La Meije (3983 m) Überschreitung


Publiziert von Sarmiento , 26. Juli 2018 um 21:03.

Region: Welt » Frankreich » Massif des Écrins
Tour Datum:10 Juli 2018
Hochtouren Schwierigkeit: S-
Klettern Schwierigkeit: IV (UIAA-Skala)
Eisklettern Schwierigkeit: WI2
Wegpunkte:
Geo-Tags: F 
Zeitbedarf: 9:30
Aufstieg: 1200 m
Abstieg: 800 m

Prolog

Die Meije - der unbekannte Riese. So würde ich sie am ehesten aus deutschsprachiger Sicht beschreiben. Sie ist schwer, vielleicht sogar der schwerste Hochalpenberg überhaupt. Aber in Deutschland, der Schweiz und Österreich eher unbekannt. Ich vermute, dass das am ehesten an der Entfernung liegt. Wir mussten jedenfalls 15 h fahren, um überhaupt erstmal in La Grave am Fuß des Berges anzukommen. Ein weiterer Grund ist sicher, dass sie die 4000-m-Marke um nicht einmal 20 Meter verfehlt. Und: Spektakulär sieht sie ja schon aus, aber aus einiger Entfernung auch nicht unbedingt spektakulärer als so manch anderer Alpenriese. Das ändert sich dann erst beim genaueren hinsehen.

Hüttenaufstieg Promotoire-Hütte über die Brèche de la Meije

Wir (das sind Gunnar und ich) treffen uns mit Pere und Nacho, unseren Bergführern, um 10 Uhr in La Grave, trinken erstmal zusammen einen Kaffee, begutachten zusammen die 2500 m hohe Nordflanke, und machen uns dann auf zur Gondel. Die erste Etappe ist gleich mal Betrug am Berg - wir lassen uns mit der Seilbahn auf rund 2400 m zum Gare de Peyrou d'Amont bringen. Dann starten wir wirklich zu Fuß. Es geht einem kleinen Pfad folgend südwärts, genau auf die Hängegletscher der Nordflanke zu, und ein kleines Seitental querend. Ein paar HM muss man hierzu absteigen, sodass man den eigentlichen Aufstieg effektiv auf 2300 m beginnt.

Und dann beginnt auch direkt die Kletterei. Eine kleine, etwas glatte Wand von ca. 10 m Höhe ist das erste Hindernis, das allerdings durch ein Fixseil entschärft ist. Danach arbeitet sich der Weg immer abwechselnd zwischen Gehgelände und leichter Kletterei bis in den II., maximal III. Grad nach oben. Er ist fast immer gut erkennbar - entweder im Gehgelände als Pfad, oder in den Felsen anhand der meist logischsten Linie und den vielen Begehungsspuren am Fels. An einer etwas größeren, grünen "Terrasse" auf ca. 2700 m hält man sich rechts vom dahinter folgenden Grataufschwung, und quert unter dem steilen Pfeiler kletternd nach rechts oben, bis man wieder auf steilen Schutt trifft. Ab diesem Abschnitt verliert sich langsam auch die Spur, da es hier prinzipiell viele, ähnlich schwere Linien nach oben gibt. Ab ca. 2900 m taucht rechts neben einem der Glacier de la Meije auf, den man am Ende des flacher werdenden Felsrückens dann auf ca. 3000 m betritt.

Über diesen geht es nun bis kurz vor die Brèche de la Meije prinzipiell in einer großen Linkskurve - zunächst recht direkt in ungefährer Falllinie nach oben, später dann links heraus, in gebührendem Abstand unter den Felsen der östlichsten Ausläufer des Le Râteau auf die Bréche hin querend. So umgeht man eine der Hauptspaltenzonen des Gletschers, die zwar nicht zahlreich sind, aber groß genug, um zumindest reinzutreten (Ich habe es "ausprobiert"). Auf ca. 3300 m steilt der Gletscher dann stark zur Brèche hin auf, und natürlich gibt's da noch den Bergschrund. Der scheint prinzipiell auf der linken Seite leichter zu überwinden zu sein - jedenfalls waren hier die meisten Spuren, alleine schon weil er hier schmaler ist und an einer Stelle eine Schneebrücke das Rüberwuchten erleichtert hat. Die Felsen bis zur eigentlichen Brèche auf 3357 m sind mindestens ebenso steil und brüchig, hier muss mit Steinschlag gerechnet werden - egal ob Gruppen vor einem Unterwegs sind oder nicht. Wir haben die Steigeisen direkt ausgezogen und an den Gurt gehängt haben - später brauchten wir sie nochmals.

