunächst Pech: vom wunderschönen Gipfelstock ist nur ein kleiner Rumpf sichtbar, das drückt die Stimmung! Tinqui ist ein sehr schlichter Ort, um es vorsichtig zu formulieren. Hier findet das Leben auf der Straße statt bis hin zum Schlachten und Ausnehmen der Lamas. Wir werden bis zum Fußballplatz von Lower Upis gefahren, hier Aus- und Umladen auf die Mulis, ein erstes Frühstück auf dem Platz in bizarrer Szenerie, dann geht es eine Piste durch goldene Wiesen. Mittlerweile breitet jede zweite Einheimische, der man begegnet, blitzschnell ein Tuch mit Mützen und andinem Nippes vor einem aus. Wer kauft das alles? Im Grunde ist der erste Tag nur eine halbe Tagesetappe. Schon mittags kommen wir in Upper Upis an, einer wunderschönen Weide vor dem Ausangate. Hier gibt es auch ein Thermalbecken, das für 5 Soles besucht werden kann, eine angenehme Muskelentspannung in unglaublicher Szenerie. Ansonsten viel Zeit zu schauen und die Einsamkeit genießen.

2. Tag
Immer näher an den Ausangate heran, dann nach Süden gewendet und Aufstieg auf den Abra Arapa. In der Sonne ein unglaublicher Genuss. Wilde Vicunas lassen sich beobachten, allerlei Vögel und auch Bizcachas, die hiesigen Berghasen.
Auf dem Abra dann ein Szeneriewechsel: plötzlich sandige Böden in allen Farben, hier zeigt sich zum ersten mal die mineralische Diversität dieser Gegend. Alle Farbnuancen haben sich hier abgelagert.
Ich besteige noch ein kleines namenloses Gipfelchen zu besseren Sicht, dann Abstieg und vorbei an vielen Lagunas. Lamas und Alpacas, so weit das Auge reicht. Bestechend schön schließlich auch die Laguna Pucacocha, hinter der der zweite Zeltplatz liegt. Welche Farben, welche Stille - das ist kaum zu überbieten.

3. Tag
Der Boden gefroren, Raureif, wo noch keine Sonne hinkam. Wie sich alle Farben aus dem Dunkel schälen. Wir laufen zwischen den Lamaherden hindurch und bestaunen Gottes Welt. Dann der Aufstieg zum zweiten Pass, knapp 5000m. Der Ausangate wird groß und größter. Auf dem Pass dann wieder ein völliger Szeneriewechsel. Denn im Süden herrscht Rot vor, das "Red Valley" wird berührt, eisenhaltige Böden, die Farben sind irreal, man wähnt sich auf dem Mars. 50 Meter Abstieg, dann nach dem Mittagessen erneuter Aufstieg zum Abra Warmisaya, dem letzten und höchsten Pass, knapp 5000m. Dahinter ist bald die nächste Laguna erreicht, unser letzter, höchster und kältester Zeltplatz.

4. Tag
Die Laguna gefriert in der Nacht, morgens sehnen wir die Sonne herbei. Dennoch: diese Morgenstimmungen in eisiger Kälte bleiben unvergesslich.
Um 8 Uhr sind wir am Rainbow Mountain, noch alleine, aber wir sehen schon aus beiden Tälern, links wie rechts, die Tagestouristen kommen. Wir sind nicht besser als all die anderen, nur früher. Zum Glück! Denn so ganz allein hat der Ort Charme, ja Magie. Zwei Stunden später dann nicht mehr. Der Abstieg mit Blick in so viele erschöpfte, nicht akklimatisierte Gesichter ist eine Groteske. Zum Glück bleibt die Erinnerung an die ganzen vier Tage, nicht bloß an den Abstieg.

Tourengänger: mannvetter


Galerie


Slideshow In einem neuen Fenster öffnen · Im gleichen Fenster öffnen

T3
16 Jan 18
Rainbow-Mountains in Peru · Mistermai
T4+

Kommentare (5)


Kommentar hinzufügen

zaufen Pro hat gesagt:
Gesendet am 12. August 2018 um 10:39
Wunderschöne Bilder!

El Chasqui Pro hat gesagt: Viva Perú!
Gesendet am 12. August 2018 um 11:56
grossartig!

mannvetter hat gesagt: RE:Viva Perú!
Gesendet am 12. August 2018 um 12:11
Danke! Drei Tage später ist meine Spiegelreflex kaputt gegangen. Zum Glück nicht vorher!

antenberg Pro hat gesagt: Der absolute Wahnsinn!
Gesendet am 16. August 2018 um 10:40
Ja, es ist unglaublich schön. Aber deine nachdenklichen Worte finden auch Gehör und erwecken mal wieder eine nicht immer ganz leise Ambivalenz.
Auch in unseren Gefilden ist das ein durchaus vorhandener Gedanke. Wir haben einige Tourenführer für das Berchtesgadener Land geschrieben und fotografiert, aber wenn wir die Massen sehen, die sich inzwischen über unsere Wege wälzen, ganz besonders im Zusammenhang mit dem Hüttentrekking, wissen wir selbst manchmal nicht mehr, wohin wir uns flüchten sollen und hauen oft ab in einsamere Gebiete (die es glücklicherweise auch in den Alpen noch gibt) – mit dem Pferdefuß der weiten Fahrt mit all ihren ebenfalls negativen Begleiterscheinungen: eine Zwickmühle …
LG aus BGD
Michael

Mo6451 Pro hat gesagt:
Gesendet am 16. August 2018 um 16:41
> Der Tourist zerstört das, was er sucht, indem er es findet.

Der Spruch ist nur zu wahr. Auch ich frage mich immer, wenn ich einsame Gegenden entdeckt habe, ob es sinnvoll ist, diese zu publizieren. Wie schon antenberg sagt, eine Zwickmühle.

Trotz allem eine fantastische Tour mit wunderschönen Fotos. Gratuliere.

VG Monika


Kommentar hinzufügen»