Halgurd (3607 m) - Naturparadies im Krisengebiet


Published by Riosambesi , 27 September 2018, 00h48.

Region: World » Irak
Date of the hike:16 September 2018
Hiking grading: T3 - Difficult Mountain hike
Waypoints:
Geo-Tags: IRQ 
Time: 4:00
Height gain: 600 m 1968 ft.
Height loss: 600 m 1968 ft.
Route:6 km
Access to start point:Per Flug nach Erbil. Mit dem Sammeltaxi nach Choman: 160km; 2:30 Std. Von dort mit einem Geländewagen bis zum Pass (3084 m), der den Halgurd mit dem Sar i Kurak (3340 m) verbindet. Die Piste ist abenteuerlich und auf den Karten nicht vollständig eingezeichnet.
Accommodation:Motel Choman und Choman Cultural Center. Beide Unterkünfte sind einfach und nicht teuer (VHB rund 12€/Nacht). Strom u.U. nur abends und mittags. Dann aber mit Klimaanlage. Mehrere kleine Geschäfte und Restaurants befinden sich in unmittelbarer Nähe.
Maps:openandromaps

Auf den ersten Blick sieht es für einen Fremden so aus, als wäre die Kleinstadt Choman ein friedlicher Ort. Doch es dauert nicht lange, bis dieses Bild ins Wanken gerät. Zum Schutz der im folgenden Text auftauchenden Personen sind deren Namen geändert.

Anreise mit Hindernissen

Bei der Fahrt von der regionalen Metropole Erbil in die Berge werde ich nervös: An einem der vielen Checkpoints entlang der Straße nach Choman - der Hamlton Road - verlangt ein Uniformierter nach meinem Pass. Das könnte ins Auge gehen. Denn offiziell ist ein Visum für den gesamten Irak Vorschrift. Tatsächlich bestehen die kurdischen Behörden im Nordirak nicht darauf. Ich habe kein Visum. Nur den Einreisestempel vom Flughafen in Erbil. Gerät man so an einen Polizisten der Zentralregierung, dann verbringt man die kommenden 12 Monate in einem Kerker in Mossul. Ich darf weiterfahren.
Das kleine Städtchen Choman liegt wenige Kilometer vor der Grenze zum Iran. Die sandfarbenen Berge des Zagros-Gebirges bilden im Sommer das pittoreske Panorama. Im Winter liegt dort viel Schnee. Im Frühjahr sind die Hänge grün, kleine Bergseen entstehen in den Mulden und Wasserfälle stürzen in die Täler. Der Persische Damhirsch ist hier heimisch, Vögel kreisen über die Gipfel und Schakale ziehen durch die schroffe Gebirgswelt.
In diesem Naturparadies befinden sich auch die höchsten Gipfel des Iraks: Der Cheekha Dar (3611 m) und der Halgurd (3607 m). Letzterer liegt vollumfänglich auf irakischem Boden. Der Cheekha Dar ist Teil des Grenzkamms und somit militärisches Sperrgebiet. "Sobald im November der erste Schnee fällt, ziehen sich die Soldaten zurück und man kann auch auf den Cheekha Dar steigen". Das behauptet der 32-jährige Erzan, der die Gegend kennt wie sonst niemand: Er war knapp 80 Mal auf dem Gipfel des Halgurd. Wer auf diesen Berg möchte, wendet sich an ihn. Wir verabreden uns für den nächsten Tag.

 

Aufbruch am frühen Morgen

Morgens um 6:00 Uhr fährt ein bestimmt 40 Jahre alter Toyota Geländewagen vor. Am Steuer sitzt Fahad. Die Pisten kennt er als Hobbyjäger gut. Er hat das 60. Lebensjahr schon lange überschritten und arbeitet eigentlich als Fahrer eines Krankenhauses. Außerdem dabei: Letice, die Freundin von Erzan.
Die Fahrt führt aus dem Ort auf einer engen Straße heraus. Bald wird daraus eine steinige Piste. Vor einer Kurve steht eine große Warntafel. Auf ihr ist die Lage der vielen Minenfelder skizziert. Die Erläuterungen sind in kurdischer Schrift, aber auch einem Fremden wird schnell klar: Ohne einen Ortskundigen kann es leicht zu bösen Überraschungen kommen.
Die Minen sowie die Pisten stammen aus dem 1. Golfkrieg. Heute gilt der kurdische Nordirak als die friedlichste Region des Landes. Dennoch: Es vergehen selten mehr als einige Wochen, bis aus der Türkei oder aus dem Iran eine Rakete einschlägt. Denn in den Bergen sind auch die Rückzugsgebiete der PKK und der iranisch-kurdischen Seperatisten.

