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Mit Super-Mario am Guppengrat


Published by fex , 16 May 2010, 13h28.

Region: World » Switzerland » Glarus
Date of the hike:16 July 1994
Mountaineering grading: PD
Climbing grading: II (UIAA Grading System)
Time: 1 days 11:00
Height gain: 2200 m 7216 ft.
Height loss: 1700 m 5576 ft.
Route:Schwändi-Guppenalp-Vrenelisgärtli-Richisau
Access to start point:ab Schwanden bis ca. P. 790
Access to end point:ab Richisau via Glarus-Schwanden
Maps:1153

Wahrscheinlich ist es schlicht ein Naturgesetz. Ob beim Flanieren am Bürkliplatz, bei der Vergnügungsfahrt mit einem Dampfer oder schwimmend weit draussen im Zürichsee – unweigerlich wird der Blick von jenem weissen Schimmer hoch oben im südlichen Dunst angezogen. Wem das genug oft wider­fahren ist und wer im weitesten Sinn etwas mit Bergsteigen am Hut hat, den befällt früher oder später die Sehnsucht, wenigs­tens einmal im Leben dem Vreneli und seinem Gärtli einen Besuch abzustatten. Vielleicht um den Quai, den See einfach mal aus der anderen Richtung zu sehen. Vielleicht aber auch, um aus eigener Anschauung zu erahnen, welch sündhaftes Leben dieses Mädchen geführt haben muss, dass ihr blühendes Gärtchen in eine Eiswüste verflucht wurde. Oder gar um die arme Seele dort oben zu erlösen.
 

 Auch "Berg & Ski" hat deshalb das Vrenelisgärtli, die höchste Erhebung des Glärnisch, schon mehrmals im Programm geführt und dabei stets rege Beteiligung erfahren. Ich selbst brauchte als Zuzüger nach Zürich relativ lange, um von der Magie dieses Berges verführt zu werden, und konnte mich deshalb nie für die klassische Tourenvariante mit Hüttenübernachtung erwärmen. Als aber Mario im Juli 1994 die eintägige Überschreitung anbot, brauchte ich nicht lange zu überlegen. Denn da war, auf rein persönlicher Ebene, ein Abenteuer erster Güte zu erwarten. Und im Hinblick auf Biancograt und Matterhorn, die als grosse Trophäen jenes Sommers warteten, schadete ein Härtetest sowie­so nicht. Hart würde diese Tour, das war schon den aus­geschriebenen Anforderungen zu entnehmen: "Kondition für 2200 Höhenmeter Aufstieg und über 1700 Hm Abstieg. Schwindelfreiheit und Klettern bis III. Schwierigkeitsgrad. Die Wegzeit beträgt rund 11 Stunden." Ergo: "Besammlung 02:00 Uhr Parkplatz Werd".

Entsprechend klein ist das Grüppchen, das sich zu dieser Tour aufgerafft hat. Eigentlich hätte es in einem einzigen PW Platz. Doch deren braucht es aus logistischen Gründen zwei, und so werden wir Mario erst eine Stunde später am Ausgangspunkt treffen. Im schlaftrunkenen Schwanden die richtige Abzwei­gung zu wählen, kriegen wir auf Anhieb hin. Dann aber wird es bereits spannend, auf dem schmalen Alpsträsschen mitten im finsteren Wald nach der x-ten Kehre den vereinbarten Treff­punkt ausfindig zu machen. Karte und Höhenmesser feiern ihren ersten Einsatz. Zum Glück ist der Führer vor uns zur Stelle – scheinbar hat er gut rekognosziert. Ohne viel Feder­lesens werden die Rucksäcke gebuckelt, die Stirnlampen angeknipst, und hinein gehts ins Unterholz, wo sich tatsächlich magere Wegspuren abzeichnen, die wenigstens in die richtige Richtung führen, nämlich aufwärts.

