Mit Nachwuchs durch den Meilener Tobel


Publiziert von 1Gehirner , 17. Oktober 2015 um 01:12.

Region: Welt » Schweiz » Zürich
Tour Datum:10 Oktober 2015
Wandern Schwierigkeit: T1 - Wandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-ZH 
Aufstieg: 270 m
Abstieg: 215 m
Strecke:6 km
Zufahrt zum Ausgangspunkt:S6/S7 nach Meilen, Bus nach "Meilen Schwimmbad"
Zufahrt zum Ankunftspunkt:Bus von "Meilen Hohenegg"
Kartennummer:keine

Meilener Dorfbachtobel

Eigentlich hätte es eine Wanderung mit unserer Tessiner Ferienbegleitung werden sollen, wie wir ein Pärchen mit Kind. Leider waren die "Männer" davon an diesem Samstag indisponiert (Muskelkater bzw. Mittelohrentzündung). Stattdessen zogen wir zu dritt los - und probierten den "African Baby Carrier" (ABC) aus, den uns unsere neue Krankenkasse geschenkt hatte. Sieht aus wie eine Manduca, nur ein bisschen anders. Den Vergleich mit der Manduca (und die Folgen davon): siehe unten ;)

Zunächst gibt es im warmen Wartehäuschen auf dem Perron Brei für den Nachwuchs. Er futtert wie nie zuvor. Wir sollten öfters mit ihm wandern gehen...

Ganz faul lassen wir den Bus die ersten paar Höhenmeter bezwingen und steigen oberhalb von P.463 in den "Zustieg" ein, wo es zunächst bergab geht. Meine Frau hatte (ganz ungewöhnlich) den Rucksack mit Wickeltasche, Verpflegung und Wechselkleidung (für uns) auf dem Buckel. Unser kleiner Wicht, den ich auf dem Rücken mitschleppen durfte, war schon im Bus eingeschlafen (gepriesen sei der brummende Diesel!) und bekam von der schönen Landschaft nicht viel mit. Recht dramatisch und tief eingeschnitten fliesst hier der Keine-Ahnung-was-für-ein-Bach zum Meilener Dorfbach hinab, kurz vor der Einmündung erzeugt er dabei noch einen wunderschönen Weiher. (Einer der Meilener Bäche trägt auf der amtlichen Vermessungskarte gar den unromantischen Namen "Öffentliches Gewässer No.11".)

Dann geht es erstmal wieder die Fahrstrasse hoch: Der interessante Start in den Tobel ist gesperrt, vielleicht hat es den Weg weggespült... 100m weiter oben dürfen wir dann doch noch den Wanderweg betreten.

Uns überrollt förmlich die Unmenge an Pilzen - vermutlich Hallimasch - um uns herum. So eine Ungewalt an Vermoderung haben wir noch nicht gesehen, sehr beeindruckend. Wir sparen uns die genaue Bestimmung der immer wieder gleichen gelben Pilze auf dem toten Holz; selbst wenn es Hallimasche wären, wären sie auf Laubholz ungeniessbar... und sammeln ist heute auch nicht drin.

Die schönen Wasserfälle, Kessel und Kanäle geniessen wir dafür in vollen Zügen. Nach zwei Hündelern recht bald nach dem Start sehen wir keine Menschenseele mehr. Es ist noch nicht so richtig herbstlich, aber wir wollen ja mit unseren Freunden nochmal her... Dafür ist es recht kalt, viel kälter als erwartet und angesagt, die Sonne schafft es heute nicht durch den Nebel. Das ist ungünstig, der Kleine wird zwar von mir gewärmt, hat aber keine wirklich warmen Sachen dabei. Mit Socken, Übersocken und Stulpen werden die Füsschen trotzdem halbwegs warm gehalten. Er ist mittlerweile wach und schaut eifrig und sehr aufmerksam in die Gegend. Kopf links - Kopf rechts - Kopf links... jedesmal an meinen Schulterblättern vorbei. Der ABC bietet leider kaum Verstellmöglichkeiten, die ihm mehr Freiheit gewähren würden.

Die Burg und ihre angrenzenden pittoresken Gebäude nehmen wir genauer unter die Lupe, nicht nur aus historisch-nostalgischem Interesse, sondern weil wir nach einem Plätzchen fürs Mittagessen suchen. Allerdings ist das hiesige Restaurant so nobel angehaucht, dass wir uns angesichts unserer bescheidenen finanziellen Mittel und der offensichtlichen Wanderausstattung auf das obere Ende des Tobels vertagen und uns wieder in seinen feuchten Schatten begeben.

Dann treten wir in das Schiessareal ein, wo uns ein Schild vor herunterfallenden Tontaubensplittern warnt... aber natürlich gaaanz ungefährlich. Wir glauben dem Schild. Hätten wir die monströsen Brocken schon hier gesehen, die weiter oben herumliegen, wäre es um seine Glaubwürdigkeit schlecht bestellt gewesen... und die Genossen ballern heute mit grosser Begeisterung. In der Mittagspause. Dass es sowas in der Schweiz gibt... und dann noch nicht mal zur Landesverteidigung, es handet sich um einen Jagdschützenverein.

