Ein neues Mass zur Klassifizierung von Gipfeln


Publiziert von Delta, 23. Oktober 2014 um 19:15. Diese Seite wurde 1265 mal angezeigt.

Ein neues Mass zur Klassifizierung von Gipfeln: Die Bedingte Ausdehnung

Schon seit langer Zeit wird versucht, Gipfel mit Zahlenwerten zu beschreiben und sie zu klassifizieren. Ob man damit der „Schönheit“ eines Berges in irgendeiner Form gerecht werden kann, sei dahingestellt. Trotzdem ergeben sich für Statistik-Interessierte und „number crunchers“ aufschlussreiche Gipfel-Listen, welche viel darüber aussagen wie freistehend / dominierend ein Berg in Bezug auf seine Umgebung ist.


Die Höhe ist die einfachste Messgrösse um einen Gipfel zu charakterisieren. Daneben sind auch die Schartenhöhe und die Dominanz populäre Masse. Die Schartenhöhe (auch Prominenz genannt) bezeichnet die Höhendifferenz, die abgestiegen werden muss um den nächst höheren Punkt zu erreichen. Die Dominanz ist die Horizontaldistanz zum nächst höheren Gipfel. Diese Grössen sagen schon viel über die „Wichtigkeit“ eines Gipfels in Bezug auf seine Nachbarn aus. Schartenhöhe und Dominanz sind mit einer Karte relativ einfach zu bestimmen. Allerdings liefern diese Masse nur unvollständige Information darüber wie markant – oder sagen wir der „Idealform“ eines Gipfels entsprechend – ein Berg ist: Der Dammastock erreicht beispielsweise Top-Rangierungen in Bezug auf Schartenhöhe und Dominanz, hebt sich allerdings nur undeutlich von seinen nächsten Gipfeln ab. Dagegen ist das Matterhorn – weltweit als Berg in seiner allerschönsten Ausprägung bekannt – in Bezug auf Schartenhöhe und Dominanz nur Mittelmass.

Christian Thöni schlägt auf seiner Website www.gipfelverzeichnis.ch eine zusätzliche Grösse vor, welche sich über die Fläche definiert, die ein Berg eine gegebene Höhendifferenz unter seinem Gipfel bedeckt: die Bedingte Ausdehnung. Bisher konnten allerdings noch keine Daten zu dieser Messgrösse erhoben werden. Mit hochaufgelösten Geländemodellen sowie etwas Computer-Rechenpower lässt sich heute aber auch die Bedingte Ausdehnung auswerten. Dies stellt eine wichtige Erweiterung zu den herkömmlichen Charakterisierungs-Massen wie Höhe, Schartenhöhe und Dominanz dar.
Solche Klassifizierungen machen an sich keinerlei Aussagen darüber wie besteigenswert oder subjektiv „schön“ ein Berg ist, und sollen auch nicht so verstanden werden. Trotzdem sind sie ein interessantes Mittel zur Analyse der unzähligen Gipfel der Schweiz.
 
Die Bedingte Ausdehnung bezeichnet die Grösse der Basis eines Berges. Eine schlanke Felsnadel hat eine sehr kleine Bedingte Ausdehung, während ein Gipfel mit allseits flach abfallenden Flanken eine sehr grosse Fläche bedeckt. Im Gegensatz zu den herkömmlichen Charakterisierungs-Grössen wie Schartenhöhe und Dominanz beschreibt die Bedingte Ausdehnung also direkt die Form des Berges und trägt deshalb der subjektiven Empfindung Rechnung, dass Berge mit steilen Wänden und einem spitzen Gipfel als besonders schön und eindrücklich gelten.

Wer interessiert ist, mehr darüber zu erfahren: Hier ist der Link zu meinem kleinen Artikel mit Zahlen und Berg-Ranglisten der "Bedingten Ausdehnung".

Gruss Delta



Kommentare (14)


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xaendi hat gesagt:
Gesendet am 23. Oktober 2014 um 22:54
Mega cool! Sehr spannend, was für 'Spielchen' mit solchen Daten anstellen lassen :-) Ich bin dafür, dass Gipfel-Wegpunkte auf Hikr alle noch einen Delta-Indexwert kriegen ;-)

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Delta Pro hat gesagt: RE:
Gesendet am 24. Oktober 2014 um 13:28
Ganz der gleichen Meinnung: Bitte keinen "Delta-index"! ;-) Ich habe nur etwas programmiert und gerechnet, nichts erfunden.

Und ja, über den Nutzen kann man sich wirklich streiten. Ich sehe das auch nicht als eine Zusammenstellung von Bergen, auf denen man jetzt gewesen sein muss. Trotzdem finde ich interessant, dass man so aus den tausenden von Bergen in der Schweiz durch eine automatische Analyse diejenigen hervorheben kann, die (zumindest mathematisch betrachtet) "schön" aussehen. Dabei findet man viele Perlen, die sonst untergegangen wären (z.B. Petit Muveran etc.).

Was meinst Du mit der Verfügbarkeit von 3D-Modellen? Das gibt es grundsätzlich alles schon und ist eigentlich frei verfügbar. Allerdings muss man wissen wie man mit den Daten umspringt und was man damit anstellen will.

Gruss Delta

xaendi hat gesagt: RE:
Gesendet am 24. Oktober 2014 um 13:34
Der Delta-Index war ja auch mit einem Augenzwinkern gemeint.

