Via Alta Verzasca: schnell und unkonventionell (1/2)


Publiziert von Delta Pro , 22. Oktober 2014 um 21:13.

Region: Welt » Schweiz » Tessin » Bellinzonese
Tour Datum:19 Oktober 2014
Wandern Schwierigkeit: T6- - schwieriges Alpinwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-TI   Gruppo Madöm Gross   Gruppo Cima di Gagnone   Gruppo Poncione Rosso 
Zeitbedarf: 8:45
Aufstieg: 3130 m
Abstieg: 1690 m
Strecke:22 km

Die Via Alta Verzasca als Zweitages-Biwaktour - eine Traumwanderung im Tessiner Herbst (1. Tag)

Als ich vor vielen Jahren das erste Mal von der Via Alta Verzasca hörte, war meine Passion fürs Alpinwandern noch jung. Schon damals faszinierte mich die Route und war eines meiner Traumziele (welches viel zu lange in den Hintergrund gerückt ist). Die Via Alta Verzasca verfolgt landschaftlich äusserst eindrücklich den Kamm zwischen Verzasca-Tal und Leventina und ist vielleicht die legendärste Alpin-Wanderung im T6-Bereich in der Schweiz. Normalerweise wird die Via Alta Verzasca in sechs Tages-Etappen gemacht, wobei für die drei Königsetappen zwischen den Hütten Borgna, Cornavosa und Cognora durchaus eindrückliche Wanderzeiten von je 8-10 Stunden angegeben werden. Auf Hikr sind schon verschiedene gute Beschreibungen vorhanden (siehe z.B. hier).

Von der etwas verwegenen Idee die Via Alta Verzasca als 2-Tages-Tour (inkl. Anreise und Rückreise aus der Nordschweiz) anzupacken bis zur Umsetzung verstrichen - wie häufig bei mir - nur wenige Tage. Dennoch zweifelte ich schon etwas an der Machbarkeit meines Vorhabens. Die unkonventionelle Planung  machte es dennoch möglich - für mich ein Traum, der in Erfüllung gegangen ist, und einer meiner schönsten Wanderungen überhaupt!

Noch ein Wort zu den Anforderungen: Die VAV ist eine Beispieltour des SAC für den Schwierigkeitsgrad T6. Übereinstimmend mit den meisten Hikr-Berichten sehe ich nicht, wo das T6 wirklich errreicht wird. Alle wirklich ausgesetzten Stellen sind mit (sehr willkommenen) Griffen und Fixseilen entschärft. Die durchgehend gute Markierung und die Wegspuren reduzieren ebenfalls die Ernsthaftigkeit. Dennoch bewegt man sich über lange Strecken in teils steilem Gelände, das Trittsicherheit und Erfahrung mit dieser Art von Kletterei erfordert. Trotz der Bekanntheit der Route ist die schmale Wegspur erhalten geblieben und man muss aufmerksam bleiben um den Weg nicht zu verlieren. Für den geübten Alpin-Wanderer ist die VAV eine absolute "Plaisir"-Route.



Um 9.50 steige ich in Chironico (Grumo) aus dem winzigen Bus - etwas spät für die angestrebte Tages-Etappe an einem kurzen Herbsttag, aber früher kommt man mit dem öV nicht dorthin. Der Aufstieg durchs wunderschöne, einsame Valle d'Usedi ist der Schlüssel zur 2-Tages Begehung der VAV. Das Tal bringt einen auf die Bassa ella Cognora, also genau unter den letzten Gipfel der Via Alta Verzasca gemäss der konventionellen Ausführung.
Über den eindrücklichen, gut ausgebauten Felsenweg steige ich in vielen Kehren nach Garnei und weiter zu den Hütten von Mun. Beim Piano di Sobrio treffe ich zum letzten Mal für eine Weile auf Menschen. Die Jäger geben mir ein paar Tipps für den Weiterweg. Die Route auf die Bassa della Cognora war früher einmal markiert (ab Pianzel), heute ist der Weg allerdings verwachsen. Dennoch ist die Wegspur meist gut erkennbar und führt in die Einsamkeit des Tales hinein. Via Pareti quert man über Geröll in die Falllinie der Bassa. Schlüsselstelle ist die Traverse einer plattigen Stelle (rechts aufwärts haltend), welche durch das viele Wasser der kürzlichen Starkniederschläge sehr unangenehm geworden ist. Bei Trockenheit dürfte die Passage nicht mehr als T4 sein. Dann durch leider oft feuchtes und mühsames, grobblockiges Material hinauf in die Sonne an der Bassa della Cognora
 
