Cottische Alpen: In drei Tagen um den Monviso - wilde, einsame Bergwelt!


Publiziert von surfy , 10. Juni 2009 um 20:26.

Region: Welt » Italien » Piemont
Tour Datum: 5 Oktober 2008
Wandern Schwierigkeit: T4+ - Alpinwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: I 
Zeitbedarf: 3 Tage
Strecke:Pian del Re - Rifugio Quintino Sella - Passo Gallarino - Passo San Chiaffredo - Vallone di Vallanta - Rifugio Vallanta - Passo di Vallanta - Réfuge du Viso - Colle de Traversette - Pian del Re
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Luzern - Gotthard - Mailand - Alba - Barolo Barolo - Cuneo - Pian del Re Pian del Re - Cuneo - Finale
Zufahrt zum Ankunftspunkt:gleich wie Ausgangspunkt
Unterkunftmöglichkeiten:Rifugio Quintino Sella Rifugio Vallanta Réfuge du Viso Alle waren anfangs Oktober bereits geschlossen; Die Hütten in Italien hatten allesamt gut eingerichtete Winterräume, das Réfuge du Viso in Frankreich hingegen war vollkommen verschlossen und bot keine Unterkunftsmöglichkeit. Auch ein sehr schönes Gebiet für Zeltbiwaks. :-)
Kartennummer:6 Monviso: Instituto Geografico Centrale, 10121 Torino

Okzitanien, - nur schon der Name klingt fremdländisch und ungewohnt. Wer nun den Kopf schüttelt, der ist entweder Romanist oder Minnegesangsliebhaber oder aber er hat "die Alpen" - Ausgabe 6/ 2008 - mit dem Titel "Der Monviso und seine wilden Täler - abenteuerliches Piemont" gelesen.
Ich kannte das Piemont von Vater's Weinreisen, - vor zwanzig Jahren bin ich da als Jugendliche mitgegangen: Barolo, Asti, usw. Dass es im Piemont auch wilde Gebirgslandschaften gibt, wusste ich seit meiner Velotour Luzern - Nizza mit Zelt und Gaskocher, denn da durchfuhr ich das Gebiet auf der französischen Seite; beim Queren der französischen Alpenpässe erhielt ich einen Eindruck von der Weite und Wildheit, von der Einsamkeit dieser Berge. Noch kurz zum Namen Okzitanien: Tatsächlich bildeten sich auf der Basis des Vulgärlateins in Frankreich drei grosse Sprachgebiete: Im Norden dasjenige der Langue d'oil (daraus entwickelte sich das heutige Französisch), im Gebiet Genf und Savoyen das Frankoprovenzalisch und in Südfrankreich, etwa von Montpellier nach Nizza bis hinauf nach Briançon das Okzitanisch. Damit verbunden gab es auch eine okzitanische Kultur, eine okzitanische Identität. Frankreichs Sprachpolitik räumte den Minoritätssprachen jedoch nie viel Platz ein, - im Gegenteil. Im Zuge des Gedankenguts der Französischen Revolution wurden diese verdrängt, ausgemerzt, verboten. So auch das Okzitanisch, übrigens die erste schriflich festgehaltene Sprache im Europa des Mittelalters. Heute gibt es nur noch wenige tausend Sprecher, - Okzitanisch wird in absehbarer Zeit, vermutlich in den nächsten 100, 200 Jahren - aussterben. Unsere Wanderung geht genau durch dieses besagte Okzitanien, das Kernland der okzitanischen Sprache. Wer okzitanisch mal hören möchte, kann z.B. auf youtube.com "occitan" oder "Occitanie" eingeben, - einfach, um mal einen Eindruck dieser bald nicht mehr existierenden Sprache zu erhalten: Meines Erachtens klingt sie wie eine Mischung zwischen Französisch, Spanisch und wenig Italienisch, die lateinischen Wurzeln sind deutlich herauszuhören: Tatsächlich war der Süden Galliens zur Teit der römischen Besetzung viel stärker romanisiert worden als der Norden, der fast ausschliesslich der Grenzwallverteidigung gegen Germanien - also militärischer Nutzung - unterlag. Interessiert an den romanischen Sprachen und zumindest im Französisch und Italienisch auch beheimatet, verstehe ich Okzitanisch, selbst sprechen kann ich es aber nicht.