Von der Brèche geht es rechterhand wieder herunter. Die ersten paar Meter sind etwas sandig, dann kommt fester, plattiger Fels im II. Grad. Findet man die richtige Stelle (von oben gesehen: in den rechten Felsen, eher Richtung linkem Rand), kann man mit Bohrhaken den Abstieg sichern. Ansonsten verläuft ganz rechts direkt an der Wand eine Rinne, an der man auch einigermaßen gut - aber ungesichert - abklettern kann. Auch von den plattigen Felsen aus ist die Rinne nach einigen HM das Ziel, da sie etwas weiter unten mit Schnee gefüllt ist und somit das Absteigen enorm erleichtert. Ab hier haben wir dann wieder die Steigeisen drunter geschnallt. Die Schneerinne geht dann - flacher werdend - in den rechten Arm des Glacier des Etancons über.

Vor uns liegt bereits der Promontoire-Grat - das Ziel für morgen. Und am unteren Ende sitzt auf dem Gratanfang das kleine Refuge de Promontoire wie ein Adlernest. Das Ziel ist also klar, und der Weg logisch - der Gletscher muss nur noch nach links unten genau auf die Hüte zu gequert werden, die wir nach 4 1/2 h ab der Seilbahn erreichen.

Die Hütte selbst ist -  im wahrsten Sinne des Wortes - ein kleines Erlebnis. Allen voran der absolut sympathische Hüttenwirt Freddie. Er begrüßt jeden persönlich, gibt abends einen selbstgemachten Apéritif aus, verliest nach dem Essen die Wettervorhersage wie ein gutgelaunter, fürsorglicher Vater, und erklärt auf Nachfrage mit einer Engelsgeduld ausführlich die angepeilte Route des nächsten Tages. Ein Hüttenwirt wie kein zweiter, so empfinde ich es jedenfalls.

Überschreitung / Traverse

Zunächst ein paar Eckdaten:

Zeitbedarf: 9:45 h (5:15 Uhr Start Refuge Promontoire - 10:15 Uhr Grand Pic - 13:15 Uhr Doigt de Dieu - 15:00 Uhr Refuge de l'Aigle)

Kletterstrecke: ca. 1200 HM (ca. 550 HM am Promontoire-Grat, 150 HM auf dem Glacier Carré, 200 HM an der Westwand des Grand Pic, ca. 300 HM insgesamt an den weiteren Zähnen bis zum Doigt de Dieu)

Schwierigkeiten: Max. IV+ (max. III am unteren Promontoire-Grat, max. IV an der "Dalle des Autriechiens", der Österreicherplatte am Aufschwung zum Glacier Carrè, max. IV+ am "Cheval Rouge", dem roten Pferd kurz vorm Grand Pic. Außerdem noch max. WI2 in der Querung unter der Nordseite des Dent Zsigmondy sowie im folgenden Eiskamin, danach alles deutlich einfacher). Einige Stellen am Promontoire-Grat kurz vorm Glacier Carrè, das Cheval Rouge, sowie die gesamte Traverse sind äußerst ausgesetzt!


Ausrüstung (für eine Seilschaft): Steigeisen / je 1 Eisgerät / 2 Eisschrauben / 1 Klemmkeilset / 1 Cam bzw. Friend-Set / div. 120 cm-Bandschlingen / 3 Kurz- und 3 Langechsen / 2 x 60 m Seil / Schraubkarabiner


1) Refuge du Promontoire - Grand Pic
 
Wir starteten um 5:15 Uhr am Refuge Promontoire - ohne Stirnlampen. Es war bereits hell und alles wichtige vor uns war zu sehen. Es geht ab der Hütte ohne jede Aufwärmphase direkt in die Felsen, was mir etwas schwer fiel. Ralf Gantzhorn findet zu dieser Stelle eine wunderbare Beschreibung, die es perfekt trifft und kaum besser gesagt werden kann: "Der Promontoiregrat beginnt direkt am Klohäuschen, die ersten Klettermeter im oberen dritten Grad könnte man im Sitzen sichern (Sportkletterer könnten neidisch werden)." [1] Er spricht hier vom sog. Crapaud-Kamin, an der ich mich das erste mal etwas verrenken musste um weiterzukommen - um diese Uhrzeit und gefühlt noch während des Frühstücks eine reichlich komplizierte Angelegenheit. Ich habe mich vermutlich selten so dämlich in einer III angestellt. Immerhin: Jetzt war ich wach und ehrgeizig, so etwas sollte mir nicht nochmal passieren! Alleine schon, weil mich Nacho kritisch anguckt, also wollte er sagen "Na das kann ja was werden..." Im folgenden Gratabschnitt wechseln sich dann flachere I-er und etwas steilere II-er Passagen ab, die Wegführung ist auf dem einige m breiten Grat fast immer logisch.

