Von Sparnberg nach Mödlareuth - Spuren einer Grenze


Publiziert von klemi74 , 20. März 2017 um 21:40.

Region: Welt » Deutschland » Östliche Mittelgebirge » Vogtland
Tour Datum:20 März 2017
Wandern Schwierigkeit: T1 - Wandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: D 
Zeitbedarf: 3:30
Aufstieg: 320 m
Abstieg: 210 m
Strecke:ca. 15km
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Sparnberg. Zu erreichen von der A9 Nürnberg - Leipzig, wenn man am Rasthof Frankenwald die Autobahn verlässt, die Ausfahrt als solche ist nicht gesondert beschildert. Durch den Ort Rudolfstein fahren und hinunter zur Saale. Die Grenze zu Thüringen bildet eine kleine Holzbrücke, die für Fahrzeuge bis 2to freigegeben ist.
Zufahrt zum Ankunftspunkt:Mödlareuth; an der Anschlussstelle Töpen die A72 Hof - Plauen verlassen und in Richtung Töpen fahren. Dort rechts nach Mödlareuth fahren, wo es ausreichend Parkplätze am Museum gibt
Unterkunftmöglichkeiten:Hotel in Rudolphstein, von dort sind es etwa 10min Fußmarsch zum Ausgangspunkt meiner Runde

Heute möchte ich eine Wanderung vorstellen, die zwar durchaus über landschaftliche Reize verfügt, die aber vor allem wegen des Verlaufs entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze interessant ist. Das einst zur DDR gehörende Thüringen (damals nicht als offizielles Gebilde existent) und das damals in der BRD gelegene Bayern werden für mehrere Kilometer durch den Verlauf der Saale und einiger ihrer Zuflüsse getrennt.

Vorneweg zwei Dinge:
Die Wegbeschreibung ist eigentlich schnell erledigt, allerdings habe ich mich dazu entschieden, ein paar Informationen über die Orte am Wegrand in den Text einzubinden. Das macht den Text atemberaubend lang, wen's nicht interessiert, der kann die in kursiv geschriebenen Abschnitte einfach überlesen.
Weder Start noch Ziel sind wirklich gut an das Netz der öffentlichen Verkehrsmittel angeschlossen. Es ist also ratsam, die Tour mit zwei Autos zu machen - außer man hat die Möglichkeit sich von seinen Eltern nach Mödlareuth begleiten zu lassen, dort das Auto abzustellen und sich nun weiter nach Sparnberg fahren zu lassen.

Ich lasse mich also nach Sparnberg fahren, wo ich meine Wanderung direkt an der hölzernen Brücke über die Saale starte. Markiert sind sowohl der Kammweg (führt von Untereichenstein über das Erzgebirge) als auch der Saale-Orla-Weg; letztgenanntem kann man durchgehend bis Mödlareuth folgen.

Sparnberg selbst ist heutzutage ein Dorf ohne eigene Gemeinde und auch sonst ziemlich unbedeutend. Das war nicht immer so: was heute noch 160 Einwohner hat, hatte um 1900 herum noch mehr als 400 davon. In noch älteren Zeiten verfügte der Ort sogar über das Stadtrecht, das aber - man kann scheinbar nicht mehr nachvollziehen wann - mit sinkender Bedeutung des Ortes abhanden kam.
Sparnberg besteht mehr oder weniger aus zwei Teilen: unten an der Saale steht der alte Ortskern (bzw. der vorhandene Rest) samt der Kirche, weiter oben gibt es ein paar neuere Bauernhöfe und normale Häuser, zu denen muss ich hinauf. An den letzten Häusern halte ich mich rechts, hier beginnt der als "Saale-Orla-Weg" beschilderte und mit einem roten Dreieck markierte ehemalige Kolonnenweg.

In den Jahren nach Bau von Mauer und Grenzzaun wurde ein Betonplattenweg erreichtet, der von der tschechischen Grenze bis hinauf zur Ostsee die Grenze begleitet. Dieser Weg war den DDR-Grenzsoldaten vorbehalten, alles was "westlich" davon lag, war für Normalsterbliche nicht mehr erreichbar: erst der stets gepflügte und teilweise verminte Kontrollstreifen, dann der Panzergraben, dann der Metallzaun mit Selbstschussanlagen, dann das Niemandsland, dann die eigentliche Grenze, dann, im Westen, frei zugängliche Wiesen und Wälder.
Zunächst geht es auf dem Kolonnenweg ein Stückchen bergab, bis ich unter der großen Brücke der A9 hindurchgehen kann.

Die A9 von Nürnberg nach Berlin wurde bereits zu Zeiten der Weimarer Republik geplant, aber erst unter der Naziherrschaft gebaut - vorher war's zu teuer, jetzt war einer da, dem die Schulden ziemlich egal waren. Im Zuge des Autobahnbaus wurde auch eine Brücke über das Saaletal errichtet, so wurden die Steigungen nördlich und vor allem südlich moderater und damit auch für die damaligen Lkw gut beherrschbar. Während des Krieges wurde die Brücke so weit zerstört, dass der Verkehr auf ihr zum Erliegen kam. Erst in den 1960er-Jahren wurde die Brück soweit saniert, dass sie wieder als Verbindung von Ost und West dienen konnte. 
Gleichzeitig konnte der an der B2 gelegenen Grenzübergang Töpen - Juchöh geschlossen werden, über den sich der Verkehr zuletzt quälte. Die Autobahn selbst erhielt, sozusagen als Tor zum Westen, ein markantes Rasthaus an der Raststätte Frankenwald: das Rasthaus ist als Brücke über die Autobahn gebaut worden, man kann also sein Heißgetränk mit Blick auf die Fahrbahn genießen.

