Eine Nacht durch den Dschungel auf den (bald verbotenen?) Riesen von Bali - Gunung Agung (3142m)


Published by Kris , 19 June 2023, 23h49.

Region: World » Indonesien » Bali
Date of the hike:16 May 2023
Hiking grading: T4- - High-level Alpine hike
Waypoints:
Geo-Tags: RI 
Time: 9:00
Height gain: 2000 m 6560 ft.
Height loss: 2000 m 6560 ft.

Der höchste Berg Balis bald für die Besteigung gesperrt? Ist das nun Clickbait für mehr Klicks auf diesem Bericht oder Realität? Letzteres ist es noch nicht geworden - ausgeschlossen ist es aber nicht. Wie kommt es dazu? Nun dazu lohnt ein kurzer Exkurs über die Relevanz dieses Berges für die Menschen Balis.. 

Der Berg spielt in vielerlei Sichten eine zentrale Rolle im Leben der Balinesen, im Guten wie im Schlechten. Er ist ständige Bedrohung - die letzte Eruption datiert auf Mai 2019. In den 60er Jahren staben bei einem Ausbruch mehr als 1000 Menschen. Er ist aber auch eine klare Landmarke, sichtbar von vielen Orten - relativ zentral in Bali gelegen. Er überragt dabei die nächsthöchste Erhebung um fast 1000 Höhenmeter. Wohl deswegen ist er zuallererst von den Balinesen als Thron der Götter angesehen und damit ein mehr als heiliger Ort. Es schlagen daher zwei Herzen in der Brust der meisten Einheimischen. Einerseits ein Wirtschaftsbringer (Guiding) , andererseits wie erwähnt zentraler Anker der mehrheitlich hinduistischen Einwohner. 

Worin besteht nun das Spannungsfeld, dass in einer Sperrung des Berges gipfeln könnte? Nunja, es ist das oft nicht gerade mit dem Sitz der Götter vereinbare Verhalten einiger Touristen. Mehrheitlich geht es dabei um Fotos, die im Internet kursieren und den Gipfel mit nackten Hintern und ähnlichem entweihen. Das veranlasste den Gouverneur von Bali zu einem aktuellen Dekret, in dem wohl die Besteigung ALLER heiligen Berge auf Bali verbieten lassen soll. Ist der wirtschaftliche Faktor des Agung noch zu vernachlässigen (bei meiner Besteigung gab es etwa 15 andere Touristen), sind bspw. der Batur durchaus Touristenmagneten mit bis zu 1000 Touristen am Tag. Dementsprechend stößt das Dekret durchaus auf Widerstand in der Bevölkerung und ich bin gespannt, ob es wirklich passiert, dass das Bergsteigen auf Bali quasi zum Erliegen kommt.

Nun wäre das ein Grund für eine last-Minute Besteigung von meiner Seite. Allerdings war zu diesem Zeitpunkt noch keine Rede davon. Dementsprechend waren es andere Gründe die mich verleiteten.. bspw. die durchaus sportliche Herausforderung der 2000 Höhenmeter ab Besakih .. oder die fantastische Aussicht auf dem alles überragenden Punkt des Agung. Es gibt eine alternative Route, die etwas kürzer auf den Agung führt. Diese wählte ich aber bewusst nicht, da im Internet zu lesen ist, das hier der höchste Punkt des Agung nicht erreicht wird - natürlich ein No-Go für Gipfelsammler. Dies stimmt allerdings nicht. Man kann auch auf der alternativen Route den Gipfel erreichen (steil!) - es ist allerdings nicht offiziell erlaubt. Generell wird ein Guiding empfohlen und soweit ich es überblicken konnte war das für fast alle oder alle Geher an diesem Tag der Fall. Immerhin geht es ja nächtlich durch den Dschungel.. der Pfad ist aber dabei so ausgetreten dass es theoretisch ohne Guide möglich sein sollte ..bis zum nächsten Erdrutsch in der Regenzeit.. also #better safe than sorry.

