Rathenower Stadtwanderung


Publiziert von ABoehlen Pro , 15. Oktober 2008 um 20:47.

Region: Welt » Deutschland » Norddeutsches Tiefland
Tour Datum:26 September 2008
Wandern Schwierigkeit: T1 - Wandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: D   Havelland 
Strecke:kreuz und quer durch Rathenow und den Optikpark
Zufahrt zum Ausgangspunkt:RE2 von Berlin nach Rathenow
Unterkunftmöglichkeiten:Restaurant & Pension "Zur alten Stadtmauer" in Rathenow.
Kartennummer:Stadtpläne und Infobroschüren, die es gratis in der kleinen Touristinfo am Bahnhof gibt

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Nach der Entdeckungsreise durch das Rhinower Ländchen nehmen wir am Folgetag unseren Ferienort Rathenow unter die Lupe. Wie ich mittlerweile festgestellt habe, ist diese Stadt in der Schweiz den wenigsten ein Begriff. Das ist schade, denn eine Reise dorthin oder gar ein Aufenthalt lohnt sich; Rathenow hat viel zu bieten.

Dies ist allerdings nicht auf Anhieb erkennbar. Während des fast halbstündigen Fussmarsches vom Bahnhof zu unserer Unterkunft in der Altstadt passieren wir teils reichlich verlotterte Gewerbebauten und nüchterne Wohnblocks. DDR-Architektur halt, aber man muss sich bewusst sein, dass die Stadt noch in den letzten Kriegstagen fast komplett zerstört wurde, und entprechend kaum historische Bausubstanz vorhanden ist. In den Jahrzehnten nach dem Krieg wurden, wie vielerorts im Ostblock, vor allem Plattenbauten aus dem Boden gestampft und auf ein ästethisches Ortsbild wenig Wert gelegt. Erst nach der Wende setzte hier ein Umdenken ein, allerdings darf man angesichts der im Land Brandenburg allgemein knappen Finanzlage nicht erwarten, dass nun alles von heute auf morgen besser wird. Eine ganze Stadt zu sanieren und zu restaurieren benötigt seine Zeit.

Besteht also in Sachen Gebäuderestaurierung noch einiges an Nachholbedarf, so ist man hier punkto Langsamverkehr z.B. Schweizer Städten weit voraus. Als Radfahrer ist man nirgens gezwungen, sich auf der Hauptstrasse neben Autoschlangen hindurchzwängen, sondern kann auf den hellroten Bereichen auf den stets ausserordentlich breiten Gehsteigen fahren. Entsprechend ist das Fahrrad hier bei Jung und Alt sehr populär wie wir schon nach kurzer Zeit feststellen.

Unsere Unterkunft liegt in der Altstadt, welche sich auf einer Insel befindet, die von einem Havelarm und dem Schleusenkanal, auch Stadtkanal genannt, gebildet wird. Als Folge der Kriegszerstörung bestimmen zwar auch hier Neubauten das Bild, aber die typischen Pflastersteinstrassen werden nach wie vor mit viel Handarbeit gepflegt und wieder neu angelegt. "Jederitzer Pflastersteine" nennt sich im Übrigen auch ein Gericht, welches im Gasthof "Zur alten Stadtmauer" angeboten wird, und das man nur bestellen sollte, wenn man wirklich einen Bärenhunger hat. Dazu einen Halbliter Pils der Rathenower Privatbrauerei - ein Genuss allererster Sorte!

