Tocllaraju (6034 hm)


Publiziert von Benniben , 18. September 2016 um 18:45. Text und Fotos von den Tourengängern

Region: Welt » Peru
Tour Datum:21 August 2016
Wandern Schwierigkeit: T3 - anspruchsvolles Bergwandern
Hochtouren Schwierigkeit: S
Eisklettern Schwierigkeit: WI4
Wegpunkte:
Geo-Tags: PE 
Zeitbedarf: 4 Tage
Aufstieg: 2400 m
Abstieg: 2400 m

[Vorangegangene Tour: Nevado Pisco und Laguna 69]

Epilog
Vier Personen – ein Plan. Nahezu ein Ding der Unmöglichkeit. Nicht jedoch für uns.
Da wir mit sehr unterschiedlichen Hochtouren-Vorkenntnissen in die Cordillera Blanca reisten, dennoch unsre Touren gemeinsam gestalten wollten und darüber hinaus jeder auf seine Kosten kommen sollte, heckten wir für die nächsten vier Tage einen genialen Plan aus:

Tag 1:    Gemeinsame Anreise und Aufstieg ins Basecamp „Ishinca campo base“ (4350m)
Tag 2:    Team 1: Aufstieg ins Moränenlager des Tocllaraju (ca. 4960m);
                 Team 2: Aufstieg ins Moränenlager des Ishinca
Tag 3:    Team 1: Gipfel des Tocllaraju (6034m) und Rückkehr ins Basislager;
                 Team 2: Gipfel des Ishinca (5530m) und Rückkehr ins Basislager
Tag 4:    Gemeinsamer Abstieg vom Basislager und Rückkehr nach Huaraz
 
Tag 1 (19.08.2016):   Gemeinsame Anreise und Aufstieg ins Basecamp "Ishinca campo base" (4350m)
Von Coshapampa oberhalb des Dörfchens Pashpa (ca. 3600 hm) aus starten wir gut gelaunt ins Ishinca Basislager (4350 hm). Der Wanderweg ist nicht sonderlich steil aber doch fast 17
km lang. Es geht zunächst ein wenig bergab und über einen ordentlichen Weg über einen kurzen Anstieg auf eine kleine Moräne empor und biegt dann nach links in ein flach ansteigendes Tal ein. Das Basislager befindet sich in einer großen flachen Wiese mit einem Fluss. Ungläubig schauen wir auf die Uhr: Bereits nach 3,5 Stunden (Zeitangabe von unserm Guide heute morgen: 4-5 Stunden) und 15 Minuten vor dem Eintreffen unsres Esels fühlen wir uns für die folgenden Tage top akklimatisiert (T2). Kleine „Demütigung“ am Rande: Heißt es nun für uns nur noch Zelt aufbauen, viel Essen, noch mehr Trinken und Kräfte für die kommenden beiden Tage sparen, meint unser Guide Cesár, seine Fußballqualitäten unter Beweis stellen zu müssen. Wir finden uns damit ab, dass Fußball spielen auf 4350 hm den einheimischen Eseltreibern, Portern und Guides vorbehalten ist und hoffen, dass sich Cesár nicht noch den Knöchel verstaucht...
 
Tag 2 (20.08.2016):   Aufstieg ins Highcamp/Moränencamp des Tocllaraju (ca. 4960 hm)
Am nächsten Morgen schlafen wir aus, packen unsre sieben Sachen und steigen ins Moränenlager auf. Der Weg führt zunächst auf die linke Seite der gewaltigen Stirnmoräne und steigt in Kehren einen steilen Hang empor. Auf dem ersten Stück ist er mit Sand bedeckt, in der oberen Hälfte führt der Weg über große Steine und Felsplatten. Nach 2,5 Stunden
erreichen wir das Moränenlager, welches zwischen den Steinblöcken mehrere kleine Zeltplätze bietet (T3). Die oberen Zeltplätze sind die besseren, unten wird’s am Nachmittag doch recht matschig...
Vor unserm Zelt tut sich ein Abgrund auf, von dessen Kante aus man einen wunderbaren Blick auf den Gletscherabbruch der gegenüberliegenden Seite hat. Wir genießen die letzten Sonnenstrahlen und staunen nicht schlecht, wie sich die Berge um uns herum in zartes Rosa einhüllen.
 