Francesco und ich hatten eine Woche Zeit: Möglichkeiten gab es einige: Eine Tour durch die Dolomiten, runter in die Abruzzen - Francesco's Heimat und eine meiner liebsten Gegenden in Italien - oder aber eben das Piemont, basierend auf erwähntem Artikel.
Die Aussicht auf ein Schlechtwetterprogramm - Klettern in Finale - trug dazu bei, dass wir uns schliesslich fürs Piemont bzw. das italienisch-französische Grenzgebiet auf der Höhe Cuneos, aber noch weiter westlich entschieden. Ein Teil unserer Wanderung ist Teil der GTA: Grande Traversata delle Alpi, - eines der schönsten Weitwanderweges Europas.

Nachfolgend also die Rekonstruktion dieses Wochen-  bzw. Drei-Tage-Wandertrips: Sonntag, 5. Oktober 2008: Fahrt von Luzern durch den Gotthard nach Mailand, von da Richtung Genua, dann weiter nach Barolo, ins Herzen des bekannten Piemonts: sanfte Hügellandschaft, Rebbergen, Haselnussstauden... Abendessen in einem kleinen Lokal in Barolo: Köstlichkeiten aller Art: Hasenbraten, Tagliatelle mit Sugo aus Eigenkreation, irgendwas mit Funghi jedenfalls, dazu ein Barolo. Zweiter Tag, Montag, 6. Oktober 2008: Weiterfahrt ins Potal hinauf zur Pian del Re, vorher noch Proviant eingekauft; im Pian del Re die Rucksäcke gepackt und in Abenddämmerung ca. anderthalb Stunden hinauf ins Rifugio Quintino Sella: Herrliche Abendstimmung, klare Bergseen, sich spiegelnde Gipfel, das Spiel der Nebel, über der Poebene - alles zu, wir durchwandern diese Szenerie. Bei Nachteinbruch im Rifugio angekommen, die Leiter zum Winterraum hoch, - eiskalt ist es schon. Im Schein der Stirnlampen Pasta gekocht, unsere Hände, - frostige Temperaturen, immer wieder aufwärmen, schütteln, dann weiterkochen, weiter den Schlafplatz einrichten: Unsere Schlafsäcke und jeder von uns ca. zehn Wolldecken. Wir sind allein. Draussen, - das Sternenmeer und die absolute Stille. Pasta mit Sugo di Pomodori und - wie könnte es anders sein - un bel bicchiere di vino. Dann ab ins Bett, tief eingemummt.

Zweiter Tag, Dienstag, 7. Oktober 2008: Der Morgen ist unbeschreiblich, dichtes Nebelmeer über der Poebene, die aufgehende Sonne, die Felsen, eingehüllt in dieses warme, flutende Licht. Morgentoilette am Lago Grande di Viso, zusammenpacken, Colazione all'italiana: Je ein Saccotino, das sind diese gummig-teigig mit Schokolade oder Konfi gefüllten Gebäcktaschen. Marsch vorbei am Lago di Sagnette, wir füllen unsere Trinkflaschen an den Bächen hier oben auf, - kein Problem. Weiter über den Passo Gallarino und den Passo San Chiaffredo zum Lago Lungo und zum Lago di Prete, vorbei am Bivak Bertoglio, einem futuristisch anmutenden Bau. Runter ins Vallone di Vallanta, noch sind wir in Italien, doch wir nähern uns - wieder - der französischen Grenze: Schon Pian del Re - unser Ausgangspunkt - liegt scharf an der französischen Grenze. Hoch zum Rifugio Vallanta.

Etwas zum Monviso: Von allen bisher gesehenen Seiten - Norden, Osten, Westen - sieht der 3841Meter hohe Berg schrecklich und schwierig zu besteigen aus. Schroff und abweisend seine z.T. fast glatten, z.T. eisüberzogenen und extrem steilen, schneefelderdurchsetzten Flanken. Die Normalroute führt durch die Südwand, welche wir auf unserer Wanderroute jedoch nicht einsehen können, die Punta Dante versperrt uns die Sicht; es hätte einen Weg nördlich der Punta Dante gegeben, ebenfalls eine Traversierung von Ost nach West, da hätten wir die Normalroute einsehen können, jedoch wussten wir nicht, ob im Oktober in diesen Höhen schon Schnee liegt bzw. war die Route auf unserer Karte als sehr schwierig eingezeichnet: V. a. aufgrund unseres Gepäcks wählten wir dann die einfachere Route.