Ich finde den Ansatz, subjektive Empfindungen mit objektiven Daten nachbilden zu versuchen spannend. In Kombination mit ein paar anderen Messgrössen, z.B. präferierte Region, bevorzugte Art der Tour, erforderliche Höhenmeter, technische Schwierigkeit, Anzahl sichtbare Berggipfel vom Gipfel aus etc. liesse sich ein objektives Empfehlungssystem für Touren zusammenstellen, das manchmal bei der Ideenfindung helfen könnte. Beispiel: "Ich mag hohe, aber lieber nicht zu steile Berge im Wallis, die nicht über einen Gletscher führen und eine schöne Aussicht bieten".
Aber jedem das seine ;-)

Gelöschter Kommentar

xaendi hat gesagt: RE:
Gesendet am 26. Oktober 2014 um 23:11
Ein Feature hast du noch vergessen: Dass man den Kaffee in der Bergbeiz mit einem Klick vorbestellen kann ;-)

Gelöschter Kommentar

Delta Pro hat gesagt: RE:
Gesendet am 27. Oktober 2014 um 08:26
Nun ja, irgendwie wäre es schade, wenn alles der Computer macht... Zumindest für mich gehört das Planen vor der Tour, das Träumen, das Abwägen dazu und ist wichtig. Ich glaube, Computer sind gut als Unterstützung und Entscheidungshilfe, aber nicht um uns zu sagen, wo wir unseren Fuss aufsetzen sollten.

kopfsalat hat gesagt:
Gesendet am 26. Oktober 2014 um 23:24
Ein interessantes Konzept. Nur löst es das eigentlich "Problem" nicht, dass man diese objektiv/subjektiven "Empfindung" eines Berges nur dann hat, wenn man ihn von wo anders her betrachtet. Ein Erklimmen des Berges bringt in dieser Beziehung rein gar nichts.

Alles in allem OK fürs "Familienalbum" aber als Entscheidungshilfe fürs subjektive Empfinden eines Berges anlässlich einer Tour leider komplett unbrauchbar.

Was hingegegen in die Bewertung mit einfliessen müsste, ist das Umfeld, in dem sich der Berg präsentiert. Denn auch der perfekteste Berg bringt nichts, wenn ihm von überall her andere im Weg stehen.

Delta Pro hat gesagt: RE:
Gesendet am 27. Oktober 2014 um 08:32
Genau gleicher Meinung. So ist es auch mehrfach in meinem Text betont. Zum Glück kann uns noch kein Computer sagen, ob wir z.B. das Gesicht eines Menschen als schön oder unschön zu empfinden haben.

Aber in Bezug auf Gipfel kann ein solches Mass doch Berge aus der Masse heben, die man sonst einfach verpasst hätte. Als Mittel zur Tourenplanung war es nie gedacht.

Das Umfeld in welchem sich der Gipfel präsentiert, ist hingegen implizit schon drin: Die bedingte Ausdehnung ist ja eine Kombination von Schartenhöhe/Prominenz UND der Bergform. Ein Gipfel, der inmitten anderer versinkt wird eine geringe Schartenhöhe haben, einer, der die anderen überragt eine grosse. Je nachdem unter welcher Höhendifferenz unter dem Gipfel man auswertet, kann man da ganz unterschiedliche Aspekte betrachten.

Gruss Delta

brandtp hat gesagt: Spät, aber...
Gesendet am 11. März 2016 um 14:15
Habe diese Diskussion jetzt erst gefunden, weil ich an ganz ähnlichen Spielereien "arbeite" und Gesprächspartner zum Thema im Netz suche. Bei mir nennt sich das Ganze "Bergwertung" und stellt eine Gesamtbewertung der orografischen Bedeutung eines Berges dar, also seiner Mächtigkeit. Über die theoretischen Annahmen dahinter und erste Ranglisten (Top 100 der Alpen zum Beispiel) kann man sich auf bergwertung.wordpress.org informieren.

brandtp hat gesagt: Link war falsch
Gesendet am 11. März 2016 um 14:17
https://bergwertung.wordpress.com/

Martin Job Pro hat gesagt: RE:Link war falsch
Gesendet am 11. März 2016 um 20:05
Bergwertung – die Mächtigkeit von Bergen messen

brandtp hat gesagt:
Gesendet am 11. März 2016 um 16:51
Hallo Delta,

deine Berechnungsweise der Bedingten Ausdehnung könnte die Grundlage einer guten Modifizierung meiner "Bergwertung" darstellen, nämlich hinsichtlich der für mich noch unbefriedigend gelösten Steilheits-Thematik. Offenbar kannst Du mit digitalen Geodaten das Gelände rund um einen Gipfel effizient vermessen. Deine Variabilität von dz=100 bis dz=1000 m zeigt ja, dass Du kein festes Maß zugrundelegen möchtest für die Bemessung der "bedingten Ausdehnung" aller Berge. Das korrespondiert ein wenig mit der Zugrundelegung einer "relativen Höhe" als Maß für einen bergabhängigen Radius, innerhalb dessen ich die maximale Tiefe im Nahumkreis messe.
Ich weiß auf die Schnelle nch nicht genau wie, aber ich denke, die "Bergwertung" könnte von Deinen Überlegungen zur bedingten Ausdehnung gut profitieren. Ich werde weiter darüber nachdenken.

Viele Grüße
Peter


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