Pizzo Folcra und Pizzi Gararesc


Publiziert von Zaza , 30. August 2010 um 20:55.

Region: Welt » Schweiz » Tessin » Bellinzonese
Tour Datum:29 August 2010
Wandern Schwierigkeit: T6- - schwieriges Alpinwandern
Hochtouren Schwierigkeit: WS
Klettern Schwierigkeit: II (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-TI   Gruppo Cristallina 
Zeitbedarf: 5:45
Aufstieg: 1850 m
Abstieg: 1670 m
Kartennummer:1251

A walk on the wild side of Val Bedretto

Wegen der raschen Erreichbarkeit aus der Deutschschweiz ist das Val Bedretto ein beliebtes Wandergebiet. Der Andrang beschränkt sich jedoch auf wenige Hüttenwege und Gipfel, die meisten Berge werden (wie auch sonst im Tessin) sehr selten besucht. Mit ein wenig Fantasie und dem Brenna-Führer lassen sich hier sehr schöne und einsame Rundtouren zusammenstellen.

Man verlässt den Cristallina-Hüttenweg bei der Alpe di Cristallina und steigt kurz ab auf dem Alpsträsschen Richtung P. 1775. Etwas vor diesem Punkt biegt man links ab, ersteigt ein steiles Grascouloir (auf der LK gut zu erkennen) und biegt bei seinem oberen Ende schräg aufsteigend nach rechts ab. So erreicht man Pian Milan, ein wunderbarer Fleck mit einem kleinen See und den Trümmern einer einstigen Alphütte. Dies wäre auch ein tadelloser Biwakplatz. Die Hütte ist auch auf älteren Karten nicht eingetragen, jedoch offenbart die Siegfriedkarte ein Netz von Pfaden, welche einst von Pian Milan aus nach Westen und Osten verliefen.

Man hat nun den langen, mit einigen Türmen gespickten Nordgrat des Pizzo Folcra (dessen alter Name, Pizzo di Pian Milan, wesentlich schöner klingt) vor sich. Möglicherweise liessen sich alle Türme überschreiten, aber ich hielt mich an die Beschreibung von Brenna und folgte zunächst der linken Seite des Grates, um ihn dann oberhalb des P. 2432 zu erreichen. Von hier kraxelt man ohne besondere Probleme über einen Vorgipfel hinweg (und links an einer schönen Höhle vorbei) zum höchsten Punkt. Der Abstieg zur Bassa di Folcra ist ebenfalls wenig problematisch, aber die kurzen felsigen Stellen verlangen etwas Umsicht beim Abstieg.

Vom Pass, über den eine Stromleitung führt, visiert man den Sattel zwischen den beiden Gipfeln des Pizzo Gararesc an (früher wurde dieser Sattel Bocchetta Galarescio genannt). Um den höheren, aber nicht kotierten Südgipfel zu erreichen, quert man auf steilem Schutt unterhalb des Grates auf der Valleggia-Seite (dieser Abschnitt war heute etwas heikel, weil wenige mm Neuschnee lagen) und ersteigt den oberen Teil des Grates. Besonders die letzten Meter auf den Gipfelkopf sind ausgesetzt.

Richtung Campanile (Nordgipfel) weist der Grat zunächst einen Turm auf, dessen Überkletterung sehr heikel erscheint. Die Umgehung links sieht auch nicht gerade einladend aus. Darum steigt man zuerst etwas auf der Torta-Seite ab, bis man über ein steiles Grasband (das man von unten, von der Bassa di Folcra aus, bereits gut sieht) aufsteigen kann, um den Grat oberhalb des Turmes wieder zu erreichen. Nun kraxelt man in Kürze auf den Gipfel, was ebenfalls nicht ganz trivial ist. Auch hier ist das Erklettern des Gipfelkopfes ziemlich ausgesetzt. Der Campanile scheint sehr selten besucht zu werden, ein Steinmann ist nicht vorhanden.

Die ursprüngliche Idee war gewesen, danach noch den Pizzo della Forca di Cristallina anzuhängen, aber der öde Abstieg durchs Val Torta schreckte mich ab, so dass ich es vorzog, ins einsame Tal des Ri di Valleggia abzusteigen. Hier könnte man nun auf der Route durchs Couloir relativ rasch ins Tal runter. Heute zog ich eine andere Option vor und querte auf etwa 2420 m wieder aufwärts, zu P. 2513 und dann runter zur Alpe Valleggia und nach Ronco. Unterwegs waren hier ergiebige Heidelbeerfelder zu queren; umso besser, dass ich keinen Zeitdruck hatte! Am Ende reichte es auch noch gut für einen gemütlichen Aufenthalt auf der sonnigen Terrasse des Stella Alpina in Ronco.

Die Coupe "Ai Mirtilli" war leider nicht im Angebot, weil am Vorabend das Heidelbeerrisotto zu oft bestellt worden war. Naja, prossima volta...Kulinariker seien übrigens darauf hingewiesen, dass sich am Bahnhof Airolo (nebst dem Hotel Forni) zwei gute Adressen befinden: La Botega hat nebst Gebäck ein gutes Angebot an lokalen Spezialitäten (auch Sonntag vormittag offen) und der Denner hat ebenfalls erstaunlich viele lokale Käsesorten im Angebot. Hier kann man sogar Spampezi erstehen, eine rare Gebäckspezialität aus der Leventina. Diese Dinger, den Biberli ähnlich, sollen einst als Proviant der Säumer beliebt gewesen sein.



