Grand Combin-Gebiet 1971


Publiziert von FJung , 13. Mai 2017 um 09:53.

Region: Welt » Schweiz » Wallis » Unterwallis
Tour Datum:20 Mai 1971
Ski Schwierigkeit: WS+
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-VS 
Zeitbedarf: 2 Tage
Strecke:Cab. Marcel Brunet - Cab. Panossière - Fionnay

Himmelfahrt!
Bernhard hatte leider einen kleinen Unfall, und ich fand nicht kurzfristig einen Kollegen, der mit mir etwas unternehmen konnte.
Da fiel mir wieder die Gegend rund um die Cabane Brunet oberhalb von Fionnay ein. Dort konnte ich auch allein herumstrolchen, und Berge hatte ich auch vor mir.
Am Donnerstag stand ich schon früh auf und erreichte mit der Bahn Le Châble, von wo links die Straße nach Verbier hinaufführt. Ich wollte aber weiter im Tal aufwärts, und weil mir bald die Skier zu schwer wurden, stellte ich mich an den Straßenrand und winkte, sobald eines der wenigen Autos kamen. Ein VW hielt. Der Fahrer fuhr mit seinem Sohn spazieren, und weil es ihm egal war, wohin er fuhr, brachte er mich auf der Straße zur Cab. ein gutes Stück aufwärts, bis eine alte Lawine ein Weiterfahren unmöglich machte und er umkehrte.
Die Straße führte immer gerade am Hang entlang. Mir drückten der Rucksack und die Skier ganz schön im Rücken. Aber bis zur Hütte war es nicht mehr weit. Nach einer Stunde öffnete ich die Tür und trat in einen dunklen Raum ein.
Die Fensterläden waren zu, ich war der einzige in der Hütte. Es war erst 13 Uhr. Ich versuchte, etwas Feuer zu machen, was mir aber nicht gelang, so daß ich dieses Vorhaben auf ein andermal verschob, und sondiere die Lage. Das Wetter sah nicht so vertrauenswürdig aus, der Schnee war auch nicht bei der Hütte, wie ich es erwartet hatte, es war also nicht interessant, auf den Mont Rogneux zu gehen. 
Aber wohin sonst?
Hinüber zur Cab. de Panossière in 2671 m Höhe, das war wohl die beste Lösung. Dazu mußte ich über den Col des Avouillons (2649 m) gehen, und weil ich den Einschnitt nicht von hier sehen konnte, nahm ich schon meine Skier und den Pickel auf den Rücken und marschierte einen Weg hinauf, der auch in Richtung Mont Rogneux führte. vor mir lag der Petit Combin, mit seiner Firnschulter links und rechts und seinen Felsrippen in der Nordwand gefiel er mir sehr gut, aber alleine, wie ich es war, rückte er für mich in weite Ferne.
So spazierte ich zwischen Narzissen und Murmeltierbauten, sah die anderen Frühlingsblumen erwachen und das Gras wachsen, auf den Schultern die Skier, welch ein verrückter Narr!
Langsam wurde die Sicht hinter dem Bec de Sery frei, und ich schaute hinauf auf den Paß. Unter mir lag ein Flußplateau, wo inmitten von Blumen und Gräsern die Diure de Sery sich verzweigte und Geröll ablud, dann ging es über Geröll zu einem anderen kleinen Plateau, wo ich mir endlich die Skier unter die Schuhe binden konnte. Bald fand ich eine kleine, verlassene Hütte, wo ich die Skier und den Pickel hineinstellte. Dann ging ich wieder zur Cabane M. Brunet zurück. 
In der Zwischenzeit waren zwei Personen angekommen, die zu Fuß vom Mt. Rogneux kamen. sie hatten Feuer gemacht, und ich konnte meine nassen Hände wärmen, denn draußen regnete es nun leicht.
Die beiden gingen bald weiter hinab ins Tal, und ich war wieder allein. Die Suppe konnte ich mir nun warm machen. Dazu öffnete  ich meine einzige Flasche Wein. An der Wand tickte eine alte Uhr. Das Wetter wurde auch nicht besser, so daß ich nur manchmal hinausging, um auf die andere Seite des Val des Bagnes zu schauen, wo ich den Mont Glé, den Bec des Rosses, die Rosablanche, Le Parrain und den Mont Pleureur erkannte. 
Ich las in alten Büchern, trank einen Tee dazu, schrieb Briefe, und als es langsam dunkel wurde, ging ich in das Dortoir und schlief bald fest ein.
Am Morgend wollte ich nicht so recht aufstehen. Irgend etwas trommelte immer in der Gegend herum, es hörte sich wie Regen an. Vorsichtig schaute ich aus dem Fenster. Das fehlte noch: In der Nacht hatte es geschneit, das Gras rund um die Hütte war leicht mit weißem, reinen Schnee bedeckt, aber er reichte nicht aus zum Skifahren. Ich machte mir heißes Wasser und nahm mein Frühstück, dann schloß ich die Hütte wieder und zog hinaus, in Richtung meiner Skier. Sie waren an ihrem Platz, und über schlüpfriges Gras ging ich hinab in die Flußeinöde, wo ich über kleine Bäche springen mußte, um an die andere Seite zu gelangen. Der Neuschnee lag überall auf und zwischen den Steinen, und es machte mir große Mühe, im Geröll emporzukommen, weil ich oft ausrutschte. Auch, als