Vanit(y) Fair


Publiziert von Henrik , 27. August 2011 um 23:59.

Region: Welt » Schweiz » Tessin » Bellinzonese
Tour Datum:26 August 2011
Wandern Schwierigkeit: T2 - Bergwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-TI   Gruppo Pizzo Campolungo   Gruppo Poncione di Vespero 
Zeitbedarf: 4:30
Aufstieg: 310 m
Abstieg: 1190 m
Strecke:Lago Tremorgio - Passo Vanit - Dalpe - Prato - Dazio Grande
Zufahrt zum Ausgangspunkt:ÖV
Zufahrt zum Ankunftspunkt:ÖV
Unterkunftmöglichkeiten:Leventina
Kartennummer:map wanderland

  .... kopfsalat ist schuld! ...denn ich wollte mir vor Ort die Gewissheit verschaffen, dass Airolo, das ich nun wirklich gut zu kennen glaubte, insb. der Bahnhof, wo ich doch erst letzte Woche auch schon war, einen Billetautomaten sein eigen nennt – allerdings ist der Standort nicht auf Anhieb zu finden. Die Schalter der SBB sind aber wirklich geschlossen – mit weissgetünchten Pavatexplatten. Im Pano-Waggon waren nur gerade zwei Fahrgäste, in Olten änderte sich das und erneut in Arth-Goldau. Den Bund Basler Zeitungen, Bestand 1 ½ Wochen, war durch“geackert“, sodass ich mich dieser entledigen konnte, danach hatte ich nur noch ein Gepäckstück - unüblicherweise bestückt mit Stöcken, die nicht zum Einsatz gelangten. In Olten kündigte sich Nebel an – das ist ein eher unheilvolles Omen, ein Hinweis auf den Herbst. Dieser scheint auch andern hikr. schon aufgefallen zu sein...Herbstzeitlose im August, was wiederum doch nicht so selten vorkommt. Unser Lebensgedächtnis darf ja nicht im Kontext von 5 Milliarden Jahren gesehen werden. Die Rigi tauchte auf, der Pilatus auch – der Alltag an der Zahl der wieder im Berufsleben Stehenden auch, anders gesagt, Eile ist wieder allerorten zu sehen und auch handfest zu spüren....

 .... ich setzte mich im Aussichtswagen (wie das begrifflich auch definiert werden kann), soweit das die Linienführung zulässt, talseitig, also in Fahrtrichtung links ans Fenster, um mir den WW von letzter Woche nochmals aus dieser Perspektive anzusehen: Meitschligen, Gurtnellen, Wassen und die paar Meter vor Göschenen. Ich muss berichtigen – es gibt von Norden her gesehen weitere WW, die weder auf der Karte erscheinen noch auf einschlägigen Pages genannt werden: das impliziert gelegentliche Nach-forschungen. Während wie üblich die eine Seite Gold zeigt, in Airolo war’s weder Silber oder sonst ein Metall, dafür war es Grau und windig. Nach zwei Rundgängen, Billetautomatstandortsuche (...), fand ich den Zugang zum Coop, um mir noch etwas Food zusammenzustellen. Das Einkaufen dort macht mir immer wieder Freude, eine Art der Leichtigkeit ist nicht zu übersehen - das Tessin tickt zumindesten auf diesem Breitengrad anders. Da ich ein wenig „dudelte“, verpasste ich beinahe das Poschti Richtung Dalpe ...es gab eine Verzögerung, die mir so half: eine Gruppe mit immens viel Gepäck musste zum Funi Ritom gebracht werden, das ging nicht ohne Knüffe und Kniekontakt der Kofferrollis ... danach war Ruhe. An der Kantonsstrasse bei Ambri-Piotta wird zurzeit der Strassenbelag erneuert, das führt auch eher unüblich zu Warteschlangen. Keine Wartezeit stellte sich ein an der kleinen Seilbahn Teleferica Rodì-Fiesso – Tremorgio, wovon ich irgendwo noch alte Fahrpreise im Netz in Erinnerung hatte, von 2007, und dem diensthabenden Angestellten 12 Franken auf den Tisch legte ...es kostet 15! Ich war alleine in der Kabine, die mich schnell aus der Tiefe des Tales in die Höhe brachte, das Wetter begann mich zu beschäftigen und ein wenig ratlos werden. „Henusode“ – jetzt war ich oben und ausser „Buon giorno“  der Gastgeberin vom Ristorante, die eben auf der Treppe mir entgegenkam, keine weitere menschliche Stimme – die nächsten 4 ½ Stunden. Ich kramte die Kamera kurz hervor, um zu verifizieren (...), dass ich tatsächlich ein ziemlich anderes Unterfangen im Begriff war mir vorzunehmen, wurschtelte die Gore-Tex-Jacke zusammen, Kamera oben drauf und schlug die Hemdsärmel nach hinten, als würde ich „was anpacken“! Und wanderte los – in der Seitentasche der Fjällräven-Reivo-Hose steckte in einer Klarsichttasche ein Auszug der Routen, die entweder nach Dalpe oder nach Fusio möglich wären ... die Markierung vorzüglich, was für ein Genuss! 