Vor dem ersten Turm, der Pyramide Duhamel, und bei den Biwakplätzen Camp des Demoiselles, hat man noch einen kurzen aber steilen Kamin zu bewältigen. Dann hält man sich links und quert auf Bändern schräg nach links unten, hinein ins Couloir Duhamel, manchmal auch Grand Couloir genannt, und verlässt dieses am besten wieder in die links davon gelegenen Felsen. Das hat mit der zumindest theoretischen Steinschlaggefahr zu tun, die auch nur dann wirklich gegeben ist, wenn oberhalb bereits Seilschaften am Klettern sind. Die Felsen links sind nicht allzu schwer, vielleicht im II-er, max. III-er Bereich.

Am Ende des Couloirs wartet noch eine kurze, plattige Stelle am rechten Gratrand, bevor man auf einem kurzen, terassenartigen Stück steht, das in manchen Topos auch Grand Plateforme genannt wird. Direkt dahinter wird es richtig steil, nahezu senkrecht türmt sich vor einem die breite Südwand des Grand Pic auf. Die wiederum wird hin und wieder auch Castelnau-Wand genannt. Rechts sind zwei aufwärtsgerichtete Bänder erkennbar, die in leichteres Gelände führen - um hier hinzukommen, muss man schräg rechts die Castelnau-Platte überklettern. Castelnau-Wand und Castelnau-Platte bitte nicht verwechseln, das sind zwei verschiedene Dinge - auch wenn die eine unter der anderen liegt, bzw. je nach Abgrenzung sogar teil der anderen ist. Wir müssen hier kurz warten, da wir mittlerweile auf 2 vor uns gestartete Seilschaften aufgelaufen bzw. aufgeklettert sind. Danach geht's wieder links über kleinste Bänder und Vorsprünge, bevor man am linkesten Wandteil auf einen großen, abwärtsgerichteten, glatten Block trifft - den Dos d'Ane, den Eselsrücken. Der Esel hat praktischerweise auch gleich sein Halfter mitgebracht - ein kurzes Fixseil hilft, um den wuchtigsten und unangenehmsten Zug etwas entschärfen zu können. Auch hier mussten wir kurz warten, da nun die nächste Seilschaft vor uns ist - und in diesem Abschnitt gibt es nur einen gangbaren Weg.

Nach einem kurzen, einfachen Kamin folgt ein etwas schwererer, der einen oben rechts herausdrängt, aber trotzdem nach links verlassen werden will. Hier folgt eine kurze, aber ziemlich glatte Platte, die Dalle d'Autriechiens, die Österreicherplatte. Und kurz danach geht's nochmals ganz links außen um die Gratkante herum. Hier am Pas du Chat, dem "Katzenschritt", ist artistisches herumwurschteln gefragt. Wer es elegant löst, kann dabei offensichtlich elegant wie eine Katze ums Eck kommen. Nun denn, ich glaube eher nicht, dass mir das gelungen ist. Nach einem kurzen weiteren Kamin steht man vor einigen geräumigen Biwakplätzen. Ich vermute, dass es die Plätze sind, die bnsndn bereits *hier beschrieben hat. Kurz eine 2 m hohe Stufe hoch, dann folgt eine sehr ausgesetzte Querung nach rechts zum Glacier Carrè, an der auch ein Überhang unterklettert werden muss. Für mich war das die schwerste Stelle der gesamten Tour, da der Platz hier recht beengt ist, auf 2 m Länge sowohl gute Tritte als auch Griffe Mangelware sind, und man ziemlich senkrechte 700 m Luft unterm A... hat. Da diese Stelle in keinem Topo besondere Erwähnung findet, lag's allerdings mit ziemlicher Sicherheit an mir selbst.
 
