Tödi - Heckmair-Route


Publiziert von Beat , 28. Juli 2008 um 20:31.

Region: Welt » Schweiz » Glarus
Tour Datum:14 April 2007
Ski Schwierigkeit: WS
Zeitbedarf: 21:30
Aufstieg: 3200 m
Abstieg: 3200 m

 "Swim 3.8 KM, Bike 180 KM, Run 42 KM - rest for the rest of your live" lautet einer der markigsten Sprüche aus der Anfangszeit des Ironman.
Angepasst für die Heckmair-Route auf den Tödi:
"Fahre 100 KM mit dem mit Skis und Ausrüstung beladenen Velo, trage Skis 1 1/2 Stunden bis zum Schnee, steige über den wunderschönen Gletscher zum Tödi, geniesse eine traumhafte Aussicht und eine abwechslungsreiche Abfahrt, trage die Skis zurück zum Velo, fahre mit Velo und Ausrüstung dem Sonnenuntergang entgegen nach Zürich zurück. Erspare Dir den Flug nach Hawaii und uns das CO2. Das Abenteuer startet vor der Haustüre."
 
Gestartet sind wir am Freitag 23:00 auf der Quaibrücke in Zürich. Etwas früher als zum Clariden. Das SLF hat "erheblich" angesagt für die Nassschneelawinen. Die Temperatur war ideal für das Velo, schade nur, dass der Verkehr um diese Zeit noch beträchtlich ist. Der Föhn zeigte Erbarmen und blies uns nur kurze Zeit ins Gesicht.
Die Anekdote: Ich fluchte, als Cesco auf der Seestrasse mit 20 KMH dahin kroch. Sein Tricot war nass. So schaffen wir das nie! "Heureka" krähte er plötzlich und hielt an: Die angeschnallten Skis hatten die Hinterradbremse blockiert. Das machte glatt 10 KMH aus. Von da an brausten wir mit 30 KMH dem Glarnerland entgegen.
4 1/2 Stunden brauchten wir bis nach Tierfehd, der Tenuewechsel verschlang eine weitere halbe Stunde.
 
Schnee hatte es erst in Hintersand. Der erste Hang über den Lawinenkegel und durch die Büsche war in der Dunkelheit eher mühsam. Das Skitourenfeeling stellte sich ab Tentiwang ein und steigerte sich beim Anblick des Bifertenfirns nochmals. Angeseilt gings ohne Probleme über den unteren Abbruch. Wir wählten die Schneerus und brauchten nicht mal die mitgebrachten Steigeisen und Pickel.
 
Ein bisschen ätzend wurde die Anstrengung dann weiter oben, bis uns der Blick auf den Gipfel das Ziel visuell erkennen liess. Ein paar Tourengänger, die von der Fridolinshütte kamen, hatten auch zu kämpfen. Kurz unter dem Gipfel frischte der Föhn auf. Rasch die Sturmjacke übergezogen und rauf zum Gipfelkreuz. Überwältigend, die Aussicht - schön das Gefühl, 3200 Höhenmeter aus eigener Kraft geschafft zu haben. Leider war es gegen Norden etwas trübe - wir hätten dem Publikum auf der Quaibrücke gerne zugewinkt!
 
Wir genossen das mühelose vorwärtskommen auf der Abfahrt. Ab Hintersand eher mühsam der Abstieg zu Fuss bis nach Tierfehd.
 
Der Wechsel auf das Velo braucht etwas Zeit. Die Skis wollen sorgfältig angeschnallt werden. Das Gewicht von mehr als 20 Kilo bringt sonst das Velo in Schwingungen und macht das Fahren gefährlich. Runter bis nach Ziegelbrücke ging's wie im Flug, mit leichtem Rückenwind. Die Beine mochten die anstrengungsarmen Lockerungsübungen. Wir hatten uns die Option "Zug" offengelassen, schwenkten aber dann Richtung Pfäffikon, Rapperswil, Zürich ein. Belohnt wurden wir mit einem wunderschönen Sonnenuntergang, in den wir schnurstracks reinfuhren. Nur beim Timing haperte es: In Meilen verschwand die rote Scheibe am Horizont - uns bleib noch 1/2 Stunde Abendstimmung, bis wir um 20:30 die Runde auf der Quaibrücke schlossen. Ziemlich müde, aber mit einem Lächeln, versteht sich.
 
So, das war für uns der Abschluss der Heckmair Saison. Wir sind gespannt, ob noch jemand was Ähnliches anpackt. Würde uns freuen. Die Frage steht auch, ob es eine Steigerung gibt. Aufgeworfen wurde die Frage, ob es im Sommer einen 4000er gibt, der im Heckmair-Stil von Zürich aus möglich ist. Anregungen dazu sind willkommen.
 
Aber erst mal relaxen und auf Fernsicht hoffen. Muss ein gutes Gefühl sein, vom Balkon aus dem Tödi zuzuwinken.
 