Unter diesem Motto wird der Guide bereits ab Deutschland reserviert und gebucht. Ausnahmsweise als Privat-Guide (sonst eigtl. erst ab 2 Personen möglich) damit die Besteigung an diesem Tag auch wirklich stattfindet. Das Zeitfenster lässt es nicht anders zu, da wir danach zu unseren Tauchspots weiterfahren. Inkludiert in der Buchung ist auch der etwa anderthalbstündige Transfer ab/an Ubud sowie ein Lunchpaket. Theoretisch auch noch Stirnlampe, Windjacke, Handschuhe. Ich verzichte und bringe mein eigenes Equipment mit sowie 3 Liter Trinken.

Um 19 Uhr gehen wir noch etwas Essen, nachdem ich am Nachmittag einen kleinen Nap eingelegt habe. Geschlafen wir ja diese Nacht nicht. 21 Uhr ist Abholzeit. Erst finde ich meine kurze Hose nicht, dann taucht sie doch noch auf. Es folgt der Transfer nach Besakih. Zwischendurch fängt es doch tatsächlich an zu regnen und dichter Nebel zieht auf. Ein schlechtes Omen? Zum Glück verzieht sich beides wieder bis zur Ankunft. Nach kurzem Equipment Check und Anmeldung für das Gipfelpermit geht es dann los. Neben mir läuft bei der gleichen Agentur noch ein französisches Paar mit. Da staune ich nicht schlecht, die Frau trägt die wohl kürzesten Pants die ich jemals bei einer Wandertour gesehen habe. Da drücke ich ihr innerlich die Daumen, dass sie noch Wechselkleidung dabei hat, bei etwa 5 Grad auf 3000m - Bali ist nicht immer warm..

Mein Guide gibt mir gleich zu Beginn zu verstehen, dass er kaum 3 Worte auf Englisch beherrscht. Das wird also keine nächtliche Plauderstunde. Da man ohnehin nichts sieht, haue ich mir also einen Podcast auf die Ohren, für die nächsten Stunden und Stunden. Das französische Pärchen und deren Guide legen in einem Affenzahn los, so dass ich denke dass das kein Mensch durchhalten kann. Haben die neben der passenden Kleidung auch vergessen, dass es dann doch 2000 Höhenmeter zu gehen sind? Mein Guide will sich da nicht abziehen lassen und will zu den dreien da vorn aufschließen. Den Zahn ziehe ich ihm gleich in dem ich mich immer weiter zurückfallen lasse. Er zeigt dabei aber eine atemberaubende Konsequenz an den Tag legt. Er passt sich nicht etwa meinem Tempo an, sondern rennt 30 Meter nach vorn, bleibt stehen, ich hole ihn ein, er rennt wieder vor. Dieses Spiel wird sich in dieser Nacht wohl an die 1000 Mal wiederholen. Nicht mein Problem, denke ich mir. 

Der Weg ist einigermaßen ersichtlich, dabei erdig und zu Beginn erstaunlich flach. Wo sollen da die ganzen Höhenmeter herkommen? Zwischendurch ist es aber auch ordentlich zugewachsen und man streift durch die Pflanzen hindurch. Ein Hoch auf mein langärmliges Merino-Shirt, dass ich mir mittlerweile übergeworfen habe. Am besten will man gar nicht wissen, welche Tiere hier kreuchen und fleuchen. Immerhin gibt es hier auch Spinnen bis zur Größe Huntsman Spider, also mehr als hand-groß. Es macht sich schnell bemerkbar, dass die Franzosen nicht gerade geübt sind, als das Gelände aufsteilt. Hier holen wir sie dann doch schnell wieder ein und machen auch bald die ersten Pausen. Aussicht natürlich Fehlanzeige, obwohl die Handys heutzutage erstaunlich gute Sternenfotos hinbekommen, mit etwas Glück. 