Direkt danach findet man sich jedenfalls plötzlich in geräumigem Gelände direkt vor dem Glacier Carré wieder. Hier holen wir zum ersten Mal heute die Steigeisen raus, und stapfen in Fallinie auf das obere Ende des kleinen Gletscher zu - auf die Scharte links des Grand Doigt. Wir biegen scharf rechts ab und queren direkt am Gletscherrand unterhalb des Pic du Glacier Carrè nach rechts. Man könnte natürlich auch vom Ausgangspunkt den Gletscher schräg nach rechts oben queren, aber hier oben am Rand ist er etwas flacher - und im Falle eines Stolperers hat man hier die besseren Chancen sich abzufangen. In so eine Situation kommen wir zwar nicht, aber meine Steigeisen lösen sich auf der Hälfte der Querung und ich muss kurz pausieren, um sie neu anzulegen. Das ist auch daher etwas ärgerlich, da wir immer noch hinter den mittlerweile 3 Gruppen vor uns hängen und hier eigentlich ideales Terrain wäre sie zu überholen. Wir versuchen es weiter oben einfach nochmal. Am oberen Ende des kleinen Gletschers kommen die Steigeisen wieder weg, und wir stehen zum allerersten mal heute auf dem Hauptgrat der Meije - der Blick schweift kurz nach Norden Richtung Mont Blanc und nach unten Richtung La Grave. Die Aussicht passt jedenfalls schonmal!

Die folgenden 100 HM folgen der hier noch breiten W-Flanke des Grand Pic, eine echte Ideallinie gibt es nur selten, sodass wir hier hier parallel mit den 3 anderen Seilschaften klettern können, und diese dann auch endlich vor der nächsten Engstelle überholen. Etwas weiter oben verengt sich die Flanke, und rechts gaukelt einem ein schönes Couloir einen einfachen Weiterweg vor.

Der beste Weg befindet sich allerdings links, an einer ca. 4 m hohen, roten Platte - dem Cheval Rouge, dem roten Pferd. Wer einmal die trittarme Platte hochgekommen ist, weiß schnell, warum es ein Pferd und namensmäßig keine Platte ist - man setzt sich einfach drauf, ein Bein links, eines rechts, und sichert den Nachsteiger hoch bzw. den Vorsteiger auf seinem Weiterweg. Die 3 - 4 m nach dem Pferd sind denn auch wieder extrem ausgesetzt, allerdings mit guten Griffen und Tritten ausgestattet.

Dann wird es merklich einfacher, und weitere 30 HM später steht man recht plötzlich und unverhofft oben auf dem Gipfel des Grand Pic auf 3983 m. Schade einerseits, dass hier nur 17 m bis zu einem 4000er fehlen, andererseits: Sonst wäre hier vermutlich viel, viel mehr los.


2) Meije Traverse (Grand Pic - Dent Zsigymondy - zweiter bis vierter Zahn - Doigt de Dieu)

Nach kurzer Essens- und Fotorast machen wir direkt weiter. Die nächste Gruppe kommt auf den Gipfel, den wir freimachen (man kann es sich denken, allzu viel Platz ist hier nicht), außerdem wollen wir in der Traverse unbedingt vorne bleiben, um lange Warterei zu verhindern.

Zunächst mal klettert man die ersten ca. 20 HM in leichtem II-er Gelände am O-Grat ab, bevor an einem größeren Block der ersten Abseilblock auftaucht. Wir nutzten diesen und seilen insgesamt 3 mal in die Scharte namens Brèche Zsigmondy ab. Laut Literatur ist die erste Länge 30 m, die zweite und dritte 40 m - selbst ein 70 m Einfachseil wird hier wohl kaum reichen. Wir haben daher mit 60 m Doppelseil abgeseilt. Irgendwo an diesem Abschnitt hat es meines Wissens auch Emil Solleder [2] erwischt - auch wenn das lange zurückliegt, irgendwie doch ein leicht gruseliges Gefühl. Der folgende Gratabschnitt hinüber zum steilen Fuß des Dent Zsigymondy ist dafür wiederum extrem spektakulär! Technisch nicht schwer, aber ausgesetzt! Kaum breiter als man selbst, an der Kante schräg nach N hin fallend, nach S ein jäher Abbruch - man kommt also nur mit gebückten, hangelnden Bewegungen vorwärts.

Am Fuß des Dent Zsigymondy wird klar - hier geht's nicht in direkter Linie hoch! In den 60er-Jahren gab es hier einen größeren Bergsturz, der Teile der Erstbegehertraverse mitgerissen hat. [3] Unsere Route führt uns daher nach links, in die N-Flanke, direkt an der N-Wand des Dent Zsigmondy entlang. Jetzt kommen wieder die Steigeisen dran, denn die Querung liegt im steilen Eis der N-Flanke. Der gesamte Abschnitt ist drahtversichert, was hier nicht ganz verkehrt ist. Natürliche Sicherungsmöglichkeiten gibt es im Schnee und an der kompakten Wand ohnehin so gut wie keine.