Cesco und Beat
 
 
 
Heckmair:
Heckmair-Routen gibt es viele. Mit unterschiedlichen Anforderungen an die Kondition. Das Abenteuer startet vor der Haustüre - CO2-frei. Wir taufen dieses Art des Rangehens an den Berg im Andenken an Anderl Heckmair.
Aus Wikipedia: Anderl Heckmair, eigentlich Andreas, (* 12. Oktober 1906 in München, ? 1. Februar 2005 in Oberstdorf) war ein deutscher Bergführer und Alpinist.
Heckmair, der in einem Münchener Waisenhaus aufwuchs, verbrachte im Alter von elf Jahren einen Erholungsaufenthalt in der Schweiz. Dabei erwachte seine Liebe zu den Bergen. Er erlernte den Beruf eines Gartenbautechnikers, den er jedoch nur kurz ausübte. In der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre wurde er arbeitslos und es zog ihn in die Alpen, wo er sich mit Küchendienst in verschiedenen Berghütten einen bescheidenen Lebensunterhalt verdiente. Als Kletterer meisterte er extreme Wände in den Ost- und Westalpen und den Dolomiten. Er durchstieg im Juli 1938 mit seinem Freund Wiggerl Vörg und den Österreichern Fritz Kasparek und Heinrich Harrer erstmals die Eiger-Nordwand. Die von ihnen benutzte Route wurde nach ihm benannt.
"Bei meinen bergsteigerischen Unternehmungen hatte ich allzeit den Grundsatz: es kommt nicht auf die Leistung, sondern auf das Erlebnis an." (Anderl Heckmair)
 
Geschwinder als mit dem Auto?
Klar, in Minuten und Sekunden ist die Heckmair-Variante langsamer als die Normalroute mit dem Auto. Das Paradox „Achill und die Schildkröte“ macht vor, dass mit Kreativität was rauszuholen ist. Ich probiere auch zu zaubern ? man verzeihe mir die etwas günstigen Annahmen: 9 Stunden brauchen wir mit dem Velo nach Tierfehd und zurück. Das Auto braucht 4. Die 5 gewonnenen Stunden kosten rund CHF 160.- (Kilometerpreis mal die 200 KM). Um die Kosten zu erarbeiten, muss ich, wenn ich das frei verfügbare Einkommen durch die Arbeitsstunden dividiere, 2 bis 8 Stunden arbeiten. Und schon ist es nicht mehr so eindeutig. Jedenfalls für Menschen wie Heckmair, die „time rich“ aber „money poor“ sind, ist das Velo schneller.
Noch spannender wird es, wenn ich die Zeitknappheit moderner Menschen einbeziehe: Die Zeit, die uns für den Sport bleibt, ist ja bei den meisten Menschen knapp. Wenn ich also 5 Stunden einsetze, kann ich 9 Stunden Sport treiben. Und erst noch den Bonus für die gesparte Autofahrt einstreichen. Und obendrauf gibt‘s noch Lob von der Umweltschutzfraktion.
AusdauersportlerInnen bezeichnen sich meist als naturverbunden. Und doch bleibt der Umweltgedanke allzu oft auf der Strecke. Speziell BergsportlerInnen nehmen lange Anfahrtswege in Kauf. Aus Bequemlichkeit meist mit dem Auto. Es geht auch anders. Das Training beginnt vor der Haustüre. Der Anfahrtsweg ist Teil des Ganzen. Das macht ökologisch und zeitökonomisch Sinn. Heckmair modernisiert, sozusagen.


Kopie des Berichts von damals im Gipfelbuch

Datum    14.04.2007
Verfasser    Cesco und Beat
Höhenmeter (bis Gipfel)    3200 m
Gruppengrösse    2 Person(en)
    

Tourengänger: Beat

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Kommentare (3)


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znuk hat gesagt: Hut ab
Gesendet am 28. Juli 2008 um 20:56
vor dieser Leistung. Mein Teil an den Umweltschutz ist, dass wenn wir in die Berge fahren wenigstens das Auto immer voll sein muss. Wenn wir nicht vier Personen sind, findet die Tour nicht statt.

Henrik hat gesagt: Also deine Überlegungenm, Beat,
Gesendet am 29. Juli 2008 um 16:04
sind auf dieser Plattform bemerkenswert selten und wohl kaum so nachgerechnet worden! Die Leistung hinter eurem Tun verdient geradezu einen Award...und bedürfen der Nachahmung...ich reise meistens mit der Bahn...und stelle z. Z. um vom SUV auf Kleinwagen!

Beat hat gesagt: RE:Also deine Überlegungenm, Beat,
Gesendet am 29. Juli 2008 um 16:45
Das mit dem Rechnen stammt nicht von mir - habe ich bei Ivan Illich abgekupfert. Der sagt, dass die Maximalgeschwindigkeit des Menschen zwischen der Geh- und der Velo-Geschwindigkeit liegt. Grund: Die Kosten für ein rascheres Verkehrsmittel müssen ja erarbeitet werden. Die dafür notwenige Zeit muss korrekterweise zur Reisezeit addiert werden.
Das stimmt bei uns nur mit ein Bisschen "schieben". Aber bis eine Näherin in einer chinesischen Fabrik die 150 CHF für ein Ticket nach Genf abgerackert hat, wäre sie mit dem Velo schon längst angekommen. Geschweige denn, sie würde Dir Dein SUV abkaufen ;-)
Aber sie stimmt absolut für das Modell: "Ich fahre mit dem schnellen Auto nach Hause, damit ich im Fitnessstudio noch eine Stunde Spinning machen kann." Mit dem Velo heimzuradeln wäre wohl besser, billiger und schneller.
Aber die Ökonomie setzt sich halt nicht immer durch. Hat wohl mit Werbung zu tun und mit der Tatsache, dass viele Menschen Transport und Sport irgendwie gedanklich trennen, statt die Sache gesamtheitlich zu betrachten.


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