Immer wieder checke ich die Uhr und den Höhenmesser. Wir gewinnen trotz Dschungel schnell an Höhe, mehr als 500 Höhenmeter die Stunde. Wenn es so weiter läuft sind wir viel, viel zu früh oben. Ein Glück für mich, dass ich neben langer Merino Wäsche auch eine Goretex-Windjacke, eine lange Hose sowie ein Fleece mein Eigen nenne. Die Franzosen schlottern jetzt schon mit den Zähnen und die ersten Überlegungen zur Umkehr scheinen zu starten. Zumindest verstehe ich das so mit meinen rudimentären Französisch-Kenntnissen.. der Guide wird daher kreativ und kurzerhand binden sich die beiden zerrupfte Plastik-Ponchos um die Beine. Besser als Nichts, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass das wirklich isoliert.. 

Der Blick öffnet sich nun weit über Bali und die Lichtermeere begeistern. Nichtsdestotrotz bleibt mein Gefühl des viel zu schnellen Aufstiegs. Ich spreche meinen Guide darauf an, er verneint. Wir treffen während einer Pause auf eine deutsche Bergsteigerin, die schon ahnte dass hier kein gutes Zeitmanagement besteht und deswegen etwa 2 Stunden nach uns startete. Dabei waren wir doch schon schnell unterwegs - wie geht das? Leicht erklärt - die deutsche Bergsteigerin war sehr gut im Saft und u.a. auch schon auf der Ama Dablam. Also weit über meinem Level. 

Das Gelände steilt jetzt auf. Es geht nun vom Dschungel eher in eine alpine Landschaft über, aber immer noch vom Grün durchzogen. Die Guides sind nun bedacht , dass man ja vorsichtig ist. Die Franzosen haben Probleme und kraxeln teils auf allen Vieren. Ein Tipp an Nachahmer - mit Stöcken und etwas Trittsicherheit kann man hier auch gut ohne Zuhilfenahme der Hände hochlaufen. Nun, etwa 4 Uhr kommt was kommen muss. Wir sind viel zu früh, wusste ich es doch. Was ist die Lösung? Warten! Damit es einigermaßen erträglich wird entfachen die nun versammelten Mini-Gruppen bis zu zwei Feuer. Nett, aber wir werden total eingequalmt. Die Franzosen bibbern trotz Feuer weiter. Nächstes Mal am besten vorher Googlen. Trotz Weitblick über das nächtliche Bali zieht sich die Pause auf klebrige 50 Minuten. Auch die - sehr lauten - Australier und Briten sorgen nicht für Kurzweil.

Nachdem die Feuer gelöscht sind, geht es endlich weiter. Kurzerhand werden die Guides getauscht, da die Franzosen nun ganz schnell nach oben wollen. Hilft nur leider nicht, davon kommt der Sonnenaufgang auch nicht schneller. So komme ich aber während des steilen, nun karstigen Aufstiegs und auf dem anschließenden breiten Grat ins Gespräch mit dem anderen Guide, der passables Englisch spricht und scheinbar alle Berge der Welt kennt. Eine Sehnsucht, die ihm wohl leider nur via Internet vergönnt ist. Und dann passiert es schneller als gedacht - oben! Allerdings machen wir keinen Halt, sondern gehen direkt von dem scheinbar höchsten Punkt hinüber zum Kraterrand.

Dieser Übergang ist dann deutlich ausgesetzter als ich dachte, v.a. durch den ungewohnten Untergrund. Vom Ausbruch 2019 ist halb erstarrte, weiße und stark abfärbende Vulkanasche übrig geblieben. Die sich fest und griffig laufen lässt, und die sich doch irgendwie weich anfühlt. Seltsam. Am Kraterrand angekommen warten wir weitere 25 Minuten auf den ersehnten Sonnenaufgang. Es ist schmal, und es füllt sich langsam. Der Sonnenaufgang und all diese Farben entlohnen wieder für alle Mühen. Die Bilder sprechen hier mehr als eintausend Worte. Es sind zwar nur ca. 15 Touristen oben, es fühlt sich aber weit mehr an. Fast alle wollen aus jeder erdenklichen Perspektive Foto über Foto und Selfie über Selfie. Ein wildes Gewusel und die lauten Australier / Briten / Amerikaner sind ja immer noch da. Auf einmal dann fast nicht mehr vollzählig. Im Übermut rennt er über den schmalen Gipfel und stolpert, macht kurz vor dem Abhang Halt. Da wäre kein Halten mehr gewesen. Das erinnert daran, dass das hier trotz der 2000 Höhenmeter auch ein Spielplatz für Unerfahrene ist.. 