Tourengänger: Zaza

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Kommentare (8)


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ma90in94 hat gesagt: Campanile
Gesendet am 1. September 2010 um 21:38
Hallo Zaza,
vor etwa 10 bis 12 Jahren habe ich auf dem Nordgipfel noch ein sehr feuchtes Gipfelbuch vorgefunden, und ich meine es reichte bis in die 60-iger Jahre oder noch länger zurück.
Ich bin damals aus der Scharte zwischen den beiden auch links hinab und habe aber ohne zu großen Höhenverlust den Gipfel westlich umgangen um durch ein Rinne den NW-Grat zu erreichen und über diesen in Kürze zum Gipfel. Übrigens, tolle und informative Bilder
Gruß Günter

Zaza hat gesagt: RE:Campanile
Gesendet am 1. September 2010 um 21:47
Ciao Günter,

schade...ich hatte so wenig mit einem Gipfelbuch gerechnet, dass ich gar nicht gross danach gesucht habe. Es wäre bestimmt spannend gewesen, die Besucherfrequenzen zu sehen...im Mittel ein Besuch im Jahr, würde ich schätzen.

mit Gruss

Manuel

capritom hat gesagt: RE:Campanile
Gesendet am 17. September 2012 um 09:38
Hallo Günter,
mein Name ist Thomas Hubacher, ich bin gebürtiger Schweizer, lebe aber seit 34 Jahren in Brasilien. Als ich 1970 die Schweizer Offiziersschule absolviert habe, waren wir mit einem Hauptmann HEINEN aus dem Oberwallis auf einem Schieferturm in der Cristallina-Region, ich meine, er hätte ihn damals als Poncione Calarescio bezeichnet.
Falls dieser mit dem beschriebenen Campanile identisch ist, kann ich bestätigen, dass wir uns damals dort im unter einem Steinmannli hinterlegten Gipfelbuch eingeschrieben haben - wäre natürlich köstlich, gelegentlich mal zu erfahren, ob dieses dasselbe ist, das Du in Deinem Bericht erwähnst...
Vielleicht findet das einer aus dieser ehrwürdigen Organisation lustig und geht mal nachschauen... Wäre auch witzig, die Namen der anderen Teilnehmer der Kletterergruppe (ich glaube, wir waren wohl etwa zu siebent) ausfindig zu machen!
So oder so alpine Grüsse aus Südamerika!
Thomas.

Zaza hat gesagt: RE:Campanile
Gesendet am 17. September 2012 um 12:44
Hallo Thomas

Hiess der Hauptmann nicht eher Henzen, denn das ist ein häufiger Name im Oberwallis? Wie auch immer, mein Kollege Andrea war Anfang August auf dem Gipfel (Südgipfel des Pizzo Gararesc, ohne Kote auf der Karte) und fand tatsächlich ein sehr altes Gipfelbuch, das bis in die 1950er Jahre zurück ging. Allerdings waren die ältesten Einträge kaum zu lesen. Ich kann ihn mal fragen, ob er Fotos der Einträge gemacht hat (vermutlich nicht).

Schöne Grüsse ins ferne Südamerika!

LG, zaza

capritom hat gesagt: RE:Campanile
Gesendet am 17. September 2012 um 18:16
Hallo Zaza,
super!! Bin ja gespannt, was daraus werden kann.
Nee, der Hauptmann hiess tatsaechlich Heinen, gebuertig aus Gletsch (Oberwald). Alpinist, war uebrigens geschichtlich der zweite, der in einer Zweierseilschaft die Nordwand des Eigers bezwungen hatte.
Beste Gruesse aus dem trocken-"winterlichen" Minas Gerais!
Thomas

Zaza hat gesagt: RE:Campanile
Gesendet am 26. September 2012 um 15:43
Das erste der lesbaren Bilder habe ich nun angefügt, es ist von 1953. Das Gipfelbuch geht noch weiter zurück; mehr Fotos daraus hat Andrea keine gemacht.

LG, zaza

ma90in94 hat gesagt: RE:Campanile
Gesendet am 17. September 2012 um 21:56
Hallo Südamerika
Ich war vor 12 Jahren dort und das Gipfelbuch war in einem sehr schlechten Zustand. Wenn es Zaza nicht vorgefunden hat, wurde es vielleicht von jemand gerettet und zum trocknen mit nachhause genommen, oder es liegt immer noch herum und hat 12 weitere nasse Jahre hinter sich und dürfte kaum noch brauchbar sein.
Ich denke, die Namen Deiner Kameraden mußt Du auf anderem Wege ausfindig machen.
Gruß aus Alemania

capritom hat gesagt: RE:Campanile
Gesendet am 18. September 2012 um 01:02
Hallo Günter,
vielen Dank. Alles klar und gut verständlich. Einer der Namen ist mir noch sehr klar in Erinnerung - er ist halt auch so ein Abenteurer (gewesen? geworden?). Marcel Waltzer, Skipper, hat inzwischen den Atlantik per Segelboot schon 7 mal überquert. Prost Marcel, die See und die Berge haben halt schon etwas gemeinsam, oder? Ich hab's halt nicht höher gschafft als den Pão de Açucar in Rio von hinten zu erkraxeln vorletztes Jahr...
Viele Grüsse in die Höhen,
Thomas.


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