Der etwas mehr als 1 km lange Grat, der den Chüern Nair mit den beiden Gipfeln des Piz Valletta hoch über dem Julierpass verbindet, ist bisher auf hikr.org nicht beschrieben worden. Auch der SAC-Clubführer Bünder Alpen 6 erwähnt ihn nur in einer Randnotiz. Dass sich auch eine so rennomiertere Fachliteratur einmal irren kann, hatte heute durchaus auch sein Gutes: Ich bezweifle, dass wir diese Gratüberschreitung angepackt hätten, wäre sie im erwähnten SAC-Führer nicht als "leichte Blockkletterei" bezeichnet, sondern als das, was sie in Wirklichkeit ist, nämlich als stellenweise sehr ausgesetzte Kletterei in meist brüchigem Fels. Von "Blockkletterei" kann keine Rede sein, denn dazu fehlen schlicht die "Blöcke".
Wir bereuten es aber nie, die Tour angepackt zu haben; wir konnten viele Erfahrungen sammeln und uns im exponierten Gelände erproben. Ein Kilometer zieht sich jedoch ganz schön in die Länge, wenn man sehr oft mit höchster Konzentration unterwegs ist und fast jeden Tritt und jeden Griff vorerst prüfen muss. Selbst grössere Felsbrocken boten nicht immer Garantie für Stabilität.
Die exponiertesten Stellen befinden sich gleich bei Beginn der Gratüberschreitung nach dem Chüern Nair. Hier sind zum Teil gutes Geschick und turnerischere Fähigkeiten gefragt und es gilt stets, die Nerven zu bewahren. Auch die weitere Gratkletterei ist spannend: Nie weiss man, was als nächstes auf einen wartet. Auf dem Südgipfel des Piz Valletta scheint ein Weiterkommen dann unmöglich, derart abschüssig präsentiert sich der weitere Gratverlauf, der von einem tiefen Einriss durchschnitten ist. Aber auch hier findet sich ein Durchschlupf durch die Flanke, allerdings in wenig gemütlichem Gelände. Da haben wir wohl öfters die furcheinflössende Schwierigkeitsbewertung T6 ganz leicht gekratzt.
Den Piz Valletta mit seinem 2933 m hohen Hauptgipfel kannten wir schon von früheren Touren, was sich beim Abstieg als Vorteil erwies. Ev. wäre es sogar möglich gewesen, direkt vom Hauptgipfel zur Fuorcla Cotschna in nördlicher Richtung abzusteigen, doch war das Gelände von oben nicht genügend einsehbar und es lag noch Schnee in einer Rinne. Ein kurzer Erkundungsabstieg meinerseits bestätigte den Eindruck des sehr losen Gesteins und als wir dann später vom Muot Cotschen die Route studierten, befanden wir unsere Entscheidung für richtig.
Dem Muot Cotschen statteten wir wie erwähnt in der Folge ebenfalls einen Besuch ab; zur grossen Überraschung entdeckten wir dort die ersten Edelweisse des Jahres. Beim anschliessenden kurzen Abstecher durch knietiefen Schnee zum Spelm Ravulaunas (klingt eher nach einem lettischen Radfahrer als nach einem Berg...) trafen wir auf eine beachtliche Kolonie von männlichen Steinböcken. Während der grandiosen Gratüberschreitung kreiste immer wieder ein Steinadler über unseren Köpfen und zwei Schneehühner waren über unseren Besuch ebenso überrascht wie ein Steinmarder. Menschen sind wir auf der ganzen Tour nicht begegnet. Erst beim Abstieg kurz vor Erreichen des Julierpasses beobachteten wir gespannt ein Bergsteigerpaar, das den Chüern Nair auf unserer Aufstiegsroute bestieg. Wohl eine absolute Seltenheit, dass diese Felsbastion an einem einzigen Tag mehr als einmal Besuch erhält.
