Ferdinandea - ein Wahnsinns-Traum


Publiziert von Wolfgang Schaub , 1. April 2009 um 11:30.

Region: Welt » Italien » Sizilien
Tour Datum:15 Juni 2006
Wegpunkte:
Geo-Tags: I 
Aufstieg: 8 m
Abstieg: 8 m
Strecke:Direttissima
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Autobahn von Deutschland durch Italien nach Sizilien
Zufahrt zum Ankunftspunkt:Auf einer Landstrasse nach Sciacca an der Südküste Siziliens
Unterkunftmöglichkeiten:Im eigenen Auto

 

An jenem 1. April vor drei Jahren dachte ich nach, was ich wohl wieder im Sommer tun würde. Zweifellos würde es meiner Leidenschaft gelten - die jeweils höchsten Punkte eines jeden europäischen Landes aufzusuchen. Da war ein Land, das 40 Kilometer vor der Küste Siziliens Juli 1831 plötzlich aus dem Wasser des Mitelmeers auftauchte, sich fauchend, sprudelnd und feuerspuckend bis zu 63 Meter über den Meeresspiegel erhob und dann in den folgenden 6 Monaten von der Brandung wieder abgetragen, eingeebnet und verschlungen wurde: Ferdinandea.


Fischern aus Sciacca war das Getöse im Meer zuerst aufgefallen, dann beäugten Kapitäne vorbeifahrender Schiffe das feurige Spektakel und Regierungen wurden darauf aufmerksam: Wem sollte die neue Insel eigentlich gehören? Dem bourbonischen Königreich Beider Sizilien, nur weil es in dessen nächster Nähe lag? Oder den machthungrigen Briten, nur weil es als „Graham Island“ so hübsch entlang der Route von Gibraltar über Malta, Korfu, Zypern und Suez nach Indien lag? Den Franzosen etwa, nur weil sie der Insel auch einen Namen gegeben hatten? – L'Ile de Julia. Oder den Spaniern, die das Eiland „Corrao“ getauft hatten? Alle waren sie scharf auf eine Neuerwerbung im Mittelmeer und so war alsbald der feinste internationale Konflikt vom Zaun gebrochen. Noch hatte niemand die vulkanischen Gestade des Inselchens betreten, nie war jemand auf dem 63 Meter hohen Gipfel gestanden. Den Briten gelang als ersten eine Landung, und der Union Jack wehte ein paar Tage lang am Strand von Ferdinandea ...

So lange konnte ich nicht warten. Ich musste hin. Um auf ihrem höchsten Gipfel zu stehen, 8 Meter unter dem Meer, bedeutete, ich musste tauchen lernen – und nicht nur das: Jemand mußte mich hinaus aufs Meer fahren, 40 Kilometer weit, genau über den Gipfel, mich vom Boot ins Wasser entlassen, mir die Hand reichen und mich hinunterziehen, mich genau auf dem Gipfel absetzen, zur Dokumentation ein Unterwasserbild aufnehmen und mich wieder sicher hinauf zum Boot zurückgeleiten. Sicherstellen, daß der immense Druck von meinem Kopf verschwand, ohne daß ich wie eine Champagnerflasche explodierte.

Und dann saß ich da, glücklich, otto metri sotto di nivello del mare, auf dem Gipfelfelsen Ferdinandeas. So kommt es, daß der niedrigste aller Berge in der Liste meiner Höchsten Land für Land – http://www.gipfel-und-grenzen.de/die_hoechsten.php?sprache=DE – nur minus 8 Meter hoch ist. Was ist schon Höhe! Alles nur willkürlich auf die Meeresoberfläche bezogen, und selbst diese schwankt je nach Definition des jeweiligen Landes. Meine Höchsten kümmern sich nicht um solche Sophismen. Meine Höchsten haben unabhängigen Gebieten anzugehören. Und Ferdinandea ist wahrhaftig unabhängig gewesen – umkämpft zwischen 4 Nationen hatte es sich dem Zugriff entzogen, war einfach abgetaucht. Ferdinandea erfüllt alle Kriterien von Unabhängigkeit, wie ich sie mir vorstelle. Und so habe ich mich selber auch entschlossen und bin unabhängig genug, diesen alpinistischen Meilenstein einer geneigten Leserschaft an diesem 1. April 2009 zu präsentieren: Lang lebe das Blubbern des Unterwasser-Höhenbergsteigens! Lang lebe die Unabhängigkeit im freien Alpinismus! Es muß nicht immer so sein, wie es alle anderen machen. Ich bin so frei und mache es auf meine Art – bin unabhängig von gängigen Meinungen. Nur unabhängig müssen auch meine Ziele sein und die höchsten innerhalb ihrer Unabhängigkeit – mindestens so wie weiland Ferdinandea.


Tourengänger: Wolfgang Schaub

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