Nach einer durchaus heiklen Querung, bei der jeder Schritt sitzen muss, gelangt man an den Fuß eines Eiskamins, der einen wieder nach oben Richtung Grat führt. Auch hier setzt sich die Seilversicherung fort, sodass ich eine etwas ungewohnte Technik wähle: Frontzacken ins Eis, links ein Eisgerät und rechts das Stahlseil. Der Kamin steilt zwischenzeitlich bis 70 ° auf, was die Kletterei nicht unbedingt erleichtert. Zum Glück ist da Eis fest und griffig, anstrengend bleibt es trotzdem. Nacho sieht's ähnlich, wenn auch deutlich enthusiastischer. Er pickelt sich voller Freude und mit einigem Gejole nach oben, zwischenzeitlich noch begleitet von einem lautstarken "Yeah! Ice is nice!". Ich grins mir unten einen, und vergesse aus lauter Begeisterung über seine Begeisterung das Fotografieren. Irgendwas ist ja immer. Nach ca. 50 HM wird der Kamin immer schmaler und endet abrupt genau auf dem Grat.

Und zwar an einer Stelle, an der mit viel Gewurschtel 2 Leute hinpassen. Genau hier kommen die Steigeisen wieder weg, das geht allerdings fast nur nacheinander und wenn einer dem anderen etwas hilft; gleiches gilt für das Eisgerät. Den Rucksack könnte man zwar abnehmen - aber wo soll man ihn hinstellen? Alles ist eben etwas improvisiert, aber es funktioniert.

Was danach folgt, kann ich am ehesten so zusammenfassen: Purer Genuss! Die Kletterei wird technisch nicht unbedingt einfacher, aber merklich weniger anstrengend, da sie von nun an eher horizontal denn vertikal verläuft. Wir klettern über die Zähne zwei, drei und vier immer genau entlang der Gratschneide, zwischenzeitlich folgen nur sehr kurze Abseilpassagen, an einem Zahn (ich weiß nicht mehr ob es der zweite oder dritte war) kann sogar abgeklettert werden. Da es nicht mehr steil und anstrengend nach oben geht, kann ich die Gratpassage absolut genießen, auch bei Nacho ist mittlerweile die morgendliche Anspannung komplett verflogen. Genial und atemberaubend sind immer wieder die Einblicke in die Südwand, insbesondere deren oberes Ende an den verschiedenen Zähnen, die hier teils viel Meter überhängen und die Wand geradezu wie ein Dach abschließen.

Klettertechnisch geht es hinter dem vierten Zahn noch einmal nach oben auf den Doigt de Dieu, den Finger Gottes. Ich finde, treffender hätte man diesen Zahn kaum benennen können. Je nach Perspektive sieht er tatsächlich wie ein überdimensionierter Zeigefinger einer ansonsten geballten Hand aus. Er ist auf jeden Fall ein weiteres Highlight dieses Tages!

Wir rasten hier nochmal kurz zu viert (Gunnar und Pere haben mittlerweile zu uns aufgeschlossen), und seilen dann Richtung Brèche Jospeh Turc ab. Zunächst geht es zweimal à 30 m runter, dann folgt ein kurzes Kletterstück, nochmals für 50 m dem Grat entlang Richtung Meije Orientale, bis man in der eigentlichen Bréche steht. Ab hier nochmals 20 m bis auf die letzten Felsriegel, und von da an so weit wie möglich (am besten 60 m) runter auf den Gletscher, um an möglichst geeigneter Stelle den Bergschrund auch gleich noch überseilen zu können. Und ab da geht's dann - wieder mit Steigeisen unter den Füßen - in einer dreiviertel Stunde runter zur Hütte Refuge de l'Aigle, die immerhin noch auf 3450 m liegt.