Die Piste endete bis vor wenigen Jahren an einer Quelle auf rund 2400 m Höhe. Dort begann früher üblicherwiese der Aufstieg. Mittlerweile wurde eine neue Piste in den steilen Hang geschlagen. In dem breiten Sattel zwischen dem Halgurd und dem Sar i Kurak endet die Fahrt. Nur noch rund 500 Höhenmeter trennen den Startpunkt vom Gipfel. Auf dem Bergrücken kommen aber noch einige Auf- und Abstiege hinzu.

 

Der Aufstieg

Vom Startpunkt aus haben wir einen guten Blick in die breite Westseite des Halgurd. Ein Großteil der Auf- und Abstiegsroute ist klar zu erkennen.

Auf den ersten Metern traue ich dem Gelände nicht. Liegen hier eventuell unentdeckte Minen? Ich folge stur einem Vordermann bzw. der Vorderfrau. Während der langen Querung der Westflanke zeichnen sich vereinzelt noch schwache Steigspuren ab. Diese Route ist erst vier Jahre alt. Es wird noch mehrere Jahre dauern, bis daraus ein klar definierter Bergweg wird.
Erzan meint, dass in diesem Bereich vermutlich keine Minen liegen. Und so sucht bald jeder seinen eigenen besten Weg, um schließlich in eine breite Rinne zu gelangen. Gras durchsetztes Geröll bildet den Untergrund. Schwärme von Singvögeln ziehen über uns vorbei.
Nach nur 90 Minuten stehen wir auf dem Südgipfel. Von dort erscheint ein Bergkamm ganz nah, der die Grenze zwischen dem Iran und dem Irak bildet.
Über diesen Kamm führt eine rund 20 km lange Piste, die vom iranischen Militär kontrolliert wird. Der höchste Berg - der Cheekha Dar - scheint zum Greifen nahe. In der Ferne hat sich eine Schicht aus Dunst ausgebreitet, der vom Wind aus den Wüsten bis vor die Berge getragen wird.

 

Der schönste Abschnitt der Tour

Ein breiter Rücken verbindet die beiden Gipfel miteinander. Leichtes Gehgelände wechselt mit felsigen Abschnitten. An mehreren Stellen wachsen – auf 3500 m Höhe – Gänseblümchen und andere Blumen. Marienkäfer fliegen durch die Luft.
In einer windgeschützten Ecke machen wir eine weitere Pause. Erzan kocht Tee, Letice bietet Trauben und Pfirsiche an. Außerdem gibt es noch Gemüse, Brot und Dattelpaste. Die Vorräte an Proviant würden reichen, um hier die nächsten Tage zu verbringen.
Der weitere Anstieg wird dann etwas steiler. „Manchmal sieht man hier Schakale oder Kaspi-Königshühner“ meint Erzan. „Aber die Wilderer sorgen dafür, dass es hier bald keine Tiere mehr gibt“ flüstert er hinter vorgehaltener Hand. Dabei wirft er einen verstohlenen Blick auf Fahad, den Hobbyjäger.

Je näher wir dem Hauptgipfel kommen, umso mehr Militärschrott aus dem 1. Golfkrieg liegt in dem groben Geröll. Schwere Geschosse, die wohl vom Iran hierher abgefeuert wurden. Und etliche Kalaschnikov-Patronen von hier stationierten Soldaten.
Ohne allzu große Mühe stehen wir dann auf dem Hauptgipfel des Halgurd. Dort befindet sich auf einer Stange ein Kasten in Dreiecksform. An jeder der drei Seiten hängt ein Schild. Eines mit kurdischer, eines mit arabischer und eines mit englischer Aufschrift. Erzan hat das Gipfelzeichen vor vier Jahren anfertigen lassen und hier aufgestellt.
Die Aussicht ist nicht ganz so beeindruckend wie vom Südgipfel. Aber das Gefühl, auf dem höchsten Punkt zu stehen, ist eine Wohltat. Schließlich brechen wir zum Abstieg auf.

