Piz Buin 3312 m - abruptes Saisonende


Published by Sibille , 2 July 2011, 23h45.

Region: World » Switzerland » Grisons » Basse Engadine
Date of the hike:26 June 2011
Mountaineering grading: PD
Climbing grading: II (UIAA Grading System)
Waypoints:
Geo-Tags: Buin-Gruppe   CH-GR   A   A-V 
Height gain: 1800 m 5904 ft.
Height loss: 1800 m 5904 ft.
Access to start point:Taxi von Klosters zur Alp Sardasca
Access to end point:Postauto vom Dorf Guarda zum Bahnhof
Maps:1198 (1:25000), Silvretta

Tag 1: Hüttenaufstieg
Am Samstagmittag treffen wir (Susanne, Patrizia, Marc und ich) uns in Klosters mit weiteren sechs Teilnehmern und Bergführer sowie Aspirant zu der von "Berg und Tal" ausgeschriebenen Tour zum Piz Buin.
Bereits bei der Vorstellungsrunde betont der Bergführer, dass die Tour am nächsten Tag nicht nur sehr lang werden würde, sondern dass auch noch ein paar heikle Kletterpassagen zu meistern seien. Etwas eingeschüchtert (die eingeholten Auskünfte des Bergschulbüros klangen ganz anders!) steigen wir ins Taxi, welches uns bequem zur Alp Sardasca fährt und so den Hüttenaufstieg bedeutend verkürzt.
Ab da sind noch rund 700 Höhenmeter zu überwinden, dies mit atemberaubender Sicht auf das wildromantische Tal mit dem Verstanclabach. Es ist ziemlich warm, sodass wir trotz aufziehender Bewölkung erste Schweisstropfen vergiessen. Kurz vor Erreichen der Silvrettahütte beginnt es sogar zu nieseln, was uns erstaunt, hatten wir doch alle mit einem schönen, heissen Wochenende gerechnet.
In der Hütte beziehen wir den durch uns nun fast voll belegten Schlag und machen es uns anschliessend im urchigen Gastraum mit Schiefertischen und geschnitzten Stühlen bei Rhabarberkuchen und Bündner Nusstorte gemütlich. Den restlichen Nachmittag verbringen wir mit einem Jass-Aufbau-Kurs für Marc (den Grundkurs hat er bereits in der Wildhornhütte erfolgreich absolviert ;-), dem bald der Kopf zu rauchen beginnt vor lauter Tipps und Tricks bzw. Bock, Weis und Stich…
Nach einem feinen Abendessen gehen wir bereits gegen halb zehn zu Bett, währenddem zur selben Zeit  daheim in Luzern das Luzerner Fest wohl erst so richtig beginnt. Auch eine Kinder-/Jugendgruppe „festet“ im benachbarten Zimmer unüberhörbar, als wäre die Sac-Hütte ein Lagerhaus. Naja, immerhin kehrt zur offiziellen Nachtruhe auch dort Stille ein und wir verbringen eine recht angenehme Nacht mit einigen Stunden Schlaf.
 
