Alpengipfel der Superlative: Dufourspitze und Nordend in einem Tag!


Publiziert von surfy , 10. Juni 2009 um 00:42.

Region: Welt » Schweiz » Wallis » Oberwallis
Tour Datum:20 April 2007
Ski Schwierigkeit: S
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-VS   I 
Zeitbedarf: 2 Tage
Strecke:Zermatt - Gornergrat - Monte-Rosa-Hütte - Silbersattel - Dufourspitze - Nordend
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Brig - Zermatt
Zufahrt zum Ankunftspunkt:Zermatt - Brig - Lötschberg - Bern - Olten - Luzern
Unterkunftmöglichkeiten:Monte-Rosa-Hütte SAC Jugendherberge Zermatt
Kartennummer:284 Mischabel

"Es fühlt sich so gut an, das Leben. Und Träume wollen gelebt werden.
Es geht um das Heute! Den Moment. Um das Jetzt!"

(Ueli Steck, Extrembergsteiger)

Nach traumhaften drei Tagen im Jungfraugebiet und der erfolgreichen Besteigung der Fiescherhörner und des Finsteraarhorns fuhren mein Tourenpartner Michi und ich über den Aletschgletscher ins Wallis ab. Mit dem Glacier-Express gings dann nach Zermatt, wo wir uns in der Jugendherberge für eine Nacht einrichteten. Seit vier Tagen erstmals wieder duschen, - auch nicht schlecht... Wir nutzten die kurze Zeit back in der Zivilisation um uns zu pflegen und für unser nächstes Gipfelabenteuer zu stärken. Ein weiterer Traum sollte bald schon wahr werden...

"Dar iar siged woulchemni im Land za Fuasse z'Gourner's Gletscher."

Das Wallis - Zermatt - empfing uns mit freiem Zimmer in der Jugendherberge, bestem Wetter und ebensolchen Aussichten. Das Land zu Füssen des Gorner-Gletschers gab also sein Bestes, zwei ambitionierte junge Alpinisten wieder soweit aufzupäppeln, dass sie sich auch noch einen weiteren grossen Lebenstraum erfüllen konnten: "Dufourspitze, aber mit Nordend bitte!", sollte es sein...
Am Freitag, 19. April 2007 fuhren wir mit der Klein-Matterhorn-Bahn auf den Gornergrat. Geplant war, auf den Grenzgletscher abzufahren, daraus wurde infolge akuten Schneemangels auf der Südseite des Gornergrates nichts: Wir mussten die Ski aufgebunden mehr oder weniger bis auf den stark zerklüfteten und schlecht gedeckten Gletscher abtragen. Dort montierten wir dann die Felle und begannen den Zick-Zack-Spalten-Ausweich-Aufstieg in die Monte-Rosa-Hütte. Bei der Hütte angekommen, begang ich den schlimmsten Skitourenfehler meines bisherigen Lebens: Ich liess die Ski mitsamt Fellen an der prallen Nachmittagssonne stehen. Blöder als blöd. Meine Felle hatten vorher schon ein Problem mit dem Klebstoff, irgendwas tat nicht mehr wie es sollte,  - jedenfalls erwies es sich abends dann als ein Ding der Unmöglichkeit, die Felle von den Skis abzuziehen. Grossflächig blieben Kleberesten haften, - Olivenöl aus der Hüttenküche schaffte Abhilfe... am nächsten Morgen jedoch sollte sich unser Olivenöl-Einsatz als fatal erweisen...
Nachtessen und Gespräche mit Bergführern und anderen Alpinisten. Zwei junge Deutsche wollten uns für eine Nordwand-Durchsteigung des Lyskammes gewinnen... Wir winkten dankend ab. Soweit fühlten wir uns noch nicht, ausserdem wussten wir genau, was wir hier wollten: die Könige - Dufourspitze und Nordend und beide möglichst zusammen in einem Tag. Unsere Chancen schienen nicht schlecht... Die Bergführer sprachen von einem Couloir hinauf auf den Gipfelgrat der Dufourspitze, es hänge auch ein vertrauenswürdiges Fixseil drin, zur Zeit seien die Verhältnisse sehr gut... Wir entschieden uns für diese Route, fernab des Normalweges auf die Dufourspitze. Volles Risiko halt... Entweder klappten beide, - Dufourspitze und Nordend, sonst halt evtl. nur letzteres...

