Der Sprachkompass


Published by Alpin_Rise, 4 October 2021, 15h12. This page has been displayed 858 times.

"Sprachkompass.ch: Wie Sprache unsere Wahrnehmung von Landschaft, Mobilität und Ernährung prägt und unser Denken und Handeln anleitet. Eine kritische Orientierungshilfe."

Mehr dazu im sprachkompass.ch. Interessant zum Beispiel die Schweizer Landschaftswörter.

Und was hat das mit dem Berg zu tun? Wenn wir über unsere Aktivitäten in den Bergen sprechen, benutzen wir bewusst oder unbewusst Metaphern aus anderen Lebensbereichen. Wir "bezwingen" Wände oder "erobern" einen Berg, "überwinden Hindernisse", wachsen "über uns hinaus", "tilgen weisse Flecken" aus der Landkarte um nur einige der bekannten zu zitieren. 

Was sagt unser Vokabular über uns und unsere Aktivitäten am Berg aus?

G, Rise



Comments (14)


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Sent 4 October 2021, 15h42
@ mong jez kasch en bringe.

mong says: RE:
Sent 6 October 2021, 00h33
Ich bring nä!

"Populationen leben den Stil der Zitate, derer sie mächtig sind."

oder

"Im Anfang war das Wort..."

Schubi says:
Sent 5 October 2021, 14h51
Vielen Dank für diesen Lese-Tipp!
Auch wenn ich kein Schweizer bin, finde ich im Aufsatz von Flurina Wartman viel sehr interessante Aspekte thematisiert, sehr ausführlich zB den Transfer von der Landschafts-Wahrnehmung zur Landschafts-Beschreibung.
Und ich hab mich gefreut, dass die Verfasserin Robert Macfarlane mehrfach zitiert. Ein Autor, den ich für sein Talent bewundere, eben diesen Transfer in seinen Büchern sehr meisterlich umzusetzen.

Sent 5 October 2021, 19h05
naja.

Meines Wissens kommt (G)Rüt(l)i von roden, Schwendi von schwenden, Schachen liegen immer entlang von Gewässern, egal ob am Arsch der Welt oder nahe einer Siedlung.

Nyn says:
Sent 5 October 2021, 20h59
Ich danke ebenfalls für die anregende Lektüre.
Unsere Wahrnehmungen von Natur und Gefühle beim Betrachten dersleben, sowie beim Ausüben der verschiedenen Spielarten sind ja mit wichtigeste Grundlage unserer Berichte hier auf hikr.
Nicht selten geht es mir dabei so, dass mir ein wenig die passenden Worte zu fehlen scheinen, um meine Eindrücke und das Empfinden adäquat zu beschreiben - umsomehr begrüße ich die Vielfalt und spannende Bedeutungen verwendeter Begriffe.

wildchip says:
Sent 6 October 2021, 22h54
Was man über Landschaft, Natur und Wildnis sagt ist eh nur ein Abklatsch.

Entscheidend ist für mich raus zu gehen, unter dem Himmel zu sein, im Lichtspiel der Dämmerung, auf den Graten, über jähen Abgründen.

Schön noch, wenn man das schweigend teilen kann mit einem Tourenpartner.

Darüber reden oder nicht ist Schall und Rauch.

Fest steht für mich, dass der Mensch in Zimmern und Büros, vor Bildschirmen, in Häuserschluchten und zwischen Supermarktregalen, oder an der Theke hockend, unter Kunstlicht, beraubt ist, eingemauert, herausgerissen, entwurzelt und auf den heißen Asphalt geworfen zum vertrocknen.

Vielgestaltige Sprache über die Landschaft heißt, dass man eine vielgestaltige Beziehung und Verbundenheit zur Natur hat, zur Wildnis hinter der nächsten Geländekante. Wes das Herz voll ist, geht der Mund über. Sprache ist ein Indikator, aber kein sinnstiftender Selbstzweck, nur ein Abglanz.

Ich kann besser leben und sterben und fühle mich bereichert und gesättigt weil ich die Schönheit der Wildnis in den Bergen gesehen habe und sehe.

Keine Ahnung wovon andere leben müssen. Vom Schauen von Fernsehserien womöglich. Oder von Bildern von den Bergen im TV. Unangenehme Vorstellung.

Sent 7 October 2021, 09h51
@ wildchip

du siehst aber schon, dass du dir nicht nur selber widersprichst, sondern auch die These bestätigst, welche der Sprachkompass aufstellt.

Alpin_Rise says: RE:
Sent 7 October 2021, 16h30
> Was man über Landschaft, Natur und Wildnis sagt ist eh nur ein Abklatsch.

Einverstanden. Genau darum interessiert mich als Lesender/Schreibender, wie die Berge "abgeklatscht" werden.

Der Sprachkompass verdeutlicht, dass unser Empfinden eben nicht absolut und losgelöst, sondern durchsetzt von unseren Sprachbildern ist. Bergberichte aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts irritieren aus heutiger Sicht oft. Und werfen auch so manche Fragen auf, wie Berggehende damals ihr Tun und die Natur empfunden haben.