Nicht auf der blau-weiss markierten Route der VAV sondern entlang von roten Punkten geht es steil und kraftraubend auf den Pizzo di Mezzodi (T4+, siehe dieses Bild von alfio). Für die nächsten 12 Stunden Marschzeit werde ich nun dem Kamm folgen, über den die Via Alta Verzasca verläuft. Die Aufschwünge zum Madom Gröss, die oft als die Schlüssel-Passagen der VAV angepriesen werden, liegen noch im Schatten. Teils finden sich sogar noch Schneereste vor. Ich befürchte etwas ähnlich glitschige Bedingungen wie an der Bassa. Doch die Lage ist entspannt. Die Wegspuren sind gut, Bügel bieten sicheren Halt in steilen Passagen und der Weg ist nirgends sehr exponiert (ca. T5+). Auf der Madom Gröss, dem höchsten Punkt der VAV herrschen nach wie vor sommerliche Temperaturen - T-Shirt Wetter auf fast 3000 Meter Ende Oktober!
Der Weiterweg zum Pizzo Cramosino gestaltet sich ebenfalls problemlos und erfordert nur bei der tiefen und ausgesetzten Scharte (Sicherungen) Aufmerksamkeit (T5). Nach 1.5 Stunden vom Pizzo di Mezzodi sind die Gratpassagen der Königsetappe schon abgeschlossen - ich bin erstaunt und erfreut wie gut ich vorwärts komme. Abstieg nach Furna und auf dem traumhaft schönen Höhenweg durch die Tessiner Herbstfarben zur Capanna d'Efra. Diese ist noch offen und heute ebenfalls erstaunlich gut besucht. Da ich die kurzen Herbsttage aber bis in die letzte Minute ausnutzen wollte, hatte ich zum vornherein entschieden meine Tour komplett autonom - also ohne Benutzung der Hütten - anzugehen. So ziehe ich nach kurzer Rast unter den etwas erstaunten Blicken der Gäste weiter auf die nächste Etappe der Via Alta Verzasca.

Der Aufstieg gegen den Scaiee zieht sich ziemlich in die Länge (Distanz). Das Abendlicht, das mich in der Bochetta flutet, gibt aber wieder viel Kraft zurück. In wunderschöner Grat-Kraxelei geht es auf die Cima del Gagnone (T5) und weiter über den abwechslungsreichen und recht in die Länge gezogenen Grat zur Cima di Rierna (Stellen T5). Grat-Wandern mitten in den Sonnenuntergang - was kann dem Bergsteiger schöneres passieren? Die Blicke in Walliser 4000er sind wahnsinning. Komplette Ruhe und Einsamkeit auf den Kämmen des Verzasca-Tals. Genial!
Bei der Bochetta di Rierna steige ich 50 Höhenmeter nach Norden ab, wo ich eine halbe Stunde vor dem Eindunkeln einen perfekten Biwakplatz mit Wasser finde. Zufrieden so weit gekommen zu sein, und so viel Schönes erlebt zu haben bereite ich mich für eine herbstlich lange Nacht vor.

Am nächsten Morgen weiter zum zweiten Abschnitt meiner VAV-Tour: Bochetta di Rierna - Cornavosa - Poncione di Piotta - Abstieg nach Moleno


Durchgangszeiten:
Grumo: 9.50
Pizzo di Mezzodi: 13.10
Pizzo Cramosino: 14.40
Capanna d'Efra: 15.55
Cima di Gagnone: 17.20
Bochetta di Rierna (Biwak): 18.30  

Tourengänger: Delta

Galerie


Slideshow In einem neuen Fenster öffnen · Im gleichen Fenster öffnen


Kommentare (1)


Kommentar hinzufügen

Bombo hat gesagt:
Gesendet am 23. Oktober 2014 um 09:19
Salü Delta

Was für eine schöne Tour und in Deinem Falle in was für einem Tempo :-) Besten Dank auch für die Verlinkung.

Ich wurde kürzlich in einem Interview gefragt, was denn meine schönste Tour in all den Jahren war und ich war bzw. bin der Meinung, dass es nicht eine einzige "schönste" Tour gibt, sondern unzählige davon. Wo ich dann aber doch wenigstens ein Exempel nennen sollte, kam mir als erstes die VAV in den Sinn. Und ich würde dieses Beispiele jederzeit wieder nennen - genial schön, vor allem, wenn man die Tour bei solch genialen Bedingungen wie ich und auch Du diese geniessen konnte.

Bin gespannt auf Teil 2...

Grüsse
Bombo


Kommentar hinzufügen»