 

Schneller Abstieg

In weiterhin völlig weglosem Gelände geht Erzan nach Überschreitung des Gipfels voran. Der Hang wird mit jedem Schritt steiler. In relativ direkter Linie nähern wir uns dem Ausgangspunkt. Der Untergrund besteht überwiegend aus tückischem Geröll (T3). Es ist schwierig, Halt zu finden.
Letice rutscht an einer besonders steilen Stelle ab und stürzt. Sie kann sich aber schnell wieder aufrichten und bleibt unverletzt. Mit abnehmender Höhe wächst immer mehr Gras, dort ist das Gehen natürlich leichter. Wir erreichen den kaum sichtbaren Aufstiegsweg bei P3100. Die letzten Meter sind dagegen wie ein entspannter Spaziergang.
Die Rückfahrt mit dem Toyota nach Choman rundet die Bergtour ab.

 

Nationalpark in Not

Die Umgebung um den Halgurd wird von den kurdischen Behörden als Nationalpark bezeichnet. Allerdings gibt es noch zahlreiche Probleme:

  1. Die wenigen Besucher lassen ihre Abfälle auf dem Berg zurück. Erzan sammelt zwar so gut es geht die Hinterlassenschaften anderer Gruppen wieder ein und entsorgt den Müll im Tal. Vielleicht würde eine Hinweistafel zum Umdenken anregen?

  2. Gravierender ist das Fehlen einer Bergrettung in Notsituatinen. Bisher gibt es keine Anstrengungen, um - bei Bedarf - eine Bergung per Helikopter zu organisieren.

  3. Durch Wilderer stehen einige Tierarten vor der Ausrottung: Die „kurdische Nachtigall“ ist mittlerweile kaum mehr zu sehen - und zu hören. Mehrere Dutzend Vogelarten sind so gut wie ausgestorben.

  4. Es gibt nur wenig finanzielle Unterstützung, um den Nationalpark zu erhalten.

  5. Das Kernproblem bleibt aber die kritische Sicherheitslage in der Grenzregion Irak/Iran. Naturtourismus findet deswegen kaum statt. Derzeit besteht wenig Hoffnung, dass sich die Situation bald verbessern könnte.

 

Die Abreise

Der Fahrer des Taxis rast wie ein Besessener über die kurvenreiche Straße aus der Stadt hinaus. Er überholt an den unübersichtlichsten Stellen, als wolle er uns in das Paradies der Gläubigen befördern. Würde ich mich anschnallen, käme das einer Beleidigung seiner Fahrkünste gleich. Die ersten zwei Checkpoints passieren wir ohne Probleme.
Dann aber wird es ernst: Die Verkehrskontrolle vor Soran wird von einer schwer bewaffneten Miliz durchgeführt. Ich reiche meinen Pass durch das offene Fenster. Der grimmige Soldat weist mich im Befehlston an, auszusteigen. Ich werde in einen Verhörraum gebracht. Meine Geschichte vom deutschen Bergwanderer will mir niemand abnehmen. Mir wird mulmig. Nach einer Weile scheint man die Lust an dem Verhör zu verlieren. Am Ende posiere ich mit dem Kommandanten für ein Erinnerungsfoto. Ich bekomme es natürlich nicht.

 

Gefahren

Ich beobachte die Lage in der Region seit merheren Jahren. Das heißt: Regelmäßig die internationalen Nachrichten lesen sowie Kontakt zu Informanten vor Ort halten. Abenteuerlustige Spontanwanderer sollten den Irak meiden.

Folgende Punkte sind bei einer geplanten Reise zu beachten:

  1. Auf dem Berg gibt es zahlreiche Minenfelder, die noch aus dem 1. Golfkrieg stammen. Im gesamten Grenzstreifen Iran/Irak sterben noch immer jährlich 1000 Menschen durch Landminen. Ein erfahrener Bergführer ist also unerlässllich. Ich vermittle gerne den Kontakt.