Zum Thema kann ich wie schon Schubi die Werke von Robert Macfarlane empfehlen. Oder die aktuelle Ausstellung im Alpinen Museum in Bern, dazu wäre aber ein neuer Thread fällig.

G, Rise

mong says:
Sent 7 October 2021, 22h08

> Die kürzeste Liste am selben Standort stammt von
> einer unter 25-jährigen Person und umfasst
> 4 Begriffe: Blueme, Bäum, grüen und
> See. Als Bedeutung dieser Landschaft gab
> diese Person «eigentlich nichts» an.

Eine grundehrliche Antwort dieser jungen Person! Ich musste lachen!
Ich prophezeie ihr ein zwar nicht einfaches, aber dafür erfülltes Leben.

Ich meine, es gibt keine richtige Art, eine Landschaft
zu beschreiben oder zu erleben.

Und eine richtige Bedeutung einer Landschaft gibt
es schon grad gar nicht.

Im Übrigen: Das ist ein sehr guter Artikel von dieser Flurina Wartmann.
Bringt mich zum Hirnen. Das ist ja auch schon etwas!

Sent 8 October 2021, 08h42
Das Problem von Worten ist, dass diese Schubladen bilden und somit einem offen Auge entgegenwirken.

Bsp aus meinem Feldornithologenumfeld: "Aha, das ist also ein Eichelhäher." Punkt fertig. Der Vogel muss nicht mehr näher betrachtet werden.

Schubi says: RE:
Sent 8 October 2021, 11h53
Joaaaah … da würd ich jetzt bzgl. meines (subjektiven) Erlebens bissel mit der Stirn runzeln.
Das Arbeiten mit der Kamera unterwegs (ein Abklatsch, sicherlich, trotzdem meist erfüllend), das Sichten der Bilder zuhause und (seit ich bei Hikr schreibe), das Recherchieren von Pflanzen, Geologischen etc. bzw. auch das Lesen und Verfassen von Tourenberichten haben mir geholfen, bei jedem neuen Draussen-unterwegs-Sein wacher und wissender zu werden. Und dies wiederum trägt für mich zum zufriedenen, erfüllenden, freien Gefühl in der Natur definitv bei. Das ist mal auf dem Gipfel nach einem anstrengenden Aufstieg, mal beim Hören eines gurgeligen Wasserlaufs am Grund eines Tobels, mal beim Beobachten des Wetters und seiner Wechsel.
Da schliesst sich für mich schon ein Kreis.
Aber sicher hat da jeder von uns einen etwas anderen Zugang zum Touren. Ist ja auch wurscht irgendwie. Letztendlich sind wir doch alle hier bei Hikr weil wir uns in der (Berg-)Natur sauwohl fühlen?!

Nyn says:
Sent 8 October 2021, 19h36
Um auf die Eingangsfrage von Rise zurückzukommen:

"Was sagt unser Vokabular über uns und unsere Aktivitäten am Berg aus?"

Über uns?
Nicht jedem ist ein reiches Vokabular gegeben oder wichtig, um von Touren zu erzählen.

Die Spanne reicht ja ganz weit, von reinem Bericht (s. gegoogelt nach "Bericht": Wikipedia: Was ist ein Bericht?
Welche Merkmale hat ein Bericht? Ein Bericht ist ein neutraler Text. In einem Bericht wird sachlich, kurz und objektiv von einer Handlung oder einer Situation berichtet. Eine eigene Meinung und unwichtige Details dürfen nicht enthalten sein.

AUTSCH!?

...bis zu Reisebeschrebung, wo es lt. Wiki heisst: ""Als Reisebericht oder Reisebeschreibung bezeichnet man die (literarische) Darstellung der Beobachtungen und Erlebnisse eines Reisenden. Solche Beschreibungen variieren sehr in Inhalt und Wert, je nach Zweck der jeweiligen Reise. Sie sind oft reich illustriert."

... und geradezu philosophischen Abhandlungen, visuelle wie literarisch.

Ich finde diese Vielfalt der Geschichten sehr sehr gut.
Sie sagt aber wenig über das tatsähliche Empfinden beim realen Tun aus, weil schlichtweg nicht jeder davon allen hikrn erzählen möchte! Auch sind die Vorlieben und Schwerpunkte so vielfältig, dass jegliche bewertende Aussage darüber kaum gelingen kann

Weiterhin schöne Touren euch allen!

Sent 13 October 2021, 09h28
es gibt keine neutralen Berichte.

selbst ein Computertext wird anhand dessen geschrieben, was zuvor erfasst wurde, alles was nicht erfasst wurde, kann nicht darin einfliessen.

mong says: RE:
Sent 17 October 2021, 03h51
> es gibt keine neutralen Berichte.

Ich bin nicht ganz sicher. Vielleicht so, nur als Beispiel:

"Von Airolo über Motto Bartola auf den Gotthardpass
und auf dem gleichen Weg wieder zurück nach Airolo. Der Weg ist markiert."


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