Tag 3 (21.08.2016):   Gipfel des Tocllarachu (6034 hm) und Rückkehr ins Basecamp
Das Abenteuer beginnt - Um 0:30 Uhr klingelt der Wecker, um 1:30 finden wir uns dick eingepackt und mit Steigeisen unter den Füßen auf dem Gletscher wieder. Eine kurze Passage mit 45° Steigung führt uns unmittelbar auf einen mit Büßereis bedecken, breiten Grat. Ca. 1,5 Stunden umlaufen wir mehrere Gletscherspalten dann stellt sich eine erste Wandstufe über 120 hm in den Weg. Oben und unten wartet diese mit ca. 60° Neigung auf, zwischendrin darf man im 50°-Gelände durchaus etwas ausruhen. Wir befinden uns nun auf dem breiten Grat. Über mehrere Aufschwünge geht es weiter durch die Dunkelheit. Schritt für Schritt stapfen wir voran. Die allmählich über den Wolken aufgehende Sonne verleiht uns zusätzliche Kraft, die wir später auch noch brauchen werden. In der Ferne türmt sich die Gipfelpyramide auf. Langsam laufen wir den vorangehenden Seilschaften auf. Unterhalb der 80 m hohen und 70° steilen Headwall, teils aus Blankeis, teils aus zuckerartigem Schrott, kommen wir zum Stehen. Die Seilschaften vor uns kommen nur sehr langsam voran. Nun heißt es Zehen und Finger kneten und abwarten, bis wir mit dem Klettern an der Reihe sind (was nervenzehrende 90 Minuten in Anspruch nimmt).
Die Kletterpassage - Ich sehe nur den Meter unmittelbar vor mir, denn mein Helm und mein Rucksack erlauben es mir nicht, den Kopf nach oben zu heben. Also finde ich mich damit ab, nicht das Ende des Steilstücks zu sehen und konzentriere mich ausschließlich darauf, die Eisäxte und Frontalzacken sicher in das brüchige Eis zu rammen. Immer die Worte meines am Seil unter mir hängenden Kollegen im Kopf: „Mach mir einen Gefallen, stürz‘ jetzt nicht!“ Oben angekommen, legen wir uns keuchend auf den Boden. Eisklettern in 6000 hm ist doch ganz schön kräftezehrend.
Der Gipfel - Weiter geht es über den Grat zum Gipfel. Die letzten Meter haben es noch einmal in sich: Wir steigen seitlich in eine Gletscherspalte, links geht es mehrere hundert Meter fast senkrecht in die Tiefe. Wir durchqueren die Spalte, auf der anderen Seite klettern wir die Spalte heraus und stehen gegen 7:30 Uhr auf dem Gipfel. Leider meint es Petrus nicht sonderlich gut mit uns und schickt uns eine dichte Wolkenfront, wir können aber immer wieder kurze Blick auf die umliegende Landschaft erhaschen. Wir bleiben nur kurz auf dem Gipfel und treten den Rückweg an.
Der Abstieg - Die 70°-Flanke hinabzusteigen wäre schon recht sportlich, einfacher und eigentlich auch schneller geht’s am Seil, dachten wir. Also seilen wir uns ab, müssen aber wieder gut 60 Minuten warten, ehe der Bergführer vor uns seine Klienten sicher hinabbugsiert hat. Nervt. Nun sind also wir dran. 50 Meter in die Tiefe. Als ich am Seil hänge, sehe ich, wo das Seil endet: Genau über einer Gletscherspalte! Matthias, der sich zuerst abseilte, steht jedoch neben der Spalte, hat mit einem Firnanker schon einen Stand eingerichtet. Also sollte es möglich sein, neben der Spalte zu landen. Wir seilen uns weiter unten ein weiteres Mal ab und lassen die Steilpassagen auf dem Gletscher hinter uns.
Unsre Füße tragen uns nach unten, bald erreichen wir das Moränenlager am Gletscherrand. Wir packen unser Zelt zusammen und steigen hinab ins Basislager, wo uns unsre Mädels mit erfolgreich bestiegenem Ishinca-Gipfel (LINK) und bereits aufgebautem Zelt erwarten.
 
Tag 4 (22.08.2016):   Gemeinsamer Abstieg vom Basislager und Rückkehr nach Huaraz
Nach den Strapazen des Vortages erscheint der Abstieg eher wie ein Spaziergang. Die Rückfahrt nach Huaraz verlief ohne Zwischenfälle.
 
Infos für die Tourenplanung:
-  Anreise:   mit Taxi oder organisiertem Bus nach Pashpa/Coshapampa
-  An Gipfeltagen mit mehreren Seilschaften ( bei uns waren es 8 und alle waren erfolgreich) empfiehlt es sich, frühzeitig loszugehen, um Wartezeit vor Steilpassagen und vor dem Abseilen zu sparen. Unsre „Wartezeit“ am Gipfeltag betrug insgesamt  150 Minuten!
vom Basecamp „Ishinca campo base“ lassen sich weitere Berge besteigen: Ishinca (WS, 5530hm, 1 oder 2 Tage), Urus (WS-, Steinschlag, 5420 hm, 1 Tag), wer’s kann: Ranrapalca (SS, 6162 hm, 3 Tage)
-  Highcamp/Moränencamp: Gegen Abend drückt der Gletscher Schmelzwasser aus dem Eis. Bei der Zeltplatzwahl auf Anzeichen wie schon leicht nasser Boden achten.

Tourengänger: frmat, Benniben

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