Von der "alten Stadtmauer" ist es nur ein Katzensprung zum Kirchplatz, der leicht erhöht liegt. In diesem Stadtteil hat die Gebäuderestauration schon beeindruckende Fortschritte erzielt und schmucke Fachwerkhäuser erfreuen das Auge. Auch eine wahre Freude ist die St.-Marien-Andreas Kirche, die im Krieg ebenfalls völlig ausgebrannt ist und in den Folgejahren nur sehr notdürftig repariert wurde. So ragte auch lange Jahre nur ein gestutzter Turm gen Himmel. Erst 2001 wurde eine neue Kirchturmspitze zusammengebaut und mit Hilfe eines Bundeswehrhubschraubers auf dem Turmstumpf befestigt. Der Turm weist nun wieder die stolze Höhe von 79 Metern auf. Noch bleibt aber viel zu tun, ehe die Kirche wieder in altem Glanz erstrahlen kann, und Spenden sind jederzeit sehr willkommen.

Der Turm kann für das bescheidene Entgelt vom 1 Euro bestiegen werden, was sich wirklich lohnt. Bei unserer zweiten Turmbesteigung beginnen völlig unerwartet die Glocken zu läuten, weil, wie wir später erfahren, ein Begräbnis stattfindet. Ein ziemliches Erlebnis, welches nur mit Zeigefinger im Gehörgang unbeschadet zu überleben ist! Auch sonst ist der Aufstieg auf den abwechslungsreichen Treppen durchaus abenteuerlich und klein gewachsene Leute sind eindeutig im Vorteil!

Oben auf der Plattform, 51 Meter über Grund, erwartet uns ein prächtiges Panorama, denn der Blick kann ungehindert nach allen Richtungen bis zum Horizont schweifen. Und da gibt es allerhand zu entdecken. Netterweise wurde uns beim Bezahlen des Eintrittes ein Feldstecher mitgegeben, und so können wir in aller Ruhe optisch auf Entdeckungsreise gehen.

Dass dieser Feldstecher von ausgezeichneter Qualität ist, versteht sich von selbst, schliesslich nennt sich Rathenow stolz "Stadt der Optik". Und das aus gutem Grund: 1801 wurde hier die erste optische Industrieanstalt in Deutschland errichtet. Auch das weltweit erste Weitwinkelobjektiv "Pantoscop" wurde hier gefertigt, sowie das erste Auflichtmikroskop für Normalfilm. Wenn auch heutzutage keine solch bedeutenden Errungenschaften mehr zu vermelden sind, so ist doch die Optische Industrie weiterhin in Rathenow präsent.

Dass auch die Landesgartenschau Brandenburg, die 2006 in Rathenow ausgetragen wurde, im Zeichen der Optik stand, ist naheliegend. Unter dem Motto "Den Farben auf der Spur" wurden z.B. mittels Blütenpflanzen Farbverläufe sehr eindrücklich und grossflächig dargestellt. Mit dem Ende der Landesgartenschau, die jeweils etwa ein halbes Jahr dauert, wurde aber das dafür genutzte Gelände nicht einfach wieder in den Ursprungszustand versetzt, sondern ab dem Folgejahr unter dem Namen Optikpark weiter betrieben. Ein kurzer Spaziergang über einen der 4 Havelarme bringt uns zum Eingang, wo wir unglaublich günstige 2 Euro Eintritt bezahlen und für die restlichen Stunden des Nachmittages beschäftigt sind. Das Parkgelände ist sehr ausgedehnt und mit Seen, Bäumen und Pflanzen aller Art sehr ansprechend gestaltet. Zahlreiche Einrichtungen vermitteln auf spielerische Art und Weise Wissen zu allen Aspekten der Optik und der Farbenlehre. Schliesslich kommen wir sogar noch in den Genuss einer Flossfahrt auf einem Havel-Altarm und der Flösser erzählt uns von den Bibern und Eisvögeln, die an diesem Fluss ungestört leben können. Kein Zweifel - die Natur ist hier noch weit gehend in Ordnung.

Angesichts dieser ausgezeichneten Rahmenbedingungen überrascht es auch nicht wirklich, dass die Havelregion und ihre Hauptstadt Rathenow einstimmig als Austragungsort der Bundesgartenschau 2015 auserkoren wurde. Ein guter Grund, wieder hinzufahren!

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Tourengänger: ABoehlen

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