Zwischen Graubünden und Tessin: Abgelegene Skihochtouren im Läntagebiet


Publiziert von Manolo7 , 20. Mai 2016 um 09:30.

Region: Welt » Schweiz » Graubünden » Valsertal
Tour Datum: 6 Mai 2016
Hochtouren Schwierigkeit: ZS-
Klettern Schwierigkeit: I (UIAA-Skala)
Ski Schwierigkeit: ZS-
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-GR   CH-TI   Gruppo Rheinwaldhorn   Gruppo Pizzo di Cassimoi 
Unterkunftmöglichkeiten:Läntahütte SAC

"Das Original steht in Vals", pflegen die Einheimischen voller stolz zu betonen, wenn sie über das markante Zervreilahorn sinnieren. Ein bekanntes und viel begangenes Ziel im Sommer, bieten die umliegenden Täler im Frühling ein perfektes Ziel für alpine Skihochtouren mit langen Gletschern und sulzigen Abfahrten. 

 

Tag 1

Unsere Beine sind noch etwas schwer, als wir an diesem kalten aber klaren morgen die ersten Höhenmeter entlang des Zervreilastausees unter die Füsse, respektive unter die Felle nehmen. Es war eine unruhige Nacht mit viel Verkehr. Warum, werden wir erst später erfahren.

Es ist Ende Mai Noch liegt etwas Schnee auf der Strasse Richtung Kapelle. Im Winter und in den ersten Frühlingsmonaten kann in der Regel ab dem Parkplatz Berggasthaus oder von der Staumauer durchgehend auf Schnee aufgestiegen werden. Ab der Kapelle lockt schon die erste Abfahrt des Tages, die Felle können dafür angeschnallt bleiben. Schnell gelangt man so bis zur Canalbrücke. Hier kann im Sommer bestens gebouldert werden. Wir aber haben kaum Augen für die Blöcke, vielmehr versuchen wir am gegenüberliegenden Hang genügend ein paar Schneefelder und die Aufstiegsspur Richtung Furggelti. Diese folgt ziemlich genau dem Sommerweg, und bietet einen weitaus interessanteren Zustieg zur Läntahütte.

 

Das Zervreilahorn immer fest im Blick

Während auf Höhe Stausee die ersten Alprosen in die morgendliche Sonne blinzeln, können wir ab 2000m die Skis montieren. Schnell gewinnen wir an Höhe, für den Rest des Tages das markante Zervreilahorn im Blick, aus allen erdenklichen Perspektiven. Während wir gleichmässig Höhenmeter gewinnen, schweifen unsere Blicke über die Nordost-Kante. Erste Pläne für den Sommer werden geschmiedet. Dass auch in der spiegelglatten, von feinen Rissen durchzogenen Südostwand geklettert wird, ist von unten kaum vorstellbar. In diesen Routen wird moderne Klettergeschichte geschrieben.

 

Auf dem Furggelti angekommen, entscheiden wir uns für die umgehende Abfahrt zur Hütte. Auf das Furggeltihorn verzichten wir bewusst, ein abgeblasener Rücken mit glitzernder Oberfläche verspricht wenig Abfahrtsspass. Zu verlockend wohl auch der Gedanke an einen Nachmittag auf der Sonnenterrasse mit Kühlgetränk und "Plättli". Vom Furggelti sind zwei Abfahrten möglich: Einerseits direkt über die steilen und felsdurchsetzten Westhänge zur Hütte, oder dann in nordwestliche Richtung auf die Lampatscher Alp. Beide Abfahrten erfordern sichere Verhältnisse. Aufgrund der nicht ganz so warmen Temperaturen und entsprechend gefrorener Abfahrt entscheiden wir uns für die Route Richtung Lampatscher Alp. Für diese fährt man entlang der Felsbänder die vom Furggelti nach Nordwesten verlaufen Richtung Pkt. 2598. Weiter traversiert man die Höhe haltend oberhalb der markanten Felsrinne und fährt anschliessend Richtung Lampatscher Alp.