Unser Nachwuchs findet das nicht gut. Laut motzend und später schreiend kommentiert er die Schüsse. Wir versuchen ihn zu beruhigen, ohne Erfolg. Also machen wir, dass wir hier wegkommen. Den Tobel zu verlassen bietet sich nicht an, aber endlich sind wir weg von dem Geballer. Hier sehen wir auch die teils handtellergrossen, knallneonrosafarbenen Tontauben, denen ein viel zu frühes Ende beschieden war. Muss der Schiessverein nicht aufräumen, was er versauigelt hat?

An dramatisch ausgespülten Steilwänden und kleinen Wasserfällen vorbei, mittlerweile mit deutlich weniger Pilzen, steigen wir weiter auf. Der Kleine bekommt langsam auch Hunger und tut dies hörbar kund, so dass wir am oberen Tobelausgang Halt machen und er sein wohlverdientes Mahl bekommt. Dabei merken wir, dass er trotz dreifacher Schicht recht kalte Hände und Füsse hat. Wir suchen deshalb den nahegelegenen Gasthof "Alpenblick" in Toggwil auf, um uns und den Kleinen aufzuwärmen.

Der hat wunderbar neue Toiletten - ohne Wickeltisch! Wir behelfen uns mit dem Boden der Behindertentoilette. Da das Geld sonst nicht zur Rückfahrt reicht, begnügen wir uns mit zwei Mandelgipfeli, ganz ohne wollen wir in der warmen Stube nicht schmarotzen - und erleben ein Wunder: Die Wirtin spendiert uns dazu aus eigenem Antrieb zwei Kaffee, einfach so! Wir sind baff und geniessen Essen und Trinken wie selten zuvor. Solche Gastfreundschaft im Zürcher Raum! Wir kennen das bisher nur von sehr einsamen Bauernhöfen hoch oben abseits der Touristenrouten. Hierhin kommen wir definitiv wieder - dann mit ausreichender Barschaft und genügend Hunger!

Wenig später machen wir uns auf den Weg zurück nach Meilen, diesmal immer entlang der Fahrstrasse. Zwei Minuten vor Abfahrt des Busses erreichen wir die Haltestelle "Hohenegg" und nutzen den öV ein zweitesmal zum Vernichten von Höhenmetern.

Jetzt zum Teil, der nur für frischgebackene Wander-Eltern von Interesse sein könnte: Der Vergeich ABC-Manduca. Wir hatten den ABC ausprobiert, weil er drei "Features" bietet: eine Geldbeuteltasche am Hüftgurt à la Deuter-Rucksack, eine Rückentasche mit seitlichem Eingriff und eine mit zwei Karabinern anklickbare Tasche unter dem Babyhintern. Allerdings ist nicht alles optimal: Die Geldbeuteltasche ist nur angeklettet und kann abreissen, wenn sie an einem Stein oder Ast hängenbleibt. Der Druckknopfverschluss ist nicht wirklich einhändig zu bedienen. Insgesamt zu heikel für Wertsachen. Die anklickbare Tasche ist eine tolle Idee - aber sie baumelt frei herum und schlägt ständig von hinten an die Oberschenkel des Trägers.

Dazu kommen die weniger offensichtlichen Nachteile:
- Die Bänder des Kopfteils sind nicht flexibel und lassen sich vom Träger nicht wirklich anbringen, es braucht einen Helfer. Der Kopf des Babys wird nicht so gut gestützt wie bei den Gummizügen der Manduca.
- Die Sitz- und Rückenfläche ist nicht geformt, sondern flach, und deutlich dünner als bei der Manduca. Besonders bei kühlem Wetter wie heute ein Problem. Zudem sind die Einstellmöglichkeiten schlechter, der Kleine sass oft mit weit zurückgelegtem Kopf drin.
- Der Hüftgurt trägt sich nicht so angenehm, er ist weniger gepolstert. Ausserdem hat er keine Sicherheitsschliesse, mir wäre er einmal fast aufgegangen. Die Folge wäre ein *plopp* oder *platsch*, wenn der Kleine herausfällt...

Insgesamt scheint uns die Manduca sehr viel wandertauglicher zu sein. Die fehlenden Features haben wir jetzt "customized" nachgerüstet: Eine Mammut-Gürteltasche (das idiotische Isolierfutter herausgetrennt und ein Fach für EC-Karte, Halbtax und Schlüssel eingenäht), einen Mammut-Flaschenhalter (Mammut-typisch untauglich für Flaschen, da diese einen hohen Schwerpunkt haben und das Ding mit den zu tief angenähten Klettverschlüssen zum Kippen bringen, aber perfekt fürs Tablet beim Geocachen :D), die obligatorische Kameratasche von Deuter an einem Schultergurt und auf dem Baby-Rücken eine anklickbare, nicht schlackernde umgenähte Netbook-Hülle mit drei verschliessbaren Fächern. Eine Abdeckung gegen Sonne ist in Arbeit und die Regenhülle (aus einer Wachstischdecke) sowie eine Rückenisolierung aus einer alten Isomatte kommen als nächstes, während meine Frau warme Stulpen strickt. Der Winter kommt!

Tourengänger: 1Gehirner


Galerie


Slideshow In einem neuen Fenster öffnen · Im gleichen Fenster öffnen


Kommentar hinzufügen»