Weiterhin fällt der Weg leicht ab, nach einem zu querenden Bächlein geht es aber ziemlich steil hinauf. Nur kurz bleibt es eben, dann führt der Plattenweg stetig fallend hinab zur Saale und entlang des Flusses hinein nach Hirschberg.

Hirschberg a.d. Saale ist eine Kleinstadt mit ca. 2.000 Einwohnern. Das Städtchen zieht sich vom Saaletal aus ein gutes Stück in die Höhe, gekrönt wird es vom Schloss, das auf einem markanten Felsvorsprung direkt über dem Fluss steht. In der DDR-Zeit beherbergte die Stadt die größte Lederfabrik des Landes, diese ist längst abgerissen und so befindet sich zwischen der Saale und der kleinen, vom Verfall bedrohten Altstadt eine große Brachfläche. Dem Fluss geht es hingegen besser als früher: in den 70er und 80ern ließen die Abwässer der Textilindustrie im Hofer Land nicht viel Leben übrig, nach Hirschberg waren auch diese Reste nicht lebensfähig - heute ist die Saale wieder ein halbwegs sauberer Fluss, wenn auch kein Paradebeispiel für ein unverschmutztes Gewässer.
Auf der großen Freifläche halte ich mich auf den Fuß des vom Schloss gekrönten Felsens zu. Dieser fällt direkt in den Fluss hinein ab, man hat aber einen Holzsteg installiert, auf dem man einige Meter lang direkt über dem Wasser unterwegs ist. Dann ist auch schon der "Hag" erreicht, eine kleine flache Stelle unterhalb steiler Hänge. Hier setzt wieder der Kolonnenweg ein, von dem man aber gleich an dessen Beginn nach rechts auf einen beschilderten Fußpfad abbiegt. Wo dieser zu steigen beginnt, kann man noch einige Meter dem Ufer folgen, wo ein einzelner Fels im Wasser einen vorzüglichen Pausenplatz bietet. Die Hälfte der Strecke ist hier für den Wanderer erst fast geschafft, aber für den Leser schon weit mehr als die Hälfte des Textes...
Nach der Rast gehe ich kurz wieder zum Wanderweg zurück und folge ihm jetzt. Er erreicht nach wenigen Minuten der Hangquerung wieder den Kolonnenweg, der jetzt einer weiten Schleife der Saale folgt. An deren Ende steigt der Weg wieder an, oberhalb der Mündung des Tannbaches in die Saale steht ein Abstecher zu einem Aussichtspunkt an, an welchem man die aus Bayern kommende Saale sieht.

Der Tannbach ist ein wenig bedeutendes Bächlein mit einem bekannten Namen, hieß doch vor kurzen ein Mehrteiler im deutschen Fernsehen so. Gezeigt wurde dort die - natürlich rein fiktive - Geschichte eines am Tannbach gelegenen Dorfes, dass durch die deutsch-deutsche Grenze in seiner Mitte geteilt war. Da der Tannbach weiter oben in Mödlareuth genau durch ein derartiges Dorf fließt, ist das historische Vorbild der TV-Macher wohl klar...
Nach dem Aussichtpunkt folgt der Kolonnenweg auf längerer Strecke dem Verlauf des Tannbaches, bis auf den ersten Abschnitt immer direkt im Talgrund. Der Weg überquert die B2 und immer knapp neben dem Bach komme ich schließlich in Mödlareuth an.

Mödlareuth, das geteilte Dorf!
Mödlareuth ist - entgegen einer verbreiteten Vorstellung - nicht erst seit 1945 geteilt. Schon lange vorher gehörte der nördliche Teil politisch zum Fürstentum Reuss, der südliche zur Markgrafschaft Bayreuth, dann zu Bayern. Das Fürstentum Reuss wurde nach Ende des Kaiserreiches Thüringen zugeschlagen, der Ort gehörte also nach wie vor zwei Herren. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Teilung ein Problem, weil die Grenze nun nicht mehr passierbar war, was erst recht nach dem Bau einer Mauer nach Berliner Vorbild galt. Mittlerweile steht die Mauer nur noch als Fragment im Museum (und in manchen Köpfen), dennoch ist Mödlareuth noch immer geteilt: der Süden gehört zur Gemeinde Töpen im bayerischen Landkreis Hof, der Norden zur Stadt Gefell im thüringischen Saale-Orla-Kreis. Auch gibt es weiterhin zwei verschiedene Postleitzahlen und unterschiedliche Telefonvorwahlen.

Nach einem Besuch im Grenzmuseum, dass seit 1994 eingerichtet und erweitert wurde, fahre ich eigentlich nur noch nach Hause.

Fazit:
Wie schon eingangs erwähnt, handelt es sich um eine nicht allzu lange Wanderung in landschaftlich netter, historisch hochinteressanter Umgebung. Natürlich ist alles leicht, einige Abschnitte sind aber durch die Steilheit anstrengend!

Anmerkung:
Ich denke, dass ich jetzt wirklich genug geschrieben habe... Wer mehr wissen möchte, dem sei gesagt, dass Wikipedia so viel weiß, es würde für mehrere Doktortitel reichen...

Gehzeiten:
Nach Hirschberg 1h10
Nach Mödlareuth 1h40

Tourengänger: klemi74

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