 

Nicht ganz triviale Routenfindung

Anfangs sind wir uns unserer Sache ziemlich sicher, scheinbar aber haben wir schon zu viel Höhe verloren. Richtung steile Felsrinne blickend erscheint uns die weitere Traverse wenig verlockend. Wir entscheiden uns für das Abrutschen ins Tal, in der Hoffnung den richtigen Übergang noch zu finden. Später werden wir feststellen, dass wohl ein weiter Traversieren die richtige Entscheidung gewesen wäre. Einige Höhenmeter später ist dann der Spass vorbei. Wir schnallen die Skis ab und nehmen den Pickel zur Hand. Über Büsche, Rinnen und Lawinenkegel steigen wir Richtung Valser Rhein ab und geniessen vor der Talsohle doch noch ein paar Schwünge im Pulver.

In kurzweiligen 20 Minuten erreichen wir die einsame Läntahütte. Diese klebt, gut geschützt vor Lawinen, unter, respektive hinter einem Felsvorsprung. Vom Anfangs etwas zurückhaltenden Hüttenwart werden wir in den kommenden Tagen hervorragend bewirtet und geniessen einige kulinarische Leckereien.



Tag 2

Nach einer ausgiebigen Pause auf der sonnigen aber windigen Terrasse vor der Hütte wurden wir am Vortag kulinarisch verwöhnt. Gestärkt durch eine währschafte Polenta mit Ragout am Vorabend und einem ausgiebigen Frühstücksbüffet inklusive Sonntagszopf (am Freitag wohlgemerkt) starten wir um Punkt 6 Uhr in der früh Richtung Rheinwaldhorn. Ziemlich genau 1300 Höhenmeter werden wir an diesem Tag absolvieren. Die ersten 300 davon werden mühelos bewältigt. Man folgt dem Valser Rhein auf der rechten Seite ziemlich genau dem Sommerweg und erreicht rasch und einfach die Ausläufer des Läntagletschers. Uns pfeift ein eisiger Talwind entgegen, während die ersten Sonnenstrahlen die Gipfel des Güfer- und Rheinwaldhorn in morgendliches Rot tünken und einen phantastischen Tag ankündigen.

 

Massive Gleitschneelawine bis ins Tal

Was uns aber vielmehr beeindruckt, ist die gewaltige Gleitschneelawine, die an dieser Stelle und noch viel weiter ins Tal hinuter eine eisige Schneise gezogen hat. Während von der Hütte aus eine Abrisskante quer über den ganzen Läntagletscher erahnt werden konnte, wird hier nun das gesamte Ausmass sichtbar. "Eine Folge der instabilen Schneedecke und den ungünstigen Witterungsverhältnissen", wie uns Hüttenwart Thomas später erklären wird. Eine schwach verfestigte Neuschneeschicht, vom Regen bis auf 3000m durchweicht, hat Mitte April die Hälfte des Läntagletschers mitgerissen und ist auf dem Talboden bis fast vor die Hütte vorgedrungen. Ein weiterer Beweis dafür, das Gleitschneelawinen auch unter 30° Hangneigung gewaltige Ausmasse annehmen können.

Beeindruckt ab den unglaublichen Schneemassen durchqueren wir das Felsband ziemlich genau in dessen Mitte. Die Rinne, für welche die Skis kurz abgeschnallt werden, ist gut dokumentiert und im Gelände leicht erkennbar. Ein paar Steilstufen später stehen wir wieder mit Skis unter den Fellen auf dem Läntagleschter. Noch immer windet es stark, unter diesem Umständen wird wohl nichts aus der erhofften Firnabfahrt. Wir stellen uns vor, welchen Abfahrtsspass die Hänge wohl im Hochwinter mit Pulverschnee bieten würden.