"Seltsam, im Dunkeln zu wandern", liesse sich ein bekanntes Hesse-Gedicht abwandeln. "Kein Baum sieht den andern", das allerdings bleibt. Wie könnten sie auch – stehen sie doch so dicht, dass sie sich gegenseitig sogar das spärliche Sternenlicht abspenstig machen. Wir stapfen daher ziemlich geschlossen dem Pfadfinder hinterher bergauf. Ist einmal der Rhythmus gefunden, erweist sich die unchristliche Zeit als geradezu ideal, um fast unmerklich Höhe zu gewinnen und zugleich die Gedanken fliegen zu lassen. Zum Beispiel voraus an die bevor­stehenden Strapazen oder die mutmasslichen Gipfelfreuden, oft aber auch zurück zum wohligen Bett… Aufgeweckt aus solchen Träumen werde ich bisweilen, wenn sich herausstellt, dass wir vom Pfad abgekommen sind. Dann versuchen sich die einen linker-, die anderen rechterhand, bis irgendjemand wieder Wegspuren gefunden oder, als höchstes der Gefühle, sogar eine Markierung gesichtet hat.

Mitte Juli ists, und da sind die Nächte kurz. Trotzdem wird es noch nicht Tag, als wir den Wald verlassen und bei Mittler Guppen den steileren Anstieg beginnen. Jedenfalls ist es auf dieser Alp noch ruhig, und wir umgehen die Hütten in weitem Bogen, um den allfälligen Wachthund nicht auf falsche Gedanken zu bringen. Zick-zack-zick-zack. Während wir auf dem nun eindeutig gewordenen Bergweg stetig höher steigen, verblassen die Sterne in einem gräulichen, sich von Osten her allmählich rötenden Schimmer. Ganz offensichtlich haben wir einen Bilderbuchtag erwischt! Gestochen scharf zeichnet sich gegenüber die unverkennbare Silhouette des Mürtschenstock ab, und selbst der ferne Säntis ist schon zu dieser frühen Stunde klar auszumachen. Der Tödi lässt sich erst blicken, als wir die Terrasse von Oberstafel betreten – gerade während die ersten Sonnenstrahlen seine breite Kuppe treffen. Wie ein einsamer Leuchtturm überragt er alle anderen noch im Schatten dämmernden Gipfel. Der richtige Ort und Zeitpunkt fürs Früh­stück – zu Hause um 01 Uhr war der Appetit ja noch nicht zur Stelle gewesen. Jetzt aber gönne ich mir ein Müesli, angerührt mit einer eigens mitgeführten Tetrapackung Milch. Die Welt kann doch in Ordnung sein!

Frisch gestärkt brechen wir wieder auf; erst ein Drittel der heutigen Aufwärtsleistung liegt hinter uns. Inzwischen haben die Sonnenstrahlen auch uns erreicht und lassen besonders die rot-weissen Wegmarkierungen aufleuchten. Ein überraschend komfortabler Plattenweg windet sich um einen Felsvorsprung herum und leitet verführerisch auf eine geröllübersäte Alp hinüber. Eigentlich sollte uns ein Pfeil mit der Aufschrift "Oberblegisee" stutzig machen, doch Mario schreitet unbeirrt voran. Der richtige Guppengrat wird wohl erst die nächste der zahlreichen Geländerippen sein, die da vom undurchschaubaren Gipfelmassiv herabziehen. Verdächtig wirds erst, als der Wanderweg zu einem Klettersteig verkommt und erst noch tendenziell abwärts führt. Ein genauerer Blick auf die Karte, und von da zurück zum ersten Grat: Oha, dort steigt gerade eine andere Gruppe direkt empor! Hat wohl die "Rekognoszierung" nur mit dem Auto stattgefunden – bis zur Abzweigung des Fusswegs von der Strasse?

 

Schräg über die steilen Heuberge schlagen wir uns durch ein Gewirr von Felsblöcken zurück zum Grat hoch, gerade noch Rufdistanz zur Konkurrenzgruppe erreichend. Ja, nun scheinen wir mit einer knappen Stunde Zeitverlust auf der richtigen Route zu sein. Unglaublich jäh zieht sie hinauf und weicht vorübergehend von Fels in Grasbörter mit guten Trittspuren. Der Boden ist vom Tau oder letztwöchigen Regen noch nass, schwer und rutschig. Wenn wir hier bloss nicht zurücksteigen müssen! Der Himmel jedenfalls bleibt makellos rein, und obwohl die Sonne in rechtem Winkel in die Bergflanke brennt, bleibt die Temperatur wundersam angenehm. In den Couloirs durch die Felsbänder gilt unsere Hauptsorge der Vorgänger­gruppe: Hoffentlich lassen sie keine Steine auf uns los! Allem voran macht es aber einfach Freude, mit immer mehr Luft unter den Sohlen da hoch zu steigen.