.... verblühte Alpenrosensträucher, Schwarzerlen (...), Zwergbirken, dahinter das Blau des Lago Tremorgio, der angeblich in Geologiekreisen auch für einen Meteoritenkrater gehalten wird, dessen fluktuierenden Wasserstände auch Rätsel aufgeben und aber trotz allem von der Wasserwirtschaft genutzt wird, die Seilbahn ist ja Teil davon. Noch bin ich nicht im zügigen Fluss, so nehme ich mir die Zeit, dem Andreas Seeger ein SMS zuzustellen und ihm zu berichten, dass ich im Tessin in „grosser Höhe“ unterwegs sei.  Tatsächlich erreiche ich in den angekündigten 50 Minuten den Passo Venett, was mich sehr überrascht, bin ich doch der eher implizite Kritiker der Marschzeiten im Tessin, was ja auch immer wieder Debatten auslöst. Der Witterung eher abträglich meine doch eher leichte Bekleidung, es windet erheblich und das Grau nimmt eher zu als ab, manchmal halte ich kurz inne, halte bei Hände so in die Gegend, um mir auszureden es regnete (zum Glück wirklich Fehlalarm). Auf der Alpe Campolunga sind meinerseits die Würfel bereits gefallen – Fusio könnte ich konditionsmässig spielend erreichen, doch die graue Wand verdichtet sich. So spaziere ich die restlichen 10 Minuten hinauf auf den Pass, gewahre den sandstrandartigen Untergrund, man könnte glauben man sei an einem Meer, was geologisch-tektonisch zutrifft (!) und schliesslich oben angelangt stehe ich im reinsten Zuckerguss, im körnigen Dolomit – hinzu kommen Korund, Kyanit und Kalifeldspat. Der Wind nimmt weiter zu und meine Befürchtungen auch, ich könnte überrascht werden von einem Gewitter und heftigem Regen: ich rufe den Andreas Seeger an, der mir rät, abzusteigen und der die Wetterlage auch bestätigt ... erzähle ihm, dass ich ursprünglich vor hatte nach Fusio zu wandern. Seine Stimme am Handy berührte mich innerlich stark – eine Art Lifeline! Ich nehme mir aber die Zeit, die eindrucksvollen Stimmungen und Gegebenheiten abzulichten, packe mich kurz in die wärmende Jacke, ohne noch was zu trinken, steige ich ab. Das ist kein Pfad mehr, eher schon eine Strasse, hier wurde mit Maschinen der WW erweitert, zu welchem Zweck ist mir allerdings nicht klar? Noch bin ich nicht „Munggen“-affiniert, sodass ich diese zwar höre, aber nicht sehe. Sonstiges Getier, insbesondere die der Beinlosen, hätte ich mir gewünscht anzutreffen – Fehlanzeige. Auch das Gesumse blieb aus. Stattdessen nahm ich die Himbeerensträucher wahr. Ich gelangte zügig nach Scontra, legte dort die erste Pause ein und sah es über der Leventina dann doch regnen...Ich kann Nicoles Einschätzung nur bestätigen: im Wald auf einer fast nicht endend wollender Naturstrasse bis nach Dalpe ist man beinahe „ewig“ unterwegs ...und hier erwischt mich doch tatsächlich ein kurzer heftiger Schauer. Am Punkt Boscobello sagt der Wegweiser einen 40 Minuten bis Dalpe voraus, beim Bildstock Cleuro sind es plötzlich nur noch 15 Minuten! Hier entscheide ich mich fürs Weiterwandern via Vidresch, hinunter nach Prato, wo ich am Pt. 1123 mich auf die massige Holzbank setze und das eher breite Tal der Leventina überschaue: eine Tafel Schoggi (Prix Garantie) verschwindet im Mund! Die paar Meterchen bis nach Dazio Grande sind so besehen Peanuts – doch an den Weg kann ich mich nicht mehr erinnern. Ein Einheimischer bringt mich korrekt eingeschätzt dorthin – so stehe ich um 15 Uhr an der Kantonsstrasse, an der Mautstelle der Urner im Mittelalter.  Und fühle mich jungsteinzeitlich. 



Tourengänger: Henrik

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Kommentare (2)


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kopfsalat Pro hat gesagt:
Gesendet am 28. August 2011 um 10:13
besten dank für die mühe!

und wo war er nun der billette-automat? oder gibt's gar ein beweisfoto, dass er tatsächlich existiert?

Henrik hat gesagt: ...der befindet sich zum Eingang
Gesendet am 28. August 2011 um 23:11
zu den Schaltern, die jetzt "verpappt" sind...nun prangt (!) auch ein Zettel am Eingang an der Glastüre...Billetautomat...


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