Da wir so früh dran sind, überlegen wir kurz direkt ins Tal abzusteigen, entscheiden uns aber dagegen, um an diesem wunderbar sonnigen Nachmittag noch in Ruhe auf der kleinen Hüttenterrasse auf die erfolgreiche Überschreitung anstoßen zu können. Das Hüttenthermometer zeigt übrigens 46 °C in der Sonne an - da kommen geradezu Sauna-Gefühle auf! Wir beobachten natürlich auch, was sich oben am Doigt de Dieu tut, wann die nächsten nach uns kommen. Ein bisschen überrascht es uns schon, dass die nächste Seilschaft erst ca. 2 h nach uns den Gletscher betritt, und die letzte erst gute 4 h später. Pere und Nacho hatten offensichtlich ein gutes Näschen, als sie uns beide zwischen Glacier Carrè und Grand Pic den Berg hochgepusht haben, um als erste in die Traverse einsteigen zu können. Das darf man an der Stelle auch mal sagen: Hut ab, großartige Leistung der beiden!

Abstieg Refuge de l'Aigle - Parkplatz an der Brücke Pont des Brebis

Für die erste halbe Stunde nach der Hütte folgt man dem Glacier du Tabuchet an seinen (von oben gesehen) rechten Begrenzungsfelsen, bis man kurz vorm Col du Bec auf eine drahtversicherte Stelle in den Felsen stößt. Hier verlassen wir den Gletscher und wechseln auf die andere Gratseite. Über die traurigen Überreste des Glacier du Bec und ein paar weitere Schneefelder hangelt sich der Weg langsam nach unten. Immer in vielen Kehren, manchmal gibt es auch 2 oder 3 Wegvarianten, die aber nach kurzer Zeit immer wieder zusammenfinden. An einem großen Schotterfeld biegt der Weg wieder links ab, und genau auf eine kleine Felsstufe zu, die als letzte Kletterstelle des Tages überwunden wird. Dann wendet er sich wieder eher nach rechts, und das Terrain wird langsam flacher und auch erstmals grün. Ab hier gibt es auch nur noch einen einzigen, klar erkennbaren Weg, weshalb ich auf eine weitere Wegbeschreibung bis zum Parkplatz hin verzichte.

[1] Begehungsbericht von Ralf Gantzhorn (2013)
[2] Emil Solleder auf Wikipedia.org
[3] Routenbeschreibung auf camptocamp.org
[4] 30-minütige Reportage über die Meije-Traverse des Magazins Bergauf Bergab (2017)

Tourengänger: Sarmiento


Galerie


Slideshow In einem neuen Fenster öffnen · Im gleichen Fenster öffnen


Kommentare (7)


Kommentar hinzufügen

simba hat gesagt: Super!
Gesendet am 27. Juli 2018 um 17:05
Und vielen Dank für die Mühe dieses tollen langen und hochwertigen Berichts und der Wahnsinnsbilder!!!
Für mich einer der schönsten Berge in den Alpen.

Sarmiento hat gesagt: RE:Super!
Gesendet am 27. Juli 2018 um 19:54
Vielen Dank - freut mich, wenn dir beides gefällt!
Warst du demnach auch schonmal oben?

simba hat gesagt: RE:Super!
Gesendet am 27. Juli 2018 um 20:56
Bisher hab ich den Berg leider nur angesehen: Von La Grave, von La Berarde, von Le Rateau...

Sarmiento hat gesagt: RE:Super!
Gesendet am 29. Juli 2018 um 01:51
Die Perspektive von La Berarde ist mir ja leider nicht vergönnt gewesen. Von La Grave ist sie ja durchaus spektakulär. Um vom Rateau stell ich sie mir auch extrem beeindruckend vor. Aber am schönsten ist sie glaube ich einfach von oben, vom Grand Pic aus.

simba hat gesagt: RE:Super!
Gesendet am 29. Juli 2018 um 14:23
Schon selten, dass ein Berg aus jeder Perspektive so beeindruckend ist - Süd- wie Nordwand.
Vom Le Rateau bzw. der Pointe Trifide unterhalb macht die Meije auch eine sehr gute Figur: http://www.hikr.org/gallery/photo1858957.html?post_id=98525

schnafler hat gesagt: Kompliment
Gesendet am 28. Juli 2018 um 10:45
Ein ausgezeichneter, überaus informativer Bericht mit tollen Bildern. Will diesen Sommer noch diese Tour unbedingt auch zu machen versuchen. Vielen herzlichen Dank für die Inspiration!!

Sarmiento hat gesagt: RE:Kompliment
Gesendet am 29. Juli 2018 um 01:54
Bitte gerne, bzw umgekehrt danke schön! Dann hat der Bericht ja genau das erreicht, was er sollte - Nachahmer zu finden. :-)


Kommentar hinzufügen»