  2. Nicht nur Minen, sondern auch alte Kampfmittel (Granaten, Geschosse aller Art, MG-Munition) liegen auf dem Gelände. Teilweise ist die Munition noch scharf. Ein versehentlicher Kontakt ist normalerweise harmlos, aber im Fluggepäck hat das natürlich nichts verloren.

  3. In der näheren Umgebung des Halgurd gibt es mehrere PKK-Lager, die immer wieder vom türkischen Militär angegriffen werden, siehe Operation Tigris Shield. Es ist aber kein Fall bekannt, dass PKK-Aktivisten Bergtouristen überfallen oder bedrängt hätten.

  4. Vor wenigen Tagen gab es Luftangriffe des iranischen Militärs auf iranisch-kurdische Seperatisten, die im Nordirak Rückzugsgebiete haben. Die Angriffe hatten Koya zum Ziel, das etwa 60 km östlich von Erbil liegt.

  5. Der Daesch („Islamischer Staat“) ist zwar scheinbar geschlagen, aber die Djihadisten haben sich nicht in Luft aufgelöst. Im Grenzstreifen zwischen dem kurdischen Nordirak und dem vom Bagdad kontrollierten Gebieten halten sich offenbar zahlreiche ehemalige Kämpfer auf.

  6. Nicht ganz so relevant für den Halgurd, aber man sollte trotzdem die Geschehnisse im Westen des Nordiraks im Auge behalten: Im Sindschar-Gebirge kam es jüngst zu Angriffen der türkischen Luftwaffe. Wiederum westlich davon ist bekanntermaßen der Krieg in Syrien das Kernproblem.

  7. Die Reiseinformationen auf der Homepage des Auswärtigen Amts sind normalerweise zuverlässig. Als einzige Quelle allerdings taugt die Seite nicht. Zudem wird fälschlicherweise behauptet, dass auch für den Nordirak vor der Einreise ein irakisches Visum besorgt werden muss. Tatsächlich genügt bei Ankunft im Flughafen Erbil bei EU-Bürgern ein gültiger Reisepass. Der Einreisestempel berechtigt allerdings nur zum Aufenthalt in den Provinzen Dohuk, Erbil und Sulaymaniyya.

    Vor Ankunft sollte man sich als Deutsche/r in die Krisenvorsorgeliste des Auswärtigen Amts eintragen. Das deutsche Konsulat in Erbil wäre für Notfälle der Ansprechpartner. Die Schweiz und Österreich unterhalten keine Konsulate im Nordirak.

 

Dies ist mein 400. Tourenbericht. Der Halgurd war für dieses Jubiläum mein Wunschkandidat. Danke, hikr.org!


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Comments (4)


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Sputnik Pro says: Wow !!!
Sent 27 September 2018, 07h23
Salam Riosambesi,

Das ist seit längerem einer der interessantesten HIKR-Berichte! Ich zieh den Hut und gratuliere dir zum wirklich aussergewöhnlichen Gipfel! Un wer weiss, ob ich den höchsten Iraker an der Grenze zum Iran nicht einmal im Winter besteigen werde :-) Würde zuvor aber sicher wegen den Kontakten auf dich zurück kommen...

Weiter so!

Gruss, Spunik

Riosambesi says: RE:Wow !!!
Sent 27 September 2018, 12h09
Shukran oder besser Spas (kurdisch) für deinen Kommentar. Es gibt auf beide Berge eine Winterroute. Die für den Halgurd verläuft über den Osthang. Den Cheeka Dar kann man dann etwas leichter von der iranischen Seite aus besteigen. Aber wie humorvoll die Revolutionsgarden europäischen Wanderern begegnen, das ist schwer zu sagen..
Gruß, Michael

dominik says:
Sent 27 September 2018, 08h09
Wow, das ist mal ein Bericht! Jetzt hat der Irak endlich auch einen Eintrag... :-)

Riosambesi says: RE:
Sent 27 September 2018, 12h16
Danke danke. Ich war letztes Jahr schon auf dem Weg dorthin. Wegen des Referendums in Erbil hat das türkische Militär allerlei schweres Gerät in Stellung gebracht. Bin dann in Ostanatolien auf Berge gestiegen.


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