ich endlich die Skier an die Füße binden konnte, ging es noch nicht viel einfacher, denn es ging steil bergan, und in denm Neuschnee sackte ich immer tief ein. So kämpfte ich mich langsam berghoch, bis der Schnee endlich bessser wurde und ich freudig durch den unberührten Schnee pflügen konnte. Nun war es nicht mehr weit bis zum Paß. Ich freute mich schon auf die Abfahrt auf den Gletscher. Aber welch ein Irrtum! Auf der anderen Seite führte ein Weg hinab, und Blumen blühten. Der Schnee war hier, auf der Südseite des Hanges, schon lange von der Sonne verzehrt worden. Mir wurde hier klar, daß man bei der Vorbereitung einer Tour auch auf die Richtung achten muß, denn so wie es nun aussah, hatte ich die Skier nur zum Berghochlaufen mitgenommen.
Unter mir lag der Glacier de Corbassière, auf der anderen Seite des Gletschers erblickte ich auch die Hütte. Ama Horizont erhoben sich die Eispanzer des Grand Combin, der Corridor und Le Mur waren gut zu sehen, der Berg beeindruckte mich sehr.
Nahc einer kurzen Rast stieg ich den Paß hinab. Auf der Seitenmoräne war das Steigen wieder ein Problem, denn der Schnee war zu weich. Etwa 300 m ging ich an der Seite des Gletschers, der flach neben mir lag. Keine Spur führte auf die andere Seite, keine Spalte war zu sehen. Als ich auf den Gletscher trat, fing ich an, die Schritte zu zählen. Bei 400 hörte ich aber auf, zu monoton war das Fuß-vor-Fuß setzen, und nur langsam ich an der rechten Moräne (bergabwärts) näher. Als Fixierpunkt hate ich mir eine kleine Felsnadel ain der Moräne gewählt, und ohne anzuhalten, kam ich dort an. Die Moräne war steil und naß. Oft rutschte ich aus, aber endlich erreichte ich  den Weg, der zur Cabane führte. 
Vor der Hütte war es schön zu sitzen, ich schaute genau auf die steilen Gletscher, die vom Combin de Corbassière hinabstürzten auf den Gletscher, schaute hinauf auf den Petit Combin, der mir seine Felswände und seinen Firngrat zeigte, und schaute den breiten Gletscher hinauf bis zu seiner Biegung, wow er dann von einem Felssporn des Combin de Corbassière verdeckt wurde. 
Der Hüttenwirt, Mr. Dumoulin, erwies sich als ein sehr freundlicher Gastgeber. Er velor nie die Nerven, bereitete in der Küche für alle Mäuler das Essen vor, (Lieferung aus dem eigenen Rucksack!), und er stand immer mit Rat und Tat zur Seite.
Weil ich am nächsten Tag keine Tour vorhatte, ließ er mich im Winterrausch schlafen, wo ich alleine war und nicht schon um 2 Uhr morgens von den Aufbrechenden gestört wurde.
Um 7 Uhr war es doch Zeit zum Aufstehen. Der Himmel war bewölkt, aber die Sonne schien noch auf diese 'Eisarena.a Ich sagte ihm, daß ich hinüber zum Col des Maiosns Blanches laufen wollte, um dann nach Bourg St. Pierre an der Großen St. Bernhardstraße hinabzufahren. Er meinte, daß es immer ein Risiko sei, alleine in die Berge zu gehen. Er wisse zwar, wenn ich die Hütte verlasse, da´ich unterwegs bin, aber bei der anderen Hütte vermißt man mich nicht, wenn ich nicht ankomme. So versprach ich ihm, nur bis zum Col zu laufen und dann wieder den gleichen Weg hinabzufahren. Die Spur führe quer über den Gletscher, es ging langsam bergan, Spalten hatte ich keine zu überqueren, aber es war herrlich, die Spaltenzonen links und rechts von mir zu sehen.
Die ersten Bergsteiger kamen schon wieder aus größeren Höhen und schreckten mich aus meinen Gedanken. Ich ging noch höher, bis ich vor mir die Kette der Maisons Blanches sah. Rechts ging es hinüber zum col de Boveire, zwischen den Felsen war der Col du Moine, den ich zuerst mit dem Col des M.  Blanches verwechselte. 
Als ich zurückschaute, sah ich zu meinem Schrecken Wolken. Das fehlte gerade gerade noch! Als vier Skifahrer von oben herabkamen, schloß ich mich ihnen an. Viel zu schnell vergingen die Höhenmeter, aber die Abfahrt  bis zur Hütte war ein Genuß, denn die Wolken waren über uns, so daß wir auf dem Gletscher eine gute Sicht hatten und im Pulverschnee bis zur Hütte fahren konnten.
Am nächsten Morgen waren die Berge verhangen. Gegen 8 Uhr packte ich meinen Rucksack und fuhr mit den Skiern noch etwas die Moräne hinab, bis der Schnee immer lichter wurde und ich die Skier wieder tragen mußte. Um 10 Uhr fuhr angeblich von Fionnay der einzige Bus des Tages ab. Um 9.50 Uhr kam ich beim Bus-Halt an. Der Bus fuhr erst eine halbe Stunde später. 
Für 4.80 CHF brachte mich der Bus wieder nach Le Châble, am Nachmittag war ich wieder in Montreux.



Tourengänger: FJung


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