Nächstentags, am Samstag, 20. April gings früh los: ca. um 03.30Uhr war das Gros der Hütte am Frühstücksbuffet... Müsli futtern, Butterbrot schmieren, - wir blieben liegen. Wir wussten, wir konnten eine Mehrheit dieser Berggänger im Aufstieg wieder aufholen, - topfit und zudem durch unsere Touren im Jungfraugebiet bestens akklimatisiert.
Mühsam wurde nur, als ich meine Felle montieren wollte, diese aber in der klirrenden Kälte der Bergnacht nicht hielten, - wie gesagt: Das Olivenöl wurde uns nun zum Verhängnis. Klebeband aufgetrieben und die ganzen Felle mit demselben an den Skis fixiert. Wenn das nur gut ging bis zum Silbersattel...
Dann stundenlanger Aufstieg... Bald mal trennten sich die Wege der Dufourspitzenanwärter und der Grenzgletscher-Begeher, letztere stiegen den Gletscher auf, Richtung Italien, Richtung Punta Gniffetti, - Signalkuppe, Capanna Regina Margherita... Erinnerungen an meine ersten 4000ender-Touren...
Nach einer Weile trennten sich dann auch die Routen der Normal-Dufourspitze-Begeher und derjenigen, die Dufourspitze und Nordend vom Silbersattel aus erobern wollten, - wir gehörten zur letzteren Gruppe.
Bald einmal hatten wir alle Gruppen überholt. Im Morgendämmern waren wir die ersten bzw. ich war die erste, ich spurte. Ein Riesengefühl, inmitten dieser mächtigen Hochgebirgswelt, - du fühlst dich so klein und nichtig, - unbeschreiblich... Irgendwann - kurz vor dem Silbersattel - wurde es noch einmal heftig steil. Michi hatte Probleme mit seinen Fellen, die hielten nicht, währenddem meine nun klebten, was das Zeug hielt... Ich befürchtete Schlimmes diesbezüglich... Schliesslich - die Uhrzeit weiss ich nicht mehr, aber vermutlich war es so um 10.30Uhr - kamen wir auf dem Silbersattel an... Beim Versuch, die Felle von meinen Skis abzuziehen, bemerkten wir dann schnell, dass sich der Klebstoff der Felle wiederum mit dem Wachs zu einer schier untrennlichen Klebemasse verbunden hatte... Freude herrschte... Schliesslich schafften wir es in penibler Arbeit mit Schweizer Taschenmesser und isotonischem Getränk - Michis Mutter sei ewig Dank, sie packte es Michi nämlich in den Rucksack - den Klebstoff von den Skis zu entfernen... Blieb nur zu hoffen, dass der Belag nun auf dem Schnee rutschte und nicht irgendwelche Stollen oder so bildete...
Doch zunächst wollten wir hoch auf die Gipfel.

Leider hatten wir zwei Schweden mit ihrem Bergführer im Couloir vor uns. Das kam davon, wenn man seine Zeit mit Fell-Geschichten vertrödelte... Die Schweden schienen nicht grade bergerfahren, jedenfalls schmissen sie uns ständig Eisbrocken auf die Helme... "Deckung", "Achtung, Eis!", zeitweilig auch "Stein!", wurden in den nächsten zwei Stunden unsere häufigst verwendeten Begriffe, - leider... grade entspannend war der Aufstieg auf den Dufourspitze-Gipfelgrat diesbezüglich nicht... Oben angekommen, bewältigten wir die letzten Meter auf den Gipfel, Michi ging vor, ich folgte. Die letzte Sicherung montierte er am Gipfelkreuz der Dufourspitze... Und dann: Nur noch Tränen. Ich konnte es nicht glauben! Ich stand auf dem höchsten Gipfel der Schweiz, wir teilen ihn uns mit Italien. "Perchè io e non anche tu?", frage ich und bete. Non c'è una risposta, wenigstens nicht in diesem Leben... Eintrag ins Gipfelbuch, ich blicke hinüber zur Punta Gniffetti - zur Signalkuppe - dort drüben, - das waren meine ersten 4000ender-Touren, - die Spaghetti-Touren: Leicht zu besteigende 4000ender von Alagna aus, das Monte-Rosa-Massiv von der italienischen Seite her.
Abstieg durchs Couloir, vorbei an den Skis: Wir haben über drei Stunden benötigt und nun wollen wir noch das Nordend besteigen. Vorsicht bei der Gratwächte. Diese ist stark ausgeprägt und die Spur verläuft mir zu stark rechts in den Wächtenbereich hinein. Erklimmen des Nordend. Kurz vor dem Gipfel eine Felsstufe, da geht Michi vor. Ist nicht so einfach mit den Steigeisen an den Füssen zu klettern... Oben: Wiederum riesige Freude, doch wir wollen uns beeilen und bleiben nicht lange auf dem Nordend-Gipfel. Auch kein Gipfelbuch.
Abstieg zum Skidepot. Abfahrt - welch' ein Glück, meine Skis, sie fahren!!! - zur Monte-Rosa-Hütte in spätnachmittäglichem, sattem Licht... Dann vor der Hütte liegen, in die Berge sehen und wissen: Ich war da oben, ich hab's geschafft, - wir, wir habens geschafft. Ein unbeschreibliches Gefühl von Zufriedenheit, Erfüllung und Stärke... Abendessen. Nächstentags, Sonntag: Abfahrt zum Fusse des Gornergrates, Aufstieg mit aufgebundenen Skis, Blick zurück: Yes, we did it! Stolz! Dankbarkeit! Mit der Klein-Matterhorn-Bahn geht's zurück nach Zermatt und von dort mit der SBB via Lötschbergtunnel, Bern und Olten nach Luzern.