Die Franzosen bibbern auch weit nach dem Sonnenaufgang noch, ihre Plastikponchos immer noch um die Beine gewickelt. Nach gefühlten zweihundert Bildern machen wir uns an den Rückweg, wieder mit meinem angestammten Guide. Immer wieder drehe ich mich und erspähe neue Bildmotive, drüben im Lombok, drüben am Batur, in der Weitsicht über die Insel, über den Wolken. Eine Tour hier lohnt. Weniger lohnenswert ist hingegen der Abstieg, den ich als zäher als den Aufstieg wahrnehme, was wahrlich selten vorkommt. Vorsichtig will jeder Schritt gewählt sein und dennoch lande ich mehrfach auf dem Hintern und rutsche ab. Nicht gefährlich, aber frustrierend und unschön. Diese Vulkanerde ist einfach ein Endgegner. Nur scheinbar nicht für die Einheimischen, die wohl Klebstoff an den Füßen haben. 

Teilweise gehe ich noch mit der Bergsteigerin nach unten, die auf der Ama Dablam war, irgendwann verlieren wir uns aus den Augen. Nennenswert ist vor allem noch eine Begegnung mit einem Russen, der sich ungefähr auf halber Wegstrecke nach oben noch im Aufstieg befindet. Er scheint mit uns losgelaufen zu sein, auch mit Guide und ist entsprechend schon brutto fast 10 Stunden unterwegs. Der Proviant ist alle, der Russe sitzt lethargisch über einem senkrechten Erdrutsch. Keine Ahnung wie er nach oben gekommen ist. Sein Guide bittet uns um unseren restlichen Proviant. Kann er gerne haben, wir empfehlen aber eine baldige Rückkehr. Der Russe verneint. Was ich dann erfahre, bringt dann noch großes Kopfschütteln. Mir wird berichtet, dass er scheinbar völlig betrunken am Startpunkt angekommen ist. Das erklärt auch das langsame Vorankommen. Das völlig blau 2000 Höhenmeter Aufstieg eine gute Idee ist, das können auch nur die Wenigsten von sich behaupten. Er hat nicht dazu gehört. 

Der Abstieg zieht sich in die Länge und auch hier hilft mir wieder der Podcast auf den Ohren. Die Füße schmerzen, und ich bin froh als wir in Besakih ankommen. Nach Übergabe des Trinkgelds wartet bereits der Fahrer nach Ubud auf mich und stellt mich vor die gefährlichste Prüfung des Tages - seinen Fahrstil. Er scheint es sehr eilig zu haben und nutzt jede noch so kleine Lücke für waghalsigste Überholmanöver. Entsprechend bin ich froh, zurück in Ubud angekommen zu sein. Wir machen dann noch einen sehr ausgedehnten Spaziergang durch Reisfelder und einen kleinen Wanderpfad durch Ubud. Ehrlich, das hätte ich nicht mehr gebraucht und merke schon, was da kommt. Ein Ultra-Muskelkater, der unglaubliche 5 Tage hält. Es ist doch eine lange Tour und ich kann nicht ohne Stolz sagen, dass ich nicht damit gerechnet hätte, als zweiter unten in Besakih angekommen zu sein. Natürlich nach der Ama Dablam Besteigerin. 

PS: Die Gehzeiten beziehen sich auf die ungefähre Netto-Zeit ohne die langen Zwangspausen..


KONDITION 4.5/5
ORIENTIERUNG 3/5
TECHNIK 2/5
EXPONIERTHEIT 3/5

Hike partners: Kris


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