Tag 2: Gipfeltag
Kurz vor fünf Uhr klingelt der Wecker, sodass wir nach dem Frühstück gegen viertel vor sechs Uhr abmarschbereit sind. Das Klettergestältli ziehen wir gleich an, da der Gletscher in einer guten halben Stunde erreicht sein wird.
Dabei zeigt sich, dass es von Vorteil ist eigenes (passendes!) Material zu besitzen. Eine schlanke Teilnehmerin erhält einen Klettergurt, der ihr – obwohl maximal angezogen – nur so um die Hüfte schlackert. Mehr als eine Handbreit passen zwischen Gurt und Körper! Nach einigem Hin und Her tauscht schliesslich der Bergführer sein Gestältli mit ihrem. Auch zwei gemietete Helme sind zu gross, obwohl beide Teilnehmerinnen bei der Bestellliste die kleinste Grösse angegeben haben.
Wir wandern bei warmen Temperaturen (in der Nacht hat es nicht aufgeklart) los Richtung Silvrettagletscher. Ab dort geht es in zwei Gruppen am Seil in bereits bzw. immer noch weichem Schnee langsam bergauf Richtung Silvrettahorn. Zwischendurch sehen wir einen blauen Flecken Himmel durch die Wolkendecke und rechnen damit, dass es in kurzer Zeit sonnig werden würde. Dem war aber nicht so, ganz im Gegenteil. Die Bewölkung nimmt zu, es wird windig und kalt, sodass wir nach einem kurzen Trinkstopp rasch weiter über den Silvrettapass laufen und nach einem kurzen Abstieg die Steigeisen montieren und den Gegenanstieg zur Fuorcla dal Cunfin in Angriff nehmen. Dort überkraxeln wir ein paar Felsblöcke und stehen nun auf österreichischem Boden, was anhand einer Grenztafel zu erkennen ist. Das ist dann aber auch gleich alles, was wir überhaupt sehen. Weiss in weiss präsentiert sich das Panorama und damit auch der weitere Weg zur Fuorcla Buin. Dort verstauen wir die Steigeisen, seilen uns los und beginnen mit den letzten 270 Höhenmetern zum Gipfel. Über nasses Geröll und Schotter steigen wir hoch zu den beiden Kletterpassagen, welche durch das installierte Fixseil der Bergführer für uns alle zu meistern sind. Glücklicherweise sind wir zu der Zeit alleine, sodass es nicht zu einem grösseren Stau kommt bzw. wir nur wegen uns aufeinander warten müssen. Diese Verschnaufpausen kommen mir gerade gelegen, da ich doch langsam mit meinen Energiereserven zu kämpfen habe und sich meine Euphorie, weiter im Nebel herumzuwandern, in Grenzen hält. So bin ich froh, dass wir nach 5 Stunden den Gipfel erreichen. Wir sind oben, aber das Panorama ist immer noch eintönig wie die letzten paar Stunden: weiss in weiss. Kein einziger (!) Gipfel der umliegenden Berge ist zu sehen. Kaum zu glauben, dass ausgerechnet eine Sonnencrème nach diesem Gipfel benannt worden ist!
Es bleibt gerade mal eine Viertelstunde Zeit, um etwas zu essen – die erste „richtige“ Pause seit dem Aufbruch vor 5 Stunden – bevor wir uns zum Abstieg bereit machen. Bei der ersten Kletterpassage lassen wir uns abseilen und die zweite überwinden wir wiederum mit dem durch die Bergführer installierten Seil.
Zurück bei der Fuorcla Buin steht fest, dass der direkte Abstieg durch das steile Couloir nicht möglich ist, sodass wir den langen Weg über die Fuorcla dal Cunfin machen müssen, um auf die Südseite des Piz Buin zu gelangen. Immerhin reisst der Himmel langsam auf, sodass wir endlich den soeben bestiegenen Piz Buin Grond und den Nachbarsgipfel Piz Buin Pitschen, sowie kurze Zeit später den imposanten Piz Linard sehen. Gegen 14 Uhr verlassen wir den Gletscher und wandern weiter über letzte Schnee- und Geröllfelder.
Dabei passierts: Auf dem etwa zweitletzten Schneefeld der gesamten Tour knickt mein Bein in ein schneebedecktes Loch weg, mein Knie wird verdreht und durch das unerwartete Einsinken im Schneehang mache ich (wie mir berichtet wurde) auch noch einen Purzelbaum (von dem noch mancher Primarschüler was hätte lernen können ;-). Nach einer Schrecksekunde rapple ich mich dank helfenden Händen wieder auf, um zu sehen, ob ich überhaupt noch gehen kann. Das Knie schmerzt zwar, doch mit den Teleskopstöcken glaube ich den Abstieg ins Tal zu schaffen. Zum Glück weiss ich zu dem Zeitpunkt noch nicht, wie weit es bis Guarda tatsächlich ist!
Vorerst bin ich erleichtert, dass wir um 15 Uhr die schöne Chamanna Tuoi erreichen, wo wir bei ausgezeichnetem Kuchen eine Pause machen und den Piz Buin von der Südseite bewundern.
Dann brechen wir zu unserer letzten Etappe am heutigen Tag auf und wandern das nicht enden wollende Tal hinunter nach Guarda. Das Knie schmerzt bei jedem Schritt, also bloss nicht anhalten, sondern immer weiter und die Zähne zusammen beissen. Auch der „Schellenursliweg“ oberhalb von Guarda vermag unsere müde Gruppe nicht mehr zu erheitern, erst als wir nach einer Kurve den Kirchturm des Dörfchens erkennen können, macht sich Erleichterung breit.
Kurz nach 17 Uhr, das heisst seit unserem Aufbruch sind 11.5 Stunden (inkl. 1 Stunde Pausen) vergangen, erreichen wir die erlösende Bushaltestelle in Guarda von wo aus wir mit dem Postauto in wenigen Minuten zum Bahnhof gelangen.
Weitere 3.5 Stunden Bahnfahrt werden (v.a. zu viert im Viererabteil) durch mein inzwischen angeschwollenes Knie zur Tortur.
  