Nach einer Woche im Hochgebirge kehren wir zurück in unsere Stadt: Hinter- und Gross-Fiescherhorn, Finsteraarhorn, Dufourspitze, Nordend - dies unsere Bilanz. Die beste Tourenwoche meines bisherigen Lebens... Heute - 2009 - sehne ich mich nach zwei Jahren Abstinenz vom Hochgebirge wie nie zuvor danach, wieder auf hohe Berge zu steigen. Ich muss zurück, so viel steht fest. Die Berge, die hohen Berge: Sie sind meine Kraft, sie sind Teil meines Lebens.

Michi, danke, danke, danke! Niemals werde ich die Touren mit dir vergessen.


Sabine Stössel, Juni 2009 und Frühjahr 2008 (überarbeiteter Text): "4000ender - Lebensberge"

Tourengänger: surfy

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Kommentare (6)


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gero Pro hat gesagt: Gratulation...
Gesendet am 10. Juni 2009 um 04:47
....es ist schön, wenn man sich so wie Du am Leben, an den Bergen freuen kann - ich gönne Dir sowohl den triumphalen Erfolg an diesen beiden Gipfeln als auch Deine Begeisterung von ganzem Herzen.
Und wünsche Dir noch viele weitere schöne Touren!

Bergkamerad Georg

surfy hat gesagt: RE:Gratulation...
Gesendet am 10. Juni 2009 um 06:03
guten morgen georg

tatsächlich haben mir die berge in meinem leben unglaublich viel energie gegeben und geholfen, auch schwierige lebenssituationen zu überwinden.
auch dir weiterhin viele schöne touren.

lieber gruss
sabine

MaeNi hat gesagt: Tolle Tour!
Gesendet am 10. Juni 2009 um 08:24
Gratulation! Irgendwann werden wir uns die auch noch einverleiben!

Liebe Grüsse

surfy hat gesagt: RE:Tolle Tour!
Gesendet am 11. Juni 2009 um 09:06
...ja, die beiden sind in einem bergsteigerleben schon irgendwann mal ein must... wünsche euch viel erfolg und unvergessliche erlebnisse!

lieber gruss
sabine

Sputnik Pro hat gesagt: Super Surfy ;-)
Gesendet am 10. Juni 2009 um 10:26
Grutuliere Dir zum Doppelpack - die beiden höchsten Schweizer zusammen ist echt eine tolle Leistung!

Wenn Du möchtest kannst Du die Tour in der Community "Europäische Höhepunkte" eintragen: http://www.hikr.org/post6405.html

Viele Grüsse und weiterhin tolle Touren!

Sputnik

surfy hat gesagt: RE:Super Surfy ;-)
Gesendet am 11. Juni 2009 um 09:07
...danke, sputnik! :-)

es ist kaum zu beschreiben, welches glück und welche erfüllung mir diese zwei gipfel - und natürlich die ganze tourenwoche damals - beschert haben... danke für deinen hinweis betreffend "europäischer höhepunkte", - werde ich machen!

auch dir weiterhin superschöne touren, liebe grüsse
sabine

...ja, die beiden sind in einem bergsteigerleben schon irgendwann mal ein must... wünsche euch viel erfolg und unvergessliche erlebnisse!

lieber gruss
sabine


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