Routenbeschreibung
Julierpass - Chüern Nair (T5-)
Vom kleinen Parkplatz nördlich des Gasthauses La Veduta stiegen wir die gut gestuften steilen Hänge auf und trafen auf den felsigen Rücken des Chüern Nair. Ein grosser Steinmann ist von weitem sichtbar, an ihm führt die Aufstiegsroute vorbei. Später ist man in der Routenwahl ziemlich frei; wir wählten eine Variante links der steilen Felsen in abschüssigem Schuttgelände und querten später nach rechtds auf den breiten gerölligen Gratrücken. Schliesslich erreicht man unterhalb des Gipfels einen markanten Kamin (Steinmann am Eingang) durch den man in gut gestuftem Fels- und Schrofengelände zum Gipfel hinaufklettert (II). Wir hielten uns im Aufstieg links.
Chüern Nair - Piz Valletta Südgipfel 2918 m (T5+)
Gleich nach dem Gipfel wird es ernst: Der Abstieg führt über den stellenweise scharfen Grat, wobei man zeitweise geringfügig in die Flanken ausweichen muss. Vorsicht auf loses Gestein. Es gilt einige luftige Abschnitte zu überklettern. Bald wird der Grat breiter (bequemes Gehgelände). Zum Südgipfel des Piz Valletta steigt man zunächst über einen Rasenhang und später über Schrofengelände auf - zuletzt über Felsen mit hier für kurze Zeit ordentlicher Qualität.
Südgipfel - Piz Valletta Hauptgipfel (T5+)
Man steigt zunächst etwas in die Ostflanke ab und quert dann auf einer nach abwärts gerichteten Rampe entlang der Gratfelsen nach links und umgeht auf einem schmalen Band mit viel losem Gestein den einen Felskopf. Man steigt in die nächste Scharte ab und umgeht den nächsten Felsaufbau auf der Ostseite, also rechts, in Schrofengelände. Der Abstieg zum nächsten Grateinschnitt verläuft weiterhin in brüchigem Gestein, flankiert von viel Schutt.
Nun wird der Grat harmloser und man steigt optimalerweise etwas in der Westflanke dem letzten Abschnitt entlang und steht bald vor dem felsigen Aufbau des Hauptgipfels. Diesen erreicht man über einen ordentlich gestuften Schrofenhang auf der Ostseite und zuletzt in Gehgelände über den letzten Teil des Grats.
Abstieg durch die Westflanke (T4)
Vom Hauptgipfel zurück auf gleicher Route bis zum markanten Einschnitt. Dort surft man den mässig steilen Schutthang hinunter und gelangt auf flaches Gelände. Bei einem Steinmann (den ich vor zwei Jahren erstellt hatte...) steigt man durch eine steile Rinne durch den unteren Teil der Westflanke mit vielen losen Steinen ab. Mit Vorteil hält man sich nahe der Felsen rechterhand (in Abstiegsrichtung gesehen). Später gelangt man zum Teil auf Spuren durch sandige Stellen im Geröll zum Alpgelände hinunter.
Aufstieg zum Muot Cotschen (T3)
Der Muot Cotschen tritt am Fusse des Piz Valletta mächtig in Erscheinung. Man ersteigt ihn ohne Schwierigkeiten über einen gut gestuften Grashang.
Weiter zum Spelm Ravulaunas (T2)
Über sanftes Gelände erreicht man nach dem kurzen Abstieg vom Muot Cotschen in nördlicher Richtung diese wenig ausgeprägte Erhebung.
Abstieg zum Julierpass (T3)
Durch das namenlose Tal östlich des Corn Alv stiegen wir mehr oder weniger dem Bach entlang, zum Teil auf Wegspuren, über Alpgelände ab und querten auf etwa 2440 m. ü. M. zum Ausläufer des Gratrückens des Chüern Nair hinüber und von dort durch die steilen Grasflanken hinunter zum Parkplatz.
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