Fazit:
Der Zustieg zum Berg (und damit natürlich auch die Tour insgesamt) war unglaublich lang und das Gestapfe durch den Matsch-/Nassschnee hat wenig Spass gemacht. Dass die Entschädigung durch das Gipfelpanorama ausblieb war dann natürlich enttäuschend, zumal ansonsten in der Schweiz das Wetter hervorragend war. Die Tour würde ich so nicht nochmals machen, denn in etwas mehr als 11 Stunden liesse sich bestimmt eine attraktivere Tour/Wanderung realisieren; als Skitour sähe die Situation wahrscheinlich anders aus.
Erstaunlich, dass Berg und Tal uns diese Tour explizit für Hochtourenneulinge ohne Steigeisenerfahrung empfohlen hat...

Dass das Fazit nicht sehr positiv ausfällt hängt sicher auch damit zusammen, dass die Erinnerungen an die Tour geprägt sind durch meinen "Unfall", der mich die letzten Tage ausser Gefecht gesetzt hat. Die Hoffnung gebe ich allerdings noch nicht auf, dass ich meine Pläne für die unmittelbar bevorstehenden Sommerferien dennoch (mehrheitlich) werde durchführen können.

 
Immerhin waren die beiden Täler unterhalb der Silvrettahütte bzw. Chamanna Tuoi wunderbare Entdeckungen in einer Gegend der Schweiz, die ich bisher kaum gekannt habe. Auch das Dörfchen Guarda war voller Charme, sodass ich sofort wieder einen Ausflug dorthin machen würde!



NACHTRAG: Jetzt (eine Woche nach der Tour) steht fest, dass der Bergsommer für mich gelaufen ist, bevor er richtig begonnen hat. Meine Knieverletzung hat sich heute als Bruch entpuppt...


Hike partners: Sibille


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Comments (4)


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MunggaLoch says: Berg und Tal
Sent 3 July 2011, 11h21
Wundert mich auch. Ich hatte immer bessere Erfahrungen mit ihnen.
Als "Einsteigertour" würde ich wohl eher von Österreich her gehen...
Aber s'Bündnerland isch hald scho schön ;-)

Sibille says: RE:Berg und Tal
Sent 3 July 2011, 13h29
Seeehr schön ist's dort, ich werde wieder kommen :-)
Bestimmt haben auch die Verhältnisse und Gruppengrösse die Länge der Tour beeinflusst; dennoch fühlte ich mich die Ganze Zeit etwas gehetzt, was ich gar nicht mag. Aber eben, man kann's nicht immer optimal treffen und es war meine bisher einzige Erfahrung mit Berg und Tal.

LG, Sibille

Clouseu says:
Sent 5 July 2011, 16h47
Da hast du wohl in viellerlei hinsicht etwas Pech gehabt.
2009 hab ich von der Silvrettahütte aus einen Basiskurs gemacht,
bei feinstem Wetter und habe die Gegend daher als sehr schön in Erinnerung.
Aber mit einem gebrochenem Knie noch ins Tal zu gehen ist schon heftig.
Wünsch dir gute Besserung

Sibille says: RE: Vielen Dank!
Sent 5 July 2011, 19h49
Mir wurde gesagt, dass das "Herumspazieren" sehr gefährlich war, sodass ich schlussendlich wohl doch auch noch Glück gehabt habe. Ich halte mich nun daran fest, obwohl es zu diesem Zeitpunkt für mich recht hart ist.

Ich wünsche dir schöne und unfallfreie Touren!


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