Das obere Firnband ist bereits schneefrei und lädt im Schutz einer Felswand zur zweiten Rast. Tief unten verkehrt die motorisierte Welt unhörbar für unsere Ohren, und gegen Osten tun sich immer weitere Gebirgshorizonte auf. Lange möchte man so verweilen und darf es doch nicht. Denn die Schlüssel­stellen lauern noch oberhalb, und niemand von uns hat sie je aus der Nähe gesehen. Gleich steht uns ein schwierig anzu­blickender Engpass vor der Nase. Das Seil haben wir eigentlich für das einzige "unbeschriebene Blatt" unserer Runde mitge­bracht, aber schon ist Peter beeindruckend selbstsicher über die gröbsten Hindernisse davongeklettert. So bindet Bruno den asthmatisch etwas angeschlagenen Mario und den starken, aber im Fels wenig erfahrenen Felix an die Leine, während ich mich selbstständig über die Felsaufschwünge empor hangle. Über­raschend schnell stehen wir auf dem Guppenfirn, danken den entschwundenen Vorgängern für die schönen Trittspuren zur Chanzle – und stehen vor der letzten Knacknuss: dem 300m hohen Gipfelgrat. Mächtig steil sieht er aus… und ausgesetzt! Da sollen wir hinauf, der Effizienz halber unangeseilt?! Doch kaum haben wir Hand an ihn gelegt, erweist sich die Kletterei als pures Vergnügen, mit guten Griffen und Tritten, wenn auch über beidseits gähnenden Tiefen. So nah vor dem Ziel bringen zum Glück alle die verlangte Schwindelfreiheit auf, und so stehen wir punkt Mittag ausgepumpt, durstig und sehr, sehr zufrieden auf dem Gipfel. Klarste Fernsicht auf Berge, Hügel, Seen, Flüsse, Dörfer und Städte! Und alles lässt sich nach wie vor im blossen T-Shirt geniessen.


Doch wie ist das nun mit Vrenelis Gärtli? Enttäuschend unspektakulär liegt das kleine Firnfeld zu unseren Füssen. Das sündhafte Leben muss schon eine geraume Weile verflossen sein. Auch von armer Seele keine Spur. Doch vielleicht lauert sie gleich darunter, wo der sanft geneigte Firn plötzlich 2000 Meter zum Klöntalersee abbricht? Besser gehen wir dem nicht auf den Grund.


Es steht nicht viel Volk auf dem Berg vieler Sehnsüchte. Die meisten Wochenendgäste befinden sich am Samstag noch auf dem Hüttenweg. Dem streben, von oben her, auch wir jetzt mit Riesenschritten entgegen. Denn nach dem 7-stündigen Aufstieg sind selbst die grössten Teeflaschen irgendwann leer. Das Bier vor der Glärnischhütte schmeckt himmlisch. Und später, nach fortgesetztem Marathon, Taxi- und Postautofahrt bis Glarus lassen wir es uns in einer Gartenbeiz am Fuss des mächtigen Glärnisch noch besser gehen. Es sind solche vielseitig ausge­füllte Tage bei optimalen Bedingungen, die unsereinen touren­süchtig machen. Besonders wenn sie auch noch etwas Entde­ckerfreude schenken.

Oder erleichtern sie uns etwa den Abschied von einem Touren­leben? Nur eine Woche später, am Ende der endlos scheinenden Biancograt-Tour, wird ein erschöpfter Super-Mario seine Bergschuhe dem erstbesten Abfallkorb am Morteratsch-Gletscher anvertrauen und kurz darauf nach Luxemburg auswandern. Dem kollektiven Club-Gedächtnis bleibt er umso fester erhalten.

 

 


Hike partners: fex



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