Brandetobel: in anderem Licht


Published by konschtanz , 2 December 2025, 21h06.

Region: World » Switzerland » Thurgau
Date of the hike:30 November 2025
Waypoints:
Geo-Tags: CH-TG 

Der Bericht stammt von zwei Besuchen im Tobel am 29. und 30. November.

Manchmal muss man zum richtigen Moment am richtigen Ort sein. Licht ist im Tobel etwas Besonderes. Zur warmen Jahreszeit schirmt das Laubdach den Boden der Schlucht von der Sonne ab, da und dort leuchtet vielleicht ein Farnblatt oder ein bemooster Ausschnitt eines Baumstamms auf, aber meist ist es dunkel. Nicht richtig dunkel, ein gefiltertes Grün verbreitet sich überall, was auf Fotos leicht zu sehen ist. Mitunter trifft ein Strahl zu gegebener Stunde auf den Bachlauf, und dann kann es sein, dass das Wasser in ein milchiges Licht getaucht wird, wenn genügend Trübstoffe darin verteilt wird. Ein eindrückliches Erlebnis hatte ich jetzt im Brandetobel. Der Schnee vom vorigen Wochenende war noch immer nicht ganz getaut, von den Bäumen tropfte es noch, und auf den querliegenden Stämmen lag noch ein Hauch von Schnee. Die Luft war gesättigt vom Wasserdampf, und da der Brandetobel zuerst nach Süden geht, schien mir zur Mittagszeit die schräge Sonne der kalten Jahreszeit entgegen. Der Tobel leuchtete wie eine Kerze. Ein wunderschönes, sehr mildes Licht.



Tobel in anderem Licht

 

Wenn der Schnee schmilzt

und die Tropfen fallen,

wenn der Nebel dampfend

aus dem Boden steigt,

dann genügt

ein Sonnenstrahl,

und die Schlucht

füllt sich mit Licht.

Die dunklen Wände

und die schwarzen Stämme

stellen sich schützend

um die Helligkeit.

Ein Leuchten

geht durch das Tal.

 

Ein Erdrutsch legt den Bruch frei

Ich erreichte dann den grossen Erdrutsch zur linken, also in der Ostböschung. Als ich aufstieg, streckte mir ein kahler, glatter Baumstamm ein ganzes Set von Lauschern entgegen. Der Ohrlappenpilz könnte es gewesen sein. Vielleicht das Judasohr. Dann wäre er sogar essbar. Oberhalb des Baumstamms war die helle Fläche, die ich zuvor schon von der anderen Tobelseite weiss durchs Geäst schimmern sah. Es war heller Mergel. Das herrschende Tauwetter begünstigt den Aufstieg in den feuchten, matschigen Auflagen über dem rutschigen Mergel nicht. Seggenhorste und tiefwurzelnde Huflattiche finden hier noch Halt, aber wir tapsigen Menschen…

Schliesslich stand ich vor der Abrisskante. Nagelfluh, mit Sandsteinbänken. Zu meiner Überraschung sah ich auch hier wie auf der gegenüber liegenden Böschung eine Schräge in der Schichtung, und mehr noch, die Stelle, wo es wieder waagrecht wurde. Das also ist der Bruch, der hier offenkundig verläuft. In der geologischen Karte ist er noch nicht eingezeichnet.

 

Felssturz am Wasserfall

Als ich am nächsten Tag wieder zum Brandetobel komme, herrscht Hochnebel oder es ist bewölkt. Ich gehe ein Stück tiefer ins Tobel und erreiche einen Wasserfall, der laut map.geo.admin.ch rund 6 m hoch ist, das sind die Daten, die die online-Vermessung liefert.

Links vom Wasserfall ist eine frische Anrissfläche, da scheint eine ganze Scheibe Felswand nach vorne gekippt zu sein. Die Trümmer liegen verstreut davor. Der Felssturz scheint von diesem Jahr. Es liegt zwar braunes Laub auf den Trümmern, aber es wächst kein Farn, keine Segge, kein Moos, keine Flechte, kein Storchschnabel oder sonst etwas auf den frischen Flächen.

 

Freilichtexperiment

Das ganze kann man auch als Freilichtexperiment betrachten. Die Felswand stand auf Mergel, das Wasser spült den Mergel nach und nach weg, wie man am Gewölbe rechts sieht, so dass zuerst vielleicht ein Zentimeter der Felswand frei stand, irgendwann war es mal ein Dezimeter, und jetzt vielleicht ein halber Meter. Da die Wand einen recht einheitlichen Querschnitt hat, bleibt die Fläche, an der die Wand hängt, die gleiche, egal, ob eine zentimeterdicke oder eine meterdicke Scheibe Nagelfluh in der Luft hängt. Irgendwann wird die Masse so gross, dass die Klebkraft des Kitts, der die Masse zusammenhält, der Gewichtskraft des schwebenden Wandanteils entspricht. Wenn dann noch Wasser dazu kommt, vielleicht nach anhaltendem Regen, füllen sich die Poren der wasserleitenden Nagelfluh, das Gewicht wird noch schwerer, und mit einem Rums fällt die ganze Wand nach vorne. So könnte ich mir den Ablauf vorstellen.

Ich will mal mit dem Zollstock vorbeigehen und die Dicke der Schicht, die Breite, die Höhe und andere Maße ermitteln, dann kann ich das Volumen der abgebrochenen Wand ausrechnen. Die Dichte kann ich durch Wiegen von Probestücken und ihr Eintauchen in Messbecher ermitteln, dann ergibt das die Masse der abgestürzten Wand und somit auch die Gewichtskraft. Wenn ich dann noch die Abrissfläche ausmesse, kann ich Kraft durch Fläche teilen und bekomme die Scherkraft, bei der dieser Nagelfluhfels reißt. Ein Naturlabor.


Hike partners: konschtanz


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22 Nov 25
Brandetobel · konschtanz

Comments (1)


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Schubi says:
Sent 3 December 2025, 08h28
Mal wieder ein sehr schöner, informativer, spannender Tourenbericht. Bachtobel bieten schon eine erstaunliche Vielfalt, nicht nur an Materiellem, sondern auch auf der Zeitschiene.


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