 

Steiler Aufstieg und fantastisches Panorama

Zügig steigen wir auf der rechten Seite des Läntagletschers auf ca. 2900m und queren dann langsam links unter den Vorgipfel. Der Aufstieg zieht sich, obschon man aufgrund der eher steilen Spur rasch an Höhenmeter gewinnt. Auf ca. 3200m, kurz unter dem Gipfel schliesslich öffnet sich ein fantastisches Panorama auf die umliegenden Gipfel. Von der Berninagruppe bis in die Urneralpen. Kurze Zeit später stehen wir auf dem Gipfel, ironischerweise genau jetzt ist es absolut windstill.

 

Kräfteraubende Abfahrt mit Folgen

Die Abfahrt gestaltet sich weniger komfortabel. Der Wind hat ganze Arbeit geleistet und ein heterogenes Gemisch aus Bruchharsch, Eis und ein paar Metern Presspulver hinterlassen. Von aufgeweichtem Firn keine Spur, obwohl die Maisonne schon kräftig wärmt. Jeder Schwung kostet kraft, in solch alpinem Ambiente aber trotzdem ein Genuss. Weniger genussvoll gestaltet sich die Abfahrt für eine weiteren Tourengängerin. Sie reisst sich mitten auf dem Läntagletscher das Kreuzband, an eine weitere Abfahrt ist nicht zu denken. Handyempfang: Fehlanzeige! Glücklicherweise ist es von hier nicht mehr weit bis zur Hütte, und eine vorangehende Gruppe kann alarmieren. Wieder einmal wird einem bewusst, dass in den Alpen zu weiten Teilen nach wie vor keine Netzabdeckung vorhanden ist.

Noch bevor wir auf den letzten Metern zur Hütte doch noch ein paar Schwünge in frühlingshaftem Sulz geniessen, befindet sich der Rega-Heli auf dem Weg zur Verünglückten Tourengängerin. Gespannt verfolgen wir von der Hüttenterrasse via Feldstecher die Aktion, keine 10 Minuten später befindet sie sich in der Luft auf dem Weg ins Spital. Einmal mehr beeindruckend, wie schnell solche Rettungsaktionen abgewickelt werden, wenn denn die Bedingungen stimmen.


Tag 3

Der letzte Tag im Läntatal bricht an. Der Wetterbericht verspricht eitel Sonnenschein, es soll nochmals eine knackige Tour mit einem aussichtsreichen Gipfel werden. Zur Auswahl standen Kandidaten wie das Grauhorn, Retour via Furggeltihorn, oder das Güferhorn. Das Grauhorn, wenig bestiegen in den letzten Tagen, mit einigen Steilen Passagen über 40° und aus der Distanz nicht sehr ansprechend scheint uns keine Option. Die gleiche Route retour via Furggeltihorn wäre ein Option, aber nicht eben abwechslungsreich. Als uns eine andere Gruppe von ihrem Zustieg via Güferhorn und vorgefundenem Presspulver auf dem Güfergletscher berichtet, ist unsere Begeisterung geweckt und die Entscheidung gefallen.

 

Schweisstreibender Aufstieg zur Güferlücke

Von der Läntahütte aus erreicht man das Güferhorn via Güferlücke. Dazu wählt man von der Hütte aus auf den ersten 1500 horizontalen Metern die gleiche Spur wie auf Rheinwaldhorn, bis man bei Pkt. 2188 links "abbiegt" Richtung Güferlücke. Dazu wählt man die Rampe rechts des markanten, im Winter i.d.R. eingeschneiten Bachs. Aufgrund des massiven Lawinenkegels ist die Wegfindung nicht ganz trivial, wir halten uns aber konsequent an die rechte Seite des Bachs, und finden so eine sinnvolle Linie. Anfangs noch mit den Fellen, müssen wir die Skis relativ bald aufbinden. Die Oberfläche gestaltet sich hier sehr inhomogen, mal brechen wir durch, mal finden wir super Trittschnee, mal können wir auf einem Lawinenkegel aufsteigen. Im mittleren, etwas flacheren, Teil können wir erneut auf die Skis wechseln. Man steigt die Rampe bis ca. 2800m Höhe auf, und quert dann in einem Linksbogen oberhalb Pkt. 2695 die Felsausläufer, die zum Punkt zwischen Güferlücke und Schwarzhorn führen. Anschliessend quert man in relativ direkter Linie zur Güferlücke.