Zurück zum Rifugio Vallanta: Luxus, der Winterraum ist gar geheizt. Und wieder wird unser Gaskocher in Betrieb gesetzt: Heute gibts zur Abwechslung wieder mal Pasta, - was ganz Neues: Exzellent, Francesco's Sugo al tonno... natürlich wieder ein bicchiere di vino, - anders geht's nicht... Gediegen: Fernab jeglicher Zivilisation in dieser einmaligen Gebirgswelt, bereits schlafend, bald wird der Winter Einzug halten, in diesen klaren Sternennächten, in einem Gebiet, dessen Sprache mein Herz vor Freude zum Weinen bringt, - auch dies ist Heimat, Heimat in den Bergen, Heimat in den Sprachen. Wir schlafen hervorragend, haben viel wärmer als in der Quintina Sella.

Mittwoch, 8. Oktober 2008: Weitermarsch hinauf über den Passo di Vallanta, dort Murmeltiere - Marmotte - in grosser Anzahl gesichtet. Bereits liegt der Pass - immerhin auf 2811 Meter gelegen - unter dem Schnee. Die Passhöhe ist gleichzeitig die Landesgrenze Italien-Frankreich. Abstieg nach Frankreich ins Val del Guil, erstes Ziel: Das Réfuge du Viso: Auch von hier sieht der Monviso furchteinflössend und abweisend aus. Rast beim Réfuge und die Erkenntnis: Die Franzosen bieten keine Winterräume, wir waren vielleicht von den Italienern zu verwöhnt. Alles abgeschlossen. Ist nicht weiter schlimm, da es erst Mittag ist und wir sowieso vorhaben, noch weiterzuwandern. Also los: Hoch über die Colle de Traversette und zurück nach Italien. Dann durch den Parco Fluviale del Po - das Potal hat uns wieder - runter auf die Pian del Re. Nach drei Tagen haben wir also den Monviso - diesen formschönen, perfekten Berg - umrundet.

Fest steht: Im Spätsommer 2009 werden wir ihn über die Normalroute durch die Südwand besteigen. Die Tour ist gebucht, Franci! :-)

Fortsetzung der Reise: Fahrt runter nach Crissolo, das letzte Dorf vor der Pian del Re. Dort Übernachtung in einer sehr einfachen Pension, eigentliche Hotels gibt's im Dorf gar nicht. Essen in der einzigen Pizzeria des Dorfes, - gut, viel, preiswert, - leider habe ich den Namen vergessen.
Donnerstag, 9. Oktober 2009: Ab nach Finale. Drei Tage verbringen wir noch im Zelt beim Monte Cucco oberhalb Finalborgo, - klettern bis zum Abwinken, im Meer schwimmen, abends ins mittelalterliche Dorf Finalborgo, Pasta essen, Gelati schlecken (Tipp: Klettergarten: Gelateria del Bosco, - jede Route hat den Namen einer Gelatisorte, die man in der Dorfgelateria dann auch bestellen kann: Profiteroles, Baci di Dama, etc., - lohnenswert! Köstlich!)... la vita all'italiana... il dolce-far-niente la sera... das Leben geniessen: Sport, Fels, Meer, Italien, gutes Essen, Wein. La vita è bellissima!!!

Danke, Franci für die unvergesslich schöne Tourenwoche!

Tourengänger: surfy

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Kommentare (1)


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Minor hat gesagt:
Gesendet am 11. Juni 2009 um 17:12
Wunderschöne Tour.
War letzten Sommer kurz in der Gegend, wenn auch nur mit dem Auto, und war begeistert.
Möchte irgendwann auch mal zum Wandern dorthin.
Die einsamen Höhen, die verlassenen Grenzpässe, der Dunst oder das Nebelmeer über der Po-Ebene, das Essen, der Wein... Einfach klasse.
Danke für den Bericht.


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