 

Wo ist unser Couloir?

Und auf dieser Güferlücke stehen wir nun. Von blauem Himmel nichts und von der Sonne wenig zu sehen, hüllen sich sowohl Güfergletscher als auch Güfernhorn in Nebel. Eine Besteigung scheint uns wenig attraktiv, die Sicht aufgrund des diffusen Lichts gleich Null. Doch das ist nicht die einzige Herausforderung: Die Gruppe von gestern Abend hat uns von einer einfach zu fahrenden Rinne erzählt, welche wir nun für den Rückweg durchsteigen wollen. Die einige, laut Karte plausible Rinne sieht aber mehr nach einer senkrechten Schneewand denn einem fahrbaren Couloir aus. Ob das wirklich unser Ausstieg nicht? Später werden wir einmal mehr überrascht sein, wie die Optik je nach Perspektive täuschen kann. Während das Couloir ohnehin die einzige Option ist (nebst dem Abstieg zur Hütte), entscheiden wir uns gegen das Güferhorn und für einen direkten Abstieg zur besagten Lücke. Dafür fahren wir einige Meter auf den Güfergletscher ab und queren dann den Steilhang zum Anfang des Couloirs, dessen Ende sich zwischen Pkt. 2849 und 2781 befindet. Die Traverse ist eher holprig und durchzogen von Lawinenkegeln, je näher wir jedoch kommen desto freundlicher präsentiert sich das Couloir. Bei entsprechender Technik und Harscheisen kann es gar mit den Skiern begangen werden, ein Fussaufstieg gestaltet sich aufgrund der Schneedecke eher mühsam.

 

Sulz auf den letzten Metern

Am Ende des Couloirs grüsst aus der Ferne bereits wieder der Zervreilastausee. Nebst nicht vorhandener Sonne gesellen sich nun auch noch Regentropfen dazu, wir fahren also zügig ab und genissen auf dem Weg Richtung Stausee doch noch ein paar schwungvolle Kurven im Frühlingssulz. Wichtig: ordentlich nach links queren, damit man wieder in die Aufstiegsspur findet. Jede andere Abfahrt führt nicht nur um diese Jahreszeit ins Geröll oder Gebüsch.

Bis 2000m können wir abfahren, dannach heisst es zum letzten Mal Skis aufbinden und in ca. 1 Stunde erreichen wir wieder den Parkplatz. Drei tolle Tage, mit etwas wenig Sulz, dafür umso schönerer Aussicht liegen hinter uns. Und während wir zurücklaufen, schweifen unsere Blicke ein letztes Mal übers Zervreilahorn und die NO-Kante. Wir sind sicher, in wenigen Monaten werden wir wieder hier sein, mit Seil, Finken und Karabiner.

 

Anreise:

Zervreila erreicht man via Chur - Flims - Illanz und Vals. Von Vals aus in engen Kurven und durch einen einspurigen Tunnel hoch zum Zervreilastausee.

 

Übernachten:

Als Ausgangspunkt eignet sich das Berggasthaus Zervreila, direkt beim Parkplatz. Biwakieren ist sowohl auf dem Parkplatz als auch bei der Kapelle laut Tafel verboten.

Im Gebiet übernachtet man in der Läntahütte, auf welcher dank Hüttenwart Thomas vorzüglich gespiesen wird.

Thomas gibt jederzeit gerne ausführlich Auskunft über die aktuellen Verhältnisse, Wetterbericht und hat fundierte Tourenempfehlungen auf Lager.

 

 

 

 


Tourengänger: Manolo7


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Kommentare (2)


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Bergamotte Pro hat gesagt:
Gesendet am 20. Mai 2016 um 10:19
Ein sehr lesenswerter Bericht. Willkommen auf Hikr und weiter so!

Manolo7 hat gesagt: RE:
Gesendet am 20. Mai 2016 um 10:21
